Studie: Lehrkräfte wollen mit digitalen Apps vor allem Zeit sparen

2

WÜRZBURG. Die Wissenschaftlerin Jeanine Steinbock hat Lehrkräfte nach ihren Wünschen in Bezug auf EduApps befragt. Diese digitalen Unterrichtstools würden vor allem dann eingesetzt, wenn sie für zeitliche Entlastung sorgen, um Freiräume für die gezieltere Förderung von Schülerinnen und Schülern zu schaffen.

Dass Schulen einen Online-Auftritt haben, ist seit Langem üblich. Der Einbezug digitaler Elemente in den gewöhnlichen Unterricht ist dagegen meist alles andere als selbstverständlich. Schulen seien hier noch „sehr vorsichtig“, befindet etwa die Würzburger Wissenschaftlerin Jeanine Steinbock. Prinzipiell auf digitale Tools im Unterricht zu verzichten bedeute allerdings, die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler zu ignorieren, ist die Didaktikerin überzeugt.

EduApps könnten Lehrerinnen und Lehrern mehr Zeit zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern verschaffen und sie bestenfalls inhaltlich dabei unterstützen. Foto: Shutterstock

In ihrer Dissertation hat Steinbock nun untersucht, wie Education-Apps beschaffen sein müssten, damit sie im Englischunterricht an Gymnasien verstärk eingesetzt würden. Ein Kernergebnis: Lehrkräfte akzeptierten solche EduApps vor allem dann, wenn sie dadurch zeitlich entlastet werden.

Dass bei Lehrerinnen und Lehrern noch viel Unsicherheit in Bezug auf den sinnvollen Einsatz von digitalen Tools besteht, fand Steinbock bei zwei Befragungen heraus. Die erste fand 2017 mit rund 35 Lehrkräften statt. Eine zweite, an der 157 Lehrerinnen und Lehrer an bayerischen Gymnasien teilnahmen, bildete 2019 kurz vor dem Ausbruch der Corona-Krise den Auftakt ihres Projekts.

Einige Lehrkräfte setzten demnach schon vor der Pandemie Apps und digitale Tools ein. Vielen sei es dabei ein Anliegen gewesen, auch die digitale Medienkompetenz Ihrer Schülerinnen und Schüler zu entwickeln. Der Englischunterricht eigne sich nach Steinbocks Ansicht ideal, um dazu passende Kompetenzen im Umgang mit digitalen Tools zu vermitteln – schließlich laufe die Kommunikation im weltweiten Netz vorwiegend in englischer Sprache ab. Klar sei allerdings auch, stellt Steinbock fest, dass Technik alleine noch lange keinen guten Unterricht ausmache: „Es geht darum, Technik gewinnbringend einzusetzen.“

EduApps sollten Inhalte aus dem Lehrplan bieten
Das Interesse an EduApps ist der Studie zufolge groß: „Etwa 75 Prozent der Lehrkräfte, die ich 2019 befragt habe, würden Apps einsetzen, wenn sie dadurch im Unterricht sowie bei der Unterrichtsvorbereitung Zeit sparen“, erläutert Steinbock. EduApps seien außerdem besonders dann interessant, wenn sie bereits mit Inhalten aus dem Lehrplan gefüllt sind: „Für die von mir befragten Lehrkräfte ist es weniger erstrebenswert, selbst kreativ werden zu können.“ Die gewonnene Zeit würden Englischlehrerinnen und -lehrer zum Beispiel verwenden, um schwächere Schüler intensiver als bisher zu unterstützen.

Bei Jeanine Steinbocks auf freiwilliger Basis erfolgter Umfrage machten keineswegs nur besonders junge Menschen mit: „Das Gros war zwischen 36 und 45 Jahre alt,“ erklärt sie. Vergleichsweise stark vertreten waren außerdem die 46- bis 55-Jährigen. Im Gegensatz dazu beteiligten sich die ganz jungen Lehrkräfte zu einem deutlich geringeren Teil an der Befragung.

Skepsis war über alle Altersgruppen hinweg festzustellen, was Leistungskontrollen durch Apps betrifft: Die Bewertung der Schülerinnen und Schüler sollte Sache der Lehrenden bleiben.

