Bildung kann es ohne Disziplin, Anstrengung und Fleiß nicht geben – doch wenn Schüler scheitern, ist der Lehrer schuld

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BERLIN. Lehrerinnen und Lehrer sind zunehmend verunsichert. Kein Wunder, wird von ihnen doch Unmögliches verlangt: Der Lehrer soll lehren und Wissen vermitteln, ohne dass es den Schüler anstrengt. Der Lehrer soll seine Klasse als Respektsperson führen, soll gleichzeitig aber auch Coach und Lernbegleiter sein. Der Lehrer soll für klare Regeln im Klassenzimmer sorgen, aber auch Verständnis aufbringen, wenn ein Schüler diese nicht respektiert. Gleichzeitig hat er dafür zu sorgen, dass die Leistungen der Schüler stimmen, dass sie motiviert sind, dass sich soziale Unterschiede möglichst ausgleichen. Das alles ist eine „überzogene Erwartungshaltung“, so stellen Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, und Katja Kranich, Schulleiterin des Stromberg-Gymnasiums in Vaihingen/Enz, in ihrem gemeinsamen Gastbeitrag fest. Sie fordern darin eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf die Kernaufgaben von Schule.

Sisyphos-Darstellung von Tizian von 1548. Foto: Wikimedia Commons
Sisyphos-Darstellung von Tizian von 1548. Foto: Wikimedia Commons

Ist das staatliche Schulsystem überholt? Eine provokative Betrachtung

„Viele Lehrkräfte sagen mir, dass sie durchaus dankbar wären, wenn man ihnen einmal sagte, was man genau von ihnen erwartet.“ So äußerte sich die baden-württembergische Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann Ende 2017 in einem Interview des Spiegel (Nr. 45/4.11.2017, hier kostenpflichtig herunterladbar). Was auf den ersten Blick angesichts  verpflichtender Bildungspläne verwundern und irritieren mag, erschließt sich einem bei näherer Betrachtung durchaus als bedenkenswert. Aus dieser Äußerung der Kultusministerin spricht eine tiefe Verunsicherung gerade jener Zunft, für die das Lehren und die Wissenshoheit der Kern ihrer Profession sein sollte.

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Aber weshalb ist die Erwartungshaltung an das Schulsystem und die Lehrkräfte so disparat und unklar geworden? Die allermeisten Lehrer an unseren staatlichen Schulen sind Beamte. Sie erfüllen für den Staat eine hoheitliche Aufgabe, den gesetzlich verankerten Erziehungs- und Bildungsauftrag. Und weil dies vom Staat als eine hoheitliche Aufgabe verstanden wird, stehen Lehrer ebenso wie Finanzbeamte, Polizisten und andere staatliche Funktionsträger in einem besonderen Treueverhältnis zum Staat. Sie haben dem Staat mit voller Hingabe zu dienen, wie es die sogenannten althergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums vorsehen. In der Landesverfassung von Baden-Württemberg ist der staatliche Bildungs- und Erziehungsauftrag verbindlich definiert. Der Bildungsplan gibt die Inhalte inklusive sogenannter Leitperspektiven vor. Man sollte also meinen, dass damit Aufgabe und Auftrag von Lehrkräften klar umrissen sind und daher die Erwartungshaltung unseren Lehrkräften gegenüber eigentlich eindeutig sein müsste. Die in Frau Eisenmanns Zitat zum Ausdruck kommende Verunsicherung kann also jedenfalls nicht systemimmanent bedingt sein.

Es kann sich also nur um die Anspruchshaltung handeln, die von außen an die Schulen herangetragen wird. Wie immer der vielfältige Spagat der Lehrerschaft derzeit auch aussehen mag, um diesen diversen Ansprüchen gerecht zu werden, niveaufördernd scheint er nicht zu wirken. Die letzten IQB-Ergebnisse belegen, dass das Bildungsniveau an unseren Schulen sinkt und dass unsere staatlichen Bildungseinrichtungen trotz aller Bemühungen den an sie gestellten Anforderungen offenbar nicht mehr gerecht werden können.

