„Weil mit Sicherheit Corona-Fälle auftreten werden“: Philologen rechnen damit, dass Schulen bald wieder schließen müssen

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BERLIN. In Berlin sollen die Schulen nach dem Ende der Ferien am Montag zum Normalbetrieb zurückkehren. Viele Lehrer sind skeptisch, ob das gutgeht. Der Philologenverband geht sogar davon aus, dass der Schulbetrieb bald wieder eingestellt werden muss.

Müssen bald wieder die Schulen schließen, wie hier im April? Foto: Shutterstock

Das neue Schuljahr soll in Berlin am Montag im Regelbetrieb beginnen – der Philologenverband geht aber davon aus, dass dieser schnell wieder zurückgefahren wird. «Weil mit Sicherheit Corona-Fälle in den Schulen auftreten werden. Ich glaube, dass so viele Schulen betroffen sein werden, dass es am Ende auf eine fast komplette Schließung wieder hinauslaufen wird», sagte der Sprecher des Philologenverbandes Berlin/Brandenburg, Frank Rudolph.

Viele Lehrer sind mit Blick auf das neue Schuljahr pessimistisch

Auch Familienfeiern oder Gottesdienste seien bereits zu Ansteckungsherden geworden. «Was ist denn anders, wenn ich 30 Leute in einen Unterrichtsraum setze? Die Ansteckungsgefahr ist riesig», sagte Rudolph. «Und wir haben jetzt die warme Jahreszeit. Wenn die kalte Jahreszeit kommt, in der ich nicht Durchzug lüften kann, dann passiert das einfach.» Er sei sehr pessimistisch, was das neue Schuljahr angehe – und seine Kollegen auch.

Dass die Maskenpflicht in Berlin zwar generell im Schulgebäude, aber nicht im Unterricht und nicht auf dem Schulhof gelten soll, hält Rudolph für riskant: «Nach unserer Ansicht experimentiert jedes Bundesland», sagte er. «Maskenpflicht im Unterricht wäre natürlich sinnvoll, torpediert aber den Unterricht selber, weil man keine Mimik erkennen kann, man nicht genau hört, was die Schüler sagen. Ich kann verstehen, dass man darauf verzichtet, aber das ist ein großes Risiko.» Die Nationalakademie Leopoldina hatte gestern in einer Stellungnahme eine Maskenpflicht im Unterricht, zumindest an den weiterführenden Schulen, empfohlen (News4teachers berichtet darüber – hier geht es zu dem Beitrag). Nordrhein-Westfalen hat eine entsprechende Regelung bereits am Montag erlassen.

Abstandsregel soll nicht mehr gelten – außer im Lehrerzimmer

Kritik gibt es vom Philologenverband, der die Lehrkräfte an den Gymnasien und Gesamtschulen vertritt, an denen Abitur gemacht werden kann, auch zu den Abstandsregeln. Sie sollen im neuen Schuljahr in Berlin (wie in den anderen Bundesländern) nicht mehr gelten – außer im Lehrerzimmer. Nach Rudolphs Einschätzung ist das unrealistisch. «Gerade im Lehrerzimmer ist es unheimlich eng, wenn 70 Kollegen in den Pausen ins Lehrerzimmer fluten, um an ihre Fächer zu kommen. Da ist es überhaupt nicht machbar, Abstände einzuhalten», erklärte er.

Dass es in den Klassenzimmern anders sein soll, überzeugt Rudolph genauso wenig: «Wenn Abstandsregeln erwiesenermaßen vor Ansteckung schützen, und ich mache Regelbetrieb mit Schülern dicht an dicht in den Klassen, dann ist doch klar, dass das nicht funktioniert.» Aber er sehe die Bredouille, in der der Senat hier stecke. Statt Abstandsregel soll in den Schulen das „Kohortenprinzip“ gelten. Im Berliner Hygieneplan heißt es: „Der Unterricht und die ergänzende Förderung und Betreuung sind in festen Gruppen bzw. Lerngruppen durchzuführen, um Kontakte soweit wie möglich zu reduzieren.“ Die Einschränkung: „soweit organisatorisch möglich…“. Die Leopoldina hatte sich gestern für eine strikte Trennung von kleinen festen Lerngruppen ausgesprochen und dafür organisatorische Anpassungen in den Bildungseinrichtungen verlangt (auch darüber berichtet News4teachers ausführlich – hier geht’s hin).

