Bedeutet Inklusion “Einheitsunterricht für alle”? Von wegen – das gegliederte Schulsystem zwingt Lehrer zur Gleichmacherei!

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BERLIN. Die Inklusion ist heiß umstritten. Über die Hälfte der Lehrkräfte in Deutschland, 54 Prozent, sprachen sich im vergangenen Jahr in einer vom VBE initiierten Umfrage für den gemeinsamen Unterricht aus – trotz der schlechten Bedingungen. Andersherum: Immerhin 42 Prozent der Lehrer hielten es danach auch im Falle angemessener finanzieller und personeller Rahmenbedingungen für sinnvoller, wenn Kinder mit einer Behinderung in speziellen Förderschulen unterrichtet werden. (News4teachers berichtete) Nicht selten wird das mit grundsätzlichen Einwänden begründet – und die nimmt sich unser Gastautor Prof. Hans Wocken in einer dreiteiligen Streitschrift vor. Im 1 Teil widmete er sich der Behauptung, „Inklusion ist eine Gleichheitsreligion“.  Jetzt, im 2. Teil, geht es um den angeblichen “Einheitsunterricht für alle”.

Zielgleicher Unterricht ist in inklusiven Klassen nicht möglich. Foto: Shutterstock

„Inklusion ist Kommunismus für Schulen!“

2. „Inklusion bedeutet Einheitsunterricht für alle!“

Inklusiver Unterricht und Inklusive Didaktik sind Themen, die von den Inklusionsopponenten recht selten artikuliert werden, Unterricht und Didaktik sind eher No-Go-Themen. Auf die Frage: „Welche didaktischen Konzeptionen empfehlen Sie für den Umgang mit heterogenen Lerngruppen?“ hat der Inklusionskritiker Bernd Ahrbeck mit entwaffnender Ehrlichkeit geantwortet: „Zu diesem Thema kann ich keine Empfehlung geben, ich bin kein Spezialist dafür“ (in: Müller u.a. 2018, 249).

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Ungeachtet des offenkundigen Desinteresses an Unterricht und Didaktik haben die Inklusionsgegner und -kritiker dennoch eine entschiedene, fest gefügte Meinung darüber. Ihr unerschütterliches Urteil über einen inklusiven Unterricht bringen sie unablässig und dezidiert mit einer einzigen verächtlichen Aussage zum Ausdruck: „Inklusion bedeutet Einheitsunterricht für alle!“ Felten nennt diesen „Einheitsunterricht“ in einer „Einheitsschule“ ungeschminkt so, wie er auch in anonymen Internetforen oder in den Lehrerzimmern der höheren Schulen traktiert wird: „Einheitsbrei“ (Felten 2017, 117). „Dieser Einheitsbrei wird allen Beteiligten nicht gerecht“ – so begründete etwa eine Bremer Schulleiterin ihre Ablehnung einer Inklusionsklasse an einem Gymnasium.

Inklusiver Unterricht wird imaginiert als Frontalunterricht pur. Die höchst unterschiedlichen Kinder einer heterogenen Lerngruppe werden nicht unterschiedlich, sondern gleich behandelt, über einen Kamm geschoren. Darüber hinaus werden nach Ansicht der Opponenten die Besonderheiten von Kindern mit Behinderungen durch „Dekategorisierung“ unsichtbar gemacht und damit nivelliert. Die Negation realer Differenzen ist ein weiterer Schritt der „Einheitsdidaktik“, eine Pseudo-Egalität von Kindern mit und ohne Behinderung herzustellen. Das Zerrbild eines inklusiven Unterrichts ist eine Art „Rasenmäher-Didaktik“. Als Beleg für den unterstellten pädagogischen Uniformismus in der Inklusion reichen bei Felten (2017) ein paar Stories und Schauergeschichten. Die Notwendigkeit, den angeblichen „Einheitsunterricht“ auch durch seriöse Erfahrungsberichte oder empirische Untersuchungen zu belegen, kommt nicht in den Sinn und scheint sich auch angesichts der volkstümlichen Plausibilität des „Einheitsbreis“ zu erübrigen. Hinter dem Schimpfwort „Einheitsunterricht“ steckt natürlich wieder einmal der Verdacht des „Egalitarismus“ (Kraus 2017), der im ersten Teil schon als antisozialistische Störung der Inklusionsopponenten beschrieben wurde.

Das Buch

Die drei Beiträge des Essays sind Textauszüge aus dem neuen Buch von Hans Wocken: “CONTRA Inklusionskritik. Eine Apologie der Inklusion”. Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Darin setzt sich Deutschlands renommiertester Inklusionsexperte meinungsstark und wortgewaltig mit dem Lager der ideologischen Inklusionsgegner auseinander und wirft ihm fehlende Redlichkeit, einen Unwillen zur fachlichen Auseinandersetzung und einen interessengeleiteten, unfairen und nichtrationalen Duktus der Formen der Auseinandersetzung vor. Dem Ziel der Inklusionsgegner, behinderte Kinder wieder in Sonderschulen zurückzudrängen, tritt Wocken mit seiner neuesten Textsammlung, die mit einem Prolog von Pablo Pineda, einem spanischen Lehrer mit Down-Syndrom, eröffnet wird, entgegentreten.

Das inklusionsdidaktische Fremdbild der Inklusionsopponenten und das inklusionsdidaktische Selbstbild der Inklusionsproponenten weisen keinerlei Gemeinsamkeiten auf, sie liegen wahrlich meilenweit auseinander. Die Erkennungsmelodie der Inklusion ist eine „Pädagogik der Vielfalt“ (Prengel 2006). Mit ungläubigem Erstaunen und fassungslosem Kopfschütteln nehmen die Inklusionsproponenten war, dass der inklusiven Schule ein „Einheitsunterricht“ angedichtet wird. Einen gleichmacherischen Einheitsunterricht verortet die Inklusion dagegen eher in den Schulhäusern des gegliederten Systems. Insbesondere in den höheren Sekundarschulformen, also in der Realschule und im Gymnasium, wird nämlich paradoxerweise genau jener „Einheitsunterricht“ exekutiert, den die Inklusionsopponenten der Inklusion unterstellen und vorwerfen. Diese Behauptung sei en Detail belegt.

1.     Gleiche Schüler

Der gegliederten Sekundarstufe des bundesdeutschen Schulsystems liegt die sogenannte Begabungsideologie zugrunde. Diese besagt, dass es für verschiedene Begabungen auch verschiedene, „begabungsgerechte“ Schulen geben muss. In Deutschland gibt es genau drei Begabungstypen, die passgenau dem Gymnasium, der Realschule oder der Hauptschule zugeordnet werden können. Wissenschaftlich ist diese Ideologie von der Dreifaltigkeit der Begabungen allerdings längst erledigt (Stern 2005).

Ziel und Aufgabe eines gegliederten Schulsystems ist es nun, möglichst homogene, begabungsgleiche Schülerkollektive zu bilden. „Für die ‚begabungsgerechte‘ Schule werden die passenden Schüler gesucht. Das System Schule steht unveränderlich fest, die zu lösende Aufgabe ist die Auswahl („Selektion“) der richtigen Schüler“ (Wocken 2013, 245). Das Endziel allen Einteilens und Sortierens ist die homogene Jahrgangsklasse: Je gleicher die Schüler einer Klasse sind, desto besser. Dem Ziel einer maximalen Homogenität der Schülerinnen und Schüler innerhalb der Schulformen und innerhalb der Schulklassen ist das gegliederte Schulsystem mehr als ein Jahrhundert vergeblich hinterhergerannt. Es konnte zu keiner Zeit perfekt realisiert werden, gilt aber unverändert und unwidersprochen als das untadelige Kriterium einer optimalen pädagogischen Einteilung von Schülern.

2.     Gleiche Ziele

Die inklusive Schule verkündet frank und frei als eines ihrer prioritären, ja unverzichtbaren Grundsätze das Prinzip des zieldifferenten Lernens. Bei dem Prinzip des zieldifferenten Lernens läuten auf den Fluren eines säuberlich gegliederten Schulwesens alle Alarmglocken – völlig verständlich! Eine Realschule, in der sich auch „ungeeignete“ Hauptschüler aufhalten, oder ein Gymnasium, das auch geistig behinderte Schülerinnen und Schüler besuchen – beides absolut undenkbar. Das Gymnasium und die Realschule fordern kompromisslos absolute Zielgleichheit. Wer das Ziel dieser Schulen nicht zu erreichen imstande ist, ist nicht inkludierbar und für diese Schulformen ungeeignet. Die ungeeigneten Schülerinnen und Schüler werden mit dem geflügelten Wort: „Du gehörst hier nicht hin!“ des Feldes verwiesen.

3.     Gleiche Inhalte

Die Schulformen des Bildungssystems haben durchweg einen festen Kanon von Inhalten, der verpflichtend von allen Schülerinnen und Schüler ohne Ansehung ihrer Person anzueignen ist. Weit über 90 Prozent dessen, was in der Schule gelernt werden muss, gehört zum Pflichtpensum. Alle müssen das Gleiche lernen, lautet das rigorose Gebot des Einheitsunterrichts. Für die Entfaltung eigener Interessen und individueller Potentiale lässt die Gleichheitsschule sehr wenig Raum.

4.     Gleiche Zeit

Das Lernen in der Schule ist getaktet. Ein bestimmter Stoff muss zwingend von allen in einer vorgegebenen Zeit angeeignet werden, danach wird abgerechnet und zum nächsten Stoff übergegangen. Schulisches Lernen in der „normalen“ Schule heißt weitgehend Lernen im gleichen Schritt und Tritt. Einmal jährlich erfolgt eine große Prüfung, ob das Jahrgangspensum geschafft wurde und die verbindlichen „Standards“ erreicht worden sind. Bei größeren Lücken in zentralen Leistungsfächern muss das gesamte Stoffpensum von vorne bis hinten noch einmal durchgearbeitet werden. Die Sitzenbleiber erhalten eine letzte Chance, die Abweichungen vom geforderten Mainstream auszubügeln, um dann wieder mit der Kolonne mitmarschieren zu können.

5.     Gleiche Wege

Nach Comenius sollen sich in der Schule „alle alles vollständig“ („omnes omnia omnino“) aneignen; zu ergänzen wäre: auf die gleiche Art und Weise. In methodischer Hinsicht ist die heutige Schule sicherlich erheblich flexibler und variabler als die denkwürdige alte Schule mit festgeschraubten Sitzreihen, gleichwohl dürfte der Frontalunterricht unverändert die dominante Unterrichtsform sein. Je höher die Schulstufe und je höher die Schulform, desto gleichförmiger die Lehr- und Lernprozesse. Offener Unterricht, Freiarbeit, Portfoliomethode, Planunterricht, Lernbüros, Logbücher, Kooperative Lernformen und andere Methoden eines indirekten Unterrichts sind der gleichheitsfixierten Unterrichtslehre suspekt und fremd. Die ansonsten präferierte Maxime „Freiheit statt Gleichheit“ (Kraus 2017) fällt bei der Gestaltung des Unterrichts schlagartig in Ungnade und wird umgedreht: Gleichheit statt Freiheit. Der gleichschrittige Unterricht praktiziert – mal mehr, mal weniger – eine Gleichschaltung der unterrichtlichen Prozesse, also pädagogischen „Egalitarismus“.

6.     Gleiche Ergebnisse

Ob wirklich „alle alles vollständig“ gelernt haben, wird sehr regelmäßig kontrolliert, geprüft und bewertet. Die Lernergebnisse müssen sich innerhalb eines definierten Leistungsspektrums bewegen. Unterschiedlichkeit nach oben wird belohnt, Unterschiedlichkeit nach unten wird gerügt. Bewegen sich die Lernresultate außerhalb eines tolerablen Leistungskorridors, brechen über die „schlechten“ Schülerinnen und Schüler biographische Katastrophen herein: Sitzenbleiben oder Schulverweis. Die zielgleiche Schule duldet keine Zieldifferenz und kennt in dieser Frage keinerlei Pardon.

Genau das ist die wahre, ungeschminkte Wirklichkeit der ganz „normalen“ Schule in einem gegliederten Schulsystem: Gleiche Schüler, gleiche Ziele, gleiche Inhalte, gleiche Zeit, gleiche Wege, gleiche Ergebnisse! Die ganz „normale“ Schule in einem gegliederten Schulsystem ist eine Gleichheitsschule par excellence! Die „normale“ Schule realisiert „Einheitsunterricht“, die „normale“ Schule betreibt Standardisierung der Schüler, also „Gleichmacherei“! Die pädagogische Leitkultur der „normalen“ Schule ist der pädagogische Egalitarismus! Die Lehrerinnen und Lehrer sind eingezwängt in einem Gleichheitskorsett, dessen Folge dann ein Gleichheitsunterricht für alle ist.

Hier geht’s zum ersten Teil des Essays.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Auch auf der Facebook-Seite von News4teachers wird der Beitrag heiß diskutiert.

Der Autor
Hans Wocken. Foto: privat

Hans Wocken ist gelernter Sonderschullehrer und hatte von 1980 bis 2008 an der Universität Hamburg eine Professur für Lernbehinderten- und Integrationspädagogik inne. Er war ein Pionier der integrativen Pädagogik und hat die schulische Integration bzw. Inklusion von Anfang an mitgestaltet und mitgeprägt. In den 80er Jahren initiierte er in Hamburg zwei Schulversuche zur Integration und hat sie wissenschaftlich begleitet. In der Inklusionspädagogik vertritt er eine „dialektische“ Position. Inklusionspolitik und -pädagogik fordern u.a.

  • eine Balance von Philosophie und Pragmatismus;
  • eine Balance von Freiheit und Gleichheit;
  • eine Balance von Vielfalt und Gemeinsamkeit;
  • eine Balance von Anpassung der Schule und Anpassung der Kinder;
  • eine Balance von gemeinsamen und individuellen Lernsituationen;
  • eine Balance von angeleitetem und selbstgesteuerten Lernen.

Homepage: www.hans-wocken.de

Gegendarstellung
Professor Wocken stellt meine Position im Buch “Die Inklusionsfalle” faktenwidrig dar. Durch bruchstückhaftes Zitieren erweckt er den Eindruck, ich spräche dort von “Einheitsunterricht” – dabei verwende ich das Wort im gesamten Text gar nicht; im Gegenteil erörtere ich die Problematik, permanent hochdifferenziert zu unterrichten. Auch verwende ich den Begriff „Einheitsbrei“ an keiner Stelle unterrichtsbezogen, sondern nur einmal in systemischem Kontext, als Ausdruck der Skepsis gegenüber der Formel “eine Schule für alle”. Nicht zutreffend ist schließlich, dass ich Inklusion als „eine neue Religion der Gleichstellung“ bezeichnen würde – mit dieser Begrifflichkeit charakterisiere ich lediglich die Haltung gewisser radikaler Vertreter.
Michael Felten

News4teachers-Dossier – gratis herunterladbar: „Das Inklusions-Chaos”

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142 KOMMENTARE

  1. Prof. Wocken behauptet: “‘Dieser Einheitsbrei wird allen Beteiligten nicht gerecht’ – so begründete etwa eine Bremer Schulleiterin ihre Ablehnung einer Inklusionsklasse an einem Gymnasium.”

