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Debatte um Inklusion: Philologen möchten keine lernschwachen Schüler am Gymnasium – und haben sie nicht tatsächlich Recht damit?

GOSLAR. Überforderte Schüler, zu wenig ausgebildete Förderlehrer, fehlende Infrastruktur an den Gymnasien: Der Philologenverband fürchtet, dass die Inklusion «vor die Wand fährt». Daneben steht eine Grundsatzfrage im Raum: Macht es überhaupt Sinn, lernschwache Schüler auf eine Schulform zu bringen, die zum Abitur führen soll? Zweifel daran sind in der Tat berechtigt.

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Der Philologenverband Niedersachsen steht der Inklusion an Gymnasien skeptisch gegenüber. Gegenwärtig gebe es weder ausreichend qualifiziertes Personal noch die nötige Infrastruktur, um Förderschüler an Gymnasien bestmöglich zu unterrichten, sagte der Landesvorsitzende Horst Audritz der Deutschen Presse-Agentur. Es sei zu befürchten, dass die Inklusion, wie sie von der rot-grünen Landesregierung gegenwärtig betrieben werde, «vor die Wand fährt», sagte Audritz vor dem Philologentag 2016, der am Mittwoch in Goslar beginnt.

Sein Verband halte es für problematisch, dass die Förderschulen für geistige Entwicklung aufgelöst werden und Eltern jetzt auch Kinder am Gymnasium anmelden dürfen, die aufgrund fehlender Voraussetzungen das Abitur gar nicht erreichen können. «Es muss möglich sein, die Schülerinnen und Schüler zum angestrebten Abschlussziel zu führen, bei uns also zum Abitur.»

Der Philologenverband sei nicht grundsätzlich gegen Inklusion, sondern befürworte, dass alle Kinder, die in der Lage seien, das das Abitur zu erwerben, auch ans Gymnasium kommen können, sagte Audritz. «Das Problem sind aber die Schüler, die nur da sitzen und speziell betreut werden müssen, im Unterricht aber gar nicht mitmachen können.» An das Wohl dieser Kinder werde bei der Inklusion nicht gedacht, sagte der Philologen-Chef. «Dabei sollte das Wohl der Kinder im Mittelpunkt stehen.» Audritz sprach sich dafür aus, Schülern, «die dort besser gefördert werden können, die Förderschulen zu erhalten».

Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium? Der „Fall Henri“ spaltet Deutschland

Die rund 350 Delegierten des Philologentages werden sich außer mit dem Thema Inklusion auch mit dem «Abbau überflüssiger bürokratischer und außerunterrichtlicher Belastungen» und der «Angleichung der Lehrerarbeitszeit an die gesetzlich festgelegte Arbeitszeit der niedersächsischen Beamten» befassen. Diese beträgt 40 Stunden pro Woche. Der Philologenverband geht davon aus, dass Gymnasiallehrer auch unter Einbeziehung der Ferienzeiten auf durchschnittlich mindestens 43 Wochenstunden kommen.

In diesem Zusammenhang warf Audritz Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt eine «Verletzung der Fürsorgepflicht» vor. Die SPD-Politikerin kümmere sich nicht um die dringend erforderliche Reduzierung der überlangen Arbeitszeit der Gymnasiallehrer und die Abschaffung überflüssiger Aufgaben.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) habe beim Philologentag 2015 versprochen, die Lehrkräfte von derartigen Aufgaben zu entlasten, sagte Audritz. «Doch passiert ist fast nichts.» Stattdessen kämen zu den zeitraubenden Verwaltungsaufgaben im Rahmen der «eigenverantwortlichen Schule», der Schulinspektion, der ständigen Entwicklung von Schul-Konzepten und -Programmen immer weitere «unterrichtsfremde Aufgaben» hinzu. Audritz nannte als Beispiele die Beratung von Eltern und die Berufsorientierung.

Weil Lehrer zunehmend mit derartigen Aufgaben belastet seien, fehle es am Ende an Kapazität für das eigentlich Wichtige in der Schule, nämlich den Unterricht. Es sei kein Wunder, dass die Unterrichtsversorgung immer schlechter werde. Audritz forderte, Bürokratie abzubauen «und die Lehrkräfte unterrichten lassen».

Dem Philologenverband gehören rund 8000 Lehrkräfte an, die vorwiegend an den etwa 260 staatlichen und privaten Gymnasien in Niedersachsen unterrichten. Agentur für Bildungsjournalismus / mit Material der dpa

16 Kommentare

  1. Mir ist auch völlig schleierhaft, warum lernschwache Kinder aufs Gymnasium gebracht werden können.
    Allerdings wirft das wieder die grundsätzliche Frage nach der Sinnhaftigkeit der Inklusion auf, denn außer dem Abitur liegen auch andere Regelschulabschlüsse oft in unerreichbarer Ferne.
    Mir leuchten noch nicht einmal die moralischen Begründungen der Inklusion ein, weil mir unvorstellbar ist, dass sich lernbehinderte Kinder auf Regelschulen nicht ständig als Außenseiter fühlen müssen. Gerade hier kriegen sie doch Tag für Tag mit, was sie alles im Gegensatz zu den Mitschülern nicht können.
    „Dabeisein ist alles“, kommt mir hier fantasielos und grausam vor, auch wenn mir noch so oft erzählt wird, die Inklusion sei in jedem Fall ein Akt von gebotener Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit.
    Mein Einfühlungsvermögen sagt mir etwas anderes und sträubt sich dagegen, dass es mit Macht umerzogen werden soll.