Doch beschränkt sich offensichtlich der Leistungsabfall nicht auf die Schule. So scheitern zum Beispiel laut SWR3 und verschiedenen Presseberichten vom Mai 2018 bei den Führerscheinprüfungen zunehmend mehr Fahranfänger. Im Südwesten scheitere inzwischen jeder dritte Fahranfänger bei der Theorieprüfung und jeder vierte beim Praxistest. Seit 2014 steige die Durchfallquote stetig (Vaihinger Kreis-zeitung, 5.5.2018). Interessanterweise sind die Gründe für den Fahrlehrerverband offensichtlich. Ein Grund, den der Chef des Fahrlehrerverbandes von Baden-Württemberg, Jochen Klima, benennt, ist der Umstand, dass der Führerschein bei den Jugendlichen nicht mehr denselben Stellenwert habe wie früher. Diese Erklärung ist sehr bemerkenswert. Denn analog zur schulischen Situation würde man erwarten, dass in der Konsequenz dieser sich verschlechternden Quote die Ausbildung der Fahrschüler hinterfragt werden würde bzw. die Qualität des Unterrichts der Fahrlehrer. Dies ist aber mitnichten der Fall. Nicht der Unterricht oder die Prüfungsmodalitäten seien das Problem, sondern die Haltung der Jugendlichen.

Da drängt sich unweigerlich die folgende Frage auf: Weshalb erfolgen die Ursachenzuschreibungen für sich verschlechternde Leistungen von Jugendlichen so unterschiedlich?

Man stelle sich vor, dass die Kultusministerin verkündet, das Schulsystem in Baden-Württemberg habe sich über Jahrzehnte hinweg bestens bewährt. Wenn die Leistungen der Schüler nun stetig schlechter werden, dann liege das vor allem daran, dass sich unsere Gesellschaft und die darin gelebte Haltung zur Schule massiv geändert habe, aber nicht daran, dass die Qualität des Unterrichts gesunken sei. Lässt man sich einen Moment auf dieses Gedankenspiel ein, so würde sich der erhobene Zeigefinger nicht mehr gegen scheinbar unqualifizierte Lehrer und ineffizienten Unterricht richten, sondern gegen Familien, in denen Schule nicht mehr oberste Priorität im Alltag der Kinder hat. Er würde einer Elterngeneration gelten, die sehr viel Zeit für ihren eigenen Lifestyle aufbringt. Er würde auf Familien abzielen, in denen sehr viele Kinder emotional auf sich allein gestellt sind und dem Erwartungs- druck ihrer Eltern standhalten müssen. Er würde Eltern meinen, die vielfach keine Mühe und Anstrengung scheuen, belastende Faktoren und jedwede Anstrengung von ihren Kindern fernzuhalten mit dem Ergebnis, dass derzeit eine Generation von Kindern heranwächst, die spürbar weniger belastbar ist. Der erhobene Zeigefinger würde sich gegen Interessensvertreter von Industrie und Handwerk richten, die die Schule zunehmend in der Pflicht sehen, Defizite, die Jugendliche bezogen auf ihr Alltagswissen und ihre Alltagstauglichkeit mitbringen, zu kompensieren. Er würde den Smartphones gelten, deren Chats die Aufmerksamkeit und Emotionen der Jugendlichen binden und die für das Lernen so wichtige Konzentrationsfähigkeit systematisch torpedieren.

Gesamtgesellschaftliche Probleme

Schule ist ein Brennglas der aktuellen gesellschaftlichen Realität und damit des aktuell vorherrschenden Zeitgeistes. Das heißt konkret, dass Probleme in der Schule gesamtgesellschaftliche Probleme widerspiegeln. Wenn die Kultusministerin im selben Interview davon spricht, dass die Schülerschaft heterogener geworden ist, dann liegt das nicht ausschließlich am Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung unter der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg, dann liegt das auch daran, dass unsere Gesellschaft zunehmend und mit beachtlicher Dynamik diffundiert und sich diversifiziert. Die individuellen Ansprüche steigen ebenso wie der Anspruch, persönliche Bedürfnisse möglichst unmittelbar zu befriedigen – und die Digitalisierung leistet dieser Entwicklung Vorschub. Individualisierte Arbeitszeitmodelle zeugen hiervon ebenso wie Internetbanking, Onlineshopping, die Nutzung sozialer Netzwerke und vieles andere mehr. Wir sind längst einer Wischkultur verfallen, in der allenfalls oberflächliches Interesse kurzzeitig gebunden werden kann. Eine vertiefte und differenzierte Auseinandersetzung mit einer Sache, in der gut Ding Weile hat, findet nur noch schwerlich Akzeptanz. Dieser vorgelebte individualistisch-hedonistische Egozentrismus färbt selbstverständlich ganz automatisch auf die in unserer Gesellschaft Heranwachsenden ab. Auch wird von Eltern die Art und Weise, wie Wissen vermittelt wird, zunehmend in Frage gestellt. Dies ist zumindest bei akademisch gebildeten Elternhäusern am Gymnasium ein Trend. Die Unterrichtenden stehen damit immer öfter unter dem Zwang, sich zu rechtfertigen, warum es Bildung ohne Konzentration, Anstrengung, Fleiß und (Selbst-)Disziplin nicht geben kann. Der Lehrer soll heute als Lernbegleiter die Selbststeuerung des Schülers so sanft wie möglich anstoßen, auf keinen Fall soll er instruieren oder gar dozieren. Der Lehrer soll lehren und Wissen vermitteln, ohne dass es den Schüler anstrengt. Der Lehrer soll seine Klasse mit einer natürlichen Autorität als Respektsperson führen, soll gleichzeitig aber auch Coach und Lernbegleiter sein. Der Lehrer soll für klare Regeln im Klassenzimmer sorgen, aber auch Verständnis aufbringen, wenn ein Schüler selbige nicht respektiert. Und strafen soll er überhaupt nicht. Strafen wird als pädagogische Bankrotterklärung gebrandmarkt. Wenn eine Lehrkraft dies nötig hat, dann hat sie den Beruf verfehlt. Der Lehrer hat dafür Sorge zu tragen, dass gelernt wird ohne Druck aufzubauen. Der Lehrer soll für Abwechslung bei der Vermittlung des Lernstoffes sorgen und sich außerunterrichtlich engagieren, also zum Beispiel mit seiner Klasse ins Schulland- heim und mit seinem Kurs auf Studienfahrt gehen, ohne dass an der Schule für seine anderen Schüler der Unterricht ausfällt. Und spätestens an dieser Stelle wird nachvollziehbar, was Lehrkräfte meinen, wenn sie unserer Kultusministerin sagen, dass sie dankbar wären, wenn man ihnen einmal sagte, was man genau von ihnen erwartet.

