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Kolumne: Oje, Frau Wehs Grundschulklasse hat eine gelangweilte Schülerpraktikantin vom Gymnasium

DÜSSELDORF. „Und wann gibt es mal richtigen Unterricht?“, fragt die Schülerpraktikantin mit nur mühsam unterdrückter Schwunglosigkeit.

Ich blicke von dem Stapel Mathehefte auf, den ich gerade durchsehe, und schaue mich in der Klasse um. Die Erstklässler ergießen sich über Stühle, Bänke und den Boden. Einige sitzen im Flur oder im Treppenhaus und schaffen ordentlich was weg. Wir sind bei Countdown 6 vor den Ferien angelangt und die Tatsache, dass ich zu meinen eigenen drölfzilliarden Schülern noch eine gelangweilte Sechzehnjährige auf’s Auge gedrückt bekommen habe, um die ich mich kümmern muss, erfüllt mich nicht unbedingt mit innerlichem Halleluja. Allerdings komme ich nicht umhin, dem benachbarten Gymnasium für die hervorragende Zeitplanung Respekt zu zollen. Was für eine geschickte Idee, die gesamte Stufe 11 in den letzten zwei Schuljahreswochen ins Praktikum zu schicken. Da läuft ja eh nix mehr, oder wie war die landläufige Meinung dazu?

Hier läuft allerdings noch eine ganze Menge. Allein, man sieht es nicht auf den ersten Blick. Die Erstklässler (zumindest die meisten) arbeiten nämlich selbstständig so vor sich hin. Mit unserem Stoff sind wir durch, jetzt wird nur noch vertieft und – ja, ich gebe es zu – weggearbeitet, was ich im Überschwang zu viel kopiert habe, derweil ich akribisch jedes Arbeitsheft noch einmal auf eventuelle Lücken durchgehe. Hier kommt nichts weg!

Aber Madämchen würde gerne richtigen Unterricht sehen. Dass ich es überhaupt zulasse, mich darüber zu ärgern, zeigt, dass auch ich ganz langsam ferienreif werde. (Schon seit Tagen läuft in meinem Kopf übrigens I’m Going Slightly Mad in Endlosschleife. Muss ich mehr dazu sagen?) Dabei ist das nicht nur unreif von mir, sondern auch ungerecht. Man überlege kurz einmal, wie man selber so war mit 16 … ähm, genau. Das war das Alter, in welchem man bei morgendlichen Schwindel nicht dachte Uh, ist mir schwindlig!, sondern Hui, alles dreht sich um mich! Das muss so, das soll so sein, Beschwerden bitte ans Kleinhirn, Abteilung Entwicklung, danke. Also jetzt Unterricht. Na gut.

Grundschuleingang - Baden-Württembergs Landesregierung zielt darauf ab, in einigen Jahren 70 Prozent der Grundschulen und Grundstufen der Förderschulen zu Ganztagsschulen umzuwandeln Foto: WikiTour 2005 (CC BY-SA 3.0)

Unterricht, vor allem in der Grundschule, ist nicht immer auf den ersten Blick als Unterricht erkennbar. Foto: WikiTour 2005 (CC BY-SA 3.0)

„So, ihr Lieben, alle mal in den Kreis kommen!“

Je nach Verfassung und Gemütszustand schlurfen oder stürzen sich die Erstklässler in die Raummitte, balgen sich kurz um die besten Plätze (direkt neben mir oder aber ganz weit weg) und harren erwartungsvoll der Dinge. Lediglich Anton fällt fröhlich hintenüber von der Bank, was niemand weiter kommentiert und mit einem Kühlpack schnell behoben wird. Ich frage in die Runde, wer sich womit beschäftigt hat und ob jemand seine Arbeit an der Tafel vorstellen möchte. Dilara, Filiz und Merve melden sich als erste und dürfen nach vorne. Kurz bilden sie ein aufgeregt flüsterndes Grüppchen, nicken dann und schauen erwartungsvoll zu uns herüber.

