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PISA: Deutschland stagniert auf gehobenem Niveau – Politik verspricht, „ihre Hausaufgaben“ zu machen. Für Lehrer klingt das wie eine Drohung

BERLIN. PISA-Schock? Von wegen. Anders als vor 15 Jahren löst der neue Vergleichstest der OECD in Deutschland kein Beben aus. Die Leistungen der 15-jährigen in der Bundesrepublik verharren im oberen Mittelfeld – teils aber mit Tendenz nach unten. Die Politik verspricht, ihre „Hausaufgaben“ zu machen. Für Lehrkräfte, die aktuell unter Reformprojekten wie dem G8/G9-Zickzack und der Inklusion sowie der Herausforderung durch die vielen Flüchtlingskinder leiden, dürfte das wie eine Drohung klingen.

Für PISA wurden weltweit 15-Jährige getestet. Foto: Francisco Osorio / flickr (CC BY 2.0)

Für PISA wurden weltweit 15-Jährige getestet. Foto: Francisco Osorio / flickr (CC BY 2.0)

Dämpfer für die Bildungsrepublik Deutschland: Nach zehnjährigem Aufstieg ins obere Mittelfeld haben die Schüler beim weltweiten Vergleichstest PISA teils schlechtere Noten kassiert. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) – Ausrichter der Studie für weltweit gut eine halbe Million 15-Jährige – warnte vor nachlassendem Reformschwung in Deutschland. Die Kultusministerkonferenz der 16 Bundesländer (KMK) und der Bund sicherten zu, für bessere Ergebnisse „ihre Hausaufgaben“ zu machen.

PISA ist ein Riesen-Erfolg für die deutschen Lehrkräfte – angesichts ihrer gewaltigen Herausforderungen. Für die Bildungspolitik weniger

Aus Lehrersicht klingt das wohl wie eine Drohung. Viele wären sicher froh, wenn die Politik sich darauf beschränken würde, für mehr Ressourcen zu sorgen – wie die Reaktion von Heinz-Peter Meidinger, dem Chef des Philologenverbands, erkennen ließ: „Ich habe das Gefühl, dass bei vielen Struktur- und Bildungsreformen die Schülermehrheit, der Durchschnittsschüler zunehmend aus dem Blick geraten ist. Das muss sich ändern, will Deutschland bei der Bildungsqualität noch mehr nach vorne kommen.“

Sei’s drum. «Es gibt eine Stabilisierung auf hohem Niveau, auf die man durchaus stolz sein kann», sagte fröhlich KMK-Präsidentin Claudia Bogedan (SPD) bei der PISA-Präsentation am Dienstag in Berlin. «Wir haben unseren Platz in der Rangliste gehalten, andere Länder haben sich verschlechtert.» Aber es müsse Ziel der deutschen Bildungspolitik sein, «weiter nach oben aufzuschließen» – und das sei zuletzt nur im Bereich Lesekompetenz knapp geglückt, nicht aber in Mathematik und im PISA-Schwerpunktfach Naturwissenschaften.

Ausschnitt aus dem aktuellen PISA-Ranking. Quelle: OECD

Ausschnitt aus dem aktuellen PISA-Ranking. Quelle: OECD

Keine gute Nachricht für den Wirtschaftsstandort Deutschland seien die weiterhin bestehenden Geschlechterunterschiede bei der Begeisterung für Naturwissenschaften, betonte Bogedan. Mädchen sind hier nach der PISA-Studie meist schwächer als Jungen und sehen in diesem Bereich auch keine beruflichen Perspektiven. «Wir müssen die Mädchen stark im Blick haben und sie auch unterstützen.» Am unteren Rand der Leistungsskala sei Deutschland insgesamt besser geworden, und zur Stärkung der digitalen Kompetenzen von Schülern gebe es intensive Gespräche mit dem Bund über ein Milliardenprogramm.