    Der Bremer Weser-Kurier schreibt: “Die Horner Schulleiterin Christel Kelm hält die Anweisung der Schulbehörde für rechtswidrig, weil Paragraf 20 des Bremischen Schulgesetzes ausdrücklich darauf verweist, dass der gymnasiale Unterricht auf das Abitur ausgerichtet ist – anders als das Angebot der Oberschulen, die unterschiedliche Abschlüsse ermöglichen. Geistig behinderte Kinder würden das Abitur allerdings nie und nimmer erlangen. ‘Auch eine optimale Förderung könnte sie nicht dazu befähigen’, heißt es in der Klageschrift.”
    https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-gericht-entscheidet-ueber-inklusion-in-horn-_arid,1743362.html

  2. Und da N4t hier offen Werbung für Prof. Wockens neues Buch macht, mache auch ich an dieser Stelle nochmal Werbung für das folgende Interview, das Prof. Wocken im April dieses Jahres gab – und in dem er sich folgendermaßen äußerte:

    1. Alle Bundesländer haben tatsächlich die sogenannte Inklusionsquote an den Regelschulen erhöht, während der Anteil der Schüler an den Förderschulen sich kaum verändert hat. Das bedeutet, dass Schüler, die früher allenfalls als Risikoschüler galten, nun mit dem Etikett des sonderpädagogischen Förderbedarfs versehen werden.

    2. Ein einklagbares Recht auf einen Platz in der Regelschule gibt es für behinderte Kinder bisher nur in Hamburg.

    3. Es ist eine schmerzliche Erkenntnis, dass offenbar gerade am Anfang der Reformprozess zu schnell vorangetrieben wurde.

    4. Ich bin der Meinung, dass jetzt alle Probleme auf den Tisch gehören. Wir müssen evaluieren, was nicht stimmt, und eine Neukonzipierung vornehmen.

    5. Mehr Geld muss auf jeden Fall in die Inklusion fließen. Schließlich muss ein behindertes Kind an einer Regelschule laut Verfassung eigentlich die gleichen Ressourcen erhalten wie an einer Förderschule. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen gibt es an den Förderschulen mehr Personal, kleine Gruppen, spezielle Therapieangebote. Solange es diese Unterschiede gibt, werden viele Eltern es vorziehen, ihre behinderten Kinder lieber in die Förderschule zu geben.

    https://deutsches-schulportal.de/schulkultur/vielfalt/hans-wocken-das-eigentliche-ziel-der-inklusion-ist-verfehlt/

  3. Die Inklusion stellt zumindest das gegliederte Schulsystem neu infrage. Warum dürfen Kinder nach der 4. Klasse aufgrund ihrer Leistung schulisch getrennt werden; davor nun aber nicht mehr? Das klingt wenig überzeugend.

    • Nicht alle Kinder. Die _wirklich_ leistungsschwachen Kinder dürfen sich bei anerkanntem Förderbedarf die Schulform aussuchen, den nur leistungsschwachen Kindern wird das Gymnasium zumindest hartnäckig abgeraten.

  4. “Ziel und Aufgabe eines gegliederten Schulsystems ist es nun, möglichst homogene, begabungsgleiche Schülerkollektive zu bilden.”
    Herr Wocken müsste wissen, dass das so nicht stimmt. Heutzutage könnte man auch sagen: “Ziel und Aufgabe eines gegliederten Schulsystems ist es, die immer größer werdende Heterogenität aus der Grundschule auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.”
    Im Gegensatz zur offiziellen Propaganda ist die Heterogenität für die Lehrer keine Erleichterung ihrer Aufgabe, im Gegenteil. “Vielfalt macht schlau”, schön wär’s. Bekannt dürfte ja auch sein, dass leistungsmäßige Unterschiede sich im Laufe der Schulzeit nicht reduzieren, sondern eher noch zunehmen (das Matthäus-Prinzip). Das trifft selbstverständlich auch auf ein einheitliches Schulsystem zu, besonders dann, wenn jede(r) individuell optimal gefördert wird.

  5. Ein Beitrag eines Wissenschaftlers, der meilenweit von jeder Schulrealität entfernt ist. Somit ist er kaum lesenswert da völlig irrelevant.

      • Sehr geehrter Herr Wocken !

        Ihre Ausführungen lesen sich schön von der Hand, wirken einleuchtend und sind klar strukturiert. Allein es fehlt Ihnen aus meiner Sicht der direkte Bezug zur gelebten Schulpraxis.
        Wir erleben hier vor Ort Klassenkonstellationen am Gymnasium, in denen ein Teil der Schüler schwierige Kurvendiskussion ausführt und berechnet, während eine kleine Randgruppe mit einem Zahlenverständnis im Hunderterraum dazwischen sitzt und gar nicht mehr versteht, was da eigentlich gerechnet wird .
        Warum können diese nicht in angegliederten Räumen auf ihrem Niveau in kleineren Klasseneinheiten gefördert werden, damit sie in ihrem späteren Leben mehr können, als nur einfache Einkäufe zu erledigen.
        Wollen wir den Lernbeeinträchtigten Chancen in einem inkludierten Leben in der Gesellschaft eröffnen, so gelingt dieses dann nur noch mit Hilfe engagierter Eltern.

        Die von Ihnen aufgeführten offenen Unterrichtsmethoden der Freiarbeit, Stationsarbeit , Gruppenarbeit ,Wochenarbeit und das Lernen in Gruppen sind nach Hattie und in der selbst erlebten Wirklichkeit gerade bei diesen lernbeeinträchtigten Schülern ineffektiv.
        Auch verweigern teilweise selbst gestandene Sonderschulpädagogen , fehlende Grundlagen der lernbeeinträchtigten Schüler, mit diesen aufzuarbeiten.
        Das erlebe ich persönlich bei einer Frau von der W. in Münster, die verbal sich mehrfach äußerte, sich auf die individuellen Probleme nicht einstellen zu können.
        Und das in einer Klasse mit 15 Schülern, mit einem Autisten mit Lernbegleiterin und vier weiteren Schülern mit Lernbeeinträchtigung und zwei weiteren Lernbegleiterinnen.
        Das Problem ließ sich erst mit Hilfe der qualifizierten Lernbegleiterin lösen, zusätzlichen außerschulischen Therapeuten und dem Engagement der Eltern. Diese Schüler werden dann in Schubladen der Pädagogen hinterlegt,
        aus denen es schwer zu entrinnen ist. Es war und ist derartigem Personal schwer zu vermitteln, dass nach erfolgreicher Beförderung in eine nächst höhere Leistungsstufe, schwierigerer Lernstoff anzubieten geboten ist.
        Wie also macht es sich da in Klassenverbänden mit 25 und mehr Schülern, in denen die Heterogenität noch erheblich größer ist, die Schüler sehr viel differenzierter unterrichtet werden müssten, als wären diese in Fördergruppen zusammengefasst ?
        Diese Mammutaufgaben könnten auch Sie nicht umsetzen.
        Es ist immer so schön einfach die Wunderwelt der Inklusion anzupreisen.
        Die Folgen für die Betroffenen sind zur Zeit deutlich suboptimal.
        Und ich schreibe Ihnen dies fern jeder ideologischen Denkrichtung, die Sie oben als Grund für eine Ablehnung ebenfalls aufführten.

        • Ignaz Wrobel schrieb: “Die von Ihnen aufgeführten offenen Unterrichtsmethoden der Freiarbeit, Stationsarbeit , Gruppenarbeit ,Wochenarbeit und das Lernen in Gruppen sind nach Hattie und in der selbst erlebten Wirklichkeit gerade bei diesen lernbeeinträchtigten Schülern ineffektiv. […]

          Es ist immer so schön einfach die Wunderwelt der Inklusion anzupreisen.
          Die Folgen für die Betroffenen sind zur Zeit deutlich suboptimal.”

          …was noch eine sehr vornehme Umschreibung darstellt, wie Prof. Wocken selbst im von mir zitierten Interview (siehe oben) ja auch feststellt:

          “Ich bin der Meinung, dass jetzt alle Probleme auf den Tisch gehören. Wir müssen evaluieren, was nicht stimmt, und eine Neukonzipierung vornehmen.”

          Dann mal los: Probleme auf den Tisch und Neukonzipierung vornehmen. Stattdessen verfasst Prof. Wocken ein Buch, das einzig und allein dazu dient, “Inklusionsgegner[n] […] fehlende Redlichkeit, einen Unwillen zur fachlichen Auseinandersetzung und einen interessengeleiteten, unfairen und nichtrationalen Duktus der Formen der Auseinandersetzung vor[zuwerfen]”.

          In welcher Form er sich selbst mit Meinungsgegnern auseinandersetzt, hat der Professor mit seinem heutigen Posting von 11:02 Uhr ja eindrucksvoll bewiesen.

          • Ich antworte mal so, wie Sie, Palim, es auch bei ca. 80 % Ihrer Beiträge zu tun pflegen – nämlich mit einer Gegenfrage:

            Geht es Herrn Prof. Wocken mit seinem neuen Buch um eine Neukonzeptionierung – oder um das, womit eben dieses Buch beworben wird?

            Zitat (siehe oben): “Darin setzt sich Deutschlands renommiertester Inklusionsexperte meinungsstark und wortgewaltig mit dem Lager der ideologischen Inklusionsgegner auseinander und wirft ihm fehlende Redlichkeit, einen Unwillen zur fachlichen Auseinandersetzung und einen interessengeleiteten, unfairen und nichtrationalen Duktus der Formen der Auseinandersetzung vor.”

            Dass der Herr Professor selbst natürlich stets redlich, rein fachlich, keineswegs interessengeleitet, fair und mit rationalem Duktus argumentiert, hat er – wie gesagt – ja hier im Forum eindrucksvoll bewiesen.

  6. Endlich wird aus meinen Kommentaren hier mal ein Buch gemacht… Genauso ist es. Ich bin gegen schulische Inklusion, aber sie macht Schule natürlich heterogener. Die Gleichmacherei an vielen (längst nicht allen) Gymnasien bspw. ist problematisch, weil sie vom fachlichen Standard ausgeht und nicht vom Kind.

    • Die fachliche Gleichmacherei an den Gymnasien ist politisch gewollt, weil möglichst viele das Abitur, also den höchsten und (formal) bundesweit gleichwertigen Schulabschluss, erreichen sollen. Im Kombination mit den zentral gestellten Prüfungsaufgaben bleibt den Gymnasien auch nichts anderes übrig, als vom fachlichen Standard auszugehen. Dass der immer weiter gesenkt wird, dürfen Sie den Gymnasien allerdings nicht ankreiden, weil die nur die Lehrpläne umsetzen (müssen).

  7. Mich würde dazu einmal eine Langzeitstudie interessieren. Stimmt das wirklich? Ich nehme seit 2000 Abiturprüfungen ab und teile die Einschätzung, da sei irgendwas leichter geworden, überhaupt nicht. In manchen Jahren sind die Anforderungen enorm hoch. Wer in diesem Jahr in Deutsch zu Faust eine 1 oder 2 schreiben wollte, musste auf sehr hohem Niveau arbeiten, das auch früher kaum erreicht wurde. Es ist wohl alles sehr viel transparenter geworden, man kann sich viel besser vorbereiten als früher und durch die Standardisierung gibts nicht mehr 5 verschiedene Meinungen zur Beurteilung.

    • Die schriftlichen Mathematikaufgaben im Zentralabitur sind schon deshalb leichter geworden, weil man sich inzwischen auf 4-5 Standardtypen beschränkt, die im Prinzip vorher bekannt sind. Zudem werden immer mehr Zwischenergebnisse angegeben, und die Bewertungspunkte sind so verteilt, dass man für das minimale Bestehen (45 % der erreichbaren Punkte) wirklich kaum noch was Ernsthaftes leisten muss (für die Bestnote schon). Da werden Zahlen “im Sachzusammenhang” interpretiert, da wird etwas an einer Grafik abgelesen, da wird “bestätigt”, dass gegebene Zahlen Nullstellen eines gegebenen Polynoms sind usw.
      In Biologie gibt’s dann vielfach Fragen zu einem langen gegebenen Text, die aber in diesem Text irgendwo beantwortet werden. Dann muss man nur mit scharfem Blick suchen. Solche Aufgaben heißen “materialgestützt”, wenn ich nicht irre.
      Bei Deutsch und bei Fremdsprachen mag das anders sein. Aber insgesamt ist das “Design” der Zentralabituraufgaben daran orientiert, dass möglichst viele bestehen, das dürfte doch klar sein. Man vermeidet alles, was diesem Ziel entgegenstehen könnte. Hinzu kommen verstärkte Wahlmöglichkeiten der Prüfungsfächer, die es früher so gar nicht gab.

      • Gerade weil es in NRW nur 4-5 Aufgaben(typen) in Mathematik gibt, halte ich Mathematik als schriftliches Grundkursfach im Abitur für eine hervorrangende Wahl, auch oder gerade für eher schwache Schüler. Die anderen Naturwissenschaften sind (im Wahrsten Sinne des Wortes) erheblich weniger berechenbar. Die Biologie erfordert oft weniger Gehirnwindungen, jedoch ist die stoffliche Breite und damit das Risiko überproportional höher. Informatik, Chemie und Physik haben eine ähnliche Breite wie Biologie, erfordert aber mehr Gehirnwindungen als Biologie. Im Leistungskurs sieht es natürlich anders aus, im mündlichen Abitur sowieso, wo ich die Mathematik als eines der schwersten Prüfungsfächer überhaupt einordne, weil man dann die Kochrezepte erläutern und nicht nur anwenden können muss.

    • Danke für den Kommenthar, jagothello, das ist einmal eine andere Sicht oder Bewertung der Anforderungen.
      Die Aufgaben haben sich gewandelt.
      Gemessen, an dem, was früher war, ist es den Mathematikern zu wenig Rechnung und zu viel Text. Das empfinden sie als “einfacher”.

      “Hinzu kommen verstärkte Wahlmöglichkeiten der Prüfungsfächer, die es früher so gar nicht gab.”
      Was zu prüfen wäre. Die Wahlmöglichkeiten ändern sich stets und ständig. Auch da hätte ich gerne mal einen internationalen Vergleich.

    • @ Jagothello: “… teile die Einschätzung, da sei irgendwas leichter geworden, überhaupt nicht.”
      Die Frage ist, woran man das messen will. Tatsächlich steigt sowohl die Anzahl der Abiture als auch die Durchschnittsnote. Ich würde die Schwierigkeit daran messen, was man zum reinen Bestehen leisten muss, nicht das, was für eine 1 erwartet wird. Und man muss die Spielregeln insgesamt sehen, nicht nur die Klausuren: der Einfluss der Vornoten aus drei halben Schuljahren, die Möglichkeiten, unbeliebte Fächer abzuwählen, die Gewichtungen der Noten, die Ausgleichsmöglichkeiten usw. Böse Zungen behaupten, man könne auch mit 0 Punkten in einer Abiklausur noch bestehen, wenn es gewissen Ausgleich gibt. Die Vornoten gab’s schon immer (aber waren sie nicht strenger?), aber die Abwahl- und Ausgleichsmöglichkeiten wurden klar erweitert. Das Zentralabitur führt zudem zu einer Nivellierung (das soll es ja auch), aber insgesamt gesehen nicht nach oben, sondern nach unten. Das bundesdeutsche Zentralabitur hat nur eine Chance, wenn auch die schwachen Länder die Aufgaben übernehmen. Aber in jedem Fall geht das nur mit wenigen Prozenten in die Gesamtnote ein. Eine echte Vergleichbarkeit ist z.Zt. nicht gegeben.