„Wir haben was mit ganz schwierigen Wörtern gemacht“, erzählt Merve, „und das machen wir jetzt auch mit euch.“
Filiz hüpft ein wenig auf der Stelle – es ist so aufregend an der Tafel! – und zeichnet dann hochkonzentriert sechs Striche.
„Galgenmännchen!“
jubeln die Erstklässler und freuen sich des Lebens.

Noch einmal so begeisterungsfähig sein wie mit sieben Jahren! Es wird gerätselt und geraten, ausprobiert und buchstabiert bis das korrekte Lösungswort endlich an der Tafel erscheint. (Es war übrigens Ananas. Ich wünsche mir auch bald mal wieder eine. Am liebsten in weißem Rum badend und mit Schirmchen.) Tosender Applaus kommt auf, verbunden mit dem unweigerlichen Geschrei, das immer dann ertönt, wenn es um die Auswahl einer Nachfolge geht. Doch Filiz lässt sich nicht erweichen und spricht mit unerschütterlicher Miene die einzig wahren Worte:
„Ich nehme das allerleiseste Kind dran!“

Wen wundert es da, dass die Wahl auf die phlegmatische Schülerpraktikantin fällt? Überrascht, aber erfreut, tritt diese auch sogleich zur Tafel, überlegt kurz und zieht ihre Striche. Es sind 20. Die Erstklässer staunen und ich bemerke, wie manch kleiner Kosmos ins Wanken gerät.

„Gibt es so lange Wörter?“, haucht Finja beeindruckt und ich sehe, wie die Praktikantin ein Stückchen größer wird.
„Oh ja!“, sagt sie, „Und noch viel längere. Aber die müsst ihr erst noch alle lernen.“
In den kommenden Minuten haben alle Spaß. Die Praktikantin, weil sie merkt, wie toll Nicht-Unterricht sein kann, die Erstklässler, weil sie sich für Kniffligkeiten begeistern können und ich, weil ich mich darüber freue, dass die Buchstabenkombination E-R-N-S-T-L auch 13 Jahre nach dem letzten Dreh des Glücksrads noch funktioniert.

S _ _ _ E R _ E R _ E N    S _ N _    T _ L L

Obwohl die Praktikantin am Ende gleich von mehreren Schülern dafür gerügt wird, dass das ja gar nicht ein Wort, sondern drei sind, strahlt sie noch am Ende des Vormittages und bedankt sich artig für den schönen Tag. Allerdings kann ich ihr gar nicht richtig antworten.

In mir singt es so laut.

I think I’m a banana tree
Oh dear, I’m going slightly mad
I’m going slightly mad
It finally happened, happened
It finally happened uh huh
It finally happened I’m slightly mad – oh dear!

Witz, Charme und einen tiefen Blick in die Seele einer Grundschullehrerin erlaubt Frau Weh auf ihrem Blog “Kuschelpädagogik” und auf www.news4teachers.de. Frau Weh heißt im wahren Leben nicht Frau Weh, aber ihre Texte sind häufig so realitätsnah, dass sie lieber unter Pseudonym schreibt.

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17 Kommentare

  1. Ich weiß nicht recht, aber dieser Beitrag bestätigt eher meine negativen Eindrücke vom Unterricht an Grundschulen. Laut, chaotisch, durcheinander; sehr viel Spielkram und wenig wirklich gelernt. 🙁

    Und dafür dann A 13? *ganzschnellwegduck*

    • Wo bleibt das Üben, Üben, Üben?

      Spielen sollen die Kinder am Nachmittag im Hort oder zu Hause. (Deshalb bitte keine Ganztagsschulen!)

    • Und müssen diese Kinder denn die Korrekturen der Lehrern verbessern oder stehen die da auch nur einfach so im Heft drin und keinen kümmert’s?

