Kein Deutsch, keine Einschulung? Bildungsministerin Prien nennt Vorschlag ihres Parteifreunds Linnemann „populistischen Unfug“

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BERLIN. Der Vorstoß von Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann, Kinder, die kein Deutsch sprechen, erst einmal nicht zur Grundschule zuzulassen, stößt auf scharfe Kritik. Auch aus der eigenen Partei: Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin und stellvertretende Landesvorsitzende der CDU, Karin Prien, nannte die Initiative gar „populistischen Unfug“. Auch von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann, Spitzenkandidatin der CDU bei der nächsten Landtagswahl, kam Widerspruch. Linnemann selbst relativierte heute seine Aussagen – ein Stück weit jedenfalls.

Deutliche Worte: die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Foto: Frank Peter / Landesregierung

Linnemann hatte in der „Rheinischen Post“ mit Verweis auf „neue Parallelgesellschaften“ gesagt: „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchenl“ (News4teachers berichtete). Für betroffene Kinder schlug er eine Vorschulpflicht vor. Notfalls müsse eine Einschulung auch zurückgestellt werden. Erwähnt hatte er auch die Vorfälle in Freibädern, die Tat auf dem Frankfurter Bahnsteig und die Schwertattacke in Stuttgart. Das alles wühle die Menschen auf und befeuere die Sorge, dass neue Parallelgesellschaften entstehen könnten.

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Unterstützung kam vom Vorsitzenden der Jungen Union, Tilman Kuban. Per Twitter befand er, dies sei ein richtiger Vorstoß. Wörtlich: „Wenn ein Kind in Deutschland eingeschult werden soll, muss es Deutsch können. Alles andere ist falsch verstandene Toleranz, die niemandem weiterhilft!“

Heute relativierte Linnemann allerdings seine Aussage gegenüber der dpa – er betonte: „Kinder, die kaum Deutsch sprechen, dürfen in der ersten Klasse nicht benachteiligt sein.“ Und weiter: “Deshalb müssen sie vor der Einschulung sprachlich fit gemacht werden. Also brauchen wir verpflichtende Sprachtests im Alter von vier und dann Vorschulpflicht für alle, die schlecht Deutsch sprechen.“ Wie so eine Vorschulpflicht ausgestaltet würde, das sei Ländersache. Das könne ein verpflichtendes letztes Kita-Jahr sein, Förderklassen oder auch eine klassische Vorschule. „Aber wir brauchen eine Debatte über das Thema in Deutschland“, sagte Linnemann. Den meisten Kindern würde ein Jahr Vorschule reichen, um fit für die Grundschule zu werden. „Und wenn es mal nicht reicht, dann sollte man besser die Vorschule noch mal verlängern, als das Kind in der ersten Klasse scheitern zu lassen. Das ist eine Ausweitung der Vorschulpflicht und kein Grundschulverbot.“

“Ein besseres Lernumfeld als die Grundschule gibt es doch gar nicht”

Von Linke-Chefin Katja Kipping kam trotzden harsche Kritik. Mit seinen Äußerungen zu Grundschulkindern gehe Linnemann auf „Stimmenfang im rechten Sumpf“. Kipping warf dem CDU-Politiker vor, das Thema mit Meldungen über Gewalttaten von Erwachsenen zu vermengen. „Ist ihm nicht bekannt, dass der Täter von Frankfurt, der offensichtlich eine psychotische Störung hatte, fließend deutsch spricht und als Schweizer praktisch den gleichen Migrationshintergrund hat wie Alice Weidel“, fragte Kipping.

Die SPD-Bildungspolitikerin Marja-Liisa Völlers sagte, die Aussagen Linnemanns seien „wirklich zum Fremdschämen und populistisches Getöse wie in Wahlkampfzeiten“ . Man könne Kinder nicht von der Grundschule ausschließen, nur weil sie schlecht Deutsch sprächen. Das schaffe Parallelgesellschaften und langfristige Integrationsprobleme, anstatt sie zu lösen. „Die Kinder sind genau richtig da, wo sie sind. Ein besseres Lernumfeld für alle Kinder als Schulunterricht mit Gleichaltrigen gibt es doch gar nicht.“

“Auf die Errungenschaft einer allgemeinen Schulpflicht hinweisen”

Auch die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien (CDU) wies den Vorstoß von Linnemann vehement zurück. Prien sprach gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» von einem „völlig falschen Weg“. Diese Kinder gehörten vielmehr „im Rahmen der Regelbeschulung“ in Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen. „Im Jahr 100 nach Einführung der Schulpflicht“, so erklärte sie mit Blick auf die Weimarer Verfassung von 1919, sollten gerade Christdemokraten „auf die soziale und gesellschaftliche Errungenschaft einer allgemeinen Schulpflicht hinweisen“, sagte Prien.