Umstrukturierungen institutioneller Art wie die derzeit in Baden-Württemberg anstehende Schaffung zweier neuer Institute, dem „Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung“ (ZSL) und dem „Institut für Bildungsanalysen“ (IBBW) im Rahmen des sogenannten Qualitätskonzepts werden wahrscheinlich ebenso wenig Effekte auf Art und Qualität des Unterrichts zeitigen wie der verzweifelte Versuch, dem Ruf der Wirtschaft nach mehr Lebensweltbezug gerecht zu werden, indem man im Hauruckverfahren Informatik bzw. IMP einführt, ohne dass die dafür notwendigen Lehrkräfte zur Verfügung stünden. Und ob der neue Leitfaden für die berufliche Bildung in der Oberstufe, der auf den Vorwurf hin erstellt wurde, die Schulen würden die Schüler unzureichend über die Bildungsangebote nach dem Abitur informieren, die Studienabbrecherquote wirklich verringern wird, bleibt abzuwarten.

Die Schule soll und muss in immer kürzerer Zeit kompensieren, was eine höchst dynamisch sich verändernde Gesellschaft mit neuen Lebensformen und Wertehaltungen nicht mehr zu leisten vermag. Das Kernproblem der Lehrkräfte an den Schulen sind die völlig diffusen, ja teilweise widersprüchlichen Anforderungen, die eine moderne, pluralistische und immer komplexer werdende Gesellschaft, Arbeitswelt und Elternschaft an die Schulen stellt. In diesem Spannungsfeld zwischen staatlichem Bildungsauftrag einerseits, und den verschiedensten Erwartungshaltungen von Eltern, Betrieben, Unternehmen und Hochschulen als zukünftige Wirkungsstätten der Schüler andererseits, haben sich unsere Bildungseinrichtungen zu behaupten und zu bewähren.

Vor diesem Hintergrund mag sich ein vages Gefühl einstellen, dass weder ein verändertes Konzept der Lehrerfortbildung noch ein alternatives Classroom-Management noch der Informatikunterricht ab Klasse 7 den Niveauabfall an den Schulen wirklich aufhalten wird. Das einzige, was den Schulen helfen würde, die Qualität des Lehrens und Lernens wieder zu steigern, wäre ein breiter gesellschaftlicher Konsens darüber, dass die Schule mit ihrem klaren Bildungsauftrag nicht permanent in Frage gestellt wird und vor allem die Grenzen des Machbaren akzeptiert werden. Das heißt konkret, dass wir in unserem gesellschaftlichen Machbarkeitswahn keine diffusen Erwartungen an Schulen stellen dürfen, mit der der Lehrerschaft quasi automatisch Inkompetenz unterstellt wird, wenn diese den individuell verschiedenen Anforderungen nicht nachkommt, weil sie ihnen gar nicht nachkommen kann. Diese überzogene Erwartungshaltung überträgt sich zwangsläufig auf die Kinder. Was diese diffundierende Gesellschaft bräuchte, wäre die Erkenntnis und das klare Bekenntnis dazu, dass schulische Bildung immer nur einen Teilbeitrag zu einer gelingenden (Bildungs-)Biografie leisten kann, weder als Ersatz noch als Kompensation für Erziehung bzw. Nichterziehung im Elternhaus, immer nur in Ergänzung und als Erziehungspartner der Eltern. Es wäre das Bekenntnis zu einer Schule, die mit ihrem klassischen Bildungs- und Erziehungsauftrag unsere Gesellschaft zusammenhält und damit auch als Garant für den Werteerhalt in unserer Kulturnation wirkt.

