Die Familie als erste Instanz für die kindliche Entwicklung – Wissenschaftler untersuchen familiäre Lernumgebungen

18

BAMBERG. Vorlesen fördert die Sprachkompetenzen von Kindern und wirkt sich positiv auf den Schulerfolg aus. Soweit so alt bekannt. Dass auch andere Kompetenzen gefördert werden, ist in der Wissenschaft weitgehend unumstritten. Doch es ist offenbar mehr als nur das Vorlesen, dass Kindern einen Vorsprung vor anderen verschafft, stellen Bamberger Wissenschaftler fest.

Wachsen Kinder in einer Familie auf, in der sie schon früh zum Lernen angeregt werden, wirkt sich das langfristig positiv auf ihre schulischen Kompetenzen aus. Schüler im Alter von 12 Jahren schneiden auch in Mathematiktests besser als ihre Mitschüler ab, wenn ihre Eltern mit ihnen im Vorschulalter regelmäßig gemeinsam Bücher gelesen und besprochen haben. Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer pädagogisch-psychologischen Studie der Bamberger Pädagogin Simone Lehrl, die gemeinsam mit vier weiteren Wissenschaftlern familiäre Lernumgebungen untersucht hat.

Anzeige


Wenn Kinder frühzeitig angeregt werden zu lernen, haben sie langfristig Vorteile. Foto: kamilabogumila / Pixabay (P.L.)

„Die Studie hat als eine der ersten in Deutschland im Detail untersucht, wie bedeutsam die familiäre Lernumgebung in den frühen Lebensjahren für die Kompetenzentwicklung bis zur Pubertät ist“, erläutert Projektleiterin Sabine Weinert. „Am wichtigsten ist, dass Eltern Bücher nicht nur vorlesen, sondern mit dem Kind darüber sprechen“, betont Lehrl. Auf diese Weise würden Kinder spielerisch dazu angeregt, über die Inhalte nachzudenken, sie besser zu verstehen und Geschichten weiterzudenken.

Lehrl und ihre Kollegen verwendeten für die Studie Daten von 229 hessischen und bayerischen Kindern, die im Alter von drei bis zehn Jahren jährlich und erneut mit 12 und 13 Jahren getestet wurden. Ihre Eltern füllten Fragebögen aus und wurden beobachtet, wie sie mit ihrem Kind in verschiedenen Situationen umgingen.

Das Ergebnis zeige, so die Autoren, das es bedeutsam ist, dass Eltern ihre Kinder im Vorschulalter dazu anregen, schriftliche, sprachliche und mathematische Fähigkeiten zu entwickeln. Förderlich sei es zum Beispiel, wenn sie sich gemeinsam mit Würfelspielen und Bilderbüchern beschäftigten. In weiterführenden Schulen führe das dazu, dass ihre Lese- und Mathematikfähigkeiten vergleichsweise besser sind.

In dieser Studie stand die Familie im Mittelpunkt, Lehrl zufolge erste Instanz für die kindliche Entwicklung. „Man kann die Ergebnisse aber auch auf Kitas und Kindergärten übertragen“, führt die Pädagogin aus. „Frühere Studien – und auch die Ergebnisse der BiKS-Studie – haben gezeigt, dass Erzieherinnen und Erzieher einen positiven Einfluss auf Kinder und deren mathematische und sprachliche Entwicklung haben.“ Lernfördernd sei es etwa, gemeinsam Bilderbücher zu lesen, alltägliche Situationen sprachlich zu begleiten oder auch Würfel- und Brettspiele zu spielen.

Ob die Entwicklungen und Anregungen in den frühen Jahren auch noch bedeutsam für die Entwicklung im frühen Erwachsenenalter sind, soll eine 2020 startende Anschlussstudie zeigen. (zab, pm)

• Abstract zur Studie (Fachmagazin „School Effectiveness and School Improvement“)

PISA-Leiterin: Bildungserfolg in Deutschland hängt immer noch (zu) stark am Elternhaus

Anzeige


18 KOMMENTARE

  1. Endlich werden einmal die familiären Lernumgebungen wissenschaftlich untersucht. Das merkt man in der Schule schon deutlich, wo solche häusliche Umgebungen geschaffen werden (können). Da sollte es aber nicht nur ums Vorlesen gehen, sondern auch um die Freizeitgestaltung der Familien. (Was anscheinend teilweise in der Studie berücksichtigt wird.)

