Tag der Linkshänder: Noch immer stehen viele Schüler unter Druck, mit der rechten Hand zu schreiben – die Folgen können schlimm sein

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BERLIN. Wenn Linkshänder mit rechts schreiben, kann das schwerwiegende Folgen haben, wie Konzentrations- und Lernschwierigkeiten oder Depressionen. Obwohl Kinder in den Schulen heute nicht mehr “umgeschult” werden, leiden viele betroffene Schüler nach wie vor unter Druck – etwa weil die linke Hand unter Muslimen als unrein gilt. Eine Folge: Linkshändige Kinder versuchen, sich der Mehrheit anzupassen.

Linkshänder sind beim Schreiben von links nach rechts im Nachteil – sie benötigen eine besondere Motorikförderung. Foto: Shutterstock

An die Schulzeit hat die Linkshänderin Marina Neumann keine guten Erinnerungen. «Es hieß damals: Alle schreiben mit rechts. Wer das nicht tat, bekam eine Ohrfeige», erzählt die 67-jährige gebürtige Bielefelderin. So wie ihr ging es vielen anderen Linkshändern. Das Umschulen auf die vermeintlich richtige rechte Hand war üblich. «Ich quälte mich jahrzehntelang mit rechts durchs Leben», sagt Neumann.

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Vor fast 20 Jahren dann die Wende: Der Bericht einer Betroffenen über eine Rückschulung auf links motivierte die Psychotherapeutin, es selbst zu wagen. «Ich habe mir mein eigenes Programm zusammengestellt und ganz behutsam und langsam mit links schreiben gelernt. Das war unglaublich gut, hilfreich und entspannend. Die Rückschulung war für mich eine körperliche und psychische Befreiung», erzählt sie. Das Thema wurde zu ihrer Berufung. Seit Jahren bietet Neumann nun schon Rückschulungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an.

Wissen, wie man Linkshändigkeit erkennt und fördert, fehlt bei Lehrern und Erziehern

«Noch bis in die 1990er Jahre wurden viele linkshändige Kinder auf rechts umgeschult», berichtet die Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München, Johanna Barbara Sattler. Heute sei eher das Nachahmungsverhalten von Kindern, die von ihrer rechtshändigen Umwelt lernen und versuchen, sich anzupassen, ein Thema. Dadurch könne es passieren, dass sich Linkshänder selbst auf rechts umschulen.

Zudem gelte in einigen islamischen Ländern die linke Hand als unrein. «Damit darf man sich zwar den Po abwischen, aber nicht essen oder schreiben», so Sattler. Kinder aus solchen Familien würden oft umgeschult. Problematisch sei auch, dass das Wissen, wie man Linkshändigkeit erkennt und fördert, bei Erziehern und Lehrern oft fehle, so die Psychotherapeutin.

Genaue Zahlen über den Linkshänderanteil in der Bevölkerung gibt es nicht. «Die statistischen Angaben schwanken stark und reichen von niedrigen Prozentsätzen bis zur Hälfte der Bevölkerung», sagt Sattler, die davon ausgeht, dass Linkshändigkeit genetisch bedingt ist.

Bei Linkshändern sind Teile der rechten Hirnhälfte stärker ausgeprägt, bei Rechtshändern der linken. Wenn Linkshänder die rechte Hand und damit die linke Hirnhälfte stärker nutzen, kann das auch psychische Folgen haben, sagt Sattler, die seit den 1980er Jahren zum Thema forscht. Die Umschulung der angeborenen Händigkeit beschreibt die Autorin zahlreicher Bücher und Lehrmaterialien als «einen der massivsten Eingriffe in das menschliche Gehirn ohne Blutvergießen».

Konzentrations- und Rechtschreibprobleme bei Schülern

Zu den direkten Folgen können demnach starke Erschöpfung, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, oder auch Links-Rechts-Unsicherheit, feinmotorische Störungen und Sprachstörungen zählen. «Diese Probleme setzen sich bei vielen Menschen in unterschiedliche weitere Dinge um, zum Beispiel Minderwertigkeitskomplexe, Verhaltensstörungen, den Drang zur Überkompensation, Rückzug und emotionale Probleme wie Depressionen bis ins Erwachsenenalter», so die Psychologin.

Der Internationale Tag der Linkshänder am 13. August soll auf die Probleme von Linkshändern aufmerksam machen und Verständnis für die oft unter Vorurteilen leidenden Betroffenen wecken. Von Problemen weiß auch der 55-jährige Christian Dausien aus dem brandenburgischen Beelitz zu berichten. «Ich kannte jahrelang keine Pause, habe immer nur gearbeitet und gearbeitet», erzählt Dausien. Er sei einfach nicht zur Ruhe gekommen. Vor sieben Jahren ließ er sich von Marina Neumann auf Links zurückschulen. Sein Leben hat sich seitdem verändert: Der ehemalige Kaufmann lebt jetzt als Holzkünstler seine Kreativität aus. «Ich kann davon leben und bin insgesamt viel zufriedener und entspannter», freut er sich.