      • Hallo Sofawolf,

        obwohl ich öfters Ihren Kommentaren zustimme, muss ich hier vehement widersprechen. Frau Weh beschrieb eindeutig, dass sie mit dem Unterrichtsstoff „durch war“. Das schließt also keineswegs aus, dass bis dahin systematisch gelehrt / gelernt wurde. Wobei in der Grundschule erst einmal das Lernen gelernt werden muss – und da ziehe ich den Hut vor Frau Weh! Ihre Erstklässler! schaffen es schon, (fast) selbständig an (u.a.) Übungsaufgaben zu arbeiten. Wenn das mal nicht eine gute Voraussetzung ist, später an einer weiterführenden Schule zurecht zu kommen.
        Chaotisch – hm, davon kann ich in dem Beitrag nichts erkennen. Laut vielleicht, aber bei den immer extremer heterogenen Klassen nichts Umwerfendes. Sicher sind auch wir Lehrer nur Menschen und mit verschiedenen Fähigkeiten ausgestattet, dies zu händeln. Das ist auch in den weiterführenden Schularten so und keineswegs ein alleiniges Merkmal der Grundschule! Bitte hacken Sie deshalb nicht aus der Außensicht so auf der Grundschule herum.
        Aus Frau Wehs früheren Beitragen ist durchaus zu schließen, dass sie das pädagogische Rüstzeug besitzt, mit Heterogenität umzugehen.

        PS: Ich selbst korrigiere täglich 1- 2 Stunden die Hefte meiner Schützlinge, weil ich stark auf Verbesserungen und eine angemessene Heftführung achte. Dadurch komme ich auf eine Wochenarbeitszeit von ca. 50 Stunden; mitunter mehr, wenn z.B. viel Elternarbeit anliegt. Können Sie sich vorstellen, warum manche KollegInnen darauf verzichten? (Und jetzt bitte nicht mit „schwarzen Schafen“ kommen, die gibt es überall!)

        Manchmal denke ich, es wäre gut, sich gegenseitig in den Schularten hospitieren zu können. Das würde sicher den vielen pauschalen und nicht selten falschen Einschätzungen auf beiden Seiten effektiv vorbeugen!

        • Mit verlaub wage ich Ihre Angabe von 1-2h täglich zu bezweifeln oder Sie korrigieren nicht alle Hefte aller Ihrer Schützlinge:

          Bei vier Unterrichtsstunden pro Schultag mit 25 Schülern pro Stunde wären das 100 Hefte oder etwa eine Minute pro Heft. Das finde ich wenig plausibel.

    • Mädels, Jungs,
      Achtung, Obacht!!!!
      Es nennt sich K O LU M N E !!! – Vorsicht, WITZ!!!
      Nur mal so nebenbei angemerkt …

  2. @ simmiansen,

    natürlich dürfen Sie widersprechen und Ihre Sicht darlegen. Ich habe sie mit Interesse gelesen.

    Vielleicht bin ich ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Frau Weh’s Beiträge lese ich sonst eher nicht und habe da eher meine davon unabhängigen Eindrücke und Erfahrungen eingebracht.

    Ich kenne bislang (!) nur Grundschullehrer, die zwar die Aufzeichnungen in den Schülerheften korrigieren, aber dann nicht verlangen, dass auch die Schüler eine Berichtigung dazu anfertigen. Das finde ich mit Verlaub sinnlos. Wie machen Sie das, wenn ich nachfragen darf?

    • Damit sie mal jemand anderen kennen:
      Ich mache das mal so mal so.
      Manches verbessere ICH.
      Manches radiere ich aus und das Kind arbeitet nach.
      Manches kreuze ich an und das Kind selbst muss nacharbeiten und vielleicht auch selbst die Fehler finden.

      Das alles ist abhänigig von Umfang der Aufgabe, Fähigkeit des einzelnen SuS und Zeitstruktur des Unterrichts.
      Wenn ich jeden Fehler, den ich anstreiche, von den Kindern nacharbeiten oder berichtigen lassen würde, dann bestünde ein großer Anteil des Unterrichts aus Fehlerkorrektur. Bei ohnehin viel zu knapper Unterrichtszeit muss man überlegen, an welcher Stelle das angemessen ist.

      Sinnlos kann es m.E. sein, SuS aus Prinzip zu allem und jedem eine Berichtigung anfertigen zu lassen, die dann womöglich nur in „Abschreiben“ besteht. Da schalten SuS gerne ab, das ist nämlich monton und stumpf zu leisten, während erneute Erklärung in Kleingruppen und Übung an gleichwertigen Aufgaben das selbstständige Lösen der Aufgaben anleiten könnte.