      • Außerdem werden die Länder bei bundesweiten Aufgaben ihre eigenen Interessen durchzusetzen versuchen, d.h. es ist eine noch weitere Aufweichung zu befürchten.

  8. Vieles, zu dem Schulen vom System her verpflichtet sind (teilweise übrigens erst seit wenigen Jahren), ist mit Inklusion auch einfach nicht vereinbar.
    Zu nennen sind hier:
    -Zu eng gefasste Kernlehrpläne mit zu vielen Kompetenzen, die irgendwie in zu wenig Zeit erreicht werden müssen.
    -Zentrale Vergleichsarbeiten und Abschlussprüfungen. Die Schulen werden dabei untereinander verglichen, und die Lehrer werden mit Arbeit überworfen, wenn das Ergebnis schlechter als der Durchschnitt ist.
    -Das Verhältnis der Anzahl an Schülern auf einen Lehrer ist viel zu groß, 30er Klassen mit Inklusion sind keine Seltenheit!
    -Schule darf die Kommunen bitte nur möglichst wenig Geld kosten. Die Ausstattungen waren vor 20 Jahren besser!
    -Lehrern werden in der Öffentlichkeit und von der Politik häufig sämtliche Entscheidungskompetenzen abgesprochen, obwohl sie die Fachleute sind. Nicht mal mehr einen Antrag auf Förderbedarf dürfen sie stellen.
    -Erziehungsarbeit müssen die Lehrer häufig nahezu komplett übernehmen, obwohl es kaum legale Möglichkeiten der Erziehung gibt => Wenn es hart auf hart kommt, schafft es ein Lehrer nicht mal seine Schüler vor einem anderen Schüler zu schützen.

  9. Heinz schrieb: “Vieles, zu dem Schulen vom System her verpflichtet sind (teilweise übrigens erst seit wenigen Jahren), ist mit Inklusion auch einfach nicht vereinbar.”

    Absolut richtig. Nur interessiert das die Vertreter der Inklusions-Industrie leider überhaupt nicht.
    Der Begriff stammt übrigens nicht von mir, sondern von einer betroffenen Mutter, die sich in den Kommentaren zu diesem Artikel (https://www.freitag.de/autoren/martina-mescher/fahrstuhl-ist-nicht) als “Fachfrau” folgendermaßen äußert:

    “Was ich aber hanebüchen finde, sind ihre Ausführungen zum Thema Lernbehinderung! Es scheint, als wissen Sie gar nicht, um welche Zielgruppe es sich hier handelt. Aber mit so einem Beitrag steht man/ frau natürlich auf der moralisch richtigen und guten Seite! Was aber die Inklusion für insbesondere Lernbehinderte bedeutet – in der Praxis haben Sie doch offensichtlich gar keine Ahnung!

    Lernbehinderung bedeutet nämlich weitaus mehr als nur Lese- oder Rechenschwäche oder ADHS. Kaum ein Kind mit diesen Problemen landet auf einer Förderschule! Lernbehinderung beinhaltet weitaus mehr: Intelligenzminderung, erschwertes schlussfolgerndes oder abstraktes Denken, emotionale Entwicklungsverzögerungen (mein Kind spielte noch mit 16 mit Playmobil) mit massiven Auswirkungen auf das Sozialverhalten.

    Dies betrifft viele Adoptiv- und Pflegekinder, deren Mütter z.B. in der Schwangerschaft Alkohol mißbraucht haben. Hier liegt eine Lernbehinderung im medizinishcen Sinn vor. Selbst Mutter eines betroffenen Kindes und [nach] einer großen Odysee durch Förderprogramme und Schulen kann ich bestätigen, dass sich mit der Umsetzung der Inklusion für Lernbehinderte (und nur für die spreche ich) eher alles verschlechtert als verbessert hat! Es ist zwar eine riesige Inklusionsindustrie an den Universitäten und Projekten entstanden, aber gehen Sie mal vor Ort in die Schulen, da ist nichts angekommen!

    Wie hätten wir uns eine gute Förderschule gewünscht! Aber leider wurden die Förderschulen in vielen Bundesländern runtergefahren, personell und strukturell ausgeblutet und als Abschiebebahnhof für ‘auffällige Kinder’ benutzt, die im medizinischen Sinne nicht lernbehindert sind, sondern eher vernachlässigt. Und dann kamen die ganzen Diffamierungen hinzu, als ich (schulpolitisch unterwegs) meine Bedenken äußerte.

    Ich habe selten so viel Intoleranz, Arroganz und Selbstzufriedenheit erlebt wie in Diskussionen mit Inklusionsbeförwortern!”

      • Über die Qualität des Artikels hat die “Fachfrau” alles gesagt. Die Autorin hat ja noch nicht einmal begriffen, dass es im Fall des Bremer Gymnasiums Horn nicht um Körperbehinderungen geht.

  10. “Schulisches Lernen in der „normalen“ Schule heißt weitgehend Lernen im gleichen Schritt und Tritt. Einmal jährlich erfolgt eine große Prüfung, ob das Jahrgangspensum geschafft wurde und die verbindlichen „Standards“ erreicht worden sind.”
    Herr Wocken sollte sich mal ansehen, was mit den “verbindlichen Bildungsstandards” heute gemeint ist. Eigentlich müsste er das wissen. Sie gelten ausdrücklich auch für Grundschulen, Gesamtschulen und Gemeinschaftschulen, mit oder ohne Inklusion. Unsere Schulpolitiker sind ganz stolz auf diese neue “Qualitätsentwicklung” in den Schulen. Eine gewisse Philosophie dazu wird in der vielzitierten Klieme-Expertise formuliert:
    https://www.bmbf.de/pub/Bildungsforschung_Band_1.pdf
    Das ist ganz im Geiste der Kompetenzorientierung, der Tests a la PISA und der Evaluation abgefasst, hat aber nicht direkt etwas zu tun mit einem gegliederten Schulsystem.
    Das Jahrgangspensum oder auch “das Ziel der Klasse” gab’s dagegen schon seit 100 Jahren und mehr. Inwieweit das erreicht wurde oder nicht, wurde stets in Noten ausgedrückt, und die waren noch nie für alle gleich. Herr Wocken möchte vergessen machen, dass an einem Gymnasium am Ende von Klasse 8 eben für die Note 4 wesentlich mehr (und auch anderes) erreicht werden sollte als zum selben Zeitpunkt für dieselbe Note an einer Hauptschule. Sogar die neuesten Bildungsziele tragen dem Rechnung (Beispiel: die acht Buchstaben-Niveaus A bis H in Berlin/Brandenburg).
    In der Praxis war jedes einzelne Gymnasium zwar um eine gewisse Homogenität als Idealvorstellung bemüht, aber das war praktisch immer nur eine eingeschränkte Heterogenität: nur die untersten wurden durch Sitzenbleiben aussortiert, je nach Konferenzbeschluss. Die besten wurden manchmal ausgebremst, aber das gilt für Gesamtschulen auch. Zudem gab’s anspruchsvolle und weniger anspruchsvolle Gymnasien und Realschulen. Mancherorts hatte die Realschule den Ruf, anspruchsvoller zu sein als das örtliche Gymnasium. Die “besseren” Schüler gingen dann auf das Gymnasium im Nachbarort. In Großstädten gab’s immer Gymnasium unterschiedlicher Ausprägung — darunter auch elitäre. Sogar gute Hauptschulen solle es gegeben haben, die ihre Schüler ordentlich auf ein Leben nach der Schule vorbereiteten. Also einen Einheitsbrei gab’s noch nie.
    Aber das Märchen, nur in einer einheitlichen Schule mit Inklusion könne jeder optimal und “zieldifferenziert” lernen, widerspricht jeder Logik. All das kann man in dem gegliederten System auch machen, wenn man will. Die Frage ist nur, eine wie große Heterogenität man für angemessen hält. Ich denke, die Bandbreite wird in der Realität immer ausreichend groß sein. Die im Artikel formulierte Sorge, es würden dabei Einheitschüler in geistiger Uniform herangezogen, die alle dasselbe im Kopf haben, scheint mir nur polemische Propaganda zu sein. Oben liest sich das so:
    “Der gleichschrittige Unterricht praktiziert – mal mehr, mal weniger – eine Gleichschaltung der unterrichtlichen Prozesse, also pädagogischen „Egalitarismus“.”
    Ich kann mich nur wundern über die behauptete “Gleichschaltung”. Man könnte eher spotten über eine Art von schulpolitischer “Gleichschaltung” in den Köpfen der Pädagogik-Professoren.

    • Sehr geehrte(r) Frau/Herr Cavalieri.

      Sie scheinen genau zu wissen, was stimmt und was nicht, und auch, was ich eigentlich
      wissen sollte und dann anscheinend doch nicht weiß. Deshalb wende ich mich ratsuchend an Sie. Wissenschaft muss die Wirklichkeit der Erziehung angemessen beschreiben und analysieren. Das ist mein Auftrag, dem ich anscheinend nach dem Urteil so mancher Blogger nur unzureichend nachkomme. Helfen Sie mir auf die Sprünge.

      Ich habe zwei einfache Fragen:
      1. Gibt es einen realen Unterschied zwischen einer inklusiven Unterrichtung heterogener Lerngruppen und einer Unterrichtung “homogener” Lerngruppen in separierenden Schulen (Hauptschule, Realschule, Gyymnasium)?
      Wenn nein: Dann sollten auch Kinder mit einer geistigen Behinderung in einem Gymnasium unterrrichtet werden können, weil ja alles gleich ist.
      Wenn ja: Dann bitte ich Sie, die Unterschiederzu benennen. Ich habe genau dies in meinem Artikel über “Einheitsunterricht” versucht. Die Resonanz war sehr bescheiden. Nun sind Sie (und vielleicht andere Blogger) dran. Heraus mit der Sprache.

      2. Ist es gerechtfertigt, dass die Inklusionskritik und die Inklusionsgegner (z. B. Ahrbeck, Speck, Felten, Kraus) die Inklusion des “Egalitarismus” bezichtigen und den inklusiven Unterricht als “Einheitsbrei” beschreiben? Mein Anliegen war, den inklusiven Unterricht gegen diesen Vorwurf zu verteidigen. Stattdessen habe ich den Unterricht in homogenen Klassen an separierenden Schulen des “Einheitsbreis” angeklagt. – Das wurde in diesem Blog mehr oder minder bestritten. Vielleicht gibt es bessere Antworten.

      Ich hoffe, dass ich eine gute, aufklärende Antwort bekomme, die mich eines Besseren belehrt. Dann hätte dieser für mich bislang enttäuschende Blog vielleicht doch noch einen Sinn gehabt.

      • Sehr geehrter Herr Wocken,
        die Antwort zu Frage 1 steht eigentlich schon in meinem Beitrag davor: Eine geringere (wenngleich immer vorhandene) Heterogenität zwingt die Lehrer nicht zu so einer extremen Binnendifferenzierung. Man kann 30 Schüler nicht einfach in 10 Gruppen einteilen und für jede Gruppe ein anderes Programm haben. Jede Gruppe bekäme pro Stunde noch 45:30 = 1,5 Minuten Aufmerksamkeit. Das Postulat vom “inklusiven Unterricht” müsste mehr mit Inhalt gefüllt werden. Es scheint zu einer Phrase zu verkommen, gefolgt von “inklusiver Schule”, “inklusiver Bildung”, “inklusiver Gesellschaft” usw. Man wird noch die inklusive Mathematik erfinden, das “inklusive Rechnen” scheint es schon zu geben. Fast jedes Substantiv kannmit “inklusiv” kombiniert werden.
        Die Leistungsspektren der drei Schultypen überlappen sich zwar, aber selbst PISA 2015 hat festgestellt, dass in Mathematik zwischen dem Durchschnitt an Gymnasien und Nicht-Gymnasien ein Unterschied von fast 100 Punkten besteht. Das ist doch wohl deutlich. Wie viele Schuljahre entsprechen dem? M.a.W.: An Gymnasien können Dinge behandelt werden, die an anderen Schultypen mangels “kognitiver Fähigkeiten” eben nicht möglich sind oder nur für sehr wenige, die sich isoliert fühlen müssen. Genauso wie man sehr gute Sportler nicht mit sehr schwachen Sportlern in einer Trainingsgruppe hat. Der von Ihnen kritisierte “Einheitsunterricht” bedeutete früher Frontalunterricht unter Beteiligung aller, wobei sicher die schwächeren Leute weniger aktiv waren, aber sich an dem orientieren sollten, was die anderen sagten (ich rede nicht von Lehrer-Monologen). Aber alle wussten, worum es geht und versuchten, sich da hineinzudenken. Einheitliche Leistungen gab es nie, aber das wissen Sie natürlich auch. Die Paukerfilme berichten vom Klassenprimus und von den “Lümmeln von der letzten Bank”.
        Frage 2 kann ich nicht beantworten. Was die genannten Autoren da schrieben, müssen diese selbst verantworten. Mir scheint das Wort “Einheitsbrei” sich eher auf die angestrebte “eine Schule für alle” zu beziehen, die heute so von den Grünen verfochten wird (und anderen auch). Bevor man die in D flächendeckend einführt, empfehle ich, sich die Situation in Frankreich anzusehen, wo man sie vor ca. 40 Jahren (?) eingeführt hat unter einem sozialistischen Schulminister. Man sollte insbesondere vergleichen, ob die damaligen Sprüche der Befürworter auch realisiert wurden. Ich bin skeptisch. In D neigt man zu überhasteten Reformen durch hektisch agierende Politiker. Die Klagen der Lehrer über zu wenig Unterstützung in Bezug auf die Inklusionskinder sind doch unüberhörbar, auch hier bei n4t. Und jetzt haben wir einen generellen Lehrermangel noch dazu! Das kann nur in eine Katastrophe hineinlaufen. Das sind praktische Fragen, keine theoretischen.
        Ein Einheitsbrei anderer Art deutet sich bei der Lehrerausbildung an, nämlich beim Sekundarstufenlehrer. Der ist normalerweise so konzipiert, dass im Fach zwar mehr als beim bisherigen Realschullehrer auf dem Plan steht, aber deutlich weniger als beim bisherigen Gymnasiallehrer. Die Folge kann nur — auch in den Schulen — eine Nivellierung zur Mitte hin sein. Wenn man das haben will — bitte schön. In manchen Ländern gibt’s das schon. Herr Schleicher lobt immer diejenigen Länder mit einer geringen Abweichung zwischen den schwächsten und den besten. Das wäre dann eigentlich eine “Gleichschaltung”. Sie haben oben dieses Wort eingeführt. “Von den blauen Bergen kommen wir, unser Lehrer ist genau so doof wie wir …” 🙂
        Freundliche Grüße von Cavalieri (der historische Cavalieri war ein Jesuaten-Mönch vor ca. 500 Jahren).
        PS: 1. Sie haben ja wohl gesehen, dass ich nicht der einzige hier im Forum bin, der Ihnen widersprochen hat.
        2. Sie hatten meine frühere Frage nicht beantwortet, wie unsere Nachbarländer das mit der Inklusion halten. Wieso gibt’s da keine Probleme? Hat man vielleicht doch mehr Ressourcen dafür? Oder getrennte Förderklassen?