«Viele finden nach einer Rückschulung zu ihren wahren Interessen. Ich habe bei ganz vielen Erwachsenen miterlebt, dass sie noch einmal studiert oder den Beruf gewechselt haben, weil sie plötzlich wussten, wo sie hinwollten», so Neumann. Dies sei aber oft ein längerer Prozess. Bei Kindern stellten sich oft schnell Erfolge ein: «Sie können sich besser konzentrieren, werden viel ruhiger und leistungsstärker in der Schule», berichtet die Therapeutin. Ihr ältester Klient war 77 und kam extra aus Hannover angereist. «Er wollte mehr mit sich ins Reine kommen», erzählt sie. Bei dem Mann hätten sich die Schlafstörungen gelegt.

Rückschulung? Ist nicht so einfach

Barbara Sattler empfiehlt nicht jedem eine Rückschulung. «Das hängt stark vom Einzelfall ab. Menschen mit Multipler Sklerose oder Epilepsie würde ich beispielsweise nicht zurückschulen», sagt sie. Die Krankheiten könnten sich noch vertiefen. Sie habe schon Fälle gehabt, in denen eine Rückschulung nicht geglückt sei. «Ich empfehle immer auch, während der Rückschulung der Händigkeit eine Psychotherapie zu machen, denn die Veränderungen sind sehr komplex.» Sattler hat ein Netzwerk von Linkshänder-Beratern in ganz Deutschland aufgebaut, die nach einer von ihr entwickelten Methode arbeiten.

«Anfangs war auch ich sehr vorsichtig. Aber wenn die erzwungene Rechtshändigkeit die Ursache der Probleme ist, sollte man sie angehen», ist hingegen Marina Neumann überzeugt. Mit ihrem Buch «Natürlich mit links» will sie anderen Menschen Mut machen.

Auf jeden Fall muss man sich Zeit nehmen – da sind sich beide einig. «Sonst bleibt es etwas Halbes, die Automatisierung der Schrift und des Denkens wird nicht genügend gefestigt», betont Sattler. Von Anja Sokolow, dpa

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13 KOMMENTARE

  1. “Zudem gelte in einigen islamischen Ländern die linke Hand als unrein. «Damit darf man sich zwar den Po abwischen, aber nicht essen oder schreiben», so Sattler. Kinder aus solchen Familien würden oft umgeschult.”

    Wie kann man eigentlich den Islam vom 11. ins 21 Jahrhundert überführen?

    “Problematisch sei auch, dass das Wissen, wie man Linkshändigkeit erkennt und fördert, bei Erziehern und Lehrern oft fehle, so die Psychotherapeutin.”

    Wieso muss Linkshändigkeit gefördert werden? Ich bin selbst Linkshänder, meine Mutter wurde umgeschult. Im Rahmen meiner Erziehung hat sie schnell gemerkt, dass ich Gegenstände lieber in meiner linken Hand hielt und sie hat mich dann gelassen. Beim Schreiben lernen muss man halt aufpassen, dass Kinder keine Spiegelschrift entwickeln, weil sie die Mitschüler nachahmen, die ja immer vom geschriebenen Wort weg schreiben. Ich habe aber noch mit der Fibel gelernt, also seitenweise die Schwünge der Schreibschriftbuchstaben gemalt.

  2. Der Druck kann durchaus schon im Kleinkindalter beginnen, wenn mit Nachdruck versucht wird, dem Kind das Essen mit der rechten Hand anzugewöhnen und nicht auf die individuelle Häufigkeit geachtet wird.

    • Das meine ich ja. Man kann es ja versuchen, aber rechtzeitig dem Kind seinen Willen lassen. Es gibt wichtigere Dinge, wo nicht diskutiert werden darf, beispielsweise beim Wort “nein” durch einen Elternteil.

      • Ja. Eigentlich sollte es heute gar kein Thema mehr sein, ist es wohl aber doch. Ich hatte Ihren Kommentar noch gar nicht gelesen, als ich meinen schrieb.
        Ich kenne beides, Umlernen beim Halten des Löffels ( durch eine Verwandte, bei der ich als Vierjährige mehrere Tage auf Besuch war) das war sehr unangenehm und sehr wirksam, sowie Probieren beim Malen und Schreiben und anschließende Akzeptanz der Linkshändigkeit, durch Mutter und Lehrer. Sämtliche Lehrer und Lehrerinnen unterstützten mich schon damals, vor vielen Jahrzehnten, in meiner Linkshändigkeit. Ein Lehrer unterstützte mich besonders, da er kriegsbedingt einen gelähmten Arm hatte.
        Früher wurden Linkshänder sogar gezwungen, beim Erlernen eines Handwerks mit rechts zu arbeiten, was mitunter zu Unfällen führte.
        Ich kann mir nicht vorstellen, dass heute die Händigkeit eines Kindes durch die Lehrer nicht akzeptiert wird, eher, dass sie bei einer nur sehr schwachen Ausprägung übersehen wird. Da spielen dann aber sicher auch andere Faktoren mit eine Rolle, wie sie oben genannt werden.

