“Pünktlich, ehrlich, fleißig, lieb…” – Forscher: Schule muss mehr auf Sekundärtugenden achten

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TÜBINGEN. Welche Schulfächer sind entscheidend für den späteren Erfolg im Leben? Eine Frage, die sich so pauschal nicht beantworten lässt. Eine internationale Studie belegt jetzt den Zusammenhang zwischen dem Lernverhalten in der Schule und dem beruflichen Erfolg über einen Zeitraum von 50 Jahren. Die immer mal wieder aufflammende Diskussion um Kopfnoten könnte damit einen neuen Schub erhalten.

Mit der aktuellen Diskussion um verzogene Schüler könnte auch eines der ältesten bildungspolitischen Nebenthemen wieder einmal auf der Tagesordnung auftauchen: Kopfnoten entfachen mit schöner Regelmäßigkeit Diskussionen unter Bildungspolitikern verschiedener Couleur, unabhängig davon, ob sie für ihre Einführung oder für ihre Abschaffung streiten.

Wer sich täglich seine Hausaufgaben macht und auf dem neuesten Stand bleibt, hat später offenbar gute Chancen auf ein gutes Einkommen. Foto: Casey Fleser / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
Wer sich täglich seine Hausaufgaben macht und auf dem neuesten Stand bleibt, hat später offenbar gute Chancen auf ein gutes Einkommen. Foto: Casey Fleser / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)
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Es gibt auch heute noch wohl kaum jemanden, der mit dem Begriff Kopfnoten nicht bestimmte Vorstellungen verknüpft. Für die einen bilden sie ein überkommenes, obrigkeitsstaatliches Instrument, mit dem sich die schulische Benotung in unzulässigem Maß auf die Persönlichkeit der Schüler ausdehnt. Für die anderen bilden Kopfnoten fast schon das einzige für Arbeitgeber aussagekräftige Kriterium im Zeugnis, mit Ausnahme vielleicht der Noten in Deutsch und Mathe.

Studie: Gute Kopfnoten gleichen schlechte Zensuren teilweise aus

Selten offen angesprochen spielt oft unterschwellig das Argument eine Rolle, dass die Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens eine disziplinierende Wirkung auf Schüler habe. Das könnte zwar Lehrern die Arbeit erleichtern, doch bringt die Vergabe entsprechender Noten einen erheblichen Aufwand mit sich. Von einem „Bürokratiemonster“ sprach 2008 Philologenverbandsvorsitzender Peter Silbernagel, als nach dem Willen der damaligen nordrhein-westfälischen Landesregierung wieder Noten für Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit auf den Zeugnissen ausgewiesen werden sollten.

Diskussion um verzogene Schüler: Wie können Lehrer für Ruhe und Ordnung in der Klasse sorgen? Eine Pädagogin berichtet

Kopfnoten, in NRW nach hitzigen Debatten 2010 wieder abgeschafft, gibt es derzeit in neun Bundesländern, in diversen verschiedenen Formen, und in unterschiedlichen Klassenstufen, von der Grundschule, bis zum Abitur. Versetzungsrelevant sind sie nirgendwo.

Dass diese Nachrangigkeit möglicherweise gerade die für das Leben relevanten Indikatoren in den Hintergrund stellt, darauf weist aktuell eine gemeinsame Studie der Universitäten Tübingen und Houston, sowie der University of Illinois hin. Sekundärtugenden“ wie Fleiß oder Verantwortungsgefühl haben offenbar einen erheblichen Einfluss auf das spätere Leben, und zwar unabhängig von der Intelligenz der Schüler sowie von Bildung oder Einkommen ihrer Eltern, fanden die Forscher heraus.

Verantwortungsvolle Teenager, die Interesse an schulischen Themen zeigen und ihre Aufgaben regelmäßig erledigen, haben nicht nur bessere Noten in der Schule, sondern sind auch erfolgreicher im Beruf und verdienen besser. ermittelten die Wissenschaftler anhand einer Langzeiterhebung des American Institutes for Research, bei der im Jahr 1960 knapp 347.000 Schüler der neunten bis zwölften Klasse nach ihren Einstellungen, ihrem Verhalten und ihren Lese- und Schreibfähigkeiten befragt wurden. Elf Jahre später wurden davon noch rund 82.000 Personen zu ihren Bildungs- und Berufsbiographien befragt. Nach 50 Jahren machten erneut noch fast 2.000 Personen Angaben zu ihrem Bildungsabschluss sowie ihrem jährlichen Einkommen und ihrem beruflichen Status.