    • Die Befunde sind weder neu noch überraschend. Entscheidend ist aber die Frage: was ist mit den Kindern, die diese Förderung und Unterstützung im Elternhaus nicht erfahren. Hierauf muss Schule reagieren und versuchen, Defizite zu kompensieren, nur die Schule hat diese Möglichkeiten.

      • Da gibt es zwei Probleme:
        – Erstens kann Schule in den großen Gruppen das nicht ansatzweise auffangen.
        – Zweitens ist mit Eintritt in die Schule der Drops in vielen Dingen bereits gelutscht. Die ersten drei Lebensjahre sind entscheidend in vielen Dingen.

      • “Die Befunde sind weder neu noch überraschend” : stimmt, aber neu und überraschend ist, dass Bildungsforscher laut und öffentlich sagen, wie viel eine gute Familie nützt. Dann muss sich nicht mehr jede Mutter schlecht fühlen, wenn sie ihre Einjährige noch nicht in die Kita mit ihrem “Bildungsprogramm” abgeben will.
        Ich würde mir von den Bildungspolitikern wünschen, dass sie auch mal Politik für gute Familien machen.

      • “… nur die Schule hat diese Möglichkeiten.”
        Woher weiß Herr Möller das? Nein, die Schule kommt da zu spät, besonders die Sekundarstufe, so schreibt auch xxx. Wenn der Staat eine wirkliche (soziale) Bildungsgerechtigkeit herstellen wollte, müsste er in den ersten Lebensjahren schon ansetzen (genau das drückt doch der Artikel aus) und den Eltern klarmachen, was sie zu verbindlich (!) tun haben. Unterschichteltern behandeln und beeinflussen ihre Kinder nun mal nach Unterschichtart, analog bei Mittelschichten. Japanische Eltern behandeln ihre Kinder nach japanischer Art, türkische nach türkischer usw. usw. Es ist sonnenklar, dass das große Unterschiede zur Folge hat.
        Man könnte Art. 6 GG ergänzen um Pflichten der Eltern, z.B. in sprachlicher Hinsicht. Wenn sie Deutsch können, müssten sie es den Kindern beibringen. Wenn sie kein Deutsch können, dann wären verpflichtende Deutschkurse angesagt usw.
        Aber niemand will in Deutschland in die für “heilig” gehaltenen Familien hineinregieren, denn sonst müsste man sich mit gewissen “Kulturen” bzw. “Unkulturen” auseinandersetzen und sie zurückdrängen, wenn sie den Kindern schaden. Hat man eigentlich die Prügelpädagogik schon ausgerottet? Hat man die gender-spezifische Benachteiligung von Mädchen (sie müssen brav sein, im Haushalt helfen und jüngere Geschwister betreuen) schon zurückgedrängt? Ich glaube kaum. Es wäre vieles zu tun, was nicht direkt der Schule zuzuordnen ist, wenn man nur wollte. Aber manche Schulreformer sind auf ihre Schulreformen fixiert.

        • Carsten 60: “Nein, die Schule kommt da zu spät”
          Das heißt mit anderen Worten: diese Kinder bekommen keine Chance mehr in der Schule, Versäumtes nachzuholen, ganz nach dem Motto: Falsches Elternhaus, Pech gehabt, setzen 6!
          Was für ein Menschenbild.

          • Nein, das heißt, dass die Politik die Eltern an ihre gesetzlich auferlegten Pflichten und die Normen für das Zusammenleben in Deutschland zu erinnern hat. Mehr nicht.

  2. Wenn da mal nicht die ersten Lebensjahre hoffnungslos überbewertet werden….
    Was kam z.B. bei uns dabei heraus, bei vielem Bilderbuch anschauen, Kinderbücher vorlesen, austauschen darüber, singen, am Klavier mit dem Kind auf dem Schoß, usw. etc.? Eine Leseratte, die garantiert auch ohne Vorlesen eine geworden wäre, 2 zumindest partielle Lesemuffel, der eine Lesemuffel interessierte sich allerhöchstens für Sportberichte, später Informatikbücher, der andere für Abenteuerbücher, alle nach dem gleichen Strickmuster.
    Für wichtig halte ich, dass es entspannt und spielerisch zugeht, und Eltern nicht unter Druck geraten. Abgesehen davon muss man sich mal klarmachen, welches umfangreiche Programm viele Eltern im gesundheitlichen Bereich absolvieren müssen, damit Filia und Filius gute Startchancen für die Schule haben. Thema Augen, Ohren, Füße, Zähne, Infekte, Kinderkrankheiten, Rücken, Impfungen usw. Oft regelmäßig zu Fachärzten, und das jahrelang.