An der Grenze des Leistbaren

Wer nun meint, dass auch die Schule sich dem Zeitgeist der Individualisierung und Partikularisierung von persönlichen Interessen, Zielen, Strategien und Lebensansichten zu beugen habe, dem sei gesagt, dass das staatliche Schulsystem, so wie es derzeit von den strukturellen und personellen Rahmenbedingungen her aufgestellt ist, an einer deutlichen Grenze des Leistbaren angelangt ist. Vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle die Frage stellen, ob wir das Schulsystem, so wie es die letzten knapp 200 Jahre gewachsen ist, nicht für eine umfassende Privatisierung und damit eine Art Komplett-Individualisierung zur Disposition stellen könnten bzw. sollten.

Sollte nicht der staatlich getragene und verantwortete, aber immer stärker hinterfragte und kritisierte Bildungskonsens konsequenterweise aufgehoben werden zugunsten vielfältigster Schulprofile mit unterschiedlichsten Ausrichtungen und Anforderungen? Und sollte nicht auch die Einheitlichkeit von Bildungsabschlüssen einmal in Frage gestellt werden in Zeiten, da Firmen via „assessment center“ ihr Personal rekrutieren und nicht mehr so sehr auf die Abschlussnote schauen? Angesichts der Nicht-Vergleichbarkeit der Abiturnoten in Deutschland ist eine Einheitlichkeit ohnehin nicht gegeben – von Fairness ganz zu schweigen.

Wer das einigende Band staatlicher Verantwortung nicht mehr akzeptiert, weil er meint, es usurpiere in übergriffigem Geltungsanspruch die eigenen partikularen Erwartungen, der wäre doch mit einem facettenreichen Privatschulangebot bedeutend besser bedient. Man sucht sich das aus, was man seinem Kind angedeihen lassen möchte: von Laissez-faire bis hin zu klarer und hoher Leistungs- erwartung, von totaler Freiarbeit mit selbstorganisiertem Lernen und Lernbegleitern bis zu dem, was man heutzutage zeitgeistkonform und gerne abwertend als traditionellen Unterricht bezeichnet.

Wäre dies ein gangbarer Weg aus dem Schuldilemma? Mit dieser Lösungsvariante ist keine Wertung verbunden, vielmehr soll eine Alternative aufgezeigt werden, eine Alternative zu einem staatlichen Schulsystem, das an seine Belastungsgrenze gekommen ist und Gefahr läuft, den Stresstest der nächsten Generation nicht zu bestehen. Oder wird sich unsere Gesellschaft besinnen können und endlich anerkennen, was Schule de facto leistet und was Schule uns allen wert sein sollte. So sehr dies zu wünschen wäre, so wenig dürfte es ernsthaft zu erwarten sein.

Die Autoren

Katja Kranich ist Gymnasiallehrerin für Deutsch, Geschichte und Ethik – und seit 2014 Schulleiterin am  Vaihinger Gymnasium. Gegenseitige Wertschätzung und das Miteinander an der Schule seien ihr wichtig, so erklärte die Oberstudiendirektorin der Vaihinger Kreiszeitung anlässlich ihrer Berufung zur Schulleiterin. „Neben all den gymnasialen Bildungsansprüchen, die ich natürlich auch vertrete und hinter denen ich stehe.“

Bernd Saur ist seit 2008 Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg, er ist Fachberater für Englisch am Regierungspräsidium Tübingen und unterrichtet am Albert-Einstein-Gymnasium in Ulm-Wiblingen die Fächer Englisch und Französisch.

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28 KOMMENTARE

  1. Die Überschrift ist meine Rede, zumal die Anforderungen inzwischen so weit gesenkt wurden, dass allein Fleiß und Selbstdisziplin ohne nennenswerte Begabung der Abschluss an der richtig ausgesuchten Schulform locker machbar ist – ohne Nachhilfe, Druck, übermäßiges Ackern usw..

    • Ja, die Überschrift bzw. der Vortext, aber im Haupttext steht xxx ja was ganz anderes: Da Einigkeit in einer freiheitlichen Gesellschaft darüber nicht zu erzielen, was Schule KONKRET anerziehen und beibringen soll, sollte man Schule privatisieren und jeder sucht sich die Schule, dessen Konzept er für sein Kind wünscht.