        • Natürlich war die Zahl oben vertippt: Auf eine Gruppe entfallen 4,5 Minuten, aber das ist auch nicht viel besser. Wenn man unterstellt, dass 3 i-Kinder allein die Hälfte der Aufmerksamkeit erfordern, bleiben für die anderen 27 noch 22 Minuten pro Stunde, also pro Gruppe 2,5 Minuten. Das ist wenig, egal wie man’s rechnet.
          Aber ich möchte noch einen draufsetzen: Egal wie man die UN-Konvention interpretiert, die uns von den Grünen angepriesene “inklusive eine Schule für alle”, die gibt sie nicht her, die wird nicht gefordert.
          FRAGE an Herrn Wocken: Ist es nicht schändlich, mit solch einem Thema Parteipolitik zu machen?

          • 1. Die UN-BRK fordert nicht expressis verbis “eine Schule für alle”, aber sie fordert ein “inklusives Bildungssystem”. Was das ist, ist strittig. Unstrittig dürfte sein, dass ein progredienter Rückbau der Sonderschulen gefordert ist.
            2. Nein! Deutschland hat freiwillig einen völkerrechtlich bindenden Vertrag unterschrieben. Der geforderte Aufbau eines inklusiven Bildungssystems geht nur mit Bildungspolitik, wie denn sonst? Eigentlich müssten alle Parteien sich dieser völkerrechtlich gebotenen Aufgabe annehmen. Gegenwärtig kommen sehr viele Bundesländer ihrer Verpflichtung nicht nach. Auch das bildungspolitische Bewußtsein erhebliche Teile der Gesellschaft ist gegenwärtig nicht inklusionsorientiert.

          • Problem ist nur, dass das englische Original der BRK falsch übersetzt wurde, die abstimmenden Politiker nicht wussten, worüber sie genau abstimmten und ihnen versprochen wurde, dass die Inklusion keine Mehrkosten verursachen wird. Dumm gelaufen für die meisten mittelbar oder unmittelbar betroffenen Menschen. Sie, Herr Wocken, sind eine Ausnahme, weil Sie weit weg von der tatsächlichen Front gutes Geld mit der Inklusion und ihren Kritikern verdienen.

          • Ich bin seit 1983 bei der INTEGRATION und nicht erst seit der BRK. Leider bin ich bis heute dadurch nicht reich geworden. Vielleicht kaufen Sie ja trotzdem mein neues Buch “CONTRA Inklusionskritik”, dann habe ich 5 € mehr in der Tasche und kann mir als armer Rentner mal einen Eisbecher leisten.

          • Verstehe ich das richtig: Es ist Aufgabe der politischen Parteien, das Bewusstsein von Teilen der Gesellschaft so zu beeinflussen, dass progressive Pädagogik-Professoren zufrieden sind? Dürfen die Parteien das auch anders sehen? Die Parteien sind doch nicht die Lehrer oder Lernbegleiter der Gesellschaft, sondern sie erwachsen aus der Gesellschaft und repräsentieren folglich deren Einschätzungen.
            Sie wissen doch auch genau, dass “inklusives Bildungssystem” auch einfach bedeuten kann, dass jeder irgendwie (!) teilhaben kann, aber nicht jeder in derselben Schule. Beim Sport sind die Profis, die Amateure und die Behinderten auch getrennt, man lässt nicht nur aus Prinzip alle gemeinsam um die Wette laufen oder springen. Cuique suum.

          • “Wenn man unterstellt, dass 3 i-Kinder allein die Hälfte der Aufmerksamkeit erfordern, ”

            Wie Sie schon schreiben, cavalieri, es ist eine Unterstellung.

          • Aber es stand so schon mal in dem einen oder anderen Brandbrief, wenn ich mich recht erinnere. Natürlich kann man die Zahlen anders einschätzen, aber es bleibt immer schlecht.

          • Falsche Übersetzung, Unkenntnis der Abgeordneten des Bundestags usw.
            Ich gehöre zu denjenigen, die es immer noch nicht glauben. Das habe ich in meinem Aufsatz “Inklusive Missverständnisse?” genau begründet (siehe meine Homepage). Es gibt wahrscheinlich sehr viele Gesetze, wo die Abgeordneten von ihrem Fraktionsvorsitzenden vorher erfahren, wann sie die Hand heben müssen, aber selbst nicht den geringsten Schimmer haben. Alle diese Gesetzen gelten !!! Auch die UN-BRK!

          • Antwort zu Cavalieri “Verstehe ich das richtig …”
            1. Die UN_BRK schreibt in Artikel 8 Bewußtseinsbildung den Vertragsstaaten vor!
            2. “Irgendwie”? Hier befinde ich mich in völligem Gegensatz zu Ihnen. Wenn alle Kinder “irgendeine Schule” – ob Sonderschule, Hauptschule, Realschule oder Gymnasium besuchen können, handelt es sich nicht um ein inklusives Schulsystem. Einige Inklusionskritiker (z.B. Bernd Ahrbeck, Michael Felten, Hermann Giesecke) behaupten, dass Deutschland schon seit Kriegsende ein inklusives Schulsystem habe und die ganze Aufregung überflüssig sei. Diese Position halte ich für unterirdisch falsch.

          • Hans Wocken schrieb: “Es gibt wahrscheinlich sehr viele Gesetze, wo die Abgeordneten von ihrem Fraktionsvorsitzenden vorher erfahren, wann sie die Hand heben müssen, aber selbst nicht den geringsten Schimmer haben. Alle diese Gesetzen gelten !!! Auch die UN-BRK!”

            Die UN-Menschenrechtskonvention gilt auch, rangiert aber – laut jüngstem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nochmals bestätigt – unterhalb des deutschen Beamtenrechts.
            http://www.sueddeutsche.de/karriere/streikverbot-fuer-lehrer-beamtenrecht-geht-vor-menschenrecht-1.4012934

            Nicht, dass das der Behindertenrechtskonvention auch noch so ergeht…

          • Hier steht mal was zur Situation in Österreich:
            http://orf.at/stories/2242385/2237864/
            Es scheint nicht wesentlich anders zu sein als bei uns. Man strebt aber langfristig die Abschaffung der Sonderschulen an. Zur Schweiz fand ich nichts, außer dass Wikipedia behauptet, die Schweiz habe das Zusatzprotokoll noch nicht einmal unterschrieben.

      • Herr Wocken, Sie schreiben an Cavalieri: “Ich hoffe, dass ich eine gute, aufklärende Antwort bekomme, die mich eines Besseren belehrt. Dann hätte dieser für mich bislang enttäuschende Blog vielleicht doch noch einen Sinn gehabt.”
        Ich habe mir alle Kommentare durchgelesen und verstehe Ihre Enttäuschung nicht. Vielleicht liegt es daran, dass sich “gut” und “aufklärend” bei mir besser vertragen als bei Ihnen, dem Autor eines Buches gegen Inklusionskritik.

        • “Grundschullehrer aus Stadt und Landkreis Osnabrück sind sehr unzufrieden mit der Umsetzung der Inklusion. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die Stadt- und Kreiselternrat jetzt vorgestellt und dem niedersächsischen Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) im Kreishaus vor rund 130 Lehrern und Eltern aus der Region übergeben haben. […]

          Tonne wurde mit wütenden Reaktionen aus dem Publikum konfrontiert, die dem Kultusministerium schlechte Noten ausstellten und hofften, dass es nach diesem ‘Blauen Brief’ noch die Kurve kriegt. Tonne versprach, ‘deutlich besser zu werden’.”
          https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/1273261/lehrer-in-der-region-osnabrueck-kritisieren-umsetzung-der-inklusion

          • Gerade in Osnabrück müssen Stimmung und Widerspruch gegen die Inklusion besonders hoch sein, zeigt doch der Bericht des Landesrechnungshofes, dass dort die wenigsten Kinder inklusiv beschult werden:
            “Die inklusive Beschulung variierte zwischen 81 % im Landkreis Gifhorn und 27 % in der Stadt Osnabrück. Landesweit wurden im Jahr 2016 insgesamt 50,5 % der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf an Förderschulen unterrichtet.”

            Die Umsetzung an den Grundschulen ist in ganz Nds. so geregelt, dass es keine FöS Lernen Klasse 1-4 mehr gibt, Fös ESE und an GS angebundene Sprachheilklassen gibt es zum Teil regional, werden aber häufig an Grundschulen unterrichtet, auch Eltern von Kindern mit anderen Unterstützungsbedarfen können die Grundschulen wählen.

            PS. Der NOZ-Artikel ist gebührenpflichtig, Hinweise zum Vortrag des Kreiselternrates finden sich unter https://kreiselternrat-osnabrueck.jimdo.com/

          • Man kann sich auch fragen, wie zufrieden die Familien in Gifhorn mit der Inklusion sind. Die Quote an sich sagt ja nur aus, wie viele Förderschulen die Kreise bzw. Städte erhalten oder geschlossen haben.

          • In Osnabrück gibt es in der Tat einen sehr aktiven Kreiselternrat, der sich einmischt. Und das wirkt, wie man sieht.

          • Die FöS Lernen Grundschule sind überall geschlossen.

            Für die FöS Lernen SekI gibt es neuerdings wieder eine Wahlmöglichkeit, obwohl die Schule fast ausgelaufen war.

            Die Zahl zeigt eben auch, wie viele Eltern die Inklusion annehmen und das hängt sicher auch mit Meinungsbildung zusammen und z.B. damit, ob gelingende Vorbilder bekannt sind.
            Obwohl die Bedingungen unterirdisch sind, gibt es laut Umfrage unter den Grundschulen auch Eltern, die durchaus zufrieden sind und Kinder, die in den Klassen integriert werden.

            Je mehr Zerrbilder propagiert werden, desto mehr Abstand nehmen Eltern davon.
            Auch hier wird häufig davon gesprochen, dass I-Kinder bewirken, dass der Stoff nicht geschafft wird. Die Lehrpläne sind in den Grundschulen derart überfrachtet, dass dies unabhängig von Inklusion ohnehin nicht möglich ist. Da sehe ich gar keinen Zusammenhang.
            Auch hier wird häufig von Radikalinklusion und schwierigsten Fällen gesprochen. Darum geht es bei derlei Umfragen bisher aber gar nicht. Die derzeitige Umsetzung ist von einer Radikalinklusion weit entfernt.
            Auch hier wird häufig davon gesprochen, dass die i-Kinder den Unterricht stören. Woher kommt dieses Zerrbild? Klar, es gibt i-Kinder, die mehr als andere Kinder stören, die gibt es unter den Regelbeschulten doch aber auch. Da braucht es ohnehin ganz andere Konzepte, die man mit zur Inklusion zählen kann, die aber auch davon unabhängig in vielen Schulen notwendig wären oder schon längst eingerichtet sind.

            Sicherlich muss die Lehrkraft die Aufmerksamkeit und Kraft aufteilen. Eine bessere Förderung der i-Kinder würde mit besserer Ausstattung erreicht und auch anderen Kindern könnte man dann womöglich von Beginn an besser helfen. Aber Förderstunden wurden zuvor schon gestrichen und viele andere Aufgaben in die Schule gesteckt.

            Die Inklusionsdebatte erscheint einigen als losgelöst vom Unterricht, da Politiker über Unterricht nicht Bescheid wissen. Da ist sicherlich etwas dran. Aber auch andere diskutieren hier, haben aber selbst keine Klassen oder keine i-Kinder darin. Dann muss man sich entsprechend umfassend informieren.

            Aber die Inklusionsdebatte ist auch eine, die von allen anderen Problemen ablenkt, vor allem davon, dass Bildung und Schule nicht genügend Geld und Unterstützung erhalten. Es geht nur noch darum, ob die Beschulung der I-Kinder in FöS kostengünstiger ist, ebenso wie das Abschaffen des Sitzenbleibens, das Streichen von Förderstunden, von Vorschulen, von Sprachförderung vor der Einschulung, von Zusatzbedarfen für Schulen, Verkürzung der Schulzeit, frühere Einschulung … Das meiste davon hat kaum jemand bemerkt, jetzt aber merkt man insgesamt die Auswirkungen.
            Wären die Bedingungen insgesamt andere, wäre die Inklusion vermutlich erheblich besser umzusetzen und die Kritik weitestgehend unnötig.

            Solange dies nicht umgesetzt wird, werden Eltern alles versuchen, um ihre Kinder an den Schulen anzumelden, in denen die 30% Klassen sind, in denen keine i-Kinder sitzen. Gleiches gilt für SekI-Schulen.
            Man hebt also die Segregation in FöS auf, um allgemeine Inklusion umzusetzen, im Nachgang schafft man aber eine Segregation unter bestehenden Schulen bzw. Schulformen. So ist ein Teil der Lehrerschaft und der Elternschaft von Inklusion befreit und muss sich keine weiteren Gedanken machen, während die anderen dies kostenneutral zusätzlich schultern.

      • Sehr geehrter Herr Wocken !
        Sie brachten Ihre als Autor eines Buches gegen Inklusionskritik ihre Enttäuschung über die Reaktionen hier im Forum zum Ausdruck.
        Was wiegt nun schwerer , die Enttäuschung über eine derzeit vollkommen vermurkste Inklusion, die eigentlich allen beteiligten Gruppen mehr schadet als diese davon Nutzen aus ihr ziehen, oder Ihre persönliche Enttäuschung und die anderer Anhänger dieser praktizierten Inklusion ?

        • “Enttäuschung über eine derzeit vollkommen vermurkste Inklusion”
          Prof. Wocken: Ich hoffe, Sie können nachvollziehen, warum Leute wie ich gegen eine “große” Reform in Richtung eines einheitlichen Gesamtschulsystems sind. Das dreigliedrige System hat Nachteile, wir wissen das. Aber das angestrebte System hat gewiss auch Nachteile, von denen man erst dann reden würde, wenn sie nicht mehr zu leugnen sind.
          Nein: Nach dem Theater mit G8/G9, mit der vermurksten oder gescheiterten Inklusion, mit den ständigen Lehrplanänderungen und mit dem ganzen föderalen Chaos halte ich unsere Schulbehörden für UNFÄHIG zu einer großen Reform. In den Ministerien regieren zu sehr die Ideologen, die keine Ahnung haben, aber das richtige Parteibuch.
          Eine solche “große” Reform würde auch vermurkst, und da bleibe ich lieber beim gegenwärtigen System. Man könnte ja den Übergang nach Klasse 4 etwas geschickter, flexibler und gerechter gestalten. Eine solche Reform “im Kleinen” ginge vielleicht gerade noch.
          Beim Zwei-Säulen-Modell bin ich auch skeptisch geworden, nachdem mir ein SPD-Genosse an einem Wahlkampfstand offen erklärte, man wolle später die beiden Säulen zusammenführen. Das ist die “neue Ehrlichkeit”: Erst das Zwei-Säulen-Modell propagieren und heimlich schon jetzt dessen Abschaffung ins Auge fassen. Nein danke.

  11. Brandaktuelle Meldung aus NRW:

    “‘Es wird weiterhin ein flächendeckendes Angebot an Förderschulen geben’, sagte Gebauer. Die noch bestehenden Förderschulen sollen wiederaufgebaut werden, auch die Eröffnung neuer Förderschulen ist wieder möglich. An Förderschulen werden ausschließlich behinderte Kinder unterrichtet. Den Gymnasien soll künftig selbst überlassen sein, inwieweit sie noch Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufnehmen.