    • wir als Heldengeneration derer vor 1970, die noch ohne Helm Fahrradfahren, ohne Lerncoach lernen und ohne Soz-päd draußen spielen mussten, können das nicht immer nachvollziehen.

  3. In den ersten Lebensjahren steht die Bindungsfähigkeit im Mittelpunkt des Lern- und Reifeprozesses, nicht die Bildung, wie wir sie üblicher Weise verstehen. Am Anfang des Lebens werden die Grundlagen für den Menschen als soziales Wesen gelegt, der vor allem durch Bindung, Vertrauen und Vorbild lernt. Da muss man nichts forcieren, sondern in Ruhe, Liebe und Geborgenheit reifen lassen. Das ist der beste Start fürs Leben.
    Ich bin froh, dass der Wert der Familie und elterlichen Betreuung bzw. Erziehung endlich wiederentdeckt wird und hoffentlich aufgeräumt wird mit falschen Geschichten wie “Bildungsferne”, wenn das Kind nicht frühzeitig in staatliche Krippen- oder Kitahände gegeben würde und dort besondere Bildungsanreize erhielte.
    In diesem Alter wollen die Kinder eine stressfreie Atmosphäre durch gleichbleibende Beziehungspersonen, die ihnen Liebe und Geborgenheit schenken. Das sind die wahren Bildungsanreize in den ersten zwei bis drei Lebensjahren.

    • Ich stimme ebenfalls aus vollstem Herzen zu danke Ihnen vielmals, Petra!

      @Cornelia
      Sie, Cornelia, habe ich gründlich missverstanden, was mir jetzt erst klar wird und leid tut. Ihr Anfangssatz (“Wenn da mal nicht die ersten Lebensjahre hoffnungslos überbewertet werden….”) hat mich aufs total falsche Gleis gesetzt.
      Jetzt erst merke ich, dass wir dasselbe meinen, nämlich: Die ersten Lebensjahre sind entscheidend wichtig, aber in ganz anderer Weise als es die Fürsprecher für staatliche Fremdbetreuung mit ihren spitzfindigen Begründungen und Empfehungen immer wieder darstellen.

      • Danke. Ich habe auch überreagiert, zum einen, als ich von der Studie gelesen habe und mich im Eifer wohl missverständlich ausgedrückt habe. Zum anderen, als ich Ihren Kommentar und den Ihres Vorgängers las, wobei ich bis jetzt noch nicht weiß, ob ich den richtig oder falsch verstanden habe.

        • Vielleicht hilft Ihnen der Kommentar von “Pälzer” vom 1. Dez. um 20:45 weiter oben, den anderen um 20:41 besser zu verstehen.
          Sein Schlusssatz: “Ich würde mir von den Bildungspolitikern wünschen, dass sie auch mal Politik für gute Familien machen.”

  4. Ich persönlich halte es für falsch, den Schwarzen Peter immer zwischen Schule und Elternhaus hin- und herzuschieben. Ich selbst sehe es wie Frau Prasuhn, die neulich in einem Kommentar zum Thema “Was Didaktiker Schülern (und ihren Eltern) raten, um im Problemfach Mathe zu bestehen” sehr, sehr treffend die Problematik dargestellt hat. Ich sehe das genauso, da steckt, nicht nur in Mathematik, nein auch im Deutschunterricht der Grundschulen, so viel in den Lehrplänen, was nicht hineingehört. Das Übungsniveau
    für das Wesentliche wurde dadurch abgesenkt, und Lernschwächen kommen zum Vorschein, die bei uns in den Sechzigern durch ein hohes Maß an Übungen kompensiert wurden. Da wir selbst unterrichtet haben und vier Kinder aufgezogen haben, lasse ich mir da kein X mehr für ein U vormachen.
    Sehr aktuell ist in meinen Augen immer noch das Taschenbuch von Frau Mechthild Firnhaber: ” Legasthenie und andere Wahrnehmungsstörungen. Wie Eltern und Lehrer helfen können.” Fischer Verlag

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here