Ruhrgebietsstudie: Stipendienkultur bevorzugt Akademikerkinder

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DUISBURG. Die Herkunft entscheidet mit darüber, ob sich Schüler und Studenten für ein Stipendium überhaupt bewerben oder nicht. Schulen kommt dabei eine besondere Rolle zu. Das haben Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum ermittelt. Gerade bei Berufskollegs und Gesamtschulen komme oft gar nicht der Gedanke auf, die eigene Schülerklientel könnte geeignet sein.

Stipendien ermöglichen eine finanzielle Unterstützung für besonders leistungsstarke und engagierte Studenten. Damit könnten sie gut dazu beitragen, dass unterschiedliche Ausgangsbedingungen von Schülern und Studenten ein Stück weit ausgeglichen werden. Doch schon bei der Stipendienbewerbung zeigt sich, dass Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien sich nur selten um ein eine entsprechende Förderung bewerben. Weniger als ein Drittel der Bewerber haben keinen akademischen Hintergrund.

Stipendien werden meist an Kinder aus Akademiker-Familien vergeben. Foto: Mikael Lundgren - Bild i Norr / Wikimedia Commons, (CC BY 3.0) (bearbeiteter Bildausschnitt)
Stipendien werden meist an Kinder aus Akademiker-Familien vergeben. Foto: Mikael Lundgren – Bild i Norr / Wikimedia Commons, (CC BY 3.0) (bearbeiteter Bildausschnitt)
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Schulen und Hochschulen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, denn mehr als 90% der Teilnahmen an Auswahlverfahren für die Begabtenförderung gehen auf Vorschläge von Schule oder Uni zurück. Wie es um die Stipendienkultur im Ruhrgebiet bestellt ist, haben Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum untersucht.

„Im Ruhrgebiet hat eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen aufgrund der sozialen Lage ihrer Familien schwierigere Ausgangsbedingungen“, so Felix Streiter von der Stiftung Mercator, die die Untersuchung gefördert hat. Stipendien könnten und sollten daher „ein wichtiger Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit sein“.

Bislang ist die Stipendienkultur im Ruhgebiet allerdings nur schwach ausgeprägt, so ein zentrales Ergebnis der Studie. Nachteile für Schüler und Studierende beim Zugang zu Stipendien, die sich aus ungünstigen Lernvoraussetzungen und einer geringeren Kenntnis des akademischen Systems ergeben, würden nur selten kompensiert.

Gerade bei Berufskollegs und Gesamtschulen komme oft gar nicht der Gedanke auf, die eigene Schülerklientel könnte für ein Stipendium geeignet sein. Vielen Lehrern sei die Möglichkeit, Schüler aktiv für ein Stipendium vorzuschlagen, nicht bekannt. Initiative hängt meistens an einzelnen Köpfen. Vor allem das Bewusstsein für Stipendienförderung müsse daher im Ruhrgebiet gestärkt werden, so Studienautor Bernd Kriegesmann.

Und auch im Hochschulbereich lägen noch unerschlossene Potenziale. So sei die Sensibilität in Zentralbereichen der Hochschule durchaus ausgeprägt, stoße in den Fachbereichen aber an Grenzen. Nicht selten konzentrierten sich Schulen und Hochschulen auf die breite Masse und vernachlässigten die Förderung einzelner Talente.

Doch würden begabte junge Menschen aus nicht-akademischen Elternhäusern nicht nur oft übersehen. Ganz überwiegend seien dann auch noch die institutionellen Voraussetzungen für die Stipendienförderung zu komplex und in der Tendenz für eine Klientel „aufgestellt“, so Kriegesmann, die auch allein den Weg zu einem Stipendium gehe.

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Insgesamt greife die Selektivität bei der Studienförderung im Ruhrgebiet mit einer geringeren akademischen Prägung und sozial mitunter schwächeren Familienhintergründen deutlich stärker als anderswo. Zugleich deuteten die Befunde darauf hin, dass noch erhebliche ungenutzte Reserven für die Weiterentwicklung der Stipendienförderung im Ruhrgebiet vorliegen.

Sich intuitiv erschließende Unterstützungsangebote könnten die engagierten Kräfte in Schulen und Hochschulen unterstützen, Stipendien aktiv als Instrument der Talentförderung zu etablieren. „Es muss zur Normalität werden, junge Menschen mit ihrer Leistung im Lebenskontext zu fördern und zu fordern“, meint Kriegesmann. Neben einer Steigerung der Bildungsgerechtigkeit liegen darin große Potentiale für die Region, denn Wenn Schüler und Studenten aus nicht akademisch geprägten Familien vorgeschlagen würden, setzten sie sich mit der gleichen Wahrscheinlichkeit im Auswahlverfahren durch wie die jungen Menschen aus akademisch geprägten Elternhäusern. (zab, pm)

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5 KOMMENTARE

  1. “Nicht selten konzentrierten sich Schulen und Hochschulen auf die breite Masse und vernachlässigten die Förderung einzelner Talente.”

    Was sollen wir auch sonst machen? Die Schüler, die es am wenigsten verdienen, ziehen die größte Aufmerksamkeit auf sich, weil sie andernfalls den Unterricht komplett verhindern. Außerdem ist es ja Vorgabe von Schulleitung, Eltern, OECD usw. möglichst alle Schüler zum Abitur zu führen. Mit welchen Fächern, welcher Note usw. ist da egal.

  2. Beim NC entscheidet die Note, bei der Bafög-Rückzahlung bzw. einem Teilerlass entschied die Note … warum kann das bei Stipendien nicht so sein?

    • Dadurch würden aber die Akademikerkinder statistisch belegt weiter bevorzugt werden, was aber entgegen der politischen Agenda ist.

      • Stimmt vermutlich, wobei nicht klar ist, wie stark durch derzeitige Vergabe die Akademiker profitieren und ob diese Änderung schon etwas bewirken könnte.
        Wie könnte es sonst gehen?

  3. Quark, im Ruhrgebiet gab es neben den Fachhochschulen und wenigen Hochschulen/Universitäten eben auch die Berg- und Hüttenschulen, an denen das Personal für das mittlere Management im Montanbereich ausgebildet worden ist. Die waren auf Stipendien nicht angewiesen.

    Heute, in Zeiten in denen die FH Agricola zur TU Agricola mutiert ist, sieht das eben anders aus.

    Der Umbruch der Industrielandschaft Ruhrgebiet hat eben auch Auswirkung auf den Wissenschaftsstandort Ruhrgebiet, dessen akademischer Nachwuchs in früherer Zeit ja so gut wie überhaupt nicht – Kaiser WilhelmII sei Dank – vor Ort studieren konnte.
    Tempora mutantur nos et mutamur in illi – hoffen wir ‘mal …

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