Studie zeigt auf: Die Inklusion stagniert. Dabei sind die Erfahrungen der Lehrer, die inklusiv arbeiten, meist gar nicht so schlecht

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GÜTERSLOH. Mehr als zehn Jahre nach dem Beitritt Deutschlands zur UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen kommt der Ausbau des inklusiven Unterrichts nur schleppend voran. In einigen Bundesländern ist er sogar rückläufig. Entsprechend ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die an Förderschulen unterrichtet werden, kaum gesunken und in manchen Bundesländern sogar gestiegen. Dies zeigt eine Auswertung der Bertelsmann Stiftung von Daten der Kultusministerkonferenz (KMK). Der VBE kritisiert die schlechten Bedingungen für die Inklusion in der Praxis.

Mehr Kinder mit Behinderungen werden mittlerweile an Regelschulen unterrichtet – aber… Foto: Shutterstock

Obwohl punktuelle Fortschritte bei der Inklusion zu verzeichnen sind – in einigen Ländern ist der Anteil der an Förderschulen unterrichteten Kinder (Exklusionsquote) im Zehnjahresvergleich zum Teil deutlich zurückgegangen – hinkt Deutschland insgesamt bei der Annäherung an die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention hinterher. Wurden im Schuljahr 2008/09 4,8 Prozent aller Kinder der Jahrgangsstufen 1 bis 10 in Förderschulen unterrichtet, so galt dies zehn Jahre später immer noch für 4,2 Prozent. Und es gibt nach wie vor eine starke Tendenz, Schülerinnen und Schüler aus Grund- und weiterführenden Schulen auf eine Förderschule zu überweisen: Mit 26.000 Schülerinnen und Schülern bildete diese Gruppe im Schuljahr 2018/19 immerhin 11 Prozent der aufgenommenen Kinder und Jugendlichen an Förderschulen.

Trendwende beider Inklusion bis 2030 nicht in Sicht

Mit einer Trendwende ist dabei auch in den kommenden Jahren nicht zu rechnen. Nach der aktuellen „Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen 2018 bis 2030“ der KMK ist bundesweit von einer Stagnation der Exklusionsquote beim aktuellen Wert von 4,2 Prozent bis zum Schuljahr 2030/31 auszugehen. Dabei werden sich die einzelnen Bundesländer den Vorausberechnungen nach auseinander entwickeln: Einerseits ist den offiziellen Schülerzahlprognosen zu Folge in Ländern wie Bayern, Hessen oder auch Mecklenburg-Vorpommern mit steigenden Exklusionsquoten zu rechnen. Andererseits stellen die Prognosen für die drei Stadtstaaten, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein sinkende Exklusionsquoten in Aussicht.

„Die Einstellung der Gesamtbevölkerung zur schulischen Inklusion fällt überwiegend positiv aus: In aktuellen Umfragen befürwortet eine große Mehrheit gesellschaftliche Inklusion ebenso wie das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen. Gut drei Viertel aller Befragten stimmen der Feststellung zu, dass ein inklusives Schulsystem zu mehr Toleranz sowie zu einem besseren Miteinander führt und die Bereitschaft, sich sozial zu engagieren, erhöht“, so heißt es in der Studie.

Bei sozial auffälligen Kindern ist eine Mehrheit gegen die Inklusion

Allerdings variiert die Zustimmung zum gemeinsamen Lernen je nach Förderschwerpunkt deutlich. „Hinsichtlich der Kinder und Jugendlichen mit körperlich-motorischen Beeinträchtigungen fällt sie sehr hoch aus, bei den Förderschwerpunkten Sprache und Lernen befürworten zwei Drittel und mehr aller Eltern den gemeinsamen Unterricht, beim Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung begrüßen dagegen nur etwa ein Drittel die schulische Inklusion“, so fassen die Studienautoren, darunter der renommierte Bildungsökonom Prof. em. Klaus Klemm, die Ergebnisse einer Elternumfrage im Rahmen der Studie zusammen.