Es zeigte sich, dass verantwortungsvolle Schüler, die Interesse an der Schule zeigten, ihre Schul- und Hausaufgaben erledigten und wenig Probleme mit Lesen und Schreiben hatten, sowohl nach elf als auch nach 50 Jahren noch einen höheren Bildungsabschluss und einen angeseheneren Job hatten. Außerdem war ihr Einkommen nach 50 Jahren höher als das Gleichaltriger, die kein großes Interesse für die Schule mitbrachten.

Ökonom fordert Bildungsrevolution zur Stärkung der sozialen Kompetenzen

Die Effekte der in der zugrunde liegenden Erhebung ebenso gemessenen Persönlichkeitsmerkmale wie etwa Gewissenhaftigkeit rechneten die Wissenschaftler ebenso in ihre Studie ein, wie die kognitiven Fähigkeiten sowie das Einkommen der Eltern und demographischen Merkmale wie Geschlecht oder Ethnie. Umso beeindruckter gibt sich Marion Spengler von der Universität Tübingen: Es habe sich gezeigt, „dass unser Verhalten einen Einfluss darauf hat, was aus uns wird und nicht nur, wie wir von der Natur oder unseren Eltern ausgestattet wurden“. Das bedeute noch nicht, dass adäquates Verhalten in der Schule zwangsläufig zu beruflichem Erfolg führte, wie Spengler betont. „Die Ergebnisse zeigen jedoch einen robusten Zusammenhang.“

Wieweit die Ergebnisse auf eine deutsche Stichprobe übertragbar wären, lies die Studie offen. Im Hinblick auf eine bessere Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt könnte ein stärkerer Fokus auf die schulangemessene Arbeits- und Sozialverhalten einen wichtigen Beitrag leisten. (zab, pm)

• Die Studie im Journal of Personality and Social Psychology (engl.)

Warum die Leistungen der Schüler schlechter werden: Die Mütter fallen als Hilfstruppe aus

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38 KOMMENTARE

  1. Neue Erkenntnisse?
    Das dürfte doch wohl ziemlich klar sein. Dass es mit Blick auf späteren beruflichen Erfolg schon in der Schule auf das Erlernen und Einüben adäquaten Verhaltens, von Kooperation, Verantwortung, Gewissenhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Interesse, Leistungsbereitschaft und dergleichen ankommt. Von Ausnahmen abgesehen!

  2. Ich meine auch, dass die Sekundärtugenden (Verhalten) Basis für Lernerfolge sind und ihre Abwertung nicht Schulerfolg ebenfalls nicht gut getan hat.

    Mitarbeit, Fleiß, Ordnung, aber auch Betragen (den Unterricht nicht durch Störungen unmöglich machen) oder wie man das heutzutage alles nennen mag, gehört zu erfolgreichem Lernen dazu, sind quasi Voraussetzung. Neben den fachlichen Kompetenzen (Leistungen) gehören diese sozialen Kompetenzen (Verhalten) gleichwertig aufs Zeugnis.

    Selbst dort, wo es das noch oder wieder gibt, führen sie eher ein Schattendasein!

    • ZITAT: “… wieder Noten für Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Konfliktverhalten und Kooperationsfähigkeit auf den Zeugnissen ausgewiesen werden sollten.”

      Finde ich richtig, und zwar nicht unter ferner liefen, sondern gleichberechtigt neben den Fachnoten, um ihre Bedeutung zu unterstreichen (sie gleichzugewichten) !

      • Problem ist nur, dass diese “Verhaltensnoten” nicht justiziabel feststellbar sind. Jeder Lehrer in NRW hat drei Kreuze gemacht, als die unsäglichen “Kopfnoten” erst auf drei reduziert und wenige Jahre später komplett abgeschafft wurden. Dazu kam die ministerielle Vorgabe, als Standardnote die “2” oder “gut” anzusetzen und nur in begründeten Ausnahmefällen nach oben oder unten abzuweichen. Eine “1” für Schüler in Klasse A von Schule B kann bei identischem Verhalten eine wohlwollende “3” in Klasse C von Schule D bedeuten – umgekehrt natürlich genauso.