    • Guter Kommentar, wobei auch diverse andere lernschwache Kinder das Gymnasium besuchen (und das Abitur schaffen), die vor 20 Jahren an einer Realschule kognitiv gut ausgelastet wären.

  2. Lernschwache Kinder sind ja auch noch einmal etwas anderes als Kinder mit Down-Syndrom wie auf dem Foto gezeigt. Behält das Gymnasium Kinder mit Behinderungen ohne sitzenbleiben, müsste es doch auch die behalten, die die Klasse nicht schaffen und wiederholen müssten. Wo liegt die Grenze? Man darf auch nicht die soziale Komponente vergessen und davon ausgehen, dass sehr lernschwache Kinder dort automatisch akzeptiert werden und Freunde finden. Im Grundschulalter machen die Kinder meiner Meinung nach da noch weniger Unterschiede, aber wenn die Pubertät kommt, in der vermehrt Wert auf Cool-sein und Äußerlichkeiten gelegt wird, dürfte es schwieriger werden.

  3. Gemeinschaftsschulen (zumindest in BaWü) sind viel besser auf die Heterogenität von Kindern ausgerichtet und vorbereitet. Eine gymnasiale Einrichtung ist immer noch eine gymnasiale Einrichtung. Was soll ein Kind, das Probleme mit Lesen und Schreiben hat beispielsweise mit Zitaten von Bismarck anfangen? Wem ist damit gedient?

    • ein kind ohne lrs mit problemen in lesen und schreiben hat nichts am gymnasium verloren.

      die Qualität der Gemeinschaftsschilen in BaWü ist noch garnicht belegt. kritik gibt es im Gegensatz zu ausreichend viele Gymnasiasten eine menge.

      • Die Gemeinschaftsschulen sind jetzt im 5. Jahr. Lassen wir ihnen doch noch ein bisschen Zeit. Für manche Kinder sind sie richtig, für andere nicht. Jeder kann ja die Schulform frei wählen.

  4. Aufgewachsen in einem System, das durch die verschiedenen Schularten erst recht die Illusion vermittelt, es ließen sich (zudem frühzeitig) „homogene Lerngruppen“ schaffen, scheint es lediglich die Frage zu geben, ob „lernschwache Schülerinnen und Schüler“ ans Gymnasium passen – und nicht die andere Perspektive: Mir fehlt – im Artikel wie in den Kommentaren – die Frage, ob die Schulart Gymnasium (in der in Deutschland vorherrschenden Form) überhaupt die geeignete sein kann für ein Schulsystem, dass sich am Leitbild der Inklusion orientieren will. Wir brauchen (endlich!) ein Schulsystem, dass alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam bildet, solange sie gemeinsam zur Schule gehen. Dass dies möglich ist, zeigen andere Länder ebenso wie einige Leuchtturmprojekte in Deutschland. Vielleicht hört dann die Unterteilung in – vermeintliche! – Haupt-, Real-, Förder-, Gymnasialschüler (… und wie sie alle heißen) auch in den Köpfen endlich auf.

    • Kein Mensch hegt die Illusion, es gäbe homogene Lerngruppen. Es gibt nur mehr oder weniger heterogene, wobei sich die weniger heterogenen für alle Beteiligten, also auch die Schüler, als am hilf- und erfolgreichsten erwiesen haben.
      Aus meiner Sicht und Erkenntnis sollte in ganz anderen Köpfen als denen, die Sie meinen, endlich etwas aufhören.

    • Und was kommt nach der Schulzeit?

    • Niemand hat etwas gegen Schulen, die „alle Kinder gemeinsam bilden“, es gibt sie ja, und wer will, meldet seine Kinder dort an. Aber derzeit arbeiten Parteien auf ein Schulsystem hin, das alle anderen Schulen allmählich kaputtmachen und abschaffen will, und das ist empörend. Wahlfreiheit für die Eltern und Schüler zwischen verschiedenen Schulformen muss erhalten bleiben, das ist eine freiheitliche Selbstverständlichkeit, und darum gilt es sich zu wehren gegen den „Nanny-Staat“, der alleine zu wissen wähnt, was gut ist für die Kinder.

    • Welche tollen Vorbildländer meinen Sie denn?
      Wenn Sie mir welche nennen würden, müsste ich Ihnen aber leider die Illusionen rauben.

  5. Der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung hat die weiterführenden Schulen vor neue Probleme gestellt, die hoffentlich nicht damit enden, dass die einzelnen Schulformen ihr Niveau senken. Wie Pälzer sagt: Es wäre gut, wenn die Wahlfreiheit zwischen den einzelnen Schulformen erhalten bliebe und dass jede ihren eigenen Charakter behalten würde.

    • An den Gymnasien wurde das Niveau bereits gesenkt. Sie müssen nur mal den letzten Oberstufen-Lehrplan für G9 (der auch für die G8-jahrgänge bis 2015/16 galt) mit dem neuen für G8 vergleichen, ersatzweise auch die Prüfungsaufgaben vor und nach Einführung des Zentralabiturs. Das Reifezeugnis steigert sich bei halbwegs intelligenten Schülern mehr und mehr zu einem Fäulezeugnis.

  6. Ergänzung: Mein letzter Satz geht nach dem „und“ auf meine Kappe.

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