      Interessante Idee. Nur, warum müssen Schulen dafür privatisiert werden? Warum kann man das Konzept der “Selbstständigen Schule” nicht konsequenter ausweiten und Einzugsbereiche generell aufheben? Dann kann sich auch jede Schule “selbst definieren” und Eltern suchen sich die Schule danach aus.

      Eigentlich geschieht das doch schon teilweise. Die meisten Eltern aber nehmen doch die Schule, die in der Nähe ist und die Schulkonzepte sind oft nur der kleinste gemeinsame Nenner aus vielen verschiedenen Ansichten. Dann bräuchte man also Privatschulen ohne Mitbestimmung jeglicher Art und der Chef (des Trägers?) sagt, was für eine Schule es sein soll.

      Dann sind Lehrer wirklich nur noch “Personal”. (An manchen Privatschulen ist das heute schon so.)

      • Eine durchgängige Privatisierung des Schulwesens würde also nicht zu mehr, sondern zu noch weniger Wertschätzung der Lehrer führen. Sie müssen machen, was der “Chef” sagt und der verlangt, was seine Kunden zufriedenstellt.

        Privatwirtschaft eben. Man höre sich mal im gegenwärtigen Privatschulbereich um.

  2. Herzlichen Dank an die Autoren für diesen wichtigen Gastbeitrag – und an N4t für die Veröffentlichung.

  3. Es gibt keinm Lernen ohne intellektuelle Anstrengung. Und dann nocvh etwas: Der Lehrer kann einem Kind erklären, welchge Merkmale und Eigenschaften ein Ball hat. Aber wie ein Kind einen Ball auf einem Bild erkennt, das kann der Lehrer dem Kind nicht beibringen, das ist eine Konstruktionsleistung der Wahrnehmung des Einzelnen. Und jetzt: Die Kinder fordern unisono, dass der Lehrer ihnen beibringt, wie sie ein Binom in einem mathematischen Zusammenhang erkennen, sonst könne er nicht erklären. DSas aber zu leisten, ist aus o.a. Gründen gar nicht möglich.

    • Richtig. Der Lehrer kann den Kindern das Trainingsgerät zeigen, dessen Bedienung vormachen und erklären sowie ihnen beim Training helfen. Trainieren müssen die Kinder aber selbst, auch wenn das langweilig oder uncool ist. Das gilt besonders für Mathe und Latein, bei dem jeder Trainingsrückstand sofort auffällt.

    • Die Autoren tun so, als wären sie in der Erwachsenenbildung tätig. Schon der vorgenommene Vergleich mit dem Fahrlehrer zeigt, wie falsch der Ansatz ist: Ein Fahrlehrer hat natürlich keinen Erziehungsauftrag – die Schule schon. Die Schule ist zu einem guten Stück eben mit dafür verantwortlich, dass Kinder genau diese Leistungsbereitschaft entwickeln, deren Fehlen im Beitrag beklagt wird.

      Es wäre angezeigt, wenn die Gymnasien endlich ihren Erziehungsauftrag akzeptieren würden. Dass sie das nicht ausreichend tun, darauf gibt es aktuell mal wieder einen deutlichen Hinweis: Offenbar verlieren die Gymnasien viele ihrer begabten, aber aus bildungsfernen Famlien stammenden und von zu Hause nicht geförderten Schüler. Dass solche Kinder an vielen Gymnasiem sich selbst überlassen bleiben, ist – ehrlich gesagt – ein Armutszeugnis.

      Hier ist der Bericht dazu: https://www.news4teachers.de/2018/06/studie-niedriger-bildungsgrad-der-eltern-beeinflusst-die-schulnoten/

      Gleichwohl ist es durchaus richtig, dass die Erwartungshaltungen gegenüber Lehrkräften gewachsen und damit bei der derzeitigen Ressourcenausstattung unerfüllbar geworden sind. Deshalb wäre es notwendig, wenn die Lehrerverbände sich zusammenschlössen, um gemeinsam dafür zu kämpfen, dass Lehrerinnen und Lehrer die Unterstützung bekommen, die sie benötigen – durch eine ausreichende Zahl von Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Lerntherapeuten etc. Doch was machen die Philologen? Sie drehen an genau der Schraube, deren Existenz sie oben im Beitrag beklagen. Statt die Grundschulen, die gerade in Baden-Württemberg nach VERA und der IQB-Studie massiv unter Druck geraten sind, zu unterstützen, wird von Philologenseite noch draufgehauen – und eine Phantomdebatte um “Schreiben wie Hören” befeuert (um von der unsäglich begründeten A14-Forderung gar nicht zu reden). Von den Arbeitsbedingungen der Kolleginnen und Kollegen ist keine Rede. Heißt: Der Philologenverband tut gegenüber den Grundschulen selbst das, was er im Beitrag oben beklagt – nämlich die Erwartungen an Lehrkräfte ins Unerfüllbare zu schrauben.

