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80 Prozent Flüchtlinge – Eine Hauptschule entwickelt sich zur Erstaufnahmestelle

RECKLINGHAUSEN. Eine kleine Schule im Ruhrpott ist Anlaufstelle für Hunderte Flüchtlingskinder. Fast 300 von ihnen lernen hier Deutsch. Doch es gibt auch noch eine reguläre Hauptschulklasse.

Man müsste eigentlich eine neue Bezeichnung finden, um diese Hauptschule treffend zu umschreiben. «Die wohl größte „Erstaufnahmeeinrichtung“ für Flüchtlingskinder im Ruhrgebiet» käme wohl am Nächsten. In Recklinghausen besuchen 364 Kinder die Paulus-Canisius-Schule. 290 davon sind Zuwanderer oder Flüchtlinge. Die Multi-Kulti-Schule am nördlichen Rand von Deutschlands größtem Ballungsgebiet sei in dieser Konstellation «unüblich» unter den Schulen im Land, heißt es vorsichtig aus dem NRW-Schulministerium.

Selbst gebastelte Papp-Fahnen von mehr als 30 Nationen hängen an senfgelb getünchten Wänden. Polen, Irak, Kuba, Rumänien. Lediglich in einer Klasse findet noch regulärer Hauptschulunterricht statt – die Schulform ist auch hier Auslaufmodell. Stattdessen füllen Hunderte Flüchtlingskinder aus bis zu 20 Kilometern Entfernung die Klassen. «Jeder fängt von vorne an und lernt die deutsche Sprache in Wort und Schrift», sagt Schulleiterin Elisabeth Otto. Die intensiven Sprachkurse in den Vorbereitungsklassen sollen sie fit machen, wenn sie später den regulären Unterricht besuchen.

40 000 Flüchtlingskinder sind bei insgesamt 2,6 Millionen Schülern ein verschwindend kleiner Teil in NRW. Doch wie anderswo in  Deutschland ruft die steigende Zahl an Flüchtlingen alarmierte Eltern auf den Plan, wie Otto schildert.

Die Befürchtungen mancher Väter und Mütter gipfeln in der Frage: Schreiben die eigenen Kinder schlechtere Noten, wenn sie bald in gemischten Klassen mit Flüchtlingen unterrichtet werden? Auch Lehrer in Gymnasien teilen solche Ängste. Vor kurzem erst forderte der Bundesvorsitzende der Lehrergewerkschaft Deutscher Philologenverband eine Maximalquote für Flüchtlingskinder in den Klassen.

Verordnung soll Sicherheit von Kindern erhöhen; Foto: Günter Havlena / pixelio.de

Neue Schüler: Plötzlich haben die leeren Gebäude der Hauptschulen wieder einen Zweck. Foto: Günter Havlena / pixelio.de

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (SPD) hält dagegen: Trotz jahrelang steigender Migrantenquote hätten sich die Leistungen der Schüler nicht verschlechtert – ganz im Gegenteil. Die Bundesländer gehen davon aus, dass 325 000 Kinder von Asylbewerbern im schulpflichtigen Alter in Deutschland leben. 20 000 Lehrer werden zusätzlich benötigt. Die NRW-Landesregierung hat in diesem Jahr zusätzliche 3600 Lehrerstellen geschaffen. Zu wenig, kritisierte der Lehrerverband VBE.

Die Schulbildung von Flüchtlingskindern ist kostspielig. Für das laufende und das vergangene Jahr gehen die Kultusminister von 2,3 Milliarden Euro aus. Für finanzielle Hilfe aus Berlin müsste das Kooperationsverbot aufgehoben werden. Es legt fest, dass der Bund für die Länder im Schulbereich nicht einspringen darf.

In der Flüchtlingsschule des Ruhrgebiets sind andere Fragen wichtig. Die letzten verbliebenen Hauptschüler machen – abseits von Lehrerohren – ihrem Ärger Luft: Die «Vorbereitungsklassen» dürften ihre Handys in die Schule mitnehmen, sie aber nicht. Eine Etage tiefer treiben Kinder von Flüchtlingen wieder andere Sorgen um. In der vergangenen Woche wurden zwei albanische Familien abgeschoben. Plötzlich blieben in der neuen Woche mehrere Stühle leer. Und jeder wusste warum, berichtet eine Lehrerin. «Klar wird unter Mitschülern getuschelt: „Die sind abgeholt worden“.»

Dutzende Schüler sind erst in diesem Herbst in das deutsche Schulleben gestartet. In einer Klasse kritzeln Kinder eine Herbstgeschichte in ihre Hefte – die Anfänger im Präsens, die Fortgeschrittenen im Präteritum. Im Technikraum schrauben zwei Syrerinnen und eine Serbin ein Modellauto aus Legosteinen auseinander. Ihnen gefällt es hier. «Gut, gut», flüstern die drei Mädchen. Die Worte auf Deutsch fallen noch spärlich und schüchtern aus.

Viele Schüler seien nach einem Jahr jedoch so weit, um den regulären Unterricht in anderen Schulen besuchen zu können, erklärt Otto. Besonders Fleißige schaffen das in drei Monaten. «Es gibt Schüler, die in ihren Heimatländern auf dem Schulweg beschossen wurden. Die wollen keine Ferien. Die wollen in die Schule gehen», sagt sie. David Fischer/dpa

Paulusschule Recklinghausen

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