Bemerkenswerter Befund: Eltern von inklusiv unterrichteten Kindern sind insgesamt zufriedener mit den Schulen, Klassen und Lehrkräften ihrer Kinder als Eltern ohne eigene Erfahrungen mit Inklusion. „So bewerten Eltern inklusiv lernender Kinder die Qualität des Unterrichts in inklusiven Lerngruppen überwiegend positiver als Eltern, deren Kinder in nicht inklusiven Gruppen lernen. Kritische Rückmeldungen beziehen sich vor allem auf die Raum- und Personalausstattung inklusiver Schulen und kommen sowohl von Eltern als auch von Lehrkräften“, so heißt es.

Auch für Lehrer gilt: Die Erfahrung macht den Unterschied

Ein ähnliches Phänomen lässt sich auch unter Lehrkräften beobachten. Zwar gilt grundsätzlich: Lehrkräfte fühlen sich nicht gut vorbereitet. „Insbesondere die Analysen aktueller Befragungen unter Lehrkräften zeigen, dass sich ein Gutteil von ihnen (je nach Umfrage ein Drittel bis die Hälfte aller Befragten) für die Arbeit in inklusiven Klassen unzureichend vorbereitet und schlecht begleitet fühlt. Tendenziell möchten sie lieber keine inklusive Klasse als Klassenlehrer oder Klassenlehrerin übernehmen“, so heißt es. Und: „Ihre Haltung zum gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf ist – wie verschiedene Umfragen und Studien deutlich machen – auch zehn Jahre nach der UN-Behindertenrechtskonvention ambivalent. Die Lehrkräftebefragung von Forsa aus dem Jahr 2017 zeigt, dass die generelle Zustimmung zum gemeinsamen Unterricht deutlich unter den Werten der Gesamtbevölkerung liegt: Mit 54 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer hält eine knappe Mehrheit schulische Inklusion für sinnvoll.“

Aber auch für Lehrer gilt: die konkrete Erfahrung macht den Unterschied. „Lehrkräfte, an deren Schulen inklusive Lerngruppen bestehen, bewerten das gemeinsame Lernen mit 59 Prozent häufiger positiv als Lehrkräfte, an deren Schulen es solche Lerngruppen nicht gibt und diese auch nicht geplant sind (47 %)“.

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So oder so: Die Inklusion wird von Lehrern – so ergab eine weitere Forsa-Umfrage von 2018 –, die nach der größten schulischen Herausforderung gefragt werden, am zweitmeisten genannt (von 22 Prozent – gegenüber 30 Prozent, die den Lehrermangel anführen)

Leistungsstudien beschreiben durchaus positive Aspekte der Inklusion

Dabei zeichnen die wissenschaftlichen Befunde zur Inklusion, so fassen die Studienautoren den Stand der Forschung zusammen, gar kein schlechtes Bild: „Es gibt keinen empirisch abgesicherten Hinweis darauf, dass Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf in inklusiven Lerngruppen im Vergleich zum Lernen in Förderschulen geringere Lernfortschritte machen würden. Schüler mit Förderbedarf lernen tendenziell besser in inklusiven Klassen, als dies in Förderschulen der Fall ist. Bisher vorliegende Arbeiten sehen im Leistungsbereich eher Vorteile des inklusiven Lernens sowie im Feld der schulischen Motivation und des Wohlbefindens in der Schule teils Vorteile des inklusiven und teils auch Vorteile des exklusiven Lernens. Gleichzeitig haben auch Schüler ohne Förderbedarf im fachlichen Lernen keine Nachteile und profitieren in anderen Lernbereichen vom gemeinsamen Lernen.“

Die acht Bundesländer, die in ihrer offiziellen Statistik Daten zu den erreichten Schulabschlüssen veröffentlichen, belegten: „Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im gemeinsamen Unterricht verfehlen seltener als die in Förderschulen den Hauptschulabschluss.“

„Mehr Inklusion ist möglich. Der nachweisliche Lernerfolg und die Bereitschaft der Eltern unterstützen dies. Die Politik sollte sich diesen Rückenwind zunutze machen und in den nächsten Jahren deutlich mehr Mut zur Inklusion zeigen“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