      Das nennt man dann wohl scheinheilig.

      • @Anna
        Der Vergleich mit den Fahrprüfungen wurde doch nur gezogen, um verdeutlichen, dass die Arbeitshaltung der Schüler selbst zu den selbst gewählten Interessensgebieten und Lerninhalten, die auch noch mit eigenen finanziellen Ausgaben verbunden sind, sich verschlechtert hat
        Und diese veränderte Arbeitshaltung zu Lerninhalten spielt auch im späteren beruflichen Leben eine entscheidende Rolle, um erfolgreich im späteren Beruf zu sein.

        • Natürlich sind Schüler im Nachteil, die von den Eltern nicht vermittelt bekommen, dass man sich auch mit unangenehmeren Lerninhalten auseinandersetzen muss , um schließlich bei einsetzendem Erfolg an diesen Sachgebieten Freude zu gewinnen.
          Wer meint , eine erfolgreiche Arbeitshaltung dadurch zu vermitteln, dass man immer Spaß an Lerninhalten haben muss, der vermittelt den Schülern eine falsche Arbeitshaltung.
          Im beruflichen Alltag gibt es schließlich auch weniger angenehme Arbeitsbereiche, die aber mit dem selben Engagement umgesetzt werden sollten, um erfolgreich zu sein. An andere die Probleme abzugeben ist äußerst unsolidarisch.
          Diese Arbeitshaltung ist auch einer der Gründe für die hohe Abbrecherrate im Studium.

          • Im übrigen macht man nicht die Lehrer verantwwortlich für das Versagen der Schüler, sondern bestimmte, ineffektive Methoden aus dem Repertoire der neo-reformpädagogischen Spaßbox, die von praxisfernen Theoretikern ohne ausreichende Grundlagen schließlich auf Betreiben der Kultusministerien implementiert wurden, und das noch wissenschaftlich fundierte Begleitung.
            Was Hänschen nicht lernte , lernt Hans eben nimmer mehr.

      • Schule ist keine Versicherungspolice für all das, was in anderen Lebensbereichen nicht geleistet wird. Mehr als 100% sind nicht drin. Da kann man die rhetorische Moralkeule schwingen wie man will.

      • Anna: “Statt die Grundschulen, die gerade in Baden-Württemberg nach VERA und der IQB-Studie massiv unter Druck geraten sind, zu unterstützen, …
        Ich sehe nicht, dass im obigen Artikel auf die Grundschulen geschimpft wird. Es heißt stattdessen: “… dass derzeit eine Generation von Kindern heranwächst, die spürbar weniger belastbar ist.” Das bezieht sich klar auf die Eltern. Warum aber die Grundschultests gerade in Baden-Württemberg schlechter ausgefallen sind wie vorher, muss doch eine rationale Ursache haben. Davon hört man nichts mehr von Frau Eisenmann. Die pure Überlastung der Lehrer kann das nicht sein, Vorher gab’s doch auch nicht mehr Stellen. Die “vermurkste Inklusion” könnte es sein, aber davon redet ja keiner von den Inklusionsbefürwortern.
        Aus Sicht des Philologenverbands spielt bestimmt auch der eingeführte Übergang mit dem “Elternwillen” statt der Grundschulempfehlung eine Rolle, womit mehr ungeeignete Bürgerkinder auf dem Gymnasium ankommen und gleichzeitig die begabten Kinder aus bildungsfernen Schichten weniger. Sollen wir glauben, dass das sich bewährt hat? Ich finde es vernünftig, was die Autoren schreiben. Könnte es nicht sein, dass aus Schülersicht die Schule weniger wichtig genommen wird als früher, eben weil es immer mehr Ablenkungen gibt? Da steht was von Dingen, die “die für das Lernen so wichtige Konzentrationsfähigkeit systematisch torpedieren.” Alles gelernt und sofort wieder vergessen, war davon nicht schon mal hier im Forum die Rede (das kleine 1×1 nach den Sommerferien) ?