        • So macht es tatsächlich keinen Sinn.

          Dort, wo Verhaltensnoten noch gegeben werden, egal, ob als Note oder Kreuz, habe ich eine ähnliche sinnlose Praxis erlebt. Verhaltensnoten sollten wie Mitarbeitsnoten (was ja eigentlich auch eine Verhaltensnote ist) dem Schüler regelmäßig gegeben und begründet werden.

          Vielleicht wie die Mitarbeitsnoten? Da gibt es ja verschiedenste Vorgehensweisen.

          • Soweit ich weiß akzeptierten Gerichte bisher bei der Notengebung den Ermessensspielraum des Lehrers. Er muss seine Note natürlich begründen können. Ihr dürfen keine sachfremden Aspekte zugrunde liegen.

            Man kann also im Normalfall nicht dagegen klagen.

          • Nur wie will man Verhaltensnoten begründen? Bei Fachnoten gibt es z.B. Tests oder Klassenarbeiten. Eine größere Sammlung schriftlicher Verweise könnten sich freilich dafür eignen.

          • Wie ich weiß, machen sich Kollegen bzgl. der Mitarbeit der Kinder auch so ihre Notizen. Damit begründen Sie dann ihre Noten. Diese Mitarbeitsnoten entsprechen doch durchaus der Verhaltensnote Mitarbeit.

            Der Heftführung, die auch bewertet werden darf, entspricht doch die Verhaltensnote Fleiß und/oder Ordnung. Ich fände die Heftführung als Verhaltensnote besser und gerechter als die Heftführung mit den Fachnoten zu vermissen. Wer sein Matheheft sauber und ordentlich führt, kann nicht zwangsläufig besser rechnen (was seine Mathenote ja ggf. aussagt) und nicht schlechter, wenn er/sie es mit der Ordnung nicht so hat. Das sollte man wieder trennen.

          • Und Kreuzchen fürs Arbeits- und Sozialverhalten muss man doch auch begründen können, wenn Eltern nachfragen!?!

  3. In Nds. gibt es seit Jahren Aussagen zu Arbeitsverhalten und Sozialverhalten in den Zeugnissen. Sie können erläutert werden, müssen aber in jedem Fall eine der 5 vorgegebenen Bewertungen enthalten.

    Es gibt Kinder, die sich ohnehin gut verhalten.
    Es gibt ab und an Kind, bei denen eine schlechtere Bemerkung dazu führt, dass sie ihr Verhalten überdenken und ändern, da die Eltern spätestens beim Zeugnis offenbar deutliche Worte finden (oder Belohnungen aussetzen).

    Die Kinder, die den Unterricht nachhaltig stören, sind in der Regel die Kinder, bei denen die Bemerkungen auf dem Zeugnis gar nichts ändern, weil die Probleme so gravierend sind, dass andere Hilfe notwendig wäre.
    Und auch, wenn die Schule in dieser Hinsicht Erziehung leistet, kann sie das nicht allein bewerkstelligen, wenn gravierende Probleme der Grund für schlechtes Verhalten ist.
    Trauerbewältigung, Scheidungskrieg der Eltern, Flucht-Traumata, Vernachlässigung, Missbrauch u.a. sind Umstände, mit denen SuS konfrontiert sind, ohne Hilfe zu erhalten, die aber Leistungsbereitschaft und Konfliktverhalten massiv beeinflussen.

    • Andere Kultur kommt auch noch dazu. Das von den Eltern in so einem Fall vermittelte Verhalten ist nicht zwangsläufig schlecht, wirkt aufgrund seiner Inkompatibilität zu “unserer” Kultur schlecht.

    • Das hat aber sicherlich auch mit der Praxis dieser Einschätzungen zu tun. Einmal im Halbjahr eine Rückmeldung zu bekommen, ist wirklich lächerlich. Siehe oben.