    Die Schulministerin reagiert damit auf massive Kritik an der Umsetzung der Inklusion. Die Probleme in den Schulen waren bei der Landtagswahl einer der Hauptgründe für die Abwahl der rot-grünen Landesregierung.”
    https://rp-online.de/nrw/landespolitik/nrw-bremst-inklusion-an-schulen_aid-23836479

  12. Ich schrieb nicht im Rahmen einer Ausnuechterungszelle, sondern recht nüchtern. Theoretisch abgehoben Darlegungen abstrakter moralinschwangerer Theorien helfen mir wie anderen nicht weiter. Und werden es in Zukunft auch nicht. Es repräsentiert nicht, was im Alltag von Schule auf den Nägeln brennt. Aber wir werden im Rahmen der Bfz Sitzung ja Möglichkeiten haben, uns darüber auszutauschen, bei der sie uns als Gast angekündigt wurden. Mich erkennen sie als jemand, der immer nüchtern ist aus Überzeugung, an der Cato-Rolle

  13. Sehr geehrter Herr Wocken,
    ein paar Anmerkungen aus der Ausnüchterungszelle:
    Sie sehen sich als Wissenschaftler, der die „Wirklichkeit der Erziehung angemessen beschreiben und analysieren“ soll. Wie ich in meinem flapsigen Kommentar oben schon andeutete, hab ich das Gefühl, dass sie diese Wirklichkeit kaum kennen. Folgende Realitäten kommen in ihren Überlegungen nicht vor, sind aber für die Umsetzung von Inklusion von essenzieller Bedeutung:
    1. Haben Sie in letzter Zeit mal ein Gymnasium (oder gern mehrere) wirklich von innen gesehen, d.h. mal über einen längeren Zeitraum von sagen wir einem halben Jahr vorurteilsfrei intensiv hinter die Kulissen geschaut und sich danach gefragt, in welcher Form Inklusion gelingen kann und soll? Damit meine ich die räumliche Ausstattung, die sachliche Ausstattung und die personelle Ausstattung in zweifacher Hinsicht: Wir haben an Gymnasien (insbesondere ältere) Lehrkräfte, die angetreten sind, Schülern den Weg zur Uni zu ebnen. Diesen Personen nun Schüler in die Klasse zu setzen, die geistig nicht im Entferntesten das Potential zur Universität haben, ist dann schwierig, wenn diese Lehrkräfte dies (innerlich) ablehnen. Das mögen Sie, Herr Wocken, verwerflich finden, und argumentieren, andere Arbeitnehmer müssen auch mit einem Wandel klarkommen, es ändert aber einfach nichts an der Tatsache, dass diese Lehrkräfte für die entsprechenden Kinder nicht geeignet sind (diese Lehrkräfte finden Sie übrigens auch an Real- oder Gemeinschaftsschulen). Der zweite personelle Aspekt ist, dass viele Gymnasien noch nicht mal einen Sozialpädagogen oder andere Nichtlehrkräfte außer Sekretärin, Mensaspersonal und Hausmeister haben.
    2. Die Inklusion wird insbesondere deshalb von so vielen Kollegen abgelehnt, weil sie die Kollegen über ihre gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit hinaus belastet. In allen Bundesländern beträgt die Wochenarbeitszeit für Beamte 40 oder 41 Stunden, oder für Lehrer wegen der Ferien besser zu berechnen: 1760 oder 1804 Stunden im Jahr. Dies bedeutet: Die Kollegen müssen entweder unbezahlte Überstunden in erheblichem Umfang machen oder sie gehen jeden Tag mit dem Wissen zur Arbeit, bei dieser nicht allen gerecht werden zu können (oder beides). Beides macht schlicht krank! Ehe Sie hier also mit der Keule auf Gymnasien oder ein gegliedertes Schulsystem eindreschen, müssen Sie erst in der Politik für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen. Haben wir vernünftige Rahmenbedingungen, kann man sich sicherlich gerne auch über Aspekte einer für Inklusion sinnvollen Pädagogik unterhalten, aber die Reihenfolge ist unabdingbar.
    3. Viele ihrer oben angepriesenen Methoden indirekten Unterrichts sind in meinen Augen Produkt einer „Brave-Kinder-Pädagogik“, wie Professor Dollase es in einem Artikel hier nannte. Es spricht in meinen Augen wenig dagegen, diese Methoden auch als Ergänzung einzusetzen (und es gibt kein noch so elitäres Gymnasium, an dem dies nicht auch passiert), aber die an sich wünschenswerte selbstständige, nicht unter der unmittelbaren Aufsicht einer Lehrkraft stattfindenden Aneignung von Wissen wird z.B. durch ein illegal vom Oberstufenschüler besorgtes WLAN-Passwort konterkariert.
    Sie können sich also gerne weiter auf hoher intellektueller Ebene mit Inklusionsgegnern duellieren, in meinen Augen ist dies aber realitätsfern und artet in eine Diskussion aus, die zum Selbstzweck geworden ist.
    Mit Grüßen von der Küste
    Küstenfuchs

    • Die Frage, die sich mir stellt, ist warum dies allein auf Gymnasien bezogen wird.
      1. Warum sind KollegInnen an den anderen Schulen besser geeignet um so mehr Schüler inklusiv zu beschulen, zudem bei höhrerm Deputat und geringerem Lohn?
      2. Auch die Arbeitsbelastung an den anderen Schulen ist vergleichend hoch und z.T. von größerer Belastung, gerade weil die Schülerschaft dort schwieriger ist und mehr Probleme zu bewältigen sind. Warum muss nicht generell für vernünftige Rahmenbedingungen gesorgt werden? Stets rufen die Gymnasien nach der Unmöglichkeit und IMMER ist dies zu Lasten aller anderen Lehrkräfte!

      Wenn 30-50% der SuS auf das Gymnasium gehen, das bis auf sehr wenige Ausnahmen inklusionsfrei sein soll, bedeutet dies, dass die anderen Schulen um so mehr Schüler aufnehmen müssen, die inklusiv zu beschulen sind.
      Es ist mir unbegreiflich, wie man generell nur für eine Schulform streiten kann, den anderen damit aber die Arbeit zuschiebt. Dann bekommt man, wie nun in NRW, Änderungen, in denen genau eine Schulform ausgespart wird auf Kosten aller anderen.

    • Rahmenbedingungen
      Für die Rahmenbedinungen bin nicht ich zuständig, sondern die Kultus- und Finanzminister. Meine primäre Aufgabe als Wissenschaftler ist es, eine gute Theorie, ein gutes Konzept einer inklusiven Bildungslandschaft, einer inklusiven Schule und eines inklusiven Unterrichts zu entwerfen. Das mögen Sie als Praktiker meinethalben als realitätsfern einstufen. Die gegenwärtige Inklusionspolitik hat nach meiner persönlichen Einschätzung keinen guten “Plan” und so manche Lehrerinnen und Lehrer wissen nicht, was ein inklusiver Unterrricht ist. Sie können keinen inklusiven Unterricht, weil sie es nicht wissen, also weil sie keine “Theorie” haben. Nichts ist praktischer als eine gute Theorie. Mit den besten Grüssen an die Küste und den geliebten Norden.

      • Ich finde auch, dass man sich über die Theorie austauschen muss und vor allem, dass es der Definitionen bedarf, was genau Inklusion bedeuten und erreichen soll und was genau inklusiver Unterricht meint.
        Dass es dahin ein weiterer Weg ist, stlimmt, aber die Zwischenschritte gehören auch zum Weg dazu. Überquert man den Fluss über einzelne Steine und einer hält nicht, hat man ein Problem. Diese Zwischenschritte sind somit vorab zu bedenken und womöglich zwischendrin neu zu beurteilen, wenn man ein Stück des Weges erreicht hat.

        Das Zurückziehen allein auf die Theorie hingegen halte ich für falsch. Wenn inklusiver Unterricht allein ein Gedankenkonstrukt ist und die Praxis gar nicht interessiert, baut man ein Luftschloss, dass in der Praxis einstürzen muss.
        Auch der Verweis darauf, dass Kultus- und Finanzminister die Ausgestaltung übernehmen sollen, die in der Theorie noch nicht einmal bedacht ist, muss scheitern.
        Letztlich braucht es für die Umsetzung einen Leitfaden und die Theorie bedarf der Praktiker, die auf Grundlage der Definitionen und Zielsetzungen Möglichkeiten der Umsetzung sowie Teilschritte realistisch abschätzen und Bewertungen vornehmen.
        Bei der Umsetzung im großen System braucht es viel Kommunikation, entsprechend auch gewährte Arbeitszeit hierfür, und meiner Meinung nach gehören auch hier Praktiker wie Theoretiker an den Tisch, damit sowohl die Theorie wie auch der Leitfaden mit den Zwischenschritten in den Blick genommen und zusammen weiterentwickelt werden.

        • “Das Zurückziehen allein auf die Theorie hingegen halte ich für falsch. Wenn inklusiver Unterricht allein ein Gedankenkonstrukt ist und die Praxis gar nicht interessiert, baut man ein Luftschloss, dass in der Praxis einstürzen muss.
          Auch der Verweis darauf, dass Kultus- und Finanzminister die Ausgestaltung übernehmen sollen, die in der Theorie noch nicht einmal bedacht ist, muss scheitern.”

          Da stimme ich Ihnen voll zu. Die radikalen Befürworter beziehen sich ausschließlich auf das Luftschloss und interessieren sich nicht für die Praktiker. Die Politiker lassen sich zu sehr vom Finanzminister leiten. Ich gebe Ihnen, palim, auch den Tipp, nicht das Luftschloss zu predigen und gleichzeitig über die Praxis zu schimpfen.

          • Ich schließe mich an. Sowohl, was die Zustimmung zu Palims sehr gutem Beitrag von 17:55 Uhr betrifft, als auch in Bezug auf den Tipp, “nicht das Luftschloss zu predigen und gleichzeitig über die Praxis zu schimpfen”.

          • Der Unterschied ist, dass ich nicht allein ein Luftschloss erdenken muss, sondern tagtäglich sehen kann, wie weit ein Teil davon umzusetzen ist und auch, dass es durchaus Eltern und Kinder gibt, für die die Inklusion einen Vorteil bringt. In meiner Region ist die Inklusion eher akzeptiert, gerade weil es durchaus Schulen und Kinder gibt, die auf diese Weise recht gut zu Beschulung sind. Das hat auch damit zu tun,dass man sich nicht der Vorstellung hinriebt, dass diese Kinder generell Chaoten sind, sondern dass man von Beginn der Schulzeit die Bemühungen und Fortschritte sieht und an den FöS-Vorgaben misst, sofern es um zieldifferente Beschulung geht.

            Dabei darf ich dennoch für bessere Bedingungen streiten und muss nicht alles in Abrede stellen, wie andere, die es sich „rein theoretisch“ nicht vorstellen können, zumal ich weiß, dass gerade Niedersachsen bei der Umsetzung mit den personellen Ressourcen besonders sparsam ist, beschlossen durch die GroKo, die nun auch wieder regiert. Meiner Meinung nach braucht es klare Vorgaben zur Ausstattung, die geleistet werden muss. Kann dies nicht mit Lehrkräften erreicht werden, müssen schon zuvor Alternativen benannt sein, die nicht auf weitere Sparmaßnahmen abzielen, sondern deutlich und transparent die notwendige Unterstützung im System lassen. Warum gehören solche Bedingungen nicht vorab in die Theorie oder Planung?

            Grenzen und Hindernisse, die ich sehe, sind nicht Theorie, auch wenn man sich schon vorab auch dazu hätte Gedanken machen müssen und auch diese mit in Konzepte aufnehmen sollen, sondern die Grenzen in der tagtäglichen Auseinandersetzung. Manches davon entdeckt man erst während der Umsetzung und der Arbeit selbst. Meiner Meinung nach muss deshalb die Umstellung eines Systems gerade für die Anfangszeit mehr Unterstützung erhalten, als womöglich später notwendig sein wird, wenn die neuen Wege gefunden, der Unterricht überdacht und überplant und die multiprofessionellen Teams, die immer versprochen waren, längst gut zusammengefunden haben.

          • Palim schrieb: “Der Unterschied ist, dass ich nicht allein ein Luftschloss erdenken muss, sondern tagtäglich sehen kann, wie weit ein Teil davon umzusetzen ist […]”

            Der Unterschied ist, dass Menschen wie Prof. Wocken Luftschlösser erdenken und Menschen wie Sie, Palim, tagtäglich leidvoll erfahren können, inwieweit man engagiert an diesen Schlössern mitbaut, bevor es sich in der Luft auflöst, aus der es besteht, weil der Professor sagt: “Ätsch, ist ja nur Luft (= Theorie).”

      • “Ein gutes Konzept, eine gute Theorie.”
        Soweit, so gut. Aber dazu hätte m.E. auch gehört, dass man mal in einer Machbarkeitsstudie die Kosten vorher abschätzt, sowohl finanziell als auch bzgl. Lehrerstellen und tatsächlich vorhandenen Kandidaten für diese Stellen. Ist das geschehen? Das hätte auch die Wissenschaft leisten können, wozu gibt es denn Bildungsökonomen bei Bertelsmann und woanders? Prof. Wößmann hat uns doch vorgerechnet, wieviele Milliarden ein Zuwachs an wievielen PISA-Punkten volkswirtschaftlich einbringen würde. Eine grobe Abschätzung der Inklusionskosten wäre für ihn ein Leichtes gewesen. Aber niemand schien ein Interesse daran zu haben, VORHER die Kosten abzuschätzen. Jetzt HINTERHER sind alle fein raus: Die Finanzminister sagen, was sie in solchem Fall immer sagen, und die Pädagogik-Professoren sagen, sie seien dafür gar nicht zuständig, die Schulministerien verweisen auf den begrenzten Etat, die Parteipolitiker verweisen auf die UN-Konvention, die Kirchen machen sich wichtig damit, bezahlen aber auch nichts, die Grünen gehen auf Stimmenfang usw.
        Und es gibt immer noch das Gerücht, dass man mit der Abschaffung der Förderschulen eben doch Geld einsparen wollte. Denn die sind auf dem Papier pro Kind die teuersten. Am Ende kommt man dann auf die schlaue Idee, einfach Unterricht zu reduzieren, damit man auf dem Papier mehr Lehrer hat. Großartig, Bildungsrepublik Deutschland. Aber gleichzeitig trägt man die Inklusion vor sich her wie eine Monstranz.

        • Ich habe da so meinen Verdacht, warum niemand ein Interesse daran zu haben schien, “VORHER die Kosten abzuschätzen”. HINTERHER sind nicht alle nur fein raus, sondern sie haben eine wichtige Etappe geschafft: Die Schließung vieler Förderschulen! Mit einer Kostenschätzung vorher wäre das beileibe nicht so einfach gewesen.

        • Mit Kostenschätzungen haben es die Politiker auch bei Bauvorhaben nicht so sehr. Es ist halt nicht ihr Geld, sondern der ohne eigene Leistung dauerhaft aufgefüllte Steuertopf. Allerdings ist Bildung ein reiner Kostenfaktor ohne kurzfristigen Prestigegewinn oder generierten Erträgen gleich welcher Art.