Prien kritisierte allerdings nicht nur Linnemann, sondern auch die Bundesregierung. „Der Bund hat massiv die Mittel zur Integration zurückgefahren, weil weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen“, sagte die Ministerin der Zeitung. Die Kinder seien „allerdings schon hier und es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dafür zu sorgen, dass diese Kinder in den kommenden Jahren die deutsche Sprache beherrschen lerne“”. Sie sei deshalb dafür, „Kita und Vorschule zum Spracherwerb verpflichtend zu machen“. Hier sei „der Bundesgesetzgeber gefordert, die verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen“.

“Kinder brauchen ein Umfeld, das sie zum Lernen anregt”

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann reagierte zurückhaltend auf Linnemanns Vorstoß. „Ich teile die Einschätzung von Herrn Linnemann, dass Handlungsbedarf bei der sprachlichen Förderung besteht und dass wir möglichst früh damit beginnen müssen, Kinder zu fördern“, teilte die CDU-Politikerin am Dienstag mit. „Aber Ausgrenzung ist der falsche Weg. Kinder brauchen ein Umfeld, das sie motiviert und zum Lernen anregt.“

Das Land Baden-Württemberg setze deswegen auf die Integration der Kinder in der Grundschule. „Kinder lernen die Sprache besser, wenn sie Umgang mit anderen Kindern haben, die Deutsch beherrschen.“ Es sei aber notwendig, mit der sprachlichen Förderung der Kinder schon vor der Grundschule zu beginnen. Gemeinsam mit den Kommunen habe das Kultusministerium entsprechende Maßnahmen auf den Weg gebracht.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hatte gefordert, Kitas für die Sprachförderung besser auszustatten. News4teachers / mit Material der dpa

Persönliche Erklärungen

Die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, Muhterem Aras (Grüne), hat sich kritisch zu dem Vorstoß von Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann geäußert – auch aus persönlichen Gründen. «Ich sprach kein Deutsch, als ich als 12-Jährige in die Hauptschule kam», kommentierte die Grünen-Politikerin mit türkischen Wurzeln Linnemanns Vorschlag auf Twitter. «Als meine Nebensitzerin in der 1. Stunde sah, dass ich die Matheaufgabe gelöst hatte, durfte ich sie an der Tafel vorrechnen. Später habe ich ein Steuerbüro aufgebaut und wurde Präsidentin.»

Die Mainzer SPD-Politikerin Tatiana Herda Muñoz schrieb auf Twitter: «Als ich mit 11 nach D kam konnte ich kein Deutsch. Ich bin in die 5te ins Gymnasium. Hab dann die Abi-Abschlussrede gehalten.» Kinder ohne Deutschkenntnisse nicht auf die Grundschule zu lassen, sei «absoluter Unfug».

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Eine Leserin schreibt auf dem Facebook-Auftritt von News4teachers:

Angeblich wegen Lehrermangel: AfD will Flüchtlingskinder aus Regelschulen herausnehmen

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15 KOMMENTARE

  1. “Die Kinder sind genau richtig da, wo sie sind. Ein besseres Lernumfeld für alle Kinder als Schulunterricht mit Gleichaltrigen gibt es doch gar nicht.”

    Dem würde ich nur bedingt zustimmen und wird im Text ja auch noch thematisiert. Ein Kind ist nur solange in der Schule gut aufgehoben, wie es dort auch wirklich unterstützt werden kann. Ein Kind, welches kein Deutsch spricht, kann ich als Lehrkraft nicht unterstützen. Wenn mir dann kein weiteres Personal zur Verfügung gestellt wird, bringt dem Kind die Teilnahme in der Schule auch kaum etwas.

    “Diese Kinder gehörten vielmehr „im Rahmen der Regelbeschulung“ in Deutsch-als-Zweitsprache-Klassen”

    Das fehlt oftmals an Schulen. Muss ja irgendwie auch durch Personal getragen werden. In Zeiten von Personalmangel und dem Unwillen Gelder dafür bereitzustellen, eben kaum umsetzbar.

