Bildungsbericht: Jahrzehntelanger Trend zu höheren Schulabschlüssen lässt nach

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BERLIN. Die Corona-Krise hat allen klargemacht: Bei der Digitalisierung liegt an den Schulen noch vieles im Argen. Das bestätigt auch der Bericht «Bildung in Deutschland 2020». Außerdem deuten sich Rückschritte beim Bildungsstand der Bevölkerung an.

Hat den Bildungsbericht heute vorgestellt: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Foto: obs/Bundesministerium für Bildung und Forschung/BMBF/Hans-Joachim Rickel

Der jahrzehntelange Trend zu höheren Bildungsabschlüssen in Deutschland kommt nach Einschätzung von Forschern so langsam an seine Grenze. Wie aus dem Bericht «Bildung in Deutschland 2020» hervorgeht, der am Dienstag in Berlin vorgelegt wurde, gibt es stagnierende oder sogar sinkende Quoten beim Übergang auf das Gymnasium, sinkende Absolventenquoten beim mittleren Schulabschluss und auch bei der Hochschulreife. Außerdem sehen die Autoren Defizite beim Thema Digitalisierung – sowohl in den Schulen als auch bei den Schülern.

Insgesamt bestätigt der Expertenbericht frühere Befunde: Bildungserfolg hängt in Deutschland stark von sozialer Herkunft ab, und Bildung lohnt sich. «Wer sich länger und lebenslang bildet und qualifiziert, kann mit besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt rechnen und auch ein höheres Einkommen erreichen.» Gleichzeitig wirke sich Bildung positiv auf individuelle Verhaltensweisen, etwa gesundheitsbewusste Ernährung, aus, schreiben die Wissenschaftler.

Der fast rund 360 Seiten starke Report wird alle zwei Jahre unter Federführung des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) erstellt. Er liefert eine umfangreiche Bestandsaufnahme und zeigt Trends im deutschen Bildungssystem von der Kita bis zur Erwachsenenweiterbildung auf. Einige Ergebnisse im Überblick:

MEHR SCHULABGÄNGER OHNE ABSCHLUSS

Nach einem jahrzehntelangen Anstieg des Bildungsstandes der Bevölkerung in Deutschland ist nach Einschätzung der Forscher ein Ende dieses Trends in Sicht. Darauf deuteten stagnierende und zum Teil sogar sinkende Anteile von Schülern hin, die aufs Gymnasium wechseln und auch sinkende Absolventenquoten mit mittlerem Abschluss und Hochschulreife.

In der Gesamtbevölkerung wird den Angaben zufolge zwar der langjährige Trend zu höherer Bildungsbeteiligung und höherqualifizierenden Abschlüssen von Jahr zu Jahr stärker sichtbar. Ein immer größerer Anteil der Menschen habe die Hochschulreife und einen Hochschulabschluss. «Allerdings wird auch deutlich, dass dieser Trend seine Grenzen hat», schreiben die Autoren. Seit 2013 sei beispielsweise der Anteil der Schulabgänger ohne mindestens einen Hauptschulabschluss von 5,7 auf 6,9 Prozent (2018) stetig gestiegen, die Absolventenquote bei der Hochschulreife sei zurückgegangen (2014: 53 Prozent; 2018: 50 Prozent).

SCHULEN, DIGITALISIERUNG UND CORONA

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass viele Schulen nicht auf der Höhe der Zeit sind: Aufgaben wurden auch per Zettel verteilt, Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern war abhängig von technischer Ausstattung sowie Kompetenz und Bereitschaft der Beteiligten. «Die letzten Wochen waren ein Feldversuch für die Bildung und haben natürlich auch Schwächen deutlich gemacht, gerade auch im Bereich der Digitalisierung», sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) am Dienstag.

Von den Autoren des Bildungsberichts kommt die klare Empfehlung: «Digitale Medien lassen sich nur dann nachhaltig in das Lehr-Lern-Geschehen integrieren, wenn neben einer besseren technischen Infrastruktur auch verstärkt in die Qualifizierung der Lehrenden investiert wird.»

Aber auch grundsätzliche Defizite bei den Schülern werden angesprochen: Es hat zwar heute fast jeder ein Smartphone. Aber über alle Bildungsbereiche hinweg verfüge «ein beträchtlicher Teil der Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen bislang allenfalls über rudimentäre digitale Kompetenzen». Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) nannte als Beispiel den Umgang mit sogenannten Fake News.

Mit Blick auf den Ausnahmezustand an den Schulen wegen der Corona-Pandemie befürchten die Forscher negative Folgen besonders für Kinder und Jugendliche aus «sozial benachteiligten Familien».

STEIGENDER FINANZ-, LEHRER- UND ERZIEHERBEDARF

Die Zahl der «Bildungsteilnehmer» im System ist in den vergangenen Jahren weiter gestiegen und damit auch die Zahl der Beschäftigten. In der Kindertagesbetreuung gab es zwischen 2008 und 2018 eine Zunahme der Mitarbeiter um 63 Prozent, an den Hochschulen um 37 Prozent. Durch steigende Geburtenzahlen, Zuwanderung und den Ausbau von Ganztagsplätzen an Grundschulen wird sich der Bedarf in der frühen Bildung, Betreuung und Erziehung und auch in den Schulen weiter erhöhen, prognostizieren die Forscher.

