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Nach dem Terror von Brüssel: Wie lassen sich Jugendliche vor Extremismus schützen?

FRANKFURT AM MAIN. Die Anschläge von Brüssel – verübt offenbar von in Europa aufgewachsenen jungen Männern aus Einwandererfamilien – rücken das Problem einmal mehr in den Fokus: Wie kann es gelingen, Jugendliche frühzeitig vor einer Radikalisierung zu bewahren? An wen können sich Eltern, Lehrer oder Peers wenden, wenn der Verdacht besteht, dass das eigene Kind, ein Schüler oder Freund in die Salafisten-Szene abrutscht? Die Beratungsstelle Hessen von „Violence Prevention Networks“ bietet Hilfe im Umgang mit religiös begründetem Extremismus an. Cornelia Lotthammer ist die Pressesprecherin von Violence Prevention Networks – sie erklärt, wie die Beratungsstelle und seine neun Beschäftigten arbeiten.

Die heilige Schrift des Islam, der Koran, wird von Salafisten zur Anwerbung junger Menschen verteilt; Foto: Suzanne Chapman / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die heilige Schrift des Islam, der Koran, wird von Salafisten zur Anwerbung junger Menschen verteilt; Foto: Suzanne Chapman / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Damit Kinder und Jugendliche möglichst gut gegen die Anwerbungsversuche extremistischer Hassprediger geschützt sind, bietet die Beratungsstelle unter anderem Workshops für 9. Und 10. Schulklassen an. Darin geht es um die interkulturelle Auseinandersetzung mit der eigenen und mit anderen Religionen. „In den interreligiösen Workshops werden zum Beispiel die drei großen monotheistischen Weltreligionen besprochen. Hier geht es darum, zu zeigen, dass es dabei mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Damit entzieht man von vornherein falschen Behauptungen den Nährboden“, erklärt Cornelia Lotthammer.

In den sogenannten „Nahost-Workshops“ wird die Entstehung des Nahost-Konflikts thematisiert und die geschichtlichen Hintergründe erklärt. „Häufig findet eine Radikalisierung darüber statt, dass etwa jungen Muslimen vermittelt wird, sie würden unterdrückt. Das hat viel mit dem Nahost-Konflikt zu tun. Es wird besprochen, dass man diesen Konflikt nicht mit Gewalt lösen kann“, so die Expertin. Die Trainer setzen dabei auf Authentizität – sie sind bei den Workshops immer zu zweit, einer ist immer muslimischen Glaubens, der jeweils andere gehört dem christlichen oder jüdischen Glauben an. „Wir haben sogar ein Team bestehend aus einem Palästinenser und einem Israeli. Da sind die Schüler immer besonders überrascht und auch beeindruckt, dass das funktioniert. Ziel der Workshops ist es, Denkprozesse anzustoßen und zu verstehen, dass keine Religion „überlegen“ ist“, so Lotthammer.

Workshops für Lehrkräfte

Die Beratungsstelle Hessen ist Bestandteil des hessischen Präventionsnetzwerks gegen Salafismus und wird durch das Hessische Ministerium des Innern und für Sport finanziert. Sie bietet auch Workshops für Multiplikatoren wie Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Lehrer oder aber auch die Polizei an. Diese werden im Umgang mit Jugendlichen, die sich bereits auf dem Weg zu einer Radikalisierung befinden, geschult. In den Workshops wird vermittelt, wie man in kritischen Situationen deeskalierend reagieren kann“, erklärt Cornelia Lotthammer. Die Teilnehmer erfahren in den Fortbildungen Grundlegendes zum Thema Islam, bauen dabei aber auch eigene Vorurteile ab.

An die Beratungsstelle wenden sich auch besorgte Eltern, die vermuten, dass ihr Kind auf dem Weg ist, sich etwa dem extremistischen Salafismus anzuschließen. Das können nicht nur Jugendliche aus muslimischen Elternhäusern sein. Oftmals ist es ein Auflehnen gegen die Eltern, eine Rebellion, um die eigene Identität zu finden. Hier wird dann versucht, mit dem Betreffenden wieder in Kontakt zu kommen und herauszufinden, wie es dazu kommen konnte.