Nach den am Dienstag weltweit präsentierten Ergebnissen von «PISA 2015» kam Deutschland in Naturwissenschaften auf 509 Punkte (2012: 524), in Mathematik auf 506 (514). Bei Lesekompetenz/Textverständnis steigerten sich die 15-Jährigen auf 509 Punkte (508) – hier schnitten sie so gut ab wie nie zuvor seit der missglückten PISA-Premiere 2000. Erstmals wurde im April/Mai vorigen Jahres auch Problemlösen im Team als Indikator für soziale Kompetenz getestet – diese Ergebnisse stellt die OECD aber erst 2017 vor.

Durchweg über dem Durchschnitt

Trotz des Leistungsknicks beim sechsten «Programme for International Student Assessment» (PISA) steht Deutschland alles in allem solide im Vorderfeld der Ränge 10 bis 20 – und durchweg über dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Dieser sank in Naturwissenschaften im Vergleich zu 2012 von 501 auf 493 PISA-Punkte, in Mathematik von 494 auf 490 und in Lesekompetenz von 496 auf 493.

PISA-Sieger mit klarem Abstand ist Singapur. Der südostasiatische Insel- und Stadtstaat liegt in den Naturwissenschaften mit 556 Punkten vor Japan (538) und Estland (534) als bestem europäischen Land. In Mathematik rangiert Singapur mit 564 Punkten vor den chinesischen Großregionen Hongkong (548) und Macao (544), in Lesekompetenz mit 535 Punkten vor Kanada und Hongkong (jeweils 527) sowie dem langjährigen PISA-Europameister Finnland (526).

Der Berliner OECD-Experte Heino von Meyer fasste den Befund für das deutsche Bildungssystem nach der sechsten PISA-Studie in Berlin so zusammen: «Deutschland hat das Jammertal des PISA-Schocks von 2000 verlassen.» Es bewege sich nun «auf einer Art Hochplateau im oberen Mittelfeld der OECD-Länder, aber von einer weiteren Aufstiegsdynamik ist nichts zu spüren». Der «PISA-Schock» vor 15 Jahren mit miserablen Test-Ergebnissen hatte zahlreiche Bildungsreformen zur Folge.

Insgesamt gingen indes nicht nur für Deutschlands 15-Jährige, sondern auch bei vielen anderen, im PISA-Ranking teils besser platzierten Teilnehmerländern und -regionen die Punktzahlen herunter. Dies betraf beispielsweise die Schweiz (minus 17 Punkte bei Lesekompetenz), Österreich (minus 11 in Naturwissenschaften) oder die Niederlande (minus 11 in Mathematik). Frankreich erreichte sogar in keinem einzigen Teilbereich 500 Punkte. Und die USA stürzten zum Beispiel in Mathematik von vorher schon mäßigen 481 Punkten auf 470 ab.

Der aktuelle PISA-Report stellt fest, dass hierzulande der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen weiterhin vorhanden ist. Die Kluft habe sich aber immerhin seit dem Jahr 2000 «deutlich abgeschwächt», wie von Meyer sagte. Ein hohes Maß an Bildungsgerechtigkeit schaffen Kanada, Dänemark, Estland und chinesische Großregionen wie Hongkong.

In Deutschland erreichte jeder neunte 15-Jährige bei «PISA 2015» Spitzenleistungen – das lag drei Prozentpunkte über OECD-Level. Auf der anderen Seite gibt es weiterhin zu viele «Risikoschüler» mit sehr schwachen PISA-Leistungen. So erreichten in Lesekompetenz 16 Prozent nicht einmal die zweite von fünf Leistungsstufen. dpa

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8 Kommentare

  1. Singapur, Japan und Estland belegen nun Platz 1, 2 und 3.

    Was lernen wir daraus? Was übernehmen wir nun?

    Bei Estland kann man ja noch denken, die haben vermutlich Finnland erfolgreich kopiert. Aber Singapur und Japan??? Steht uns da eine Rolle rückwärts bevor? Doch wieder mehr „Drill“ – wie ich ihn für Singapur und Japan zumindest vermute…

    Oder positiver ausgedrückt: Üben, üben, üben?