VBE: Die Schulen benötigen vernünftige Bedingungen

„Inklusion muss mehr als eine Wunschvorstellung sein. Es reicht nicht aus, dass die Politik vollmundige Versprechen macht. Sie muss den Schulen auch die entsprechenden Bedingungen bereitstellen, damit alle Kinder in einer Lerngruppe gemeinsam lernen können“, meint hingegen VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann. An allzu vielem hapere es. „Das beginnt bei den schulbaulichen Voraussetzungen, reicht über eine inklusionsfreundliche Schulkultur und muss die Fortbildung der Lehrkräfte unbedingt im Blick haben. Zudem braucht es die Unterstützung durch multiprofessionelle Teams, denen gerade mit Blick auf die aktuelle Lage und Inklusion auch Schulgesundheitsfachkräfte angehören müssen“, sagt er. News4teachers

Hier lässt sich die komplette Studie herunterladen.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Inklusion liegt in der Coronakrise brach – Schulöffnungen ändern daran wenig

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10 KOMMENTARE

  1. Und immer wieder Bilder von Kindern im Rollstuhl, wenn es um Inklusion geht. Dabei sind diese Kinder doch überhaupt nicht das Problem. Das ist wirklich unüberlegt und einfallslos.

    • Liebe(r) klexel,

      wir werden – nur um die Mühe treffend zu illustrieren, die die Inklusion zweifellos bedeutet – Kinder mit Behinderungen nicht in despektierlichen Posen zeigen. Es geht in dem Beitrag auch um Schülerinnen und Schüler im Rollstuhl, die übrigens noch oft genug in Deutschlands Schulen an schlichten baulichen Problemen scheitern. Der Rest steht im Text.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

      • Um die Mühe zu illustrieren ist das Bild zwar in Ordnung.
        Aber:
        Ich arbeite an einer IGS und habe in einer 5ten Klasse 2 Kinder mit Förderschwerpunkt GE. Die Integration der Kinder die keine körperliche Behinderung haben ist die eigentliche Schwierigkeit. Das fängt schon damit an, dass die Voraussetzungen für ein Kind (z.B. mit Trisomie-21) nicht wirklich gegeben sind. Das Kind ist nicht Teil der Klassengemeinschaft, weil:
        Erstens wird es nur teilbeschult, d.h. Fächer die ausschließlich nachmittags liegen fallen de facto weg.
        Zweitens wird das Kind durchgehend von der THA und stundenweise von der Förderlehrkraft beschult.
        Fazit: Eine echte Integration findet nicht statt. Leider ist das visuell schlecht vermittelbar.

  2. Das Problem ist „teils“ und „teils“. Noch immer suche ich tatsächlich belastbare wissenschaftliche Befund. Selbst die größte deutsche Studie (Bielefelder Längsschnittstudie zum Lernen in inklusiven und exklusiven Förderarrangements – BiLieF) kommt schon vor Jahren zu diesem „teils“ und „teils“- wobei die Rohdaten nicht zugänglich gemacht werden, da die Gruppengröße der berücksichtigten Kinder mit Förderbedarf so klein war, dass sich Rückschlüsse auf die konkreten Schüler nehmen ließen.
    Diese mittlerweile lächerliche Studienlage (wie viele Jahrzehnte werden noch ins Land gehen, bevor gesicherte empirische Daten vorliegen…) konterkariert die Wichtigkeit des Inklusionsgedanken.
    Da hilft selbst die immer fröhlich harsch vorgebrachte Moralpredigt eines Herrn Wocken etwas, noch die inhaltlich richtige Inklusionspredigt der Bertelsmann Stiftung.
    Die Aufforderung, mehr Busse zu nutzen endet immer dann, wenn keine Busse fahren, auch wenn die Aufforderung mehr als sinnvoll ist.
    Und es erlaubt, um mal im Bundesland Hessen zu bleiben, einem Kultusminister, der selbst als Staatsrechtler ein wegweißendes Gutachten zu Frage des Umgangs mit Inklusion geschrieben hat (Lorz, 2003 , 2010 usw.) völlig widersinnig behaupten zu dürfen, dass man die Inklusion bewusst ohne konkrete Stundenzahlen je Kind definiere – ein klarer Widerspruch dazu, dass inklusiv beschulte Kinder nicht schlechter gestellt werden dürfen als exklusiv.
    Man fasst sich nur noch an den Kopf.

  3. Da hilft selbst die immer fröhlich harsch vorgebrachte Moralpredigt eines Herrn Wocken nichts!!!!, noch die inhaltlich richtige Inklusionspredigt der Bertelsmann Stiftung.