  4. Jeder weiß, dass in den meisten Grundschulen im Anfangsunterricht mit Anlaut-Tabellen Schüler der ersten Klasse trainieren , eigenständig Wörter zu schreiben und freie Texte zu verfassen.
    So zum Beispiel mit den Delfin-Heften vom Jahndorf -Verlag, bei der “Rechtschreibwerkstatt”, den Fibeln “Konfetti”, “Pusteblume” und diverse anderen “Le(e/h)rwerken”.
    Und jetzt behaupten Sie wieder, als geschehe das nicht im Methodenmix, bei dem im Anfangsunterricht nicht gleich instruierend, sondern selbst erforschend und eigen initiativ sich die Schüler selbst die Schriftsprache über Übungen mit diesen Tabellen beibringen sollen. Kinder sollen vom ersten Tag an selbständig eigene Textproduktion zum verfassen von eigenen Ideen und Gedanken nutzen.
    Fehler würden sich nicht einprägen und die Kinder entwickeln eigene Schreibstrategien.
    Nur diese bleiben eben im Gedächtnis als synaptische Verbindungen gespeichert hängen, was auch von Prof. M.Spitzer (Ulm)und Prof. Güntürkün (Bochum) , sowie auf anderer Ebene von Sprachwissenschaftlern gestützt wird.

    • Sie schreiben doch gerade selbst, dass im Anfangsunterricht die Anlaut-Tabellen Teil des Materials von Fibeln sind. Gleichzeitig behaupten Sie, es würde erwartet, dass SuS “vom ersten Tag an” sich alles selbst beibringen sollen. Was denn nun?
      Womöglich müssen auch die Fibeln und weitere Lehrwerke in anderen Fächern noch aus dem Unterricht gestrichen werden, zudem sämtliche Arbeitsblätter und Arbeitshefte sowie Anschauungsmaterial jeglicher Art, da man ja sonst Gefahr läuft, dass die Kinder damit sich selbst überlassen werden.

      Oder wie sieht Ihre Alternative aus?

      • Die Alternative ist die strukturierte Vermittlung der Haupt- und Orthographeme unter einer schrittweisen Einführung durch den Lehrer mit gemeinsamen Schreibübungen in den Klassen. Dabei gibt der Lehrer unmittelbar eine Hilfestellung.
        So läuft das inzwischen in der ehemaligen Grundschule der ältesten Kinder.
        Aber gerade die älteren Lehrerinnen tun sich mit der starkeren instruierenden Methodik schwer. Es wird sehr viel mehr direkt mit den Schülern gearbeitet, und es ist deutlich leiser. Nebenbei helfen sich die Schüler gegenseitig.

        Es existieren noch andere Fibelwerke, in denen die Anlauttabellen als Gedächtnistütze dienen, diese aber nicht als zentrales Arbeitmittel zum eigenständigen und selbst erforschen Erlernen der schriftsprache eingesetzt werden.
        Eine Anekdote:Zu meiner Grundschulzeit 1966 in der ersten Klasse hat ein Schüler versucht mit Hilfe der ausgehängten ABC-Karte Wörter zu schreiben. Der Lehrer in Rendsburg bemerkte dieses eigenständige Vorgehen an den eigenartigen Schreibweisen des Schülers, hängte danach bis zur Erarbeitung der Haupt-und Orthographeme die Buchstabenkarte ab und erklärte uns das Zustandekommen der falschen Schreibungen durch die nicht vorhandene 1:1 Übertragbarkeit der Graphem Phonem-Verbindung. Außerdem war er linguistisch sehr gut geschult und so erlernten wir sehr schnell unter der weiteren Anwendung neuer Buchstaben mit einer strukturierten Vorgabe sicher orthographisch korrekt zu schreiben.

        • Welche Fibelwerke nutzen denn die Anlauttabelle nicht oder nur als Gedächtnisstütze, wenn die o.g. und “diverse andere” dies nicht tun?

          Mit welchem sachlichen Grund vermischen Sie das Nutzen von Anlauttabellen mit der Behauptung, es sei bei deren Einsatz lauter in der Klasse?
          Mit welchem sachlichen Grund vermischen Sie das Nutzen von Anlauttabellen mit der Behauptung, Lehrkräfte würden im Unterricht mit einem Lehrwerk ohne Anlauttabelle den Kindern helfen oder die SuS untereinander würden sich helfen, im anderen Unterricht aber nicht?

          Sie werfen alles durcheinander und meinen, dadurch den von Ihnen präferierten Unterricht als günstig darstellen zu können. Auch behaupten Sie immer wieder, die Einbeziehung einer Anlauttabelle und das eigenständige Verschriften einzelner Worte, was als EIN Teil des weit umfangreicheren Unterrichts möglich ist, wie ja Ihre Aufzählung von Materialien und Fibeln zeigt, käme ausschließlich dem eigenständigen, unbegleitetem Lernen gleich.
          Warum nur wird dann nicht allein die Anlauttabelle veröffentlicht, sondern zusätzlich noch ein ganzes Lehrwerk mit passenden Arbeitsheften zum Lesen und Schreiben?