      Gäbe man sie öfter und würde man sie begründen müssen, hätten sie zumindest so viel und auf keinen Fall weniger Effekt als die normalen Fachnoten. Die beeindrucken bekanntlich auch nicht jeden, aber wenn sie mal gut ausfällt, freut man sich doch.

      Von der 6 in Mathe alleine werden die Rechenfertigkeiten auch nicht besser.

      • Wenn ein Schüler in der Grundschule eine 6 in Mathe erhält, wissen es Schüler und Eltern in der Regel weit VOR dem Zeugnis.
        Wenn ein Schüler die Bemerkung erhält, dass das Arbeits- oder Sozialverhalten “nicht den Erwartungen entspricht” (vorgegebene Standardformulierung), dann wissen es Eltern und Schüler ebenfalls weit VOR dem Zeugnis, dann muss ja schon einiges vorab vorgefallen sein, über das es viel zu reden gab, möglicherweise auch Klassenkonferenzen samt Ordnungsmaßnahmen (Androhung/ Ausschluss vom Unterricht o.a.).

        Es gibt SuS, die erhalten täglich zu jeder einzelnen Stunde und jeder Pause eine schriftliche Rückmeldung, zusätzlich ggf. Ausführungen dazu, was vorgefallen ist, mittels eines _Verstärkerplanes_, an den Belohnungen zur _Verstärkung_ positiven Verhaltens geknüpft sind. Dieser wird täglich von den Eltern unterschrieben und ist eine sehr deutliche Dokumentation des Verhaltens in der Schule.
        Dennoch ändert sich auch dadurch bei einigen Kindern das Verhalten nicht, weil sie, wie oben genannt, ganz andere Probleme haben, an denen man als Lehrkraft nicht arbeiten kann.

        • Ja, und?

          Eine Note stellt doch nur fest. Darum geht es doch. Was aufgrund dieser Feststellung dann folgt / folgen sollte, ist eine andere Frage.

          Schlechte Fachnoten führen dann hoffentlich zu Fördermaßnahmen, ja schaffen erst einmal eine Berechtigung dafür (Nachteilsausgleich etc.). Schlechte Verhaltensnoten dann hoffentlich auch. (So ist es nicht unbedingt, aber so sollte es sein.)

          • Was schwebt Ihnen denn an Fördermaßnahmen für Kinder mit ungünstigem Arbeits- oder Sozialverhalten vor?

        • Wie oben ausgeführt, bewerten wir mit der Heftführung Ordnung und Fleiß und mit den Mitarbeitsnoten selbige. Nur vermischen wir diese Noten jetzt mit den Fachnoten (siehe oben). Das finde ich nicht gut.

          • @sofawolf: Es hat Palim m.E. sehr zurecht auf die einer Lehrkraft nicht immer bekannten Bedingungen und Ursachen von schwachen Leistungen und unerwünschtem Verhalten hingewiesen. Diesen Aspekt übersehen Sie offenbar gern und bieten das altbekannte Thema “Zusammenhang Leistung-Verhalten von SuS im Urteil von Lehrkräften” als Antwort an.
            Eine Antwort auf Palims Frage steht also noch aus.

          • @ flunra,

            finde ich gar nicht. Ich schrieb, eine Note stellt nur fest. Sie sagt gewöhnlich nichts oder nicht viel darüber aus, wie sie zustande kam (wobei das ja durchaus mit einfließen kann, da bewerten wir Verhalten also bereits, mischen es aber mit den fachlichen Aspekten). Das trifft auf die Fachnoten doch genauso zu wie auf die Verhaltensnoten. Wenn Fachnoten und Verhaltensnoten “alarmierend” sind, sollte gehandelt werden (siehe Nachteilsausgleiche u.dgl. mehr). Das gibt es alles schon.

            Verhalten bedingt auch Leistungen, ja. Was ist daran falsch? Ich sage nicht, dass jedes fleißige Kind ein Mathe-Genie werden könnte (und sollte), aber ein fleißiges matheschwaches Kind würde sicherlich bessere Leistungen erreichen als ein faules matheschwaches Kind, oder? Insofern wäre Fleiß wünschenswert.