    “Sie sei deshalb dafür, „Kita und Vorschule zum Spracherwerb verpflichtend zu machen“.”

    Und was ist mit den Kindern, die bereits älter sind? Selbst an unserem Gymnasium, ich mag mir andere Schulformen gar nicht vorstellen, haben wir eine signifikante Anzahl an Schüler, die kaum bis gar nicht Deutsch sprechen können. An einem Gymnasium!

    • “signifikante Anzahl an Schüler, die kaum bis gar nicht Deutsch sprechen können” das ist interessant, in welchen Klassenstufen? In welcher Sprache haben diese Kinder ihre Tests in Deutsch, Erdkunde, Musik usw. geschrieben? Gibt’s in Ihrem Bundesland so was wie Versetzung?

      • Über die gesamte Sekundarstufe I verteilt, wobei das mit den Jahrgangsstufen deutlich abnimmt. Insbesondere in der Erprobungsstufe tritt dies natürlich vermehrt auf. Mir ist es mittlerweile auch schleierhaft, wie Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse auf ein Gymnasium geschickt werden. In NRW kann man aber als Eltern eben selbst entscheiden und wenn die Schule keine hohen Anmeldezahlen hat, nimmt man jedes Kind um auf die gewünschten Klassenzahlen und Klassengrößen zu kommen.

        Das ist mittlerweile ein Grund, warum ich ungerne in der Erprobungsstufe unterrichte. Da scheitert es schon an den Grundlagen, die man eigentlich voraussetzt.

  2. Ich bitte die Redaktion dringend, den Artikel auf einen sachlichen richtigen Stand zu bringen.
    (siehe z.B. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/grundschulverbot-101.html)
    Linnemann hat seine Aussagen nicht “relativiert”, sondern angesichts von Missverständnissen (vielleicht gab es auch böswillige Unterstellungen dabei?), deutlicher gesagt, was er meinte: dass die Sprachkenntnisse von Kindern frühzeitig geprüft und bei Bedarf Vorschulen eingesetzt werden sollten. Vielleicht wäre es auch möglich, Überschrift und Nachrichtentext mehr in Übereinstimmung zu bringen?

    • Die Berichterstattung ist auf aktuellem Stand. Wir haben Herrn Linnemann exakt so wiedergegeben, wie er sich gestern und heute geäußert hat. Von einem “Grundschulverbot” – was Herr Linnemann zurückweist – haben wir nie geschrieben. Die Aussage „Kinder, die kaum Deutsch sprechen, dürfen in der ersten Klasse nicht benachteiligt sein” – samt seiner Erklärungen zu Sprachtests – sind neu und relativieren seine gestrigen Aussagen, in denen es vor allem um die anderen Schüler ging, die unter einem möglichen Niveauverlust leiden würden.

      Hier ist die Ursprungsquelle, sein gestern veröffentlichtes Gespräch mit der “Rheinischen Post” – unverändert auf rp-online: https://rp-online.de/politik/deutschland/integrationspolitik-carsten-linnemann-zu-deutschkenntnissen-in-grundschulen_aid-44771807

  3. Ich bin kein Gymnasiallehrer und daher kein Einschullungsexperte, aber zwei Dinge wollen wir an dem Linnemann-Vorschlag einfach nicht einleuchten:

    1. Wer soll diesen Vorschul- oder vorschulischen Sprachunterricht erteilen, wenn wir einen gravierenden Lehrermangel ganz besonders im Grundschulbereich haben? Dazu noch, wenn in vielen Orten solche Gruppen dann aus 2-5 Schülern bestehen werden in Orten, wo aufgrund der geographischen Lage auf dem Land der Grundschullehrermangel am größten ist?

    2. Wenn man diese Kinder wieder separiert, sie aber erfahrungsgemäß besonders gut durch den Kontakt mit deutschen Mitschülern lernt, erschließt sich mir nicht der Sinn. Wenn diese Schüler im ersten Jahr zu wenig mitbekommen, sollten sie lieber im Einzelfall die Klasse wiederholen. Ein solches Vorgehen würde mir viel mehr einleuchten.

    Ich denke, Frau Prien hat Recht, es ist „populistischen Unfug“.

      • Das haben wir schon verstanden.