  4. Inklusion funktioniert nicht als Sparmodell. Mit 29 Kindern in der Klasse und nur 9 Stunden von 24 ist bei 6 Kindern mit Inklusion eine Sonderpädagogin dabei. So kann das nicht funktionieren. Frustration auf Eltern wie auf Lehrerseite sind vorprogrammiert. Wie oben erwähnt sind körperlich eingeschränkte und hörgeschädigte Kinder nicht das Problem. Kommt eine schwererwiegende geistige Behinderung und auch Verhaltensstörungen dazu, dann bedeutet es für die Lehrkraft die überwiegend alleine vor der Klasse steht ein Ding der Unmöglichkeit den anderen Kindern noch gerecht zu werden.
    Eine begeisterte Anhängerin der Inklusion an unserer Schule kann sich unter den gegebenen Umständen nicht vorstellen noch einmal eine Inklusionsklasse zu übernehmen. Denn auch unter den nicht inklusiv beschulten Kindern befinden sich viele, die mehr Aufmerksamkeit bedürfen. Es ist schlicht nicht leistbar den Kinder in dem Maße gerecht zu werden in dem sie es bedürfen.

    • und dabei beziehen Die sich noch nicht einmal auf die bereits sehr selbstständigen Kinder, die ihre Aufgaben gewissenhaft und sofort erledigen.

      Sie fassen damit all die Punkte zusammen, weshalb ich gegen Inklusion in der gewählten Form bin.

  5. Das Problem ist: Die Bildungspolitiker haben , höflich ausgedrückt, von Tuten und Blasen keine Ahnung. In Hessen baut das Inklusionswissen der Hausspitze darauf auf, dass Herr Minister einmal mit einem Blinden Tennis gespielt hat. Die rechte Hand im Landtag hat nur Oberstufenunterricht gehalten und hat Inklusion bisher nur gehört und gelesen.
    Und diese beide erklären, dass es ausreicht, wenn man keine Untergrenze für eine Mindestversorgung je Kind oder Klasse aufstellt.
    Die Ahnungslosigkeit bei vielen Inhalten, die die letzten Monate gezeigt haben, wird bei der Inklusion noch viel bitterer deutlich.
    Es ist der Politik 2009/2010 immer wieder gespiegelt worden, dass die zweigleisige Inklusion bei den vorhandenen Ressourcen nicht funktionieren wird. Und das kam nicht nur von der GEW.
    Die Politik hat bei Schnittchen und Kaffee entschieden, die Schüler, Eltern und Schulen baden die Konsequenzen jetzt aus. Die Politik muss das nicht, die bleiben bei Schnittchen und Kaffee.

    • „Die Politik muss das nicht, die bleiben bei Schnittchen und Kaffee.“ – Und schickt ihre Kinder auf eine Privatschule mit Inklusions- und Integrationsraten von <1%.

      Während des Corona-Präsenzunterrichts gab es gezwungernermaßen plötzlich Rahmenbedingungen, in denen es funktionierte: Gruppengrößen von 12-15 SuS, ständige Doppelbesetzung. Nicht, dass uns langweilig geworden wäre.

  6. Mir ist egal, ob ein Kind eine körperliche Behinderung, eine Verhaltens- oder Lernstörung, emotionale Schwierigkeiten, eine Entwicklungsverzögerung, keine Unterstützung von Zuhause oder sonst ein Problem hat, das das Lernen erschwert.
    Sobald das Verhältnis der Kinder, die selbstständig lernen und derer, die gezielt Hilfe und Aufmerksamkeit brauchen nicht mehr passt, kippt die Stimmung für die ganze Klasse. Dann wird man als lehrer keinem mehr gerecht und alle sind unzurieden. Aus Erfahrung ist meine Grenze bei 3-4 Kinder, die mehr Hilfe brauchen in einer Gruppe von etwa 20 Kindern. Leider steigt der Anteil der Kinder, die mehr Unterstützung benötigen immer weiter an. Ich bin mittlerweile der Meinung, in der Grundschule geht es nicht mehr, dass eine Lehrkraft allein eine Klasse unterrichtet. Um die Schwierigkeiten aller Kinder auffangen zu können, braucht es eine zweite Bezugsperson in der Klasse. Einer hält den Unterricht, einer kümmert sich.

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