„Meist ist die Zuwendung zu Extremen auch eine Art Flucht. Weil unsere komplexe Welt in einer gewissen Weise nicht mehr ertragen werden kann. Extremistische Sichtweisen bieten hier dann vermeintlich einfache Lösungen“, weiß die Expertin. Man müsse in Gesprächen versuchen, die Lücken zu füllen, die vorher Hassprediger gefüllt hätten. Ziel ist es, die Betreffenden zum Nachdenken anzuregen. Dazu werden immer wieder Fragen gestellt und konkret nachgehakt. „Es geht darum, willkürliche Behauptungen zu entkräften. Das kann sehr kleinteilig werden, indem man zum Beispiel sagt: „Wo steht das genau? Zeig mir doch mal die Stelle im Koran.“ Dadurch wird dann die Verunsicherung immer größer“, erklärt Lotthammer. Parallel dazu wird versucht, positive soziale Kontakte wieder herzustellen und zu stärken, aber auch die Eltern zu unterstützen: Welche Angebote können sie dem Kind machen, die vorher vielleicht fehlten?

Auf dem Tiefpunkt

Auch die Arbeit in Jugendgefängnissen hat sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesen, um gefährdete oder bereits in die Kriminalität abgerutschte Jugendliche zu erreichen. „Viele junge Menschen sind zu dieser Zeit an einem absoluten Tiefpunkt. Sie merken selbst, dass es keine besonders gute Ausgangsposition ist, wenn man mit 17 schon im Gefängnis sitzt. Sie sind dann besonders empfänglich für Angebote – auch für unsere“, weiß Lotthammer. Wichtig sei dabei die eigene Motivation der Jugendlichen, wirklich etwas ändern zu wollen – denn Hafterleichterung gibt es durch die Teilnahme an einem Training nicht.

Lotthammer: „In den Kursen geht es viel um politische Bildung im Allgemeinen, um Demokratieverständnis, Menschenrechte und Menschenwürde, Toleranz gegenüber anderen, aber natürlich auch um den Koran und dessen Auslegung. Außerdem ist es wichtig, das Aggressivitäts- und Gewaltpotenzial zu verringern, was bei manchen schon recht ausgeprägt ist.“ Besonders erfolgreich ist der Verlauf, wenn der Betreffende kurz vor der Entlassung aus der Haft steht. Danach wird die Betreuung dann noch bis zu einem Jahr fortgesetzt.

Eine besondere Herausforderung für die Beratungsstelle ist der Umgang mit Personen, die radikalisiert aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehren. „Diese Personen kommen häufig entweder sofort in Untersuchungshaft oder sie werden von den Sicherheitsbehörden beobachtet, weil von ihnen eine nicht zu unterschätzende Gefahr ausgeht. Aus diesem Grund arbeiten wir in solch einem Fall auch eng mit den Behörden zusammen“, erklärt Cornelia Lotthammer. Problematisch sei hier, dass im Gegensatz zu christlichen Seelsorgern weder die Berater noch Imame ein Zeugnisverweigerungsrecht haben. „Wenn die Berater während ihrer Gespräche von begangenen Straftaten erfahren, dann sind sie theoretisch verpflichtet, vor Gericht auszusagen. Damit müssten sie aber gegen die eigenen Klienten aussagen, was das Vertrauen zerstört. Das Vertrauen zu dem Berater ist aber das Wichtigste in dieser Situation“, betont Lotthammer. Ziel der Ausstiegshilfe sei es, die Betreffenden wieder in die Gesellschaft zu integrieren und einen Schulabschluss oder eine Ausbildung zu ermöglichen. Quelle: www.PolizeiDeinPartner.de

 

Kontakt zur Beratungsstelle Hessen

Leipziger Straße 67
60487 Frankfurt am Main
Tel.: 069 27 29 99 97
Fax: 069 269 18 729
Hotline für Angehörige: 069 269 18 597
Mail: hessen@violence-prevention-network.de
www.beratungsstelle-hessen.de

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