FDP: Es reicht – Schulsenatorin Scheeres soll zurücktreten

Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der oppositionellen Berliner FDP-Fraktion, kritisierte am Mittwoch, Bildungssenatorin Sandra Scheeres habe kein nachvollziehbares Hygienekonzept für den Regelbetrieb an den Schule. Er forderte daher ihren Rücktritt. Fresdorf warf der SPD-Politikerin jahrelange Misswirtschaft vor: «Lehrermangel, unzumutbare Sanitäranlagen, verschleppte Schulsanierungen, Kreidezeit statt Digitalisierung.» Das alles verschärfe die Probleme, die ein Regelbetrieb zu Pandemiezeiten mit sich bringe. Es sei deshalb an der Zeit, dass Scheeres ihr Amt zur Verfügung stelle. dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Kurz vor Beginn des Schuljahres: Berlin erlässt auf die Schnelle Maskenpflicht an Schulen – eine Panikreaktion (wie die CDU meint)?

 

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13 KOMMENTARE

  1. Anstatt die Zeit zu verlieren, sollten dringend Massnahmen getroffen werden, die dazu führen, dass die Gesundheit der Kinder, der Eltern und Lehrer geschützt wird. Dort, wo es möglich ist, soll digital gelernt werden. Ansonsten kleine und stabile Lerngruppen bilden. Und die Schulpräsenzpflicht soll für die Dauer der Pandemie ausgesetzt werden.

  2. Mir fallen noch ganz andere Fehlbesetzungen ein, die jetzt abtreten sollten. Allen voran unsere Bildungsministerin Gebauer. Unverantwortlich wie mit Lehrern und Schülern in diesen Zeiten umgegangen wird.
    Null Konzept, Null Verantwortung aber volles Risiko.
    Es müssen auch für Politiker verbindliche Fristen gelten: Es war abzusehen, dass die Pandemie ein Teil der schulischen Organisationsprobleme bleibt. Die Frist für einen (nennen wir es mal) Plan hätte am letzten Schultag vor den Ferien herausgegeben werden müssen. In den 6 Wochen unterrichtsferier Zeit wäre es möglich gewesen dies alles, was wir jetzt an Diskussion erleben, zu führen und zu einem Ergebnis zu kommen, welches den Umständen geschuldet wahrscheinlich besser wäre, als das was uns jetzt als der „Pandemie und sem Infektionsgeschehen angemessen“ verkauft werden soll.
    Unsere Politiker sind schlechte Saisonarbeiter. Kurz vor Schluß wird ein unverantwortliches „Konzept“ rausgehauen, welches im grossen Stil die Gesundheit von Lehrern uns Schülern unde deren jeweiligen Angehörigen vorsätzlich gefährdet.
    … tatsächlich gibt es gar keinen Plan!… und tatsächlich wurde gezielt auf Desinformation und Intransparenz gesetzt.

    Warum? Na dann denken wir mal nach!

  3. Es stellt sich die Frage, warum jemand, der glaubt, dass es am Ende auf eine fast komplette Schließung wieder hinauslaufen wird, nicht für diesen Fall vorsorgt, z. B. indem man das digitale Lernen vorbereitet oder zumindest dessen Vorbereitung einfordert… Unken und schlechte Nachrichten bringen niemanden weiter…

    • Gefordert haben das sämtliche Lehrerverbände. Es will nur in der Politik keiner hören, dies würde ja Geld kosten. DAS brauchen wir allerdings für Automobilindustrie, Luftverkehrsunternehmen etc.

  4. Über 1000 Neuinfektionen heute! Und in Schulen soll Normalbetrieb mit etwas Maskenbrimborium (wo sind FFP2 für Schüler und Lehrer vorgeschrieben?) herrschen?
    Ich frage mich, ob es ein Paralleluniversum gibt, in dem die Verantwortlichen für dieses Desaster schweben! Nach Schulbeginn in den bevölkerungsreicheren Bundesländern mit vielen Reiserückkehrern aus Südosteuropa wandelt man dann endgültig auf Trumps Pfaden. Es sind weder für Schüler, noch für Lehrer verpflichtende Tests vor Schulbeginn vorgeschrieben. Die Arbeitsschutzmaßnahmen sind höchst unzureichend, es gibt kein digitales Ausweichkonzept und keine Unterscheidung ältere und jüngere Schüler. Selbst in Schweden wurde die Oberstufe ins E Learning geschickt. Will Deutschland nach dem großen Erfolg im April alles riskieren? Wir tun gerade alles, um keinen Mitarbeiter in den Balkan schicken zu müssen und regeln es mit stundenlangen Telkos! Dieser Mitarbeiter würde nicht vor 30 Schülern ohne Maske stehen. Er könnte sich schützen, aber das Risiko ist uns zu groß.
    Wo ist die Fürsorgepflicht der Verantwortlichen im Schulbereich?