          • Ich werfe gar nichts durcheinander. Ich beschreib das was ich sehe und von Kollegen aus Nachbarstädten erfahren habe. Die benannten Lehrwerke nutzen eben diese Anlaut-Tabellen als zentrales Arbeitsmittel im so genannten selbst erforschenden Schriftspracherwerb der Schüler in der ersten Klasse. Und da wird dann eigeninitiativ drauf losgeschrieben. Orthographische Hilfestellungen wurden oder werden ausgeklammert und so entstanden und entstehen die eigenartigsten Wort-Gebilde und Wort-Ruinen, die man sich vorstellen kann, wie der Ersatz des Schwa-Lautes-e in der Endsilbe durch ein a , wie” Mesa, Muta”,oder Graphem-Kombinationen wie “Schtain, Schtul, Fata, komen, etc.
            So wurde und wird hier im Anfangsunterricht noch praktiziert und dies ohne eine strukturierte Anleitung unter Vermittlung der Grapheme nach deren Häufigkeit.
            Die “Karibu-Fibel” und das” ABC der Tiere” sind zwei Werke die diese Tabellen als Merkstütze verwenden.

          • Karibu – aus der Lehrplansynopse
            „Die Kinder haben viele Möglichkeiten selbstständig (auch mit der Schreibtabelle) Wörter, Sätze und erste Texte zu verfassen.“

            ABC der Tiere – aus der Erläuterung der Schülermaterialien
            „Mit der Schreibtabelle können die Kinder Schreibversuche mit noch unbekannten Buchstaben durchführen. Je nach Leistungsstand schreiben sie Wörter oder Texte.“

            Pusteblume – aus der Kurzbeschreibung des Konzepts:
            “Mit dem Buchstaben-Ordner können Sie Ihren Unterricht sowohl offener gestalten als auch einen lehrgangsgestützen Unterricht umsetzen. Die Pusteblume 1 schlägt Ihnen eine sinnhafte Buchstabenreihenfolge vor, die Sie aber auch beliebig variieren können.”

            Konfetti
            “Die Konzeption bietet einen roten Faden und Sicherheit, aber selbstverständlich können die Kinder ihren Lernweg und ihr Lerntempo auch weiterhin selbstständig steuern!”

            Immer geht es um ein Nebeneinander von Lehrgang und Anlauttabelle. Die Betonung eines Lehrgangs oder die Öffnung ergibt sich im Einsatz des Materials und durch das Setzen von Impulsen oder Schwerpunkten. Dies obliegt der Lehrkraft!

          • Wir haben hier aber bei der Anwendung von ABC der Tiere auf diesen Zugang zum Schriftspracherwerb auf die Tabelle verzichtet.
            Diese Tabelle ist dem derzeitigen Trend geschuldet. Allerdings sind nur zoologische Tiere der Welt mit dem zugeordneten Anfangsbuchstaben abgebildet.

      • Von mir und anderen Kritikern wird der Einsatz der Anlauttabellen als zentrales Hilfsmittel in Verbindung mit einem eigenständigen und selbst erforschenden Schriftspracherwerb genannt.
        Als Gedächtnisstütze mögen diese noch eine Funktion haben , aber dadmit selbständig zu schreiben ohne eine Instruktion und eine begleitende Einführung der Grapheme geht gar nicht gut aus. Und wenn dann noch ohne Fehlerrückmeldungen geschrieben wird, verinnerlichen die Schüler eigene Schreibregeln. Ich habe mir die fehlenden Schreibfortschritte der Schüler angesehen, die bis zum Ende der vierten Klasse bei diesen merkwürdigen, eigenen Schreibregeln blieben. das ist alles Folge einer fehlenden strukturierten Arbeitsweisemit den Schülern. Und die Eltern waren richtig aufgebracht.

        • Zeile 3: ….genannt als Grund für die Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb . Man behindert damit den schnellen Erwerb der Fähigkeit zur Erlernung einer flüssigen und automatisierten Beherrschung der Schriftsprache unter der sicheren und orthographisch korrekten Anwendung der Grapheme.

  5. Zum Titel-Thema Bildung und Schule gibt es ein sehr respektloses, geradezu destruktives Zitat von R.D.Precht:
    “Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn man alles vergessen hat, was man in der Schule lernte.”
    Quelle: http://usualredant.de/weisheiten/philosophen-und-denker.html
    Was sollen wir davon halten? Trifft das vielleicht auf Precht selber zu? Da gibt’s noch mehr geflügelte Worte, auch von Marx, Nietzsche, Schopenhauer usw. (ohne Garantie der Authentizität).

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