            (Ansonsten siehe ersten Absatz)

          • Sehr häufig kenne ich die Ursachen, warum ein Kind nicht lernen kann. Ein paar Möglichkeiten habe ich oben aufgeführt. In der Grundschule steckt dahinter selten Faulheit oder Unlust, sondern Krankheit, Trennung uvm.

            Was soll ein Nachteilsausgleich bringen?
            Er soll z.B. bei Beeinträchtigungen ausgleichend wirken, hebt aber die Beeinträchtigung selbst nicht auf: wer nicht hören oder sehen kann, wird dies durch den Nachteilsausgleich auch nicht erreichen, erbringt aber alternative Leistungen – eben “den Nachteil ausgleichend”.
            Umstritten ist immer wieder, welche Nachteile ausgeglichen werden sollen … und auch, ob der Ausgleich selbst eine Förderung sein kann, wenn nicht an einer Aufarbeitung oder Kompensation gearbeitet wird.

            Welche Förderung sollen Kinder erhalten, wenn sie durch Krankheiten oder ungünstige Lebensumstände (ich weiß nicht, wie ich es vernünftig ausdrücken soll) nicht lernen können?
            Was konkret hilft ihnen, dass sie gestärkt werden oder gesunden, sodass sie im Verhalten und in den Leistungen angemessenen Erfolg erbringen können?

          • “In der Grundschule steckt dahinter selten Faulheit oder Unlust,…”

            Das halte ich für eine sehr steile These, Palim. Die beste und geliebteste Lehrerin schafft es m. E. nicht, die Kinder immer so zu motivieren, dass Faulheit und Unlust in der Grundschule Seltenheitswert haben.
            Dass der Geist willig, das Fleisch aber schwach ist, trifft auch auf Grundschüler zu, jedenfalls bei normalen Anforderungen.

          • Bei der heutigen Aufmerksamkeitsspanne, Geduld, Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz halte ich das Fleisch schon bei geringen Anforderungen für schwach. Das gilt besonders bei reinen Fleißaufgaben wie das Auswendiglernen des Alphabets oder dem kleinen 1×1.

          • Meine Beobachtung ist eine andere.

            Und letztlich habe ich es oben schon differenziert:
            “Es gibt Kinder, die sich ohnehin gut verhalten.

            Es gibt ab und an Kind[er], bei denen eine schlechtere Bemerkung dazu führt, dass sie ihr Verhalten überdenken und ändern, da die Eltern spätestens beim Zeugnis offenbar deutliche Worte finden (oder Belohnungen aussetzen).

            Die Kinder, die den Unterricht nachhaltig stören, sind in der Regel die Kinder, bei denen die Bemerkungen auf dem Zeugnis gar nichts ändern, weil die Probleme so gravierend sind, dass andere Hilfe notwendig wäre.”

            Wenn ein Kind über Monate im Verhalten (sozial-emotional) und im Lernen auffällig ist und trotz Interventionen in der Schule und Elterngesprächen und womgölich trotz schlechter Noten nicht lernen KANN, dann steckt meist mehr dahinter, als “Unlust”.
            Und auch das hatte ich bereits ausgeführt: “Trauerbewältigung, Scheidungskrieg der Eltern, Flucht-Traumata, Vernachlässigung, Missbrauch u.a. sind Umstände, mit denen SuS konfrontiert sind, ohne Hilfe zu erhalten,”

            Aber, ja, auch ich kenne einzelne Kinder, die nur schwierig zu motivieren sind und die von zu Hause aus auch nicht dazu angehalten werden, Hausaufgaben zu erledigen und etwas zu üben.
            In Klasse 2 (Alphabet, 1×1) ist es schwierig, von Kindern im Alter von 7 oder 8 Jahren das selbstständige Üben einzufordern. Auch Lesen übt sich allein und ohne Korrektiv nur schlecht.
            Ab Klasse 3 kann man diese Aufgaben schon eher erwarten, da die Kinder bis dahin weitaus selbstständiger sind (sein sollten).

            Eine vernünftige Hausaufgabenhilfe würde m.E. schon Wunder wirken, die könnte sogar im Anschluss stattfinden und wäre gar nicht unbedingt an das Mittagessen oder den Ganztag gebunden.