    • Die Verantwortlichen für dieses Desaster sitzen in vom Arbeitgeber bereitgestellten eigenen Büros an vom Arbeitgeber bereitgestellten Schreibtischen und Computern – in den höheren Etagen alleine – und waren noch NIE in Normalbetrieb in Klassen- und Lehrerzimmern! Wenn sie kommen, wird ja (unser eigener Fehler) Showunterricht gemacht bzw. von den Schulleitungen panisch instruiert, wie sich alle gut darstellen sollen …. Es dürfte niemand mehr BildungsministerIn werden, der nicht mindestens 5 Jahre eigenverantwortlich im normalen Schuldienst war!

      • Ja!!!!
        Und entsprechend würde ich das auch für die anderen Ressorts erwarten: im Gesundheitsministerium ein Arzt mit Praxiserfahrung etc.

        In den Überlebenswichtigen Bereichen besser noch Gremien statt einzelne Minister:
        Im Schulministerium ein „normaler“ Lehrer mit mehrern Jahren Erfahrung, ein Lehrer mit Schulleitungserfahrung, ein Förderschullehrer mit praktischer Erfahrung, ein Schulsozialarbeiter etc.
        Im Gesundheitsministerium ein Arzt mit Erfahrung, ein Wissenschaftler im Bereich infektionsmedizin, Medikamentenforschung, eine Krankenschwester mit Erfahrung etc.

        Ich denke, dann hätten auch Lehrer, Eltern, Patienten etc. weniger Angst, sich direkt an diese Stellen zu wenden – man könnte voraussetzen, dass es eine gemeinsame Verständigungsgrundlage gäbe, ein Mindestmaß an Empathie da wäre und ein sachlicher, konstruktiver Austausch möglich wäre.
        Dazu müsste der dann natürlich auch noch gwünscht – zumindest erlaubt – sein…

  5. FDP: Es reicht – Schulsenatorin Scheeres soll zurücktreten
    Paul Fresdorf, bildungspolitischer Sprecher der oppositionellen Berliner FDP-Fraktion, kritisierte am Mittwoch, Bildungssenatorin Sandra Scheeres habe kein nachvollziehbares Hygienekonzept für den Regelbetrieb an den Schule. Er forderte daher ihren Rücktritt.

    Hhhmmm, die Kultusministerin von NRW gehört doch auch der FDP an, oder bin ich da falsch unterrichtet???

    • Ja aber nicht dem Berliner Landesverband:)

      Verstehen Sie jetzt, worin der Vorteil der CSU besteht? Die kann alle Landesverbände der anderen Parteien kritisieren und sich dabei niemals gegen die CSU-Landesverbände in den anderen Bundesländern positionieren. Deshalb schaffen es von dort aus selbst Einzeller in höchste politische Ämter.
      Ein A. Scheuer mag Bewohnern anderer Teile der Republik nicht als dei „hellste Kerze auf der Torte“ erscheinen, aber Dank bayrischem Abi ist er in seiner Heimat halt ein „Leuchtturm“, der weit über die geistige Tiefebene hinaus strahlt. Wie immer im Leben, alles ist relativ – nur das bei Scheuer der Docht doch noch stärker abgebrannt zu sein scheint als bei seinem Vorgänger Dobrindt. Btw der Spiegelsaal auf Chiemsee hat auch mehr Strahlkraft als derjenige, wegen dem das Bundeskanzleramt demnächst umziehen muss, da er ja zu seinem Wort steht und in Franken im Home-office bleiben will sollange die Staatskanzlei noch Corona hat.

    • Die Besonderheit des ländlichen Raumes ist doch, dass ab 16 alle Trecker fahren können und nicht den Bus nehmen müssen.

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