        • Volle Zustimmung.
          In der Ereiferung für eine gute Theorie vergaß ich das Erfordernis, dass jede Theorie heutzutage durch die Mühlen der Empirie muss. Ich habe während meiner wissenschaftlichen Begleitung mehrere Untersuchungen zur Inklusion gemacht und in dem neuen Buch findet sich auch eine Übersicht über Untersuchungen im deutschsprachigen Raum. Freilich: Die Inklusionsforscher haben sich zunächst einmal dafür interessiert, ob das überhaupt geht, ob es den Kindern und den Lehrern gut geht, was die Eltern darüber denken und so fort.
          Zu den Finanzen wurde anfänglich nicht geforscht, aber es gibt Studien von Preuß-Lausitz, Klemm (Bertelsmann) und von den Grünen Berlin. Die Ergebnisse reichen von etwa kostenneutral bis hin zu mehreren Millionen jährlich. Das Versprechen der Kosten-Neutralität kommt von der CDU-Regierung, nicht von den Inklusionstheoretikern!
          Die Kostenfrage hängt natürlich in vollem Umfange davon ab, was den inklusiven Schulen an personellen Ressourcen zugestanden wird: Jede Woche 2 Stunden Sonderpädagoge pro Klasse oder eine volle Zweitkraft? Ja, diese Frage kann die Empirie nicht beantworten, da muss schon mal die Theorie mit einem Konzept vorangehen und Vorgaben machen.
          Ich darf versichern: Für die gegenwärtige Inklusionspolitik hat nicht die viel gescholtene Theorie das Drehbuch geschrieben. Die systematische Unterfinanzierung der Inklusion ist nicht das Werk der Theorie, sondern der Bildungspolitik. Und die macht den wahnwitzigen Fehler, dass sie glaucht zwei Systeme – Sonderschule und Inklusion – finanzieren zu können. Zu diesem Fehler tragen übrigens die Inklusionskritiker und -gegner in vollem Umfang bei, weil sie die volle Erhaltung des Sonderschulsystems fordern und ein großes Geschrei anstellen, wenn Sonderschulen tatsächlich geschlossen werden.
          Wir können jetzt schon mal anfangen, die Schuldigen zu suchen. Wer hat die unbefriedigende Situation verbockt: die ideologischen Theoretiker, die knauserigen Finanzminister, die konservativen Sonderschulerhalter, die Interessern bürgerlicher Kreise an “behindertenfreien” Schulen (Realschulen und Gymnasien)?

          • Den Schuldigen zu suchen ist die nächste Scheindebatte.

            Wo ist die Debatte darüber, ob es den Beteiligten, die alles umsetzen müssen, während sich Wissenschaftler und Politiker mit Scheindebatten aufhalten bei der Umsetzung gut geht oder wie man die Situation umgehend verbessern könnte?
            Ansonsten kann man sich das bald vollkommen sparen, weil die Umsetzung als „gescheitert“ angesehen werden muss bzw. wird und auf weiteres keine Zustimmung mehr finden wird.
            Förderschüler werden in Hauptschulen gesteckt, ohne für entsprechende Ausstattung zu sorgen, die CDU freut sich über Kostenneutralität, die Eltern der anderen freuen sich, dass sie und ihre Kinder keine Berührung damit haben, die Lehrkräfte mit besserer Bezahlung ebenso und irgendwelche Juristen werden dafür bezahlt, dass sie die Vorgaben derart auslegen, dass das dann als inklusiver System ausreicht.

            War es das, was Wissenschaftler als gute Theorie erreichen wollten?

          • Diese Frage kann ich wirklich nicht ernst nehmen!
            Ich nehme in diesem Kommentar-Blog eine ziemlich distanzierte, kritische bis aversive Haltung zur Inklusion wahr. Die Mehrheit der Blogger rechne ich dem skeptischen, kritischen bis gegnerischen Lager zu. Die schöne Hoffnung so mancher Blogger, dass sie mit der ganzen angeblichen Inklusionsmisere nichts zu tun haben, ist leider falsch. Durch die konsequente Weigerung, die Sonderschulen zurückbauen und wirklich alle (!) Schulen an der Inklusion zu beteiligen, sind die sog. “Inklusionskritiker” mitverantwortlich für die Unterfinanzierung der Inklusion. Die schöne Selbstzuschreibung, für das herbeigeredete “Chaos” sind andere verantwortlich und man selbst kann sich schon mal in Unschuld die Hände waschen, ist selbstverliebt und gründlich falsch.

          • Möglicherweise. Faktisch hat man so ja nur die Realschulen abgeschafft, indem man die Realschüler auf die Gymnasien packt, die verbliebenen Hauptschulen in Realschulen umbenennt und die ehemaligen Förderschulen in Hauptschulen umbenennt, allerdings ohne die personelle Ausstattung und Ausbildung der Lehrkräfte. Bitte fragen Sie mich nicht, wer von diesen Umstellungen profitiert.

          • Hier gibt’s eine böse Theorie dazu, wer profitiert (bitte nicht auf mich schimpfen):
            “Der Linguist Clemens Knobloch sieht hinter der Inklusion ein Zusammenwirken von öffentlicher Moralisierung, staatlicher Sparpolitik und privater Interessenpolitik. Die Einführung der Inklusion führe zur Schließung von Fördereinrichtungen, zur Absenkung des Leistungsniveaus in staatlichen Schulen und als Folge zur Abwanderung der Schüler aus Mittel- und Oberschicht in die Privatschulen.”
            Quelle:
            https://de.wikipedia.org/wiki/Inklusive_Pädagogik#Angeblicher_Missbrauch_und_mangelnde_Akzeptanz_der_Behindertenrechtskonvention
            Da stehen noch mehr Argumente pro und contra. Da steht auch:
            “Das Deutsche Institut für Menschenrechte betont, dass die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen für die Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems nicht logisch zwingend zur Einführung eines eingliedrigen Schulsystems führen müsse. Damit widerspricht das Institut der Ansicht, dass es in Deutschland „Regelschulen für alle“ geben müsse. Ein gegliedertes Schulwesen stehe nicht in diametralem Gegensatz zur Idee der Inklusion.”

          • Die Verdächtigung des Linguisten Clemens Knoblich, Inklusion sei eine neoliberale Idee, ist mir bekannt. Originelle, aber ziemlich albern. Meine Kritik dazu steht in meinem Buch. Tut mir leid, aber ich kann und will ja nicht alles dreimal sagen.

          • Ich widerspreche Wikipedia: Inklusion und gegliedertes Schulwesen gehen für mich logisch nicht unter einen Hut. Vielleicht konstatieren und aktzeptieren wir einfach mal, dass es verschiedene Meinungen gibt.

          • „Die Hände in Unschuld zu waschen“ kommt aber für mich dem gleich, Theorien zu erdenken und bei miserabler Umsetzung auf andere zu zeigen und sich selbst dafür nicht in der Verantwortung zu sehen.
            Genau in diese Richtung geht die Kritik, dass die Theorie von der Praxis losgelöst betrachtet wird, denn genau das ermöglicht es, eine womöglich sinnvolle Theorie in eine kostengünstige Variante zu verwandeln, die nur noch scheinbar die gleichen Ziele unterstützt.

          • Palim fragte: “Wo ist die Debatte darüber, ob es den Beteiligten, die alles umsetzen müssen, während sich Wissenschaftler und Politiker mit Scheindebatten aufhalten bei der Umsetzung gut geht oder wie man die Situation umgehend verbessern könnte?”

            Dazu folgender Gedanke:
            1. Prof. Wocken schrieb in seinem Posting von 19:06 Uhr: “Die Inklusionsforscher haben sich zunächst einmal dafür interessiert, ob das überhaupt geht, ob es den Kindern und den Lehrern gut geht, was die Eltern darüber denken und so fort.”

            Das scheint man dann offensichtlich total aus den Augen verloren zu haben, wenn man den Reaktionen jener Kinder, Lehrer und Eltern glaubt, die in den vergangenen Jahren für die nicht mehr einzufangende öffentliche Debatte gesorgt haben, welche wiederum dazu geführt hat, dass man nun vor den Trümmern der Idee der Inklusion steht.

            Palim stellte weiterhin fest: “Ansonsten kann man sich das bald vollkommen sparen, weil die Umsetzung als „gescheitert“ angesehen werden muss bzw. wird und auf weiteres keine Zustimmung mehr finden wird.”

            Absolute Zustimmung. An vielen Orten ist das nach meinem Eindruck übrigens längst der Fall.
            Geben Sie mal bei Google “Gescheiterte Inklusion” ein. Da finden Sie zwei Jahre alte Artikel, die das feststellen.

          • Palim schrieb: “‘Die Hände in Unschuld zu waschen’ kommt aber für mich dem gleich, Theorien zu erdenken und bei miserabler Umsetzung auf andere zu zeigen und sich selbst dafür nicht in der Verantwortung zu sehen.”

            Nochmals: Absolute Zustimmung!
            P.S. Wie oft hat Herr Prof. Wocken inzwischen auf sein Buch hingewiesen?

          • Es kommt wie es kommen sollte und wohl auch von entsprechenden Studien der Bertelsmann-Gruppe auch so beabsichtigt war.
            Die staatlichen Regelschulen werden einen weiteren Verfall ihres Leistungsniveaus erfahren, weil durch die heterogene Zusammensetzung der Schüler eben dieses insgesamt weiter abgesenkt wird. Davon werden schließlich die privaten Schulen in der Zukunft profitieren, weil sich das Bildungsbürgertum, ähnlich wie in Frankreich, der Türkei und anderswo, auf diese sich ausbreitenden Schulformen stürzen wird.
            Die staatlichen Restschulen werden schließlich für die verbliebenen Schüler übrig bleiben, deren Eltern sich dieses System einfach nicht leisten können.
            Dieses Ergebnis können Sie und andere sich dann als Erfüllungsgehilfen der Demontage des staatlichen Schulsystems auf ihre “Erfolgsfahne” schreiben. Allgemeinbildung im Sinne eines von Humboldt ist eh schon nicht mehr gefragt, und so kann man das von diesem und seinen Mitstreitern implementierte Bildungssystem endgültig at acta legen.
            Inklusion als Hebel zur Implementierung eines privat finanzierten Schulsystems. Vielen Dank auch.

          • An die Geschichte, dass zwei Systeme (Regelschule und Förderschule) die teuerste Lösung seien, glaube ich nicht mehr. Sie hört sich zunächst einleuchtend an, verliert aber bei genauerem Nachdenken an Glaubwürdigkeit.
            Für die Anhänger einer Abschaffung aller Förderschulen ist das aber zunächst ein zweckdienliches Argument.

          • Hans Wocken fragte: “Und warum ist dann der zuständige Neoliberale Christian Lindner von der FDP gegen Inklusion?”

            Das müssen Sie Herrn Lindner fragen. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, welche Position Christoph Türcke vertritt.

          • @Hans Wocken
            Ist die FDP neoliberal? Ihre Vertreter – auch Christian Lindner – sprechen immer nur von “wir Liberalen”. Auch die Vertreter der anderen Parteien sprechen entweder von der FDP oder den “Liberalen”.

          • Die Idee der Inklusion mag keine neoliberale gewesen sein.
            Dadurch, dass die Theorie aber gerade nicht mit vernünftigen Bedingungen hinsichtlich der Ausstattung und Umsetzung an allen Schulen verknüpft wurde, wurde der neoliberalen Gestaltung aber Tür und Tor geöffnet.
            Ein Menschenrecht wird verkauft!

          • “Inklusion und gegliedertes Schulwesen gehen für mich logisch nicht unter einen Hut.”
            Warum nur hat die UN-Konvention das nicht klar gesagt? An der Fähigkeit zu sprachlicher Präzision wird es kaum gelegen haben. Es hätte doch genügt festzustellen, dass es keine separaten Schulen für Behinderte geben soll. Es entsteht der Verdacht, dass man im Zuge eines Kompromisses ganz bewusst einiges im Unklaren gelassen hat, um erstmal die Akzeptanz zu erhöhen. Das ist ja nicht unüblich bei internationalen Vereinbarungen und im diplomatischen Bereich.
            Sprachlich spricht wohl alles dafür, dass das Adjektiv “inklusiv” sich nur auf das “System” bezieht (nicht auf einzelne Schulen) und dass diese Kombination damals das noch nicht als Terminus technicus in Gebrauch war, weil dieser noch unbekannt war. Heute sind Kombinationen mit “inklusiv” bedeutungsmäßig ganz anders besetzt. Dafür haben diverse Leute gesorgt.

          • @Palim
            Sie sagen: “Ein Menschenrecht wurde verkauft”.
            Ich denke weiterhin, dass Förderschulen nicht gegen die UN-Konvention verstoßen, sondern sie sogar in vorbildlicher Weise erfüllen.
            Wenn Sie aber meinen, dass ein Menschenrecht verkauft wurde, indem ein billiger Regelschulbesuch für behinderte Kinder beschlossen und mit hehren, aber leeren Versprechungen und zum Nachteil aller Beteiligten eiligst umgesetzt wurde, gebe ich Ihnen absolut Recht.
            Egal, ob Menschenrecht oder nicht, die Abschaffung von Förderschulen und Einführung von Regelschulbesuch sind in jeder Hinsicht – auch moralischer! – eine infame Augenwischerei, wenn sie für die Kinder eine Verschlechterung ihrer Situation bedeuten und auch die Lehrer ins Unglück stürzen.
            Nicht schöne Pläne beweisen die Erfüllung eines Menschenrechts, sondern eine Praxis, die sich als Gewinn erweist.
            Insofern halte ich Inklusionskritik für absolut berechtigt und ändere meine Meinung erst, wenn wohlklingende Theorien nicht nur von bestens ausgestatteten Vorzeigeschulen bestätigt werden.

          • @ A.S.
            Exzellenter Beitrag. Bravo!

            Palim schrieb (7.7. um 19:30 Uhr): “Ansonsten kann man sich das bald vollkommen sparen, weil die Umsetzung als ‘gescheitert’ angesehen werden muss bzw. wird und auf weiteres keine Zustimmung mehr finden wird.”

            Auf der Didacta 2018 gab es am 23.2. im Forum Bildung eine Podiumsdiskussion zur Inklusion. Im Ankündigungstext stand: “Die schulische Inklusion gilt gemeinhin als gescheitert.”

          • Palim schrieb (7.7. um 19:30 Uhr): “Ansonsten kann man sich das bald vollkommen sparen, weil die Umsetzung als ‘gescheitert’ angesehen werden muss bzw. wird und auf weiteres keine Zustimmung mehr finden wird.”

            Es gab ja schon Befürchtungen, dass der Inklusion aufgrund der miserablen Umsetzung ein ähnliches Schicksal droht wie das G8 an Gymnasien.

            Liebe Inklusionsbefürworter: Ist es eigentlich Inklusion, wenn einzelne Schüler in einer Klasse ihr Schulleben lang vollkommen andere Aufgaben bearbeiten ohne ins reguläre Unterrichtsgeschehen mit einbezogen zu werden? Meiner Meinung nach nicht, es ist ein Nebeneinander an Stelle des von den Befürwortern stets propagierten Miteinanders.

      • Wenn Sie, Herr Wocken, für “eine gute Theorie, ein gutes Konzept einer inklusiven Bildungslandschaft, einer inklusiven Schule und eines inklusiven Unterrichts” zuständig sind und die Politik für die Rahmenbedingungen, wäre es dann nicht sinnvoll, wenn Sie Ihre Theorien und Konzepte auf die Rahmenbedingungen, die von der Politik geliefert werden, anpassen?

        Die Rahmenbedingungen sind die Realität und die werden Sie nicht ändern, in dem Sie Theorien weit entfernt von dieser Realität entwickeln.

        • Nichts spricht gegen Utopien, nur zeichnet eine gute Theorie die Überprüfbarkeit voraus, die im Falle der Inklusionstheorie von Herrn Wocken durch die Politik praktisch verhinder, aber gleichzeitig gepriesen wird.