Von den pädagogischen Möglichkeiten der Apps hingegen waren viele begeistert. „Nehmen wir an“, so Jeanine Steinbock, „im Englischunterricht wird als Lektüre „Hamlet“ von Shakespeare durchgenommen. Klassischerweise bekommen dann 30 Schülerinnen und Schüler ein Buch mit demselben Text in die Hand gedrückt“. Die einen täetn sich damit leicht. Die anderen, deren Leseniveau nicht so hoch ist, hätten eher zu knabbern am Lesestoff.

Hier seien Apps hilfreich, bei denen man etwa das Leseniveau einstellen kann: Eigenverantwortlich regeln die Schülerinnen und Schüler, ob der Text im Original erscheint oder erst einmal in einer „Lightversion“ mit vereinfachtem Vokabular.

Wie Jeanine Steinbock bei ihrer Befragung herausfand ist aktuell YouTube sehr angesagt bei Englischlehrkräften, die bereit sind, Digitales in ihren Unterricht einzubinden. Verwunderlich sei das nicht: „YouTube ist sehr niederschwellig zugänglich und störungsfrei einsetzbar.“ Außerdem steht Lehrkräften dort eine immense Datenbasis zur Verfügung. Die Videos selbst sind oft kurz und griffig, ihr Einsatz kostet nicht viel Zeit. Kritisch sieht es die Wissenschaftlerin, dass YouTube im Klassenzimmer fast ausschließlich zum Ansehen von Filmen genutzt werde. Die Schülerinnen und Schüler würden kaum dazu animiert, selbst ein Video zu produzieren.

Oft Bedenken in Bezug auf den Datenschutz
Zu den Kernthemen der Digitalisierung zählt die Datensicherheit. Das gilt laut Jeanine Steinbock für Schulen ganz besonders. In Bezug auf den Datenschutz lösten EduApps mitunter Bedenken aus. Es sei auch problematisch, dass die meisten EduApps für den Englischunterricht von amerikanischen Firmen entwickelt wurden. Hier bestehe in der deutschen Bildungslandschaft Nachholbedarf: „Wünschenswert wären mehr deutsche Apps, die auch auf deutschen Servern liegen.“, mahnt die Doktorandin.

Internet-Verfügbarkeit höher als erwartet
Zusätzliche Relevanz gewonnen habe ihr Dissertationsprojekt dadurch, so Steinbock, dass sich die Lage im Bildungssektor durch die Corona-Krise mit einem Schlag verändert habe. Am Einsatz von digitalen Tools in Schulen führe heute schlicht kein Weg mehr vorbei. Aber natürlich könnten solche Werkzeuge nur dann eingesetzt werden, wenn es in den Klassenzimmern LAN oder WLAN gibt. Diesbezüglich schaut es der Würzburger Wissenschaftlerin zufolge gar nicht so schlecht aus: „Bei meiner Befragung gab die Hälfte der Lehrkräfte an, dass sie im Klassenzimmer Internet hat.“ Das habe sie und das Team am Lehrstuhl überrascht: „Wir hätten mit einer viel geringeren Quote gerechnet.“ (zab, pm)

„Die bundeseinheitliche Schulcloud ist eine Utopie“: Studie der Telekom Stiftung fährt Karliczek (und der SPD) in die Parade

Anzeige


2 KOMMENTARE

  1. Womit man heutzutage alles promovieren kann …

    Als Essenz daraus kann man entnehmen, dass Lehrer die Digitalisierung insofern begrüßen, als das sie einen wie auch immer wieder gearteten Mehrwert bringt. Die von der Politik überwiegend nur bereitgestellte Digitalisierung um der Digitalisierung wegen in Form von einfacher Hardware wird überwiegend abgelehnt. Das hätte ich auch ohne Doktorarbeit gewusst.

  2. Erstaunlich, dass sich so viele Lehrkräfte an der Studie beteiligt haben, obwohl sie KEIN Internet im Klassenraum zur Verfügung haben.
    Dann können digitale Möglichkeiten nur im häuslichen Bereich eingesetzt werden und es entsteht die Erwartung, dass die Versorgung dort besser ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here