        Man muss auch selbst kein Einschulungsexperte sein,
        aber man muss die richtigen Fragen stellen!
        Danke dafür.

    • Um das einmal deutlich klarzustellen: Alle bekannten Studien zeigen, dass vorschulsiche Sprachförderung deutlich größere Effekte hat als eine, die erst mit der ersten Klasse beginnt.

      Es ist außerdem völlig realitätsfremd, dass nicht Deutsch sprechende Erstklässler im Normalunterricht einer ersten Klasse die deutsche Sprache lernen, quasi so nebenbei im Kontakt mit deutschen Mitschülern.
      80 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund befinden sich in Klassen mit über 50 Prozent Migrationsanteil und kommunizieren in der Regel unter sich und nicht mit der Minderheit der deutschen Mitschüler.
      Ich wundere mich auch darüber, dass es plötzlich als problemlos dargestellt wird, dass in der Grundschule Deustch als Fremdsprache erfolgreich unterrichtet werden kann. Dafür braucht man eine spezielle Ausbildung, nämlich DaZ, die nur eine absolute Minderheit an Grundschullehrkräften besitzt.
      Aber heute kann ja jeder alles, eine Grundschullehrkraft sowieso!

      • “Um das einmal deutlich klarzustellen: Alle bekannten Studien zeigen, dass vorschulsiche Sprachförderung deutlich größere Effekte hat als eine, die erst mit der ersten Klasse beginnt.”
        Das bestreitet niemand.
        In den meisten BL gibt es seit ca. 15 Jahren die Tests zur Erhebung des Sprachstandes und daran gebundene, vor der Einschulung durchgeführt Sprachfördermaßnahmen. In einigen BL sind sie offenbar freiwillig, in anderen verpflichtend.
        Für Nds. kann ich sagen, dass der Unterricht verpflichtend war und auch alle Kinder aller Nationalitäten einbezog, auch deutsche Kinder mit schlechten Sprachkenntnissen. Diese sind an unserer Schule kein Einzelfall.

        Durch die Teilnahme am Sprachförderunterricht vor der Einschulung wird aber kein Kind zurückgestellt und kein Kind verspätet eingeschult. Darin liegt der Unterschied.

        “Es ist außerdem völlig realitätsfremd, dass nicht Deutsch sprechende Erstklässler im Normalunterricht einer ersten Klasse die deutsche Sprache lernen, quasi so nebenbei im Kontakt mit deutschen Mitschülern.”
        Warum ist das realitätsfremd? Wo soll das Kind denn Deutsch lernen?
        Es ist durchaus so, dass Kinder, die mit einer anderen Sprache in den Unterricht gelangen, dort im Miteinander mit anderen die Sprache erlernen, da sie in Kontakt mit ihren MitschülerInnen treten.
        Einfacher ist es, wenn man dies durch zusätzliche Angebote stützt. Diese müssen aber nicht den gesamten Schulvormittag umfassen.

        “80 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund befinden sich in Klassen mit über 50 Prozent Migrationsanteil und kommunizieren in der Regel unter sich und nicht mit der Minderheit der deutschen Mitschüler.”
        Ist das so? Woher nehmen Sie das?
        Ein Problem ist sicher das der Ballungszentren, für NRW anscheinend durch die Aufhebung der Schuleinzugsgebiete verschärft.
        Dann aber sollte man genau dieses Problem entsprechend darstellen, ansprechen und überlegen, wie man genau dort helfen kann. Vorschulklassen für Kinder mit schwachen Deutschkenntnissen heben dieses Problem nicht auf.

        Für andere SuS gilt das nicht. Sie sitzen als eines von wenigen Kindern mit Migrationshintergrund in Klassen, in denen überwiegend Deutsch gesprochen wird. Sie sitzen in Klassen, in denen es eine Mischung gibt, die meisten Kinder aber gewohnt sind, Deutsch zu sprechen. Sie sitzen auch zwischen Lisa und Tom, die gar keinen Migrationshintergrund haben, die aber dennoch einen extrem geringen Wortschatz haben, weil sie zu Hause zu wenig Anreize hatten.
        Bei einer gleichmäßigeren Verteilung ist die Integration dieser Kinder sicherlich leichter, gerade weil sie nicht unter sich bleiben.

        Bei zusätzlichen Angeboten zum sonst regulären Unterricht hat man Zeit, in einer Kleingruppe mit den Kindern mit schwachen Deutschkenntnissen Bestimmtes noch einmal konzentriert zu üben, die Kinder sind aber sonst in einer Regelklasse und nehmen dort am Unterricht teil.