  14. Palim, Palim – unbedingt lesen!

    Hans Wocken schrieb: “Für die Rahmenbedinungen bin nicht ich zuständig, sondern die Kultus- und Finanzminister. Meine primäre Aufgabe als Wissenschaftler ist es, eine gute Theorie, ein gutes Konzept einer inklusiven Bildungslandschaft, einer inklusiven Schule und eines inklusiven Unterrichts zu entwerfen.”

    Alles klar?

    • Diesem Selbstverständnis nach finden wir also im neuen Buch des Professors eine “gute Theorie darüber, wie man die bösen Kritiker der praktischen Umsetzung der guten Ideen des Herrn Wocken mundtot macht”?

      • Böse Inklusionskritiker mundtot machen?
        Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diese böswillige Unterstellung durch ein konkretes Zitat aus meinem Buch belegen würden. Derartige Unterstellungen vergiften das Inklusionsklima und rufen zu einer Hetzjagd auf die ideologisch verbohrten Inklusionsbefürworter auf.

        • “Böse Inklusionskritiker mundtot machen?”

          Zitat Hans Wocken, hier in diesem Diskussionsstrang (6.7.2018, 11:02 Uhr):
          “@OMG
          @Küstenfuchs
          Sie haben sich verirrt! Dieser Kommentar-Blog ist ein Raum für den Austausch von Argumenten und keine Ausnüchterungszelle.”

          • Im übrigen: Bitte das Fragezeichen hinter meinem Posting von 15:38 Uhr beachten.

    • Wie so oft macht die Politik den Fehler, erst etwas einzuführen, über das Ziel hinauszuschießen, danach zu schauen, wie man das ganze umsetzen kann, um schließlich nach lauten Protesten der Wähler das Ganze wieder zurückzufahren. Das hat man bei der Schulzeitverkürzung am Gymnasium auch gemacht.

  15. @Hans Wocken
    “Ich nehme in diesem Kommentar-Blog eine ziemlich distanzierte, kritische bis aversive Haltung zur Inklusion wahr. Die Mehrheit der Blogger rechne ich dem skeptischen, kritischen bis gegnerischen Lager zu.”
    Ich nehme auch eine kritische Haltung zur Inklusion wahr.
    Die einen meinen, sie müssen nur genug wettern, dann geht die Inklusion an ihnen vorüber, bevor sie dort überhaupt beginnt.

    Die anderen müssen seit Jahren die Inklusion umsetzen, in Niedersachsen ist es in den Grundschulen keine “Radikalinklusion”, durch die Schließung der FöS Lernen und die nicht vorhandenen FöS ESE (fast nur privat) aber dennoch eine weitgreifende, die mit viel zu wenig Stunden (2 Std. pro Woche, die nicht in den Schulen ankommen) erfolgen muss. Die Abschaffung der FöS im Grundschulbereich hat jedoch nicht zu einer besseren Ausstattung an den Schulen geführt. Wie viele I-Kinder in der Klasse auch sind, 2 Stunden Unterstützung sollen ausreichen, um Grundschullehrkräfte, die jeden Tag die Aufgaben übernehmen, zu beraten, denn mehr ist dabei nicht zu erwarten.

    Die Arbeit, die dahinter steckt, wird von niemandem gesehen oder beachtet und schon gar nicht in der Öffentlichkeit benannt oder gebührend anerkannt oder gar entlohnt.
    Eltern haben generell das Gefühl, dass sie und ihre Kinder “verlieren”, was angesichts der Unterfinanzierung auch nicht verwunderlich ist. Alle Eltern meinen, ihr eigenes Kind kommt in jedem Fall zu kurz und finden in der Inklusion einen Sündenbock (… da wird “Lesen durch Schreiben” tatsächlich mal abgelöst!) Man könnte meinen, hierin vereint die Inklusion die Elternschaft.

    Wie sehr sich Lehrkräfte auch um die Integration/ Inklusion bemühen, gelingt diese bei einem Kind nicht, bekommen am Ende die Lehrkräfte die Schuld zugeschoben, da sie für “die Schule” und “das System” stehen und die Inklusion umsetzen sollen und müssen.

    Die Bereitschaft, allein über die Theorie als solche zu diskutieren, geht gen Null, gerade weil die Lehrkräfte umsetzen sollen, was andere erdenken und sich im Anschluss möglichst rausziehen.
    Wie kann man von denen, die die Arbeit schultern müssen, Begeisterung oder Unterstützung erwarten, wenn man sie mit der Aufgabe selbst allein lässt und sich nicht um deren Unterstützung bemüht?

    • Danke für den tollen Kommentar, Palim! Genauso, wie Sie sagen, ist es.
      Ich muss gestehen, dass ich mit früheren Meinungsäußerungen von Ihnen zur Inklusion Schwierigkeiten hatte, diesmal aber mehr als angetan bin.

      • Ich bin da auch bei palim, nur dass ich nicht unmittelbar ins Wasser geworfen wurde und erst dann an eine sinnvolle Inklusion glaube, wenn die Förderbedingungen stimmen _und_ die Inklusionsschüler und Regelschüler wechselseitig voneinander profitieren können ohne sich wie auch immer gegenseitig signifikant einzuschränken oder zu behindern. So lange das nicht gegeben ist, mache ich in Bezug auf Inklusion nur Dienst nach Vorschrift. Insbesondere gebe ich kein Geld für Materialien aus und erstelle nur das allernötigste selbst.

        • “und erst dann an eine sinnvolle Inklusion glaube, wenn die Förderbedingungen stimmen _und_ die Inklusionsschüler und Regelschüler wechselseitig voneinander profitieren können ohne sich wie auch immer gegenseitig signifikant einzuschränken oder zu behindern.”
          Das ist ja mal ein Statement 🙂

          Der Unterschied ist, dass die SekI-KollegInnen offenbar erst jetzt an der Inklusion beteiligt werden und sich erst jetzt Gedanken machen, die Grundschullehrkräfte schon vor Jahren geäußert haben. Da war die Inklusion ja aber für die SekI noch so weit entfernt, dass sie nicht tangierte.
          Um so unverständlicher ist für mich, dass Klagen der GS-KollegInnen ungehört verpufften, aber Gymnasien nun einmal mehr einen Sonderstatus auf Kosten anderer bekommen sollen.

          Der zweite Unterschied ist, dass die Umstellung auf ein inklusives System sicherlich nicht sofort und reibungslos funktionieren kann oder wird, man sich aber dennoch auf die Aufgabe einlassen muss, wenn man das Ziel erreichen will. Die unterschiedliche Bewertung der derzeitigen Umsetzung haben ich oben erklärt. Das teurere Doppelsystem bleibt zu Beginn bestehen und dennoch hätte es zusätzlich auch für die Umsetzung Unterstützung gebraucht, die ebenso kostet.
          Dieses Doppelsystem weiterzuführen und den Schulen, die die Inklusion bei Wahlrecht der Eltern dennoch umsetzen müssen, nicht besserzustellen, halte ich für falsch, zumal ich denke, dass darüber das eigentliche Ziel aus den Augen verloren wird. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben … aber darauf arbeiten dennoch viele hin.

          “Dienst nach Vorschrift” hilft bei der Umsetzung auch nicht, ebenso wie bei allen anderen zugeschobenen Aufgaben, wäre aber womöglich mal ein klares Zeichen seitens der gesamten Lehrerschaft, die müde ist, Schulstrukturreformen, Datenschutzverordnungen, Konzepte und vieles mehr als unentgeltliche Mehrarbeit schultern zu müssen.

          Wenn man sich darin einig ist, dass Inklusion nur zu vernünftigen Förderbedingungen gelingen kann, sollte man gemeinsam dafür eintreten.

          • Warum haben die Grundschullehrerinnen dann nicht lauter gebrüllt und nur Dienst nach Vorschrift gemacht? Statt dessen reiben sie sich auf und schaffen den eigenen Idealismus trotzdem nicht. Die Dezernate wussten genau, dass sie sich auf die Grundschulen verlassen können, die Gymnasien sind da (glücklicherweise) wesentlich konservativer und am Fach orientierter. Aus meiner Sicht sind daher die Grundschulen am Zug und sollten ihre Eigenbemühungen zur Inklusion auf Dienst nach Vorschrift zurückfahren, weil es auch mit dem derzeitigen Einsatz nicht funktioniert.

          • @ xxx
            Nur weil Sie den Protest nicht wahrgenommen haben, heißt es nicht, dass er nicht vorhanden war.
            Nun erwarten Sie Solidarität durch die Grundschullehrkräfte?

            “Die Dezernate wussten genau, dass sie sich auf die Grundschulen verlassen können,”
            Ja, vermutlich.

            “… die Gymnasien sind da (glücklicherweise) wesentlich konservativer und am Fach orientierter. ”
            DAS würde ich anders ausdrücken!

            Und bleibe bei dem Hinweis darauf, dass die Gymnasien sich zu Lasten aller anderen dafür stark machen, dass sie die Inklusion nicht umsetzen müssen.

          • Der Protest war nicht laut genug. Das gilt im Übrigen auch für die Sek I-Schulen und Förderschulen. Ich gebe aber zu, dass die Gymnasien die stärkste Lobby haben, vermutlich weil die Kinder der Politiker überdurchschnittlich oft das Gymnasium besuchen.

            Die Solidarität beschränkt sich ja nur auf Dienst nach Vorschrift, bei der Umsetzung haben Sie also weniger Arbeit als aktuell.

          • @xxx – warum haben die GS-Kollegien nicht lauter gebrüllt?

            Weil denen niemand zuhört. – Die (Grundschulgabis) sollen sich mit ihrem Halbtagsjob, dem bischen Spielen und Malen mal nicht so anstellen …

            GS- Und HS-Lehrkräfte sind nun einmal keine (echten) Fachlehrer und für jeden Blödsinn als klasenlehrer zuständig. Hinzu kommt dass sie keine Möglichkeit zur Abschulung haben. Die GS-Lehrkräfte sind darüber hinaus noch diejenigen, die den gesamten AO-SF-Prozess erst einmal anstoßen müssen und zum Abschluss bringen müssen. FöS im Grundschulbereich sind ja eher Spezialschulen für stark Hör- und Sehgeschädigte sowie für geistige Entwicklung, also starken Behinderungen, die sie ab Geburt oder unfallbedingt seit frühester Jugend haben.
            Es geht doch nur um dei Lerner und ESE’er bzw. Verhaltensoriginellen. Die Eltern dieser Kinder wollen eben nicht hören, dass ihr Kind “doof” oder “gestört” ist und deshalb an eine FöS soll. Denen geht es nicht um Förderung ihrer Kinder sondern um gesellschaftliche Anerkennung. Um der empfunden Stigmatisierung zu entgehen, siend die über die politisch konstruierte Brücke gegangen und haben ihre Kinder an Regelschulen angemeldet. Die politiker ahben sich im gegenzug bedankt, dank der fehleneden Anmeldungen an den FöS konnten sie diese schließen oder zusammenlegen, da die Mindesgrößen unterschritten wurden. Einen poltischen Beschluss der FöS Lernen und ESE hat es ja auch hier in NRW nicht gegeben. Die Schließungen sind immer Folge von Verwaltungshandeln gewesen. Das Problem, das von vorherein bestanden hat, ist folgendes:
            Waren früher 12 Kinder mit Förderbedarf ESE in einer Klasse mit zwei Lehrkräften, so waren anschließend im besten Falle die Hälfte der SuS bei einer Lehrkraft weiterhin an der FöS und die andere war gezwungen die andere Hälfte verteilt auf 6 andere Schulen zu betreuen und Absprachen mit einer Vielzahl von Lehrkräften an den weiterführenden Schulen zu treffen. Allein für die Hauptfächer also für die sechs Schüler Apsprachen mit 18 unterschiedlichen Fachlehrern sowie den betroffenen Klassenlehren. Da bleibt dann nicht mehr viel Zeit für die individuelle Förderung der Schützlinge. GY und RS haben im Anmeldeverfahren häufig die I-Kinder (L und ESE) aussortieren können, was bleibt dann noch außer den auslaufenden HS und den GeS? Letzteres trägt doch gerade zur Renaissance der Realschulen bei. Gedämpft wird diese Entwicklung doch nur dadurch, dass die RS die “Hauptschüler” zum Abschluss bringen müssen, wenn keine SekS oder GeS in der Nähe sind.

      • Geht mir auch so. Das könnte meinem Eindruck nach daran liegen, dass Palim (möglicherweise erstmalig?) wirklich leidvoll erfährt, dass Menschen wie Herr Prof. Wocken sich tatsächlich genau so verstehen und sehen, wie er selbst das oben beschreibt: “Meine primäre Aufgabe als Wissenschaftler ist es, eine gute Theorie […] zu entwerfen.” Und damit Ende Gelände.

        Vielleicht mag sie sich ja dazu äußern, ob ich mit diesem Eindruck richtig liege…?

    • Sehr geehrter Herr Palim,
      ich fühle und denke mit Ihnen. Aber wie kommen wir da heraus?
      Szenarium 1: Moratorium oder Schluss. Viele sind zufrieden, die paar Betroffene müssen sich halt beruhigen.
      Szenarium 2: Wir müssen die Inklusionsideologen ruhig stellen. Wenn die endlich ihre Schnauze halten,
      dann verkündigen wir die Ankunft eines inklusiven Bildungsssystems.
      Szenarium 3:
      Wir bekennen uns sowohl zu dem Inklusionsauftrag wie auch zu der miserablen Umsetzung.
      Szenarium 4
      Wir lügen weiter. Sonderschulen sind toll. Das gegliederte Schulwesen ist tabu. Inklusion? – Eine verrückte Idee von radikalen Ideologen. Die werden wir doch noch kleinkriegen.

      Ach ja, die Betroffenene? Habe ich ganz vergessen. Die sollen sich mal nicht so aufspielen und kommen vielleicht später einmal dran.

      • Prof. Wocken schrieb: “Wenn die endlich ihre Schnauze halten,
        dann verkündigen wir die Ankunft eines inklusiven Bildungsssystems.”

        Und noch ein wunderbares Exempel für den stets redlichen, rein fachlichen, keineswegs interessengeleiteten, fairen und rationalen Duktus des Prof. Wocken.

      • Es ist nicht meine Aufgabe, Inklusionsideologen zu beweihräuchern.

        Sie stellen Ihre Theorie zur Debatte und stellen sich hier der Diskussion, was ich gut finde. Die Bewertung Ihrer Ansichten und Ausführungen zur Inklusion durch Praktiker fällt unterschiedlich aus und kann von der täglich erlebten Umsetzung beeinflusst sein. Doon deit lehren!

        Wenn Ihnen Ihre Theorie zwar wichtig, deren Umsetzung aber nicht wichtig genug ist, sehe ich darin ein Armutszeugnis. Sie streiten für eine Theorie, die Theorie bleiben muss, denn das Bekenntnis zur Inklusion unter miserabler Unterstützung scheint für Sie die einzige Möglichkeit zu sein, an dem Gedanken auch in der Praxis festzuhalten.

      • Warum sprechen Sie von “wir” und “lügen”, Herr Wocken, wenn Sie sich weder zum “Wir” noch zu den Verbreitern von “Lügen” zählen?
        Die Darstellung möglicher Szenarien, die bei der Inklusion zur Auswahl stehen, finde ich gut, sofern sie sachlich und neutral vor Augen geführt und nicht mit Wertungen versehen werden.
        Wenn Sie von einem Szenario sagen, dass es auf Lügen beruhe, finde ich das unseriös. Dann stehen hinter all Ihren Szenarienbeschreibungen Fragezeichen?