    • “Die Kinder, die den Unterricht nachhaltig stören, sind in der Regel die Kinder, bei denen die Bemerkungen auf dem Zeugnis gar nichts ändern …”
      Wenn ein stark abweichendes Verhalten bzw. ein sehr schlechtes Benehmen keine (aus Schülersicht) Folgen hat, dann wird das als Ermutigung aufgefasst werden, weiter so zu verfahren. Dann werden sogar konsequent Messer in die Schule mitgebracht. Was fehlt, sind wirksame Sanktionen. Ich finde das vollkommen logisch und nachvollziehbar. Der Rohrstock steht nicht zur Debatte, selbst zu meiner Schulzeit war er abgeschafft, aber es gab Maßnahmen gegen Störer und allzu freche Schüler. Es war einfach undenkbar, dass Schüler andere mit einem Messer bedrohten. Heute gibt’s sogar gelegentlich mal einen Mord auf diese Weise. Dann werden Krokodilstränen vergossen nach dem Motto “ach, wie tragisch”. Aber wie kam das denn? Ich fürchte, man hat aus gutgemeinten Gründen diese (disziplinarischen) Maßnahmen abgeschafft. Aber gut gemeint ist nicht immer auch gut gemacht.

        • Druck von Schule, Druck von Eltern, Erziehung von Eltern, Perspektive bei einem guten Schulabschluss auch eine gut bezahlte Arbeit zu finden

        • Weil es mich nicht getroffen hat (ich war brav genug), habe ich keine präzisen Erinnerungen. Aber ich denke, da musste der eine oder andere schon mal bis zum Ende der Stunde in der Ecke stehen, jemand wurde an einen Extra-Tisch gesetzt (vorne, neben dem Lehrertisch), es gab Strafarbeiten und Entzug von Vergünstigungen, jemand durfte nicht mehr auf den Schulhof in der Pause oder musste in der Nähe der Aufsicht bleiben. Oder rein psychologisch: Jemand wurde ausgeschimpft, bis er rote Ohren bekam. Auf dem Gymnasium gab es Tadel und Stunden Arrest, die im Zeugnis eingetragen wurden (das hat auch mich getroffen). In jedem Fall: Es wurde irgendwie eingegriffen. Es gab nicht das “laissez-faire”. Damit war es meist ruhig im Unterricht. Auf dem Schulhof ging es dennoch gelegentlich chaotisch zu (nach meinem damaligen Empfinden).
          Noch was: Wenn ein Schüler einen Lehrer angegriffen hätte, hätte das sofort den Verweis von der Schule zur Folge gehabt. Vermutlich mit Eintrag in der “Personalakte”. Heutzutage passiert kaum etwas. Die Lehrer müssen sich dann noch vom Schulleiter sagen lassen, sie sollten sie halt besser durchsetzen. Diesen Zynismus gab es bestimmt damals nicht.

          • Meine Frage war:
            “Welche Maßnahmen gab es denn früher, die es heute nicht mehr gibt?”
            Extra-Tisch … gibt es
            Verweis aus dem Unterricht … gibt es, kurzfristig eine Erziehungsmaßnahme, für die es in meinem BL keine Konferenz braucht
            zusätzliche Aufgaben, die im Zusammenhang mit dem Verstoß stehen (Reflexion) … gibt es
            Ärger oder Schimpfen … gibt es
            Anruf zu Hause … gibt es
            Einfordern einer Entschuldigung oder Wiedergutmachung … gibt es

            Nacharbeiten … gibt es, braucht aber die Mitarbeit von Eltern
            Entzug von Vergünstigungen … gibt es, braucht aber die Mitarbeit von Eltern
            Entzug der Pause … gibt es, braucht aber die Mitarbeit von Eltern UND eine Möglichkeit, wo ein Kind womöglich unter Aufsicht bleiben kann (und diese Aufsicht gibt es in der Regel nicht)

            Verstärker-Plan mit Rückmeldung zum Verhalten zu jeder Stunde und Pause an jedem Tag mit Unterschrift der Lehrkräfte und der Eltern … gibt es, braucht aber die Mitarbeit der Eltern

            … führt aber eben bei den auffälligen Kindern zu nichts.

            Schwierig wird es dann, wenn Eltern nicht mitarbeiten wollen… und Kinder daraus ableiten, dass sie Narrenfreiheit haben.