    • Hallo Sofawolf (… und andere KommentatorInnen),

      ich bin ehrlich dankbar, dass auf meinen Beitrag sachlich geantwortet wurde – leider musste ich hier schon anderes lesen.
      Nun, ich weiß nicht, was xxx unterrichtet, aber selbst bei meinen meist 6 täglichen Unterrichtsstunden (in Hessen) muss ich nicht für jedes Fach korrigieren. Jeden Tag wähle ich neu aus, was gerade an Aufgaben / Heften nachzuschauen ist. Das richtet sich natürlich nach der konkreten Unterrichtsarbeit.
      Nachzuholen sind bei mir nicht nur Fehler, besonders in der Rechtschreibung, sondern auch unsauber Geschriebenes, teilweise nicht beendete (aber machbare) Aufgaben usw. Mir sind solche Dinge noch immer wichtig, aber der Aufwand, an der Erledigung dranzubleiben, wächst von Jahrgang zu Jahrgang.

      Um auf Ihre Frage zu antworten, wie ich das mache: Das frage ich mich auch zunehmend!
      Nachzuholendes kennzeichne ich mit einem Kreuz, oft schreibe ich Hinweise oder Vorgaben dazu.
      Leider gibt es immer mehr Kinder, die das ignorieren und Eltern!, die Verbesserungen und Strukturen, wie z.B. das Schreiben von Datum und Überschrift, für Pillepalle halten.
      Bisher lies ich unerledigte Verbesserungsaufgaben in zusätzlichen, angekündigten Stunden nachholen, bin diesen Kampf aber inzwischen müde! Ich versuche es deshalb derzeit mit einer Zensierung der Heftführung nach klaren Kriterien.
      Im Unterricht selbst komme ich nicht dazu. Mir ist schleierhaft, wie das andere KollegInnen schaffen. Ich für meinen Teil habe in den Stunden ständig mit meinen Inklusionskindern, Deutschanfängern, Lernschwachen und den Fragen aller anderen vollauf zu tun! Für Hinweise, was ich da falsch mache, wäre ich dankbar!

      Gemeinsame Kontrollen mit der Klasse ergeben nur Sinn, wenn Fehler übergreifend gleich vorliegen. Z.B. berichtige ich mit der ganzen Klasse nach Kontrollen. Ansonsten hat doch jedes Kind so seine eigenen Problemchen.

      … Vielleicht wird etwas deutlicher, warum das Kontrollieren zunehmend stichprobenartig erfolgt und teilweise ohne Folgen bleibt.

      • Danke für die sehr sachliche und ausführliche Antwort auf meine überaus kritische Anmerkung vom 26.2. Es gibt hier durchaus andere Schreiberlinge (m/w), die beleidigt auf solche Anmerkungen reagieren.

        Ich unterrichte an einer weiterführenden Schule u.a. das Fach Mathematik. Von daher jammere ich auf einem sehr hohen Niveau, wenn ich mich über aufwändige Korrekturen beklage. Eine ausgewachsene LK-Klausur ist schneller korrigiert als so mancher Deutsch-Aufsatz aus der Mittelstufe.

        Das Einzige, was Sie „falsch“ machen, ist die Vernachlässigung der „aller anderen“ zu Gunsten der Inklusionskinder, Deutschanfänger, Lernschwachen und als Ergänzung von mir Nervbacken. Die normalen bis guten Schüler leiden am meisten unter den Klassengrößen, weil die zwar arbeiten und (von sich aus) lernen, aber bei weitem nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Ein Patentrezept dagegen kenne ich nicht, ich begehe diesen Fehler ja selber immer wieder.

  3. @ Palim, danke.

    Ich will die Schwierigkeiten durchaus anerkennen. Es ist ja nicht damit getan, dass Lehrer Fehler anstreichen und Schüler sie verbessern müssen (wobei ich jetzt zunächst einmal vor allem an die Rechtschreibung dachte); der Lehrer muss die Berichtigungen ja auch wieder durchsehen, ob sich neue Fehler eingeschlichen haben oder alte geblieben sind. Das kann bei einigen Kindern eine „Endlosschlaufe“ werden. Und wie soll man das (als Lehrer) schaffen? @ xxx schrieb oben von 100 Heften, die da täglich durchzusehen seien. Ich würde das auch nicht machen wollen!