      • ich kenne hervorragende Foerderschulen. Allesamt private Ersatzschulen, was ein Hinweis sein mag, aber es handelt sich um die einzigen Foerderschulen, wo ich heute multiprof. Teams fast durchweg erfolgreich sehen kann. Es gibt diese Schulen. Und diese Schulen haben gewiss nicht verdient, in eine Schmuddele ke gestellt zu werden. Ich kenne aber keine staatlich Schule der Region, an der solche Teams arbeiten – und erwartungsgemäß s heitern

        • Und eine Privatschule in Rostock wurde gerade wegen ihrer Inklusion peisgekrönt. Die hat ein ganz anderes zahlenmäßiges Verhältnis Schüler — Lehrer/Betreuer als an staatlichen Schulen üblich.

  16. Das Verhältnis bei uns ist, wie von mir immer schon angefuehrt: 1 Klasse, ein Lehrer, kein Sonderpaedagogen. I’m kommenden Schuljahr erhalten wir je inklusiv beschultes Kind 1 Std. Sonderpaedagoge. Immerhin mehr als in den letzten 10 Jahren. Und dann kommt so ein Aufsatz…….

  17. Sehr geehrter Herr Wocken!
    WARUM ist es eine Lüge, Sonderschulen gut zu finden? Meine Tochter besuchte eine Sonderschule für Geistig Behinderte, und ich muss sagen, unter den gegebenen Umständen waren wir sehr zufrieden. Auch ist der Tenor in unserer Elterngruppe der Lebenshilfe einstimmig: Wir brauchen keine Inklusion, wir brauchen gute Sonderschulen!
    Damit möchte ich nicht ausschließen, dass es Schüler mit Behinderungen gibt, die gut in das Regelschulsystem eingegliedert werden können und sich dort auch wohl fühlen. Aber radikal alle Sonderschulen schließen heißt für mich sich mit schwer behinderten Menschen und ihren speziellen Bedürfnissen nicht wirklich auskennen. Meine Tochter trug z.B. mit 18 noch eine Windel. Notwendige Toilettengänge wurden oft mit Geschrei und Sitzstreik verweigert. Aber nicht nur das. Auch in vielen anderen Situationen fehlt ihr die Einsicht und Verweigerung, Weinen etc. sind die Folge. Ein schönes Szenarium für eine große Schulklasse. Und in Schulklassen hat man ja auch immer einige Schüler mit Konzentrationsproblemen (ich bin selbst Lehrerin), die nach so einer willkommenen Abwechslung erstmal wieder lang herumsuchen müssen, bei welcher Aufgabe sie stehen geblieben sind. So geht die Unterrichtsstunde natürlich auch vorbei. Befürworter radikaler Inklusion lehnen jede räumliche Trennung von nichtbehinderten und behinderten Schülern als Segregation ab. Was spricht gegen Kleingruppen mit behinderten Schülern in eigenen Klassenzimmern, zumindest dann, wenn sie nicht in Klassenverbänden integriert werden können? Auf diese Art könnten behinderte Schüler wohnortnah beschult werden ohne eine Klasse so extrem heterogen zu machen, dass kaum noch wirkliche gemeinsame Interaktion stattfindet.
    Man darf nicht übersehen, die Behinderungen an sich können äußerst verschieden sein, was für das eine Kind richtig ist, ist es für das andere noch lange nicht. Das eine Kind mag tatsächlich mit kompetenter Unterstützung seinen Platz in der Regelschule finden,das andere braucht den Gesamtrahmen einer besonderen Schule. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man mit genügend Ressourcen und genügend Lehrkräften und Schulbegleitern alle behinderten Kindern regelbeschulen kann. Da wünsche ich mir dann schon mal alle Inklusionsbefürworter RAN AN DIE KLASSEN! Tagtäglich, ein paar Jahre lang.

    • Sehr geehrte(r) c.e.b.!
      Vielen Dank für Ihre offenen Worte, mit denen Sie ziemlich exakt das bestätigen, was auch die ebenfalls betroffene Mutter “Fachfrau” ausdrückte, die ich in meinem Posting vom 6.7. (15:55 Uhr) zitiert habe.

    • Den lobenden und dankenden Worten meines Vorredners schließe ich mich voll an, c.e.b. Ihr Kommentar trifft den Nagel auf den Kopf.

  18. Ganz oben habe ich sehr pauschal geschrieben: “Ein Beitrag eines Wissenschaftlers, der meilenweit von jeder Schulrealität entfernt ist. Somit ist er kaum lesenswert da völlig irrelevant.”

    Nach der Diskussion mit dem Autor hier muss ich leider nachlegen:
    Wer sich nur für eine kleine Gruppe der an Schule beteiligten (hier: Schüler mit Behinderungen) interessiert und dem alle anderen völlig am Arsch vorbei gehen (hier die ausgebeuteten, überforderten und daher oft erkrankten Lehrkräfte und auch ein großer Teil der Schüler), und der Realitäten (hier: unzureichende Ausstattung der Schulen) entweder leugnet oder nicht beachtet, der muss eigentlich raus sein aus der ganzen Debatte.

    Auch nach der Diskussion hier sehe ich den gesamten Artikel als irrelevant und nicht lesenswert an.

    • Soweit das Fazit von Küstenfuchs.
      Ich habe als Anschauungsmaterial einige Äußerungen des Professors aus diesem Diskussionsstrang zusammengetragen. Ein Fazit daraus möge jede(r) für sich selbst ziehen.

      Prof. Wocken äußerte sich u.a. folgendermaßen:

      1. “@OMG
      @Küstenfuchs
      Sie haben sich verirrt! Dieser Kommentar-Blog ist ein Raum für den Austausch von Argumenten und keine Ausnüchterungszelle.”

      2. [zum Thema] Falsche Übersetzung, Unkenntnis der Abgeordneten des Bundestags usw.
      “Ich gehöre zu denjenigen, die es immer noch nicht glauben.”

      3. “Es gibt wahrscheinlich sehr viele Gesetze, wo die Abgeordneten von ihrem Fraktionsvorsitzenden vorher erfahren, wann sie die Hand heben müssen, aber selbst nicht den geringsten Schimmer haben. Alle diese Gesetzen gelten !!! Auch die UN-BRK!”
      (Zu meinem Hinweis

      “Die UN-Menschenrechtskonvention gilt auch, rangiert aber – laut jüngstem Urteil des Bundesverfassungsgerichts nochmals bestätigt – unterhalb des deutschen Beamtenrechts.
      http://www.sueddeutsche.de/karriere/streikverbot-fuer-lehrer-beamtenrecht-geht-vor-menschenrecht-1.4012934
      Nicht, dass das der Behindertenrechtskonvention auch noch so ergeht…”

      sagte der Professor dann nichts mehr.)

      4. “Für die Rahmenbedinungen bin nicht ich zuständig, sondern die Kultus- und Finanzminister. Meine primäre Aufgabe als Wissenschaftler ist es, eine gute Theorie, ein gutes Konzept einer inklusiven Bildungslandschaft, einer inklusiven Schule und eines inklusiven Unterrichts zu entwerfen.”

      5. Auf Palims Frage “Förderschüler werden in Hauptschulen gesteckt, ohne für entsprechende Ausstattung zu sorgen, die CDU freut sich über Kostenneutralität, die Eltern der anderen freuen sich, dass sie und ihre Kinder keine Berührung damit haben, die Lehrkräfte mit besserer Bezahlung ebenso und irgendwelche Juristen werden dafür bezahlt, dass sie die Vorgaben derart auslegen, dass das dann als inklusiver System ausreicht.

      War es das, was Wissenschaftler als gute Theorie erreichen wollten?”,

      antwortete Prof. Wocken: “Diese Frage kann ich wirklich nicht ernst nehmen!”

      6. “Ich widerspreche Wikipedia: Inklusion und gegliedertes Schulwesen gehen für mich logisch nicht unter einen Hut.”

      7. “Szenarium 2: Wir müssen die Inklusionsideologen ruhig stellen. Wenn die endlich ihre Schnauze halten, dann verkündigen wir die Ankunft eines inklusiven Bildungsssystems.” (Bei diesem Beispiel geht es mir um die Wortwahl.)

      8. “Szenarium 4
      Wir lügen weiter. Sonderschulen sind toll. Das gegliederte Schulwesen ist tabu. Inklusion? – Eine verrückte Idee von radikalen Ideologen. Die werden wir doch noch kleinkriegen.” (Hier geht es mir – wie auch anderen hier – um den apodiktisch festgesetzten Begriff der “Lüge”).

      • @ hans wocken schade, dass sie als sog. mobbingopfer meinen, diese diskussion beenden zu müssen. sich einer aktuell hochbrisanter thematik als autor eines umstrittenen buches und damit vielerseits angreifbar zu stellen, bedarf weiteren mut, in der sie vielleicht eine weniger enttäuschte positionierung hätten finden können?

      • Wer bitte hat hier wen gemobbt? Ich habe mich um Sachlichkeit bemüht, die meisten anderen auch, aber auf die Argumente der Gegenseite sind Sie nie richtig eingegangen. Immer gab es dieselben Wiederholungen. Ich verstehe unter “mobbing” was ganz anderes.

      • Man stelle sich einfach mal Herrn Wocken in einer Podiumsdiskussion mit Inklusionsbefürwortern und -kritikern vor, so a la Plasberg nach dem Motto “Wenn Erziehungswissenschaft auf Wirklichkeit trifft”. Ob es dann auch heißen wird: Ende der Diskussion? Wenn das hier als “mobbing” zu bezeichnen ist, dann wird bei “hart aber fair” ständig gemobbt. Ich glaube aber nicht, dass das so ist.

  19. Ist halt wie mit den VW-Motoren bzw. der Motorensteuerung von Bosch. UnterLaborbedingungen funktionieren die spitzenmäßig …

    • Darüber hinaus benötigen die Motoren dann auch kaum Ressourcen, hier Diesel, und emittieren kaum Schadstoffe, sondern (sprich-) wörtlich nur heiße Luft.

      Das fasst die ganze Problematik mit der Inklusion, der Einheitsschule, der Abiturquote usw. sehr treffend zusammen.

    • Aufschlussreich vor allem in Bezug darauf, wie “meinungsstark und wortgewaltig” sich der Herr Professor “mit dem Lager der ideologischen Inklusionsgegner auseinander[setzt] und […] ihm fehlende Redlichkeit, einen Unwillen zur fachlichen Auseinandersetzung und einen interessengeleiteten, unfairen und nichtrationalen Duktus der Formen der Auseinandersetzung vor[wirft]”. (Vgl. “Waschzettel” des Verlags.)

      Selbst die Redaktion von N4t, die in diesen – in der Tat spannenden – Diskussionsstrang nicht zensierend eingegriffen hat, scheint erkannt zu haben, dass sich hier ein Hans zum Horst gemacht hat – schlicht deshalb, weil er auf gute Argumente keine mindestens ebenso guten (oder gar besseren) Gegenargumente hatte, sondern an den entscheidenden Stellen auswich, nicht antwortete, Mitdiskutanten in die Ausnüchterungszelle verwies und am Ende auch noch bestimmen wollte, wann eine Diskussion beendet ist.

      “Schöner” kann man sich nicht als purer Ideologe outen – also als exakt das, was man seinen Meinungsgegnern in Büchern vorwirft, mit denen man Geld verdient.

      • Ich war seit Weihnachten nüchtern (damals 1 Glas Rotwein, aber sehr lecker) und bin es immer noch. Ich vertrage das nicht so. 🙂

  20. Ich sehe es an meinen Eltern (50er Jahrgänge), dass die “Inklusion”, so wie sie jetzt stattfindet, nicht gut funktioniert. Meine Mutter ist studierte Sonderpädagogin (DDR) und wird jetzt als pädagogische Mitarbeiterin oder Unterrichtsbegleitung an Gymnasien und Sekundarschulen (miss/)gebraucht. Gleichzeitig unterrichtet sie an ihrer Förderschule noch immer Klassen. Sie ist vollkommen überfordert mit der Ausarbeitung der verschiedenen Unterrichtsmaterialien und kann auch kaum noch auf die Beziehungsarbeit mit den Kindern achten. Die Inklusionsidee mag ja moralisch toll sein (ich studiere übrigens Sozialarbeit/Sozialpädagogik), doch an der Umsetzung hapert es noch gewaltig. Viele Lehrkräfte wurden ins kalte Wasser geworfen, viele erhielten noch nicht einmal eine ausreichende Fortbildung und die Politik scheint das alles kaum zu sehen und versucht nur Stimmen zu erhaschen, statt finanzielle Mittel zu stellen. In einem Interview für eine Forschungsarbeit mit einem Sonderpädagogen an einer Grundschule (nach Unterrichtshospitation, welche viel Unruhe aufzeigte) wurde erneut klar: Man kann der Gesellschaft auch solch ein System nicht einfach überstülpen. Es wird vermutlich Generationen benötigen um die Stigmatisierung zu beseitigen und Akzeptanz, Integration und später Inklusion voll zu leben. Und dies erläuterte er mir trotz einer eher positiven Einschätzung der Arbeit dort. Mein Vorschlag wäre zunächst noch ein getrenntes Schulsystem, jedoch in unmittelbarer Reichweite zueinander. Sprich: verschiedenste Klassen/ Gruppen, die sich einen Schulkomplex und gewisse Kurse wie Kunst oder Musik teilen, inklusive Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, damit überhaupt erstmal eine Normalität erwächst. Dies wäre vermutlich den Gesamtschulen ähnlich (aber da wo ich herkomme gab es so etwas noch nicht einmal, die Unterschiede zwischen den Ländern sind gravierend)Und glauben Sie mir: Das ist heute noch keine Selbstverständlichkeit. Ich befürworte eine inklusive Gesellschaft, aber nur mit Hand und Fuß, sowie einer finanziell ausreichenden Basis.

    Für etwaige grammatikalische Fehler etc. entschuldige ich mich schon einmal, denn ich schreibe am Smartphone.

    Mit freundlichen Grüßen
    Das Lehrerkind

    • @ Lehrerkind (Zitat): “Mein Vorschlag wäre zunächst noch ein getrenntes Schulsystem, jedoch in unmittelbarer Reichweite zueinander. Sprich: verschiedenste Klassen/ Gruppen, die sich einen Schulkomplex und gewisse Kurse wie Kunst oder Musik teilen, inklusive Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, damit überhaupt erstmal eine Normalität erwächst.”

      Das passt gut zu meinen Vorstellungen.

      Die Gesamt- und Gemeinschaftsschulen, die es bereits gibt und die teilweise so aufgestellt sind, wie Sie es sich wünschen, scheitern nicht daran, weil das Konzept schlecht ist oder nichts tauge, sondern weil nebenher die Gymnasien weiter bestehen und daher die meisten Eltern ihre leistungsstarken Kinder eben doch an die Gymnasien schicken. So bleiben die Gesamt- und Gemeinschaftsschulen nur für den “Rest”.

      • Den Gymasialeltern (mit guten Kindern) kann man das noch nicht einmal verübeln, weil sich die Kinder auf anderen Schulformen nur langweilen, ein Jahr länger bis zum statistisch gesehen schlechteren Abitur brauchen und auch noch “schlechten Umgang” durch “falsche Freunde” haben können. Ja, das sind Vorurteile, sie spielen bei der Schulwahl aber eine wichtige Rolle.

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