        • Vieles davon verstehe ich nicht. Wieso wird man beim Essen überhaupt darauf geschult, mit einer Hand zu Essen? Das kann doch eigentlich nur das Essen mit einem Löffel sein, weil man den einzeln in einer Hand hat, normal esse ich doch mit Messer und mit Kabel, und da habe ich die Gabel, die ich kompliziert in den Mund führen muss doch eh in der linken Hand?
          Ich kann bei mir keine dominante Hand ausmachen, ich schreibe mit rechts, weil ich es so gelernt habe, aber bei allem anderen, kann ich nicht sagen, ob ich es mit rechts oder links besser kann, da gehe ich nach Bequemlichkeit (mit welcher Hand konnte ich es schneller erreichen), entsprechend verstehe ich die meisten Probleme von Links- und Rechtshändern nicht.

          • Kleine Kinder essen zuerst mal nur mit dem Löffel. Zumindest früher fand da durchaus manchmal auch Druck statt, den Löffel in die rechte Hand zu nehmen, wenn man es nicht von selbst tat. Ich meine enormen Druck, unter Umständen auch mit Androhung von Strafen, also alles was über normales Ausprobieren hinausgeht. Wenn dann die Linkshändigkeit eines Kindes sehr ausgeprägt ist und es spontan zur linken Hand greift, weil es mit der rechten sehr ungeschickt ist, dann ist ein Umlernen, wie gesagt, unter permanentem Druck, nicht gut.
            Ich wollte nur drauf hinweisen, dass manche Kinder, die möglicherweise heute noch im Schulalter selbst umlernen wollen, weil sie, wie oben beschrieben, es als Manko empfinden, Linkshänder zu sein, vielleicht schon im Kleinkindalter entsprechend dressiert wurden.

  3. Ich bin ein umgeschulter Linkshänder. Ich schreibe mit rechts und mache alles andere mit links. Bei mir hat es keine Nachteile gebracht. Da unsere Schrift auf Rechtshänder ausgelegt ist, musste ich dadurch keine Verrenkungen machen.
    Ich hatte allerdings schon ab dem 2. Schuljahr regelmäßigen Klavierunterricht, der meine rechte Hand sozusagen forderte und zusätzlich motorisch ausbildete.

    • Ergänzung:
      Die Konzentrations- und Lernschwierigkeiten und darauffolgenden Depressionen kommen wohl daher, wenn man sich mit der Schrift quält. Für mich war das nie eine Qual, nicht einmal die damals üblichen Schönschreibübungen. Ich hatte eine schöne Schrift. Früher war es selbstverständlich mit der rechten Hand zu schreiben. Genauso selbstverständlich wie ich in allem anderen Linkshänderin war. Ich ging sehr gerne zur Schule und kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich mich herumgequält habe.
      Wahrscheinlich war ich ein Ausnahmefall. ; – )

  4. Ich schreibe mit Links (im Heft) aber an der Tafel mit Rechts. Viele Dinge mache ich mit Rechts. Meine Mutter ist eine umerzogene Linkshänderin. Ich glaubte bisher immer ich sei Linkshänderin. Wie stelle ich denn die Händigkeit tatsächlich fest?

    • Ich glaube, es gibt unterschiedliche Ausprägungen. Mein Bruder schreibt zwar auch links, konnte aber schon immer besser mit rechts schreiben als ich. Ich wollte natürlich auch rechts schreiben können, übte auch immer wieder, aber es war einfach eine Tortur und ging extrem langsam. Es gibt ausgeprägtere und weniger ausgeprägte Linkshänder. Man kann auch Mal beobachten, von welcher Seite aus man lieber aufs Fahrrad steigt, denn auch da hat man gerne eine Präferenz.

    • @olleschachtel Ich gehe davon aus, dass ich beidhändig bin, auch das sollte man dann ggf. ins Erwägung ziehen, auch wenn es einfach nie erwähnt wird! Bis auf das Schreiben, mache ich alles so, wie mir gerade in den Sinn kommt und es ist mir fast immer vollkommen egal, ob ich es mit links oder rechts mache.
      Ich bin auch immer fasziniert davon, dass viele Menschen sich mit links kein Getränk eingießen können…. das ist mir ehrlich gesagt vollkommen unbegreiflich 🙂

      • “dass ich beidhändig bin, auch das sollte man dann ggf. ins Erwägung ziehen, auch wenn es einfach nie erwähnt wird!”

        Doch, das wird erwähnt und ist durchaus bekannt.
        In der Regel ist man da zu Beginn der Grundschule sehr aufmerksam. Beidhänder sitzen im Unterricht und malen, indem sie in beiden Händen je einen Buntstift haben und diese abwechselnd einsetzen.
        Bei den meisten Kindern hat sich bis zur Einschulung eine Präferenz ausgebildet, bei manchen nicht.
        Im Verlauf des 1. SJ ergibt sich häufig eine Tendenz, vermutlich gerade weil das Schreiben eine Entscheidung erforderlich macht.

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