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Die Chemie-Olympiade wirft ein Licht auf unsere besonders begabten Schüler – vernachlässigen wir die?

ERFURT. Ein junger Thüringer vertritt Deutschland bei der internationalen Chemie-Olympiade. Der 18-Jährige lernte in einer Spezialklasse für Begabte. Lange wusste er nichts von seinem besonderen Talent. Der Fall wird zum Anlass für eine neue Debatte: Vernachlässigen wir unsere begabten Schüler?

Training im Vorbereitungslabor in Kiel für die 42. Internationale Chemie Olympiade in Tokio. Foto: Leibniz Institut für die Pädagik der Naturwissenschaften und der Mathematik.

Training im Vorbereitungslabor in Kiel für die 42. Internationale Chemie Olympiade in Tokio 2010. Foto: Leibniz Institut für die Pädagik der Naturwissenschaften und der Mathematik.

Statt Sonne und Ferien treiben Paul Rathke Moleküle, komplizierte Formeln und chemische Reaktionen um. Der 18-Jährige schleppt schwere Bücher zu seinem Schreibtisch, obwohl er sein Abitur seit kurzem in der Tasche hat. «Jeden Tag zwei Aufgaben», sagt er. Paul Rathke gehört zu den bundesweit vier besten Schülern, die Deutschland bei der internationalen Chemie-Olympiade in Georgien vertreten. Ab dem kommenden Wochenende muss er über knifflige Fragen brüten. Aufregung? Nö.

Der 18-Jährige ist einer von vielen Überfliegern, die lange nichts von ihrem Talent wussten – und es nur dank Spezialklassen an Schulen entdeckt haben. «Meine Mathe-Lehrerin hat mir eine Spezialisierung empfohlen», erzählt Rathke, der auf ein Gymnasium in Gotha ging. Im Chemie-Unterricht habe er sich nie gefordert gefühlt. Deshalb sei er als Schüler nie auf die Idee gekommen, dass ihm das Fach besonders liegen könnte.

Er wechselte schließlich auf ein Gymnasium in Erfurt, das Spezialklassen in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik anbietet. «Die Spezialschule war die beste Entscheidung», sagt er.

In Thüringen gibt es laut Bildungsministerium elf Spezialgymnasien und Schulen mit speziellen Klassen für Naturwissenschaften, Sport, Sprachen und Musik. Damit der Besuch eines Spezialgymnasiums nicht am langen Schulweg scheitert, sind sie an Internate angegliedert. An den Schulen können Schüler auf einem Gebiet besonders tief eintauchen. Im Schulgesetz heißt es: Ihnen werde «Raum zur Entfaltung von Begabungen» gegeben. Rund 3300 Schüler erhielten im vergangenen Schuljahr eine solche Förderung, die meisten (jeweils mehr als 1000) in Sprachen und Sport. Fast 187.200 Schüler gab es im Land insgesamt.

Rathke gehörte zu den 477 Thüringer Schülern, die sich in Naturwissenschaften besonders gut auskennen. Wie viele Schüler im Freistaat begabt sind, darüber gibt es allerdings keine Statistik. In Deutschland gelten etwa zwei Prozent der Bevölkerung als hochbegabt. Ihr Intelligenzquotient (IQ) liegt zwischen 130 und 150 Punkten, der Durchschnittswert beträgt 100. Rathke schloss sein Abitur mit einer Durchschnittsnote von 1,1 ab.

Erst im Februar erklärten die Kultusminister aus 13 Bundesländern in einem Positionspapier, dass sie die Förderung leistungsstarker oder besonders leistungsfähiger Kinder und Jugendlicher verbessern wollen. Thüringen gehörte zu den Unterzeichnern. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, war an deutschen Schulen die Unterstützung von Begabten lange Zeit «aus den Augen verloren» worden – aus einem falschen Verständnis heraus, was Bildungsgerechtigkeit bedeute, erklärt er. «Man hatte Angst, dass die Leistungsschere zu weit auseinandergeht.» Beides sei wichtig: die Förderung leistungsschwacher und begabter Schüler.

Überflieger wie Rathke werden auch von der Wirtschaft unterstützt, damit sie später auf Fachkräfte zurückgreifen können. Der Verband der Chemischen Industrie etwa hat nach eigenen Angaben einen Fonds aufgelegt, mit dessen Gelder zum Beispiel der Begabtenwettbewerb «Jugend forscht» gefördert wird. Den Chemie-Preis bei «Jugend forscht haben in diesem Jahr der 18-Jährige aus Waltershausen mit zwei Klassenkameraden seiner Schule gewonnen. Der Chemie-Verband sieht für seine Branche das Förderangebot «für Talente in unserem Land insgesamt gut aufgestellt».

Meidinger warnt aber davor, die Überflieger ausschließlich in eigens für sie eingerichtete Klassen zu stecken. «Sie können auch Leistungslokomotive für andere sein.» Außerdem drohten Defizite bei der emotionalen und sozialen Entwicklung, sollten sie nur unter sich bleiben. Rathke ist keinesfalls ein Stubenhocker, der den gesamten Tag über in Fachliteratur blättert. Auch in der Feuerwehr ist er aktiv und rückt mit aus, wenn andere Menschen Hilfe brauchen.

Laut dem Thüringer Bildungsministerium haben es «Thüringer Talente» oft bis in die Finalrunden internationaler Wettbewerbe geschafft. Neben Rathke vertritt nun eine weitere Thüringerin Deutschland bei einem Wettbewerb: Lucia Winkler reist in diesen Tagen nach Vietnam zur internationalen Biologie-Olympiade. Der Chemie-Überflieger aus Waltershausen verlässt allerdings bald Deutschland: Er wird in England Chemie studieren. Von Christian Thiele, dpa

Hier gibt es weitere Informationen zur Internationalen Chemie-Olympiade.

2 Kommentare

  1. Die Frage in der Überschrift kann ich leider nur mit ja beantworten, was aber weniger an den Lehrern als an der Bildungspolitik und ihrem Prinzip „Bloß keinen Zurücklassen“ liegt. Bei zu starker (oder überhaupt) Konzentration auf die wirklich begabten Schüler würden eine ganze Reihe junger Menschen zurückgelassen werden. Dass letztere eigentlich an einem Gymnasium oder gar in der gymnasialen Oberstufe zu suchen haben, spielt dabei keine Rolle.

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