  2. „Der aktuelle PISA-Report stellt fest, dass hierzulande der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen weiterhin vorhanden ist. Die Kluft habe sich aber immerhin seit dem Jahr 2000 «deutlich abgeschwächt», wie von Meyer sagte. Ein hohes Maß an Bildungsgerechtigkeit schaffen Kanada, Dänemark, Estland und chinesische Großregionen wie Hongkong.“

    Und woanders gehen mehr Kinder der Ober- und Mittelschicht in Privatschulen, die aber nicht getestet werden.

  3. Was mir auffällt: Finnland verliert weiter an Boden.

  4. … es wäre vor dem Hintergrund der aktuellen PISA-Studie dringend erforderlich, die Kompetenzdefizitskompensationskompetenz deutscher Schulen zu optimieren!

  5. Hier habe ich etwas zum Schulsystem in Singapur gefunden:

    AUSZUG:

    „… Alles in allem ein ideales oder nachahmenswertes Schulsystem? Meiner Meinung nach eher nicht. Neben dem Umstand, dass den Kindern Teile ihrer Kindheit genommen werden und bereits sehr kleine Kinder „Stress“ und volle Terminkalender haben, fällt negativ auf, dass es durch die ständige Durchmischung nur schwer zur Bildung von Klassengemeinschaft kommen kann.

    Auf der positiven Seite jedoch würde ich die Anerkennung von Leistung anführen. Niemand wird als Streber punziert. Begabte Schüler werden besser gefördert. Schlechtere Schüler oder solche mit mangelnden Sprachkenntnissen in Englisch (als Hauptsprache neben den gleichberechtigten Zweitsprachen oder „mother tongues“ Chinesisch, Malaysisch oder Indisch) halten nicht die anderen Kinder auf und erhalten andererseits speziellen Förderunterricht.

    Was das Beispiel aber sicherlich zeigt ist, dass man durch Nivellierung nach unten und Leistungsfeindlichkeit im zunehmend globalen Wettbewerb – zumindest in wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Berufen – wahrscheinlich nur schwer bestehen wird können. … “

    http://www.andreas-unterberger.at/2010/11/singapur-das-schulsystem-einer-nation-auf-der-ueberholspur/

  6. Auch sehr interessant, ein privater Bericht zum Schulsystem in Japan. Anscheinend ganz anders, als man glaubt:

    AUSZUG:

    „Pisa scheint mir Recht zu geben. Das Leistungsniveau der japanischen 15-jährigen ist international gesehen recht hoch. Nicht nur an der Spitze. Sondern insgesamt. Wenn jemand denken sollte, dass das nur durch größeren Drill oder gar frühzeitiger Separation und Extra-Förderung der Hochbegabten vom Durchschnittsvolk erreicht werden kann, dann sollte er mal in eine japanische Grundschulklasse gehen. Oder wenigstens ein japanisches Schulbuch für die Grundschule in die Hand nehmen. Oder eine Fabrik besichtigen.

    Ich bin mir sicher. Es ist genau umgekehrt. Man muss nur anders herum denken. Nicht von oben herab. Es geht hier primär nicht um die Frage, ob irgendwelche neue Systeme, Einrichtungen oder Gebäude – also Apparaturen- notwendig sind. Auch nicht darum, ob die Kinder länger oder kürzer die Schulbank drücken sollen, als ginge es um Maschinenlaufzeiten. Da sitzt nämlich der Denkfehler. Die notwendigen formalen Lösungen, wie die der optimalen Infrastruktur, kämen doch nach und nach alle von selbst – wenn man erst einmal nur in die Augenhöhe der Kinder gehen würde! Von unten her denken. Und dann die Synergien heben – von der Basis her. Das meiste ist doch schon da. Man muss es nur aktivieren. Und das nicht nur in der Schule. “

    http://www.adz-netzwerk.de/Japanische-und-deutsche-Schulen-ein-Erfahrungsgericht.php

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