Mehrheit der Deutschen ist von der Länderhoheit in der Bildung genervt

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MÜNCHEN. Ob Abitur, Lehrpläne oder Lehrer-Ausbildung: Die meisten Deutschen wünschen sich laut einer Umfrage eine einheitlichere Bildungspolitik. Das gilt auch für zwei Bundesländer, deren Regierungen einen Schritt in diese Richtung zuletzt abgelehnt hatten.

Die Kleinstaaterei in der Bildung stößt auf wenig Zustimmung in Deutschland. Illustration: Shutterstock

Mehr Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit in der Bildungspolitik: Das wünscht sich laut einer Umfrage eine deutliche Mehrheit der Deutschen. So sprachen sich 89 Prozent der Befragten im ifo-Bildungsbarometer dafür aus, ein deutschlandweit einheitliches Abitur einzuführen. Ähnlich groß waren die Mehrheiten für einheitliche Abschlussprüfungen an Real- und Hauptschulen. Das Barometer wurde am Mittwoch in München veröffentlicht.

Nur 28 Prozent der Bürger wollen die Länderhoheit in der Bildung beibehalten

Der Wunsch nach mehr Zentralisierung wurde auch bei der Frage nach Zuständigkeiten deutlich. 60 Prozent der Befragten befürworteten, dass grundsätzlich die Bundesregierung wichtige bildungspolitische Entscheidungen treffen sollte. Nur 28 Prozent sprachen sich dagegen aus. Deutliche Mehrheiten ergaben sich zudem für eine einheitliche Lehrerausbildung (90 Prozent) und einheitliche Lehrpläne in der gymnasialen Oberstufe (87 Prozent). Bildungspolitik ist in Deutschland aber Ländersache.

Eine Ohrfeige für das föderale Bildungssystem sei das zwar nicht, aber eine «klare Handlungsanweisung», sagte Philipp Lergetporer vom ifo-Zentrum für Bildungsökonomik am Mittwoch. Die Zustimmung für mehr Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit sei schon seit Jahren sehr hoch. Bereits 2015 hatten sich in der gleichen Umfrage 86 Prozent der Befragten für einheitliche Abiturprüfungen ausgesprochen. Die unterschiedlichen Maßnahmen der Länder in der Corona-Krise hätten den Wunsch nach mehr Zentralisierung ebenfalls verstärkt, sagte Bildungsökonomin Katharina Werner bei der Vorstellung der Umfrage-Ergebnisse.

Nationaler Bildungsrat – von Bürgern gewünscht, von Ländern zum Scheitern gebracht

Eine deutliche Mehrheit befürwortete auch die Einrichtung eines Nationalen Bildungsrats, dessen unverbindliche Empfehlungen die Bildungssysteme der Länder vergleichbarer machen und vereinheitlichen sollen: 70 Prozent der Befragten sprachen sich für das Vorhaben aus, das im vergangenen Jahr am Widerstand von Baden-Württemberg und Bayern gescheitert war. Doch auch in diesen Ländern sei die Zustimmung für Vorschläge zur Zentralisierung des Bildungssystems groß, sagte Lergetporer. «In Bayern würde es eine klare Mehrheit für ein Zentralabitur geben.»

Für einen verbindlichen Bildungsstaatsvertrag der Länder, an dem die Kultusministerkonferenz arbeitet, sprachen sich 83 Prozent der Befragten aus. «Das könnte tatsächlich ein großer Wurf werden, wenn der Vertrag verbindliche Vorgaben enthält», sagte Lergetporer. «Ob das so kommt, werden wir sehen.»

Zwar könnten die Länder durch verschiedene Bildungssysteme in einem «Wettbewerb der Ideen» voneinander profitieren, meint Bildungsökonomin Elisabeth Grewenig. Ein Vergleich der Ergebnisse sei aber «bisher nur begrenzt möglich». 76 Prozent der Befragten sprachen sich laut Umfrage daher für regelmäßige Vergleichstests aus, deren Ergebnisse veröffentlicht werden.

VBE: Wichtig wären Förderprogramme des Bundes für die Schulen

Kritik daran kam am Mittwoch von der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung: «Der Politik ist bekannt, welche Länder schlechter abschneiden», sagte deren Bundesvorsitzender Udo Beckmann. Wichtiger sei eine stärkere Finanzierung von Schulen durch Förderprogramme des Bundes. Laut der Umfrage wünschen sich die Befragten im Schnitt, dass der Bund 41 Prozent dieser Kosten schultert. Primär zuständig sind aber Länder und Gemeinden.

Der Verband der Realschullehrer kritisierte die Forderung nach mehr Zentralisierung: Die Diskussion über «Gleichmacherei und Vereinheitlichung» werde «nicht zu einem Anstieg in der Qualität und Leistung unseres Bildungssystems führen», sondern sich «am untersten Niveau und an falschen Normen orientieren», sagte der Bundesvorsitzende Jürgen Böhm.