        Ein Aspekt, der bei etlichen Kommentatoren offenbar nicht bedacht wird, ist, dass der Unterricht in der Grundschulklasse ohnehin sehr differenziert verlaufen muss. Es kann nicht erwartet werden, dass jeder zur gleichen Zeit gleiches lernt, wenn wir von heterogenen, inklusiven Klassen ausgehen. In den Klassen sitzen auch Förderschüler neben Regelschülern, Kinder mit Teilleistungsschwächen neben Kindern mit einer besonders guten Begabung, Kinder, die zu Hause eng begleitet und in allen Gebieten extrem gut gefördert werden, neben denen, die im Mangel von Zuwendung, Sprache uvm. aufwachsen. Das gilt es im Unterricht zu berücksichtigen.

        “Aber heute kann ja jeder alles, eine Grundschullehrkraft sowieso!”
        Ja, Grundschullehrkräfte müssen eine Menge können. Das ist sicher DER zentrale Punkt, weshalb dieser Beruf besonders anspruchsvoll und auch besonders vielfältig ist. Das kann man kritisieren, wenn einem das nicht zusagt.
        Mein Kritikpunkt ist jedoch eher, dass die Grundschullehrkraft zwar sehr vieles kann, aber nicht alles auf einmal und allein schafft.
        Sinnvoll wäre, wenn es in dieser Hinsicht weit mehr Hilfe gäbe. Wenn also in der Grundschulklasse eine Menge Kinder mit besonderen Bedürfnissen sind, bräuchte es zusätzliche Kräfte, die unterstützen können. Dies sollte eine allgemeine Hilfe sein, die nicht an ein Kind gebunden ist, sodass sie allen Kindern zu Gute kommen kann.

        Eine andere Form der Hilfe sehen Erlasse vor, wenn es zusätzliche Stunden für DaZ gibt, die bestimmte Schulen erhalten können. Tatsächlicht gibt es Lehrkräfte, die diesen Bereich studiert haben, die sich fortgebildet haben oder sich einarbeiten – wie bei anderen Fächern auch. Wenn aber die per Erlass vorgesehenen zusätzlichen Stunden aus Lehrkräftemangel nicht erteilt werden können, fehlt diese Hilfe und die (Grundschul-)Lehrkraft muss die Aufgaben allein schaffen.

  4. Wichtig finde ich auf jeden Fall eine Zusatzförderung. Bei uns sind Vorkurse, die von Grundschullehrern im Kindergarten gehalten werden, Standard. Kommen Kinder in die Schule, die sehr schlecht Deutsch sprechen, gibt es, sofern genug Personal da ist (wird leider jetzt immer weniger), im Anschluss an den Unterricht (je kleiner die Kinder, desto früher haben sie aus) Deutschförderstunden. Das sollte auf jeden Fall aufrecht erhalten bleiben.

    Ich halte nichts vom verspäteten Schulbeginn. Ältere Kinder passen oft altersmäßig auf die Jahre hinaus nicht in die Klassenstruktur. Wenn sie einmal ein Schuljahr wiederholen, dann klafft das doch ziemlich auseinander. Sofern die Kinder unproblematisch sind, ist das kein Problem, aber wenn noch z.B. pubertäre Probleme dazukommen, wird es schwierig. Wir bemerken dies in den 3. und 4. Klassen, da bringen ältere Schüler u. U. Dinge mit in die Klasse hinein, womit sich Jüngere noch nicht mit auseinandersetzen.

    Auch das möchte ich nicht unerwähnt lassen: Ich hatte auch schon Ausnahmefälle. Zwei Jungs aus dem Irak und Indien. Beide kam im 1. Schuljahr in die Klasse und konnten noch kein Deutsch. Die Eltern waren bildungsinteressiert. Beide haben den Realschulübergang geschafft. Man konnte richtig zusehen, wie sich die Schüler im Lauf der Zeit verbesserten. Allerdings hat die Zeit zum Erwerben der Deutschkenntnisee bei einem Jungen nicht fürs Gymnasium gereicht. Ich bin allerdings überzeugt, dass er die Fähigkeit hat, nach der Realschule an Gymnasium bzw. an der FOS weiterzumachen.