    Dennoch frage ich, was nützt eine Korrektur, auf die keine Berichtigung folgt? Für wen machen Sie sich dann diese Arbeit?

    Wie könnte die Lösung aussehen, habe ich für mich überlegt. Ich denke an „weniger ist oft mehr“ (Stofffülle). In Mathematik mache ich die Berichtigung immer mit der ganzen Klasse zusammen. Dann weiß ich, alle haben die Berichtigung gemacht und alle haben sie jetzt richtig. So spare ich mir das (eigentlich) notwendige Berichtigen der Berichtigung der Berichtigung der Berichtigung … Allerdings geht das ja nur, wenn alle die gleichen Aufgaben haben und das Gleiche machen. Also keine Individualisierung? Hin zur Generalisierung? Individualisieren doch besser später???

    Was sagen Sie? Liegt es daran, dass die Kinder immer schlechter lesen, schreiben, rechnen, weil der Lehrer es gar nicht schaffen kann, Fehler aller zu berichtigen bzw. berichtigen zu lassen, damit sich nicht das Falsche durch Wiederholung oder Nicht-Korrektur einprägt?

    • Ich weiß, dass in meiner eigenen Grundschulzeit auch nicht jeder Text in jedem Heft akribisch korrigiert wurde. Meine Mutter hat vieles nachgesehen, aber es gibt in den Heften Fehler, die keiner angestrichen hat. So gesehen bin ich sicher, dass auch früher nicht jeder Text und jede Hausaufgabe nachgesehen wurde … und auch damals wurde vielleicht der Fehler angestrichen, nicht aber die Berichtigung der Berichtigung gefordert.

      Desweiteren sage ich, dass Individualisierung einen enormen Korrekturaufwand schafft. Man kann auf Selbstkontrolle der SuS setzen, z.B. bei Übungsaufgaben in Mathe, dennoch muss man auch hier kontrollieren und ggf. korrigieren – die Selbstkontrolle, die SuS dabei, die Aufgaben hinterher.
      Zudem gibt es etliches, dass Kinder selbst nicht kontrollieren können, so muss zum Beispiel die Kontrolle der Rechtschreibung wirklich länger geübt werden, damit Kinder in ihren eigenen Texten die Fehler überhaupt entdecken können.
      Auch den Inhalt von Antworten können Kinder selbst im 3.+4. Schuljahr oft nicht genau analsysieren, sie meinen dann häufig, eine Antwort ist nur dann richtig, wenn sie dem genauen Wortlaut entspriicht.

      Haben alle Kinder das gleiche gerechnet, sind die Hefte schnell nebeneinander gelegt und durchgesehen, arbeiten die Kinder individuelle,hat man ggf. noch ein Lösungsheft, häufig aber nicht einmal das, sodass sich die Korrekturzeit erhöht.

      Außerdem denke ich, dass Inklusion bewirkt, dass man die SuS während der Arbeit weniger kontrolliert und unterstützt. Wenn „die Klasse“ an Übungsaufgaben arbeitet, ging man als Lehrkraft früher in der Klasse umher, schaute hier, korrigierte da, verteilte Tipps oder erläuterte sofort, wenn etwas Falsches in den Blick sprang. Heute ist es so, dass die einen selbstständig arbeiten und die Lehrkraft diese Zeit nutzt, um mit anderen etwas ganz anderes zu üben oder zu besprechen. Irgendwoher muss ja die Zeit kommen, mit den I-Kindern etwas neu zu erarbeiten, ihre Aufgaben zu besprechen, mit einzelnen Kindern, die gerade alphabetisiert werden, zu lesen etc. Und diese Zeit, da gebe ich xxx recht, fehlt bei den anderen Kindern, die um so selbstständiger sein müssen, weil man als Lehrkraft allein vor erheblich mehr Aufgaben gestellt wird.
      Auch mir geht es so, dass die Korrekturen fast vollständig nach dem Unterricht erfolgen, da ich im Unterricht ständig mit anderem beschäftigt bin. Da wird geschaut, ob die gestellten Aufgaben bearbeitet wurde, aber „Korrektur“ ist für mich etwas anderes.

