Forscher Butterwegge: Kinderarmut verschärft sich zur Zwei-Klassen-Gesellschaft

4

KÖLN. Im Kampf gegen Kinderarmut fordert der Kölner Forscher Prof. Christoph Butterwegge ein radikales Umsteuern. Die Pandemie habe die Kluft noch vertieft. Was erwartet der frühere Kandidat fürs Bundespräsidentenamt von einer künftigen Bundesregierung?

Die Lebenswelten von Kindern – und damit ihre Bildungschancen – unterscheiden sich immer deutlicher. Foto: Shutterstock

Im Kampf gegen Kinderarmut haben 16 Jahre Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach Ansicht eines renommierten Armutsforschers kaum Fortschritte gebracht. Es habe nur «Trippelschritte» gebeben, sagte Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge vier Wochen vor der Bundestagswahl. Merkel und ihrem Kabinett habe die Sensibilität für das Problem gefehlt. Initiativen wie das «Gute-Kita-Gesetz» hätten nur kleine Verbesserungen für arme Kinder gebracht. «Aber letztlich änderte sich wenig an der prekären Lebenssituation von etwa drei Millionen Kindern und Jugendlichen.»

Mit Blick auf die Wahl am 26. September und die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock (Grüne) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) betonte Butterwegge, die nächste Bundesregierung müsse dringend den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Das sei nur möglich, wenn sich die Kluft zwischen Arm und Reich nicht weiter vertiefe. Der Kölner Wissenschaftler hatte sich 2017 als Kandidat der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten beworben, um «für einen Ruck hin zu mehr sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit» zu sorgen.

In dem gerade erschienenen Buch «Kinder der Ungleichheit» beschreiben er und Co-Autorin Caroline Butterwegge, wie Kinderarmut in den vergangenen Jahren weiter gewachsen ist. Zugleich seien «die reichsten Kinder im Land mit Steuergeschenken in Milliardenhöhe überhäuft» worden. Armut dringe immer stärker vor in die gesellschaftliche Mitte. Es gebe inzwischen «Kinder erster Klasse und Kinder zweiter Klasse», beklagen der Forscher und die Sozialwissenschaftlerin. Der soziale Aufstieg gelinge Kindern aus einkommensschwachen Familien immer seltener.

«Was arme Familien und Kinder dringend brauchen, ist ein Ausbau der sozialen, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur»

Steuere man nicht energisch entgegen, setze Deutschland seine Zukunft aufs Spiel, warnt das Autoren-Ehepaar. In der Corona-Krise seien die Hilfen der Bundesregierung «einseitig» und «halbherzig» ausgefallen. Die Pandemie habe sozial Benachteiligte und vor allem Kinder und Jugendliche besonders getroffen. Wenn ein Großteil der «Generation Corona» abgehängt werde, gehe es mit der ganzen Gesellschaft bergab, mahnen die Wissenschaftler.

Die soziale Kluft sei nicht bloß moralisch verwerflich, «sondern auch schädlich für eine Volkswirtschaft», sagte Butterwegge. Denn die ungleiche Verteilung der Einkommen bremse das Wirtschaftswachstum. Die sozioökonomische Ungleichheit sei zudem «Gift» für den Zusammenhalt. «Je mehr die Sozialstruktur in Arm und Reich zerfällt, umso eher bilden sich Parallelwelten und Subkulturen heraus, in denen die Kinder der einzelnen Klassen und Schichten unter sich bleiben.» Der «Entsolidarisierungsprozess» habe sich in der Pandemie noch weiter verschärft.

Butterwegge lehrte von 1998 bis 2016 an der Kölner Uni, hat viele Bücher zur Krise des Sozialstaates und der Armutsproblematik verfasst. Als Extremismusforscher hat sich der Politikwissenschaftler ebenfalls einen Namen gemacht. Er war früher SPD-Mitglied, aus Protest gegen Hartz IV aber 2005 ausgetreten. Er gehört keiner Partei an. Carolin Butterwegge war von 2010 bis 2012 Abgeordnete der Linksfraktion im NRW-Landtag.

Die Bekämpfung der Kinderarmut müsse bei «nicht existenzsichernden Löhnen ihrer Eltern beginnen», der Mindestlohns auf mehr als 12 Euro angehoben werden, forderte der Politikwissenschaftler. Es brauche eine solidarische Bürgerversicherung und eine «armutsfeste» soziale Grundsicherung. «Was arme Familien und Kinder dringend brauchen, ist ein Ausbau der sozialen, Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur.» Wohlhabende, Reiche und Hyperreiche sollten durch höhere Steuern stärker in die Pflicht genommen werden.

Carolin Butterwegge, Christoph Butterwegge: «Kinder der Ungleichheit», Campus Verlag, 303 S., 22,95 Euro, ISBN: 978-3-593-51483-3

„Das Übel bei der Wurzel packen!“ Ein Who’s who der deutschen Pädagogik fordert endlich mehr Gerechtigkeit in der Bildung

Anzeige


4 KOMMENTARE

  1. „Zugleich seien ‚die reichsten Kinder im Land mit Steuergeschenken in Milliardenhöhe überhäuft‘ worden.“
    Damit kann er eigentlich nur den Kinderfreibetrag bei der Einkommensteuer meinen, der bei hohen Einkommen der Eltern etwas (aber nicht viel) mehr bringt als das Kindergeld (das dann aber entfällt). Zu einem Babyboom bei den „Besserverdienenden“ scheint das dennoch nicht geführt zu haben. Diese Anpassung des Kinderfreibetrags hatte übrigens um 2000 herum das Bundesverfassungsgericht ausdrücklich angemahnt.
    Herr Butterwegge (der ja offenbar doch der Linkspartei nahesteht) möge bitte mal die folgenden Fragen beantworten:
    1. Was ist eigentlich in soziologischer Hinsicht genauer bekannt über die Eltern der von ihm genannten „armen Kinder“, und warum sind diese Eltern so arm ? Wie viele sind aus dem Ausland zugewandert, gerade weil sie selbst mit Hartz IV hier weniger arm sind als in ihrer Heimat (auch Bulgarien, Rumänien usw.) ?
    2. Warum soll es richtig sein, dass arme Leute (die etwa Hartz IV beziehen) dann noch zahlreiche Kinder in die Welt setzen, die dann logischerweise wieder arm sind? Reproduziert sich Armut nicht auch durch gutgemeinte Unterstützungsmaßnahmen, gerade wenn Kinder ein „hohes“ Grundeinkommen beziehen würden (wie von ihm vorgeschlagen) ? Was wäre denn mit einem eventuellen „Ausruhen“ auf diesem „hohen“ Grundeinkommen ?
    3. Wieviel muss ein alleinverdienender Familienvater (normale Familie: 2 Erwachsene, 2-4 Kinder) brutto verdienen, damit die Familie als ganze netto wenigstens das hat, was sie mit Hartz IV hätte (einschließlich Mietzuschuss für die Wohnung etc.) ? Auch ein Mindestlohn von 12 € dürfte kaum ausreichen, das Einkommen eines einfachen Lehrers (nicht verbeamtet) dürfte auch nur knapp darüber liegen.

  2. Alles richtig.
    Bedingungsloses Grundeinkommen für Kinder
    (am besten ab Bestätigung der Schwangerschaft damit Eltern alles für das Kind vorbereiten können)
    Pädagogische Betreuung.
    Krankenversicherung für alle.
    Rentenversicherung für alle.

    Dazu noch:
    Wahlrecht für Kinder (ausgeübt von den Eltern)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here