    • Bei uns ist es ähnlich.
      Es GAB Vorkurse, die von Grundschullehrerinnen im Kindergarten oder in der Schule gehalten wurden (je nach räuml. Möglichkeiten). Diese gab es seit 2004, zunächst für ein halbes, dann sehr schnell für ein ganzes Jahr.
      Die Testung aller Kinder lief bereits vorher, sodass man auch alle Einschulungskinder zu dem Zeitpunkt schon in die Schule eingeladen und vorab gesehen hat. Das hatte weitere Vorteile, die durch die Sprachförderung notwendige Kooperation mit den Kindergärten auch.

      Werden die SuS eingeschult, gab es an wenigen Schulen “Willkommensklassen”. Es gab auch die Möglichkeit, sich mit mehreren Schulen gemeinsam zusammenzuschließen und an einer dieser Schulen eine solche Klasse einzurichten. Dies erschwert aber die Integration in die Regelklassen, da ja ein Wechsel am Vormittag dann nur innerhalb dieser einen Schule möglich ist.
      In der Breite ist es üblich, dass man die SuS zu zusätzlichen Kursen zusammenfassen kann, sie aber den regulären Klassen zugehörig sind und dort auch einen Großteil des Unterrichts absolvieren. Die Bestimmungen dazu ändern sich laufend. Zurzeit müssen die Stunden mühsam mit Konzept beantragt werden, das könnte und müsste viel einfacher sein.

      Früher war es so, dass wir die hiesigen Kinder in jahrgangsübergreifenden Kursen eher nach dem Unterricht zusätzlich gefördert haben.
      Mit den Flüchtlingskindern wurde es notwendig, klassenübergreifende Kurse zum Erlernen der Sprache und für die Alphabetisierung einzurichten, denn auch Kinder, die in Klasse 3 oder 4 hinzu kommen, waren z.T. nicht in der Schule oder sind nicht oder in einer anderen Schrift alphabetisiert. Der Lernerfolg ist unterschiedlich (wie bei allen anderen Kindern auch). Wenn Kinder nicht nur die Sprache erlernen müssen, sondern auch die Schrift und das “System Schlule”, braucht man in der Regel mehr Zeit.
      In Mathematik ist es ähnlich, mit oder ohne vorherigen Schulbesuch kommen die Kinder mit ganz unterschiedlichen Kenntnissen.
      Sofern die SuS normal mitarbeiten können, machen sie das, zusätzlich gibt es differenziertes Material für D/ Alphabetisierung und Mathematik, um Grundlegendes möglichst zügig zu erlernen.

      Die Erlasse sehen eine Menge Fördermöglichkeiten vor.
      Real ist aber auch, dass diese nicht umgesetzt werden können, wenn die Lehrkräfte fehlen. Und das kommt häufiger vor. Sobald die Schule in die Lage kommt, dass Unterricht in den Klassen ausfallen könnte, werden diese zusätzlichen Stunden für DaZ und anderes gestrichen, aus der Not heraus seitens der Schule, aber gerne auch bei der Berechnung hinsichtlich des Bedarfs einer Vertretung.

      Wenn man also die Frage aufstellt, wie diese Kinder gefördert werden, muss man sich in den Bundesländern ansehen, was ohnehin per Erlass bereits eingesetzt ist, aber auch schauen, ob die Schulen tatsächlich dazu auch in die Lage versetzt werden, diese Maßnahmen umzusetzen.