      Was eine Korrektur bringt, wenn die Fehler nicht verbessert werden?
      Sie bringt eine Rückmeldung an die Kinder, wie häufig sie nicht die richtige Lösung erbracht haben.
      Manchen Kindern reicht dieser Hinweis schon dafür, dass sie in Zukunft genauer arbeiten.
      Andere benötigen weitere Hilfestellungen.

      Wie schon geschildert: Das Nacharbeiten muss so erfolgen, dass es übersichtlich bleibt und auch so, dass man als Lehrkraft nicht täglich 1 weitere Unterrichtsstunde für die Nacharbeiter dranhängt. Die Zeit hat man nämlich nicht, da man ja mit vielfältigeren Unterrichtsvorbereitungen mehr als genug ausgelastet ist. Schließlich braucht man für jede Stunde auch Differenzierungen für die Kinder mit verschiedenen Beeinträchtigungen oder Lernniveaus.

      Letztlich muss ich generell als Lehrkraft sehen, dass der Nutzen den Aufwand rechtfertigt, und auf dieser Einschätzung entscheiden, was ich korrigiere und was ich nacharbeiten lasse.

      • Sehe ich genauso und mache es ähnlich. Bei einigen Schülern ist bei der Selbstkontrolle dennoch die Nachkontrolle durch den Lehrer wichtig. Eine Korrektur ist als individuelle Hilfestellung zu sehen und fällt unterschiedlich je nach Schüler und Resourcen des Lehrers aus. Ich selbst mache es organisatorisch so, dass ich kleinere Dinge, die Schüler am nächsten Tag in einer offenen Phase am Morgen nacharbeiten lasse (das betrifft meist so Sachen, wie markieren, was in der Aufgabenstellung gefordert war); mit Nacharbeiten zuhause habe ich mehr Zeitverlust bei der Kontrolle und dem Nachfordern alsdass ich das in der Schule machen lasse. Die offene Phase nutze ich zusätzlich, um inidiviuell mit ein paar Schülern ihre Fehlerart zu erklären. Es ist nämlich so, dass manche Schüler immer dieselbe Art von Fehlern machen. Das merkt man am besten, wenn man die Arbeiten (Schularbeiten und Hausaufgaben) selbst durchschaut. Dabei muss nicht jede Aufgabe angeschaut werden, sondern man kann auch nur einmal stichpunktartig drübergehen. Wenn man sehr oft kontrolliert, erkennt man automatisch die Stärken und Schwächen der Schüler und weiß diese sozusagen „auswendig“ und kann dann entsprechend darauf eingehen.

  4. Hausaufgaben oder Aufgaben im Unterricht, die individuell gestellt sind, korrigiere ich oft stichprobenartig, im Vorbeilaufen, gebe Hilfestellungen oder Verbesserungsmöglichkeiten. Gleiche Matheaufgaben lesen wir vor, sie korrigieren selbst, Lernwörter und Rechtschreibübungen korrigiere ich, weil Kinder im Grundschulalter oft die Fehler noch nicht sehen. Bei Lernzielkontrollen korrigiere ich die Aufgaben. die viele Kinder falsch gemacht haben, zusammen mit der Klasse. Ich halte überhaupt nichts davon, wenn jemand, der eine 5 in Mathe geschrieben hat, zu Hause allein die Arbeit korrigieren muss. Denn woher soll er es dann auf einmal können? Lieber setze ich in der Schule an Problemfeldern an, die ich erkenne.

  5. @ palim, ja, das finde ich auch und ich meine, das ist ein großer Nachteil der Inklusion.