Zustimmung kam dagegen vom bildungspolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Thomas Sattelberger: «Die Länder müssen endlich an einem Strang ziehen», forderte er. Deutschland brauche ein Zentralabitur in den Kernfächern. «Am Ende steht nicht Bremen im Wettbewerb mit Nürnberg, sondern der Standort Deutschland mit den Wachstumsregionen dieser Welt.» dpa

Föderalismus? So nicht! Warum wir einen Nationalen Bildungsrat brauchen – notfalls auch ohne Bayern und Baden-Württemberg

 

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7 KOMMENTARE

  1. Fragt sich doch, an welchem Strang man gemeinsam ziehen würde:
    Einheitlicher Arbeitsschutz wäre gut!
    Einheitliche Ausstattung wäre gut!
    Einheitliches Recht auf Bildung, das nicht von der Zahlungsfähigkeit der Länder/Kommunen abhängt, wäre auch gut!
    In Krisen einheitliches Vorgehen wäre wirklich SEHR gut – wenn es dem Schutz der Schüler und Lehrer diente!

    Neben gleichen Grundlagen, die gleiche Chancen begründen, brauchen wir aber keine Vereinheitlichung, die Kinder in ein Schema presst und Lehrern die Möglichkeit nimmt, die wirklichen Möglichkeiten der Schüler ans Tageslicht zu bringen!

    Schulen sollten sich profilieren können, Kindern individuell gerecht werden, Persönlichkeiten wachsen lassen dürfen.
    Sowas lässt sich weder auf der Ebene eines Regierungsbezirks, eines Landes und schon gar nicht des Bundes zentral steuern.
    Das müssen die Lehrer (und andere) vor Ort, in den Gemeinden, mit den Schulträgern, entsprechend der Gegebenheiten und Bedürfnissen vor Ort entscheiden.
    Es kommt nicht auf einheitliche Prüfungen an, sondern auf ein gleiches Recht auf Bildung, was immer das für das einzelne Kind bedeuten kann: Für inwiefern auch immer benachteiligte Kinder heißt das etwas anderes und braucht auch mehr/andere Ressourcen als für Kinder aus gut gestellten, bildungsnahem, unterstützendem Umfeld, für so oder anders begabte Kinder bedeutete es solches oder anderes Lernen, verschiedene Notwendigkeiten, Möglichkeiten, Gelegenheiten und individuelle Perspektiven.

    Dazu fehlt uns zur Zeit die Freiheit – oft wohl auch die Vision.

  2. Ganz ehrlich, da die Studie den Teilnehmern nicht auch nahegebracht hat, welche Vorteile eigentlich der Förderalismus hat, ist ihre Aussagekraft eigentlich mit Null zu beziffern.

  3. Individualisierung und die komplette Gleichschaltung des Bildungssystems lassen sich nicht vereinbaren.
    Wer bestimmt die einheitlichen und vergleichbaren Lernziele? Die Bayern etwa? Nein, danke. Der Föderalismus sollte auf keinen Fall abgeschafft werden.

  4. Sehr richtig. Stimme den Kommentatoren vor mir zu.
    Man sollte vielleicht mehr als nur einen Satz über den Ursprung der Studie erwähnen und dann wird klar aus welcher Richtung diese Forderung kommt.

    Bildung lässt sich nicht standardisieren.
    Die Arbeit der Lehrer ist nicht dir Arbeit eines Technikers – auf a folgt b.

    Die Wirtschaft hat schon viel zu viel Einfluss auf unser Bildungssystem: Begriffe wie Inputsteuerung, Output, Standard und der Versuch irgendeine „Effizienz“ zu messen… Naja soll sich jeder seinen Teil denken…

    • Wenn die Arbeit eines Lehrers nicht auch die eines „Technikers“ im o. g. Sinne wäre, wenn also nicht stimmen würde, dass im Unterricht „auf a b folgt“ – dann wären alle Versuche, Schülerleistung mittels Tests, Noten und Zeugnissen zu erfassen, sinnlos. Jede Klassenarbeit standardisiert Bildung. Natürlich gibt es Bildungsziele – und es muss sie auch geben. Und natürlich lässt sich überprüfen, ob diese Bildungsziele auch erreicht werden. Was soll daran falsch sein?

  5. Wenn die Bayern und Sachsen die Prüfungsregeln und Lehrpläne machen dürfen, bin ich auch für ein einheitliches Bildungssystem.

    • Ich könnte mir aber gut vorstellen, dass es bundesweit mehrere konkurrierende Konzepte gebe, z.B. bayrisches Gymnasium, BW-Gemeinschaftsschule, Berliner Gesamtschule usw. (mit 6-12 Konzepten könnte man auskommen), und dass die einzelnen Schulen sich dann entscheiden dürfen, welchem Plan sie folgen. Den Rest regeln die Schulwahlen der Eltern.

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