Das gilt entsprechend auch für die Kosten: Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 218 Milliarden Euro für Bildung ausgegeben. Im internationalen Vergleich liegen die Ausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt zwar unter dem OECD- und EU-Schnitt, pro Kopf aber darüber.

ANGESPANNTE LAGE BEI DER BERUFSAUSBILDUNG

Die Situation im Bereich Berufsausbildung bezeichnen die Bildungsexperten als «angespannt». Das liege vor allem an einem Problem: Obwohl es freie Ausbildungsplätze gebe, bleibe ein Teil der Jugendlichen ohne Lehrstelle. «Soll der Fachkräftebedarf langfristig gedeckt werden, müssen zudem mehr Betriebe darüber nachdenken, auch Jugendlichen ohne oder mit niedrigem Bildungsabschluss die Chance auf einen Ausbildungsplatz zu geben», empfehlen die Autoren.

CHANCEN VON AKADEMIKERN «NACH WIE VOR SEHR GUT»

Das Interesse am Studium ist in Deutschland ungebrochen. Im Bildungsbericht wird damit gerechnet, dass die Nachfrage nach Studienplätzen bis 2030 auf dem heutigen Niveau bleiben wird. Pro Jahr fangen rund 500 000 Menschen ein Studium an. Die Arbeitsmarktchancen für Akademiker werden als «nach wie vor sehr gut» bezeichnet. Von Jörg Ratzsch, dpa

Bildungsbericht 2018: Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern vertieft sich – Experten (und Lehrerverbände) fordern massive Investitionen

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8 KOMMENTARE

  1. „Außerdem deuten sich Rückschritte beim Bildungsstand der Bevölkerung an.“
    Äh, nein? Wenn man sich die Bundesländer anschaut, die das Abi soweit vereinfacht haben, dass sie Jahr für Jahr Schnitte im 1,8-2,0 Bereich haben, dann sind die Menschen dort sicherlich nicht gebildeter. Ebenso in den Biundesländern mit Gesamtschulen, die jeden bis zum Abi bringen (wollen). Der Trend ist hier in meinem BL, das Abi bewusst wieder mit G9 zu erschweren, höhere Belegpflichten wurden beschlossen und das Niveau in den Lehrplänen der Oberstufe steigt auch wieder. Außerdem gibt es hier viele kirchliche Privatgymnasien, die keine üebrmäßigen Abischnitte haben, obwohl sie nur die besten Schüler in der 5 aufnehmen. Dennoch sind diese ehem. SuS in der Region größtenteils für ihr umfassendes Wissen und ihre Disziplin bekannt. Bessere Abischnitte also =/= hohe Bildung.

    • Die Note 1,0 wird doch mittlerweile im Abi so oft wie nie zuvor vergeben. Aber das Problem liegt ja nicht darin, dass wir zu wenig Gymnasiasten oder Abiturienten haben. Lesen lernt man in der Grundschule. Wer hier scheitert, scheitert auch in der weiterführenden Schule. Die Grundschulen brauchen mehr Personal für Förderung und Unterstützung der Kinder mit Lehrschwierigkeiten, Sprachförderbedarf und sozialen Defiziten. Diese Kinder werden immer mehr! Nehmt endlich die Grundschulen ernst und stärkt sie!

      • Allerdings müssten Ihre Forderungen früher ansetzen, wenn man die Entwicklungspsychologie bemüht.
        Denn Erziehungswissenschaftler haben festgestellt, dass die Wurzeln aller Bildungsprozesse der Grundschule, Jugendalter und des späteren Lebens bereits in frühester Kindheit liegen.
        Bereits im Kindergartenalter von drei Jahren ist ein Rückstand in der Entwicklung nur sehr selten bis zur Grundschule wieder aufzuholen.

        • Ja, da kann man sicherlich noch besser fördern, könnte auch im KiGa Gruppen verkleinern und wie bei I-Kindergärten Fachkräfte einbinden.
          Die flankierende, multiprofessionelle Frühförderung wird aber hier mit dem Zeitpunkt der Einschulung eingestellt, unabhängig von den Fortschritten oder Bedürfnissen. Je nach individueller Bewertung der Amtsärztin sind Kinder mit vielen Auffälligkeiten bedenkenlos oder „mit Rücksprache“ schulfähig, spricht man das an, wird auf die Inklusion verwiesen. Grundschulen erhalten (in meinem BL) aber max. 2 Std. pro Woche pro Klasse Grundversorgung. Das war es. Die Förderung muss klassenintern realisiert werden.
          Therapien über den Kinderarzt zu erhalten, ist weit schwieriger, als es zuvor über die Frühförderung möglich war.

        • Ja, da stimme ich zu. Meine Forderung muss diese Forderung ja nicht ausschließen. Ich erlebe regelmäßig Schulanfänger, die den Stift nicht richtig halten oder Sprachprobleme haben, um nur einiges zu nennen. Und dann ist man mit 24 (oder mehr!) Erstklässlern allein…

  2. „gibt es stagnierende oder sogar sinkende Quoten beim Übergang auf das Gymnasium, sinkende Absolventenquoten beim mittleren Schulabschluss und auch bei der Hochschulreife.“

    Bis auf die Nachricht zu den mittleren Schulabschlüssen sind das nur erfreuliche Nachrichten. 😀

  3. Ich finde die fast 7% ohne Schulabschluss viel dramatischer, denen müsste mehr Beachtung gegeben werden. Denn diese sind komplett abgehängt und fast ohne Chance im ersten Arbeitsmarkt.

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