    —————————————-
    „Außerdem denke ich, dass Inklusion bewirkt, dass man die SuS während der Arbeit weniger kontrolliert und unterstützt. Wenn „die Klasse“ an Übungsaufgaben arbeitet, ging man als Lehrkraft früher in der Klasse umher, schaute hier, korrigierte da, verteilte Tipps oder erläuterte sofort, wenn etwas Falsches in den Blick sprang. Heute ist es so, dass die einen selbstständig arbeiten und die Lehrkraft diese Zeit nutzt, um mit anderen etwas ganz anderes zu üben oder zu besprechen. Irgendwoher muss ja die Zeit kommen, mit den I-Kindern etwas neu zu erarbeiten, ihre Aufgaben zu besprechen, mit einzelnen Kindern, die gerade alphabetisiert werden, zu lesen etc. Und diese Zeit, da gebe ich xxx recht, fehlt bei den anderen Kindern, die um so selbstständiger sein müssen, weil man als Lehrkraft allein vor erheblich mehr Aufgaben gestellt wird.“
    —————————————————-

    Am Ende verlieren alle. 🙁

    PS: Sie haben aber ein gutes Gedächtnis, palim. 🙂 Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern, wie wir in der Grundschule (bzw. Unterstufe) gelernt haben.

    • Ups, also ich beziehe mich auf das Zitat (Aussage von palim).

      • Es verlieren alle Betreuungszeit und es gewinnen alle anderes.
        Wie immer ist es ein Kompromiss und man muss Vor- und Nachteile betrachten und abwägen. Dabei kommen unterschiedliche Gewichtungen und Urteile heraus.

        Zum PS: Bis wann rechnen sie denn die Unterstufe?
        An meinen eigenen Unterricht in der Grundschule (also bis Klasse 4, am Ende war ich 9 Jahre alt) erinnere ich mich noch, ja, und zwar an mehr als Ausflüge und Schulfeste. Ich erinnere mich an Abschriften von der Tafel, Musikunterricht war damals eben auch, Lieder abzuschreiben.
        Ich erinnere mich an Schönschreibunterricht, dafür gab es damals angeblich noch ausgewiesene Stunden, und wie sehr ich das gehasst habe, und Hausaufgaben, bei denen man bei Abschriften nicht einen einzigen Fehler machen durfte, was gerne im letzten Satz doch passierte.
        Ich erinnere mich an den Mathematikunterricht und dass die Lehrerin an manchen Tagen tolle Geschichten zur Belohnung erzählt hat… und an vieles mehr.

        Das, was ich nicht mehr weiß, kann ich immer noch bei meiner Mutter erfragen: Z.B. haben wir in Klasse 4 mit einem Nadelspiel einen Kugelbeutel gestrickt und mein Bruder und ich hatten beide einen sehr schönen. Wie das mit der ganzen Klasse geklappt haben soll, konnte ich mir nicht vorstellen. Meine Mutter wusste, dass das auch damals nicht ging, viele Kinder haben das Strickzeug halb fertig in die Ecke geschmissen und es gab viele Proteste.

        Für Klasse 5+6 gab es eine eigene Schulform in einem anderen Gebäude mit ganz anderen Lehrern, auch daran erinnere ich mich und weiß ziemlich genau, welche Themen wir dort erarbeitet haben, die jetzt (seit 2006) in den Grundschullehrplan gesetzt wurden (Klasse 3+4). Mein für mich prägendstes Erlebnis: ein Mathelehrer, der locker und beliebt war, zeigte und rechnete alle Aufgaben an der Tafel vor, immer, ständig. Nach 1/2 Jahr waren meine Leistungen im Keller, weil ich die Aufgaben zwar nachvollzog, aber nie selbstständig rechnen durfte, zu Hause verzweifelte ich eher an den Aufgaben, als dass es half. Bei Hausaufgaben wurden nur die Ergebnisse vorgelesen, der Rechenweg nicht mehr. Nach dem Halbjahr kam ich in einen anderen Kurs. Dieser Lehrer erklärte einmal für alle die Aufgaben, dann ließ er uns sehr viel selbstständig rechnen, kontrollierte die Aufgaben und übte anschließend das, was wir noch nicht konnten (das erklärte und sagte er auch). Somit bekamen Fehler etwas Positives: man durfte sagen, was man nicht konnte und bekam dann Hilfe. Und selbstständiges Arbeiten war ein Garant dafür, dass man die Aufgaben wirklich alleine lösen konnte.

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