          • Nachtrag:
            Im übrigen gibt es diese ganzen Sanktionen nur, wenn wirklich etwas vorfällt.

            Zuvor gibt es Gespräche über Regeln und Verhalten,
            Lob für das, was gut läuft,
            Lob dafür, wenn man etwas übt und es gut klappt, z.B. still arbeiten im bestimmtem zeitlichen Rahmen, den man allmählich erweitert,
            Erläuterungen, was genau man erwartet mit Beispielen oder klaren Ansagen, hinsichtlich Arbeits- und Sozialverhalten,
            Gespräche auch schon bei kleinen Streitereien und Konflikten, wie sie in Klasse 1 notwendig sind, weil viele Kinder die Konflikte noch nicht alleine klären können,
            Gewaltprävention mit Programm zum Sozialen Lernen, einschließlich Training zur Konfliktbewältigung,

            … und an der Stelle frage ich mich, warum SCHULE mehr auf Sekundärtugenden achten muss?

          • Ich weiß nicht, was es heute in der Grundschule alles noch gibt oder nicht mehr gibt. Vielleicht müsste man das nur einsetzen? Wenn aber das, was früher wirkte, heute nicht mehr wirkt, weiß ich auch kein Patentrezept.
            Ich erinnere mich aber, in einer Studie von Prof. Toprak (gebürtig aus der Türkei) gelesen zu haben, die türkischen Schüler (besonders die Jungs sowie ihre Eltern) würden eine mehr autoritäre Schule erwarten, und diese würde ihnen auch — in vernünftigem Rahmen — ganz guttun. Das “laissez-faire”, das sollte nicht übertrieben werden, weil es eben dazu reizt, die Grenzen auszuloten. Natürlich gab’s früher das entgegengesetzte Extrem: autoritäre Lehrer mit lächerlichen Reaktionen auf harmlose (freche) Bemerkungen.

          • @ Cava.,

            So manches, was früher wirkte, ist heute zurecht (!!!) verboten oder aber erheblich erschwert. Die Kuschelpädagogiker haben eben doch auch ihre Spuren in den Schulgesetzen und Verordnungen hinterlassen.

            Das Ganze ist leider von einem Extrem ins andere gefallen. Als Lehrer steht man heute oft mit dem Rücken an der Wand und fühlt sich oder ist machtlos. Dies darf man nicht, jenes muss man erst und 100 Bedingungen sind im Vorfeld zu erfüllen, damit überhaupt eine Sanktion erfolgen kann (und es gibt Kollegen, die das auch noch verteidigen, die ich Kuschelpädagogen nenne).

            Es fehlt eine Ausgewogenheit. Ausgewogen finde ich das Konzept der autoritativen Erziehung (siehe auch das Konzept der sozialwirksamen Schule).

  4. Es ist unklar, was die Studie mit Kopfnoten zu tun hat. Das ist wohl eher ein plumper Versuch, an die “Debatten” anzuknüpfen, die hier so geführt werden.

    Wenn das Leben die guten Charaktereigenschaften belohnt, gibt’s ja auch keinen Handlungsbedarf. Alles reguliert sich. Super.

  5. Die Forderung, dass die Schule wieder mehr auf “Sekundärtugenden” achten solle, dürfte dem einen oder anderen hier gar nicht gefallen. Sie gaben sich vor einiger Zeit alle Mühe diese Tugenden schlechtzureden und als Nazi-Tugenden darzustellen.

  6. Eben zum Thema passend gelesen:

    Auszug: “Die Deutschen wollen die Kopfnoten zurück. Das ist das Ergebnis einer Befragung des Instituts für Markt- und Sozialforschung (Insa) im Auftrag von CDU und CSU. Der Untersuchung zufolge wünschen sich acht von zehn Bundesbürgern, dass Ordnung, Fleiß und Respekt in der Schule wieder stärker bewertet werden. Grundsätzlich halten fast drei Viertel der Befragten das Leistungsprinzip für unverzichtbar – eine klare Absage an Schulmodelle ohne Schulnoten und Sitzenbleiben.”

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article128652505/Deutsche-wollen-Kopfnoten-und-Leistungsprinzip.html

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