  5. “Kein Deutsch und trotzdem in die Regelklasse einer Grundschule”
    Das ist die Frage, die der ungeschickte Politik-Onkel aufgeworfen hat.
    Da es sich um das Sommerloch der Nachrichtenzeit handelt und die Diskussion (leider) im Sande verlaufen wird, möchte ich dennoch auf Folgendes hinweisen, um die Konsequenzen der Diskussion zu erörtern:
    Bei der Integration der Geflüchteten während der “Flüchtlingswelle” (keine Wertung; Begriff der Zeit) wurde den Schulleitungen meiner Stadt aufgetragen, “Flüchtlingsklassen” zu schaffen. Dafür gab es keinerlei Mittel.
    Bei einer inoffiziellen Erklärung wurde einfach festgestellt: Lehrkräfte müssen einige Stunden pro Monat unbezahlte Mehrarbeit leisten. Daraus kann man mindestens eine Klasse pro Schule füllen.
    Bei der Inklusion wurden Kinder mit speziellen Bedarfen in die Regelschulen geschickt und den Lehrkräften überlassen. Die Probleme aller Kinder, der Eltern und der Lehrer wurden ignoriert.
    Der Mangel an Schulplätzen in meiner Stadt führte dazu, dass in den letzten Jahren, Kinder trotz 5er- und 6er-Zeugnis das Gymnasium nicht mehr verlassen konnten, weil die anderen Schulformen keine Kapazitäten mehr hatten. Sie mussten wiederholen und (inoffiziell) irgendwie die 4er hinkriegen.
    Was ist jetzt also bei den Deutsch-Förderungen zu erwarten?
    1. Es kommen viele tolle Reden über Kooperationen, über Konzepte und die Erwartungen.
    2. Man möchte es allen Recht machen und wiederholt treudoof diese Reden.
    3. Gelder für diese Ideen und Konzepte sind aber nicht da – weder Bund, noch Land, noch Stadt können sich das leisten.
    4. Die Arbeit landet bei den Lehrkräften.
    5. Wenn es nicht funktioniert, sind die Lehrkräfte verantwortlich.
    Warum werden denn differenzierte Statistiken geführt? Warum werden Auswertungen für ganze Städte und nicht für Schulen veröffentlicht?
    Auch wenn ich mich wiederhole: Als Lehrkraft in einer Schule in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen oder Berlin weiß man um die Probleme und die Symptome von mangelnder Sprachfertigkeit. Die Lehrer arbeiten seit Jahren damit. Es wird nicht das erste Jahr sein, dass in einer Grundschuleklasse ein großer Anteil der Kinder kaum oder kein Deutsch kann, und es wird sich nicht das letzte.
    Die vermutlich neuen Anforderungen machen die Arbeit dieser letzten Bastion des Integration nur noch härter.
    Von daher begrüße ich das kurze Gedächtnis der Bürger und hoffe, dass es hier keine Reform gibt, die die Arbeit aller Betroffenen nur noch schwerer macht.

  6. Über alles und jedes gibt es Umfragen. So wäre es wohl angebracht, mal eine Umfrage unter Grundschullehrern der schon genannten Städte Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Berlin usw. zu starten, was die eigentlich von Linnemanns Vorschlag halten: Eine Vorschule für die, die es nötig haben. Stattdessen erfahren wir nur, was Parteipolitiker und Funktionäre davon halten. Die wissen aber gar nicht, wie das in der Praxis aussieht, tun aber so oberschlau und reden beim Thema Vorschule von “Ausgrenzung”. In Österreich gibt’s eine Vorschule für diejenigen, die zurückgestellt wurden. Der Lehrermangel allein kann ja wohl auch kein Argument sein. Kinder, die in der Vorschule sind, sind dann halt nicht gleichzeitig in Kitas oder der regulären Schule. Der Bedarf nimmt insgesamt doch gar nicht zu.

    • “In Österreich gibt’s eine Vorschule für diejenigen, die zurückgestellt wurden.”

      In einigen BL gibt es wohl immer noch Vorschulen für alle Kinder.

      Kinder, die zurückgestellt werden, aber schulpflichtig sind, besuchen in anderen Regionen den sog. Schulkindergarten, der an eine Schule angegliedert ist und eine Art Vorklasse bildet. Hier unterrichten z.T. Lehrkräfte, z.T. SozialpädagogInnen, auch FöS-Lehrkräfte unterstützen dort. Der Personalschlüssel und die Klassenfrequenz sind eine andere als in Regelklassen.

      Bei einer intensiven Förderung nimmt der Bedarf durchaus zu:
      Sprachförderung vor der Einschulung braucht Lehrkräfte, weil sie zusätzlich zum KiTa-Angebot durchgeführt wird.
      Sprachförderung während der Schulzeit braucht zusätzliche Lehrkräfte, sobald sie in Kursen oder Klassen neben den regulären Klassen organisiert wird,
      eine Vorklasse oder ein zusätzliches Vorschulangebot wird auch zusätzliche Lehrkräfte benötigen, zumal auch da Personalschlüssel bzw. Gruppengröße nicht mit einer Klasse vergleichbar sein können, wenn die Förderung helfen soll.

      Die erste Frage ist also: Will man diesen Aufwand betreiben?
      Die zweite Frage: Wo siedelt man diese Förderung an und wer soll sie erteilen?

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