Sogar Kita-Kinder spielen „Squid Game“ nach – Pädagogen appellieren an Eltern

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PINNEBERG. Bei der Erfolgsserie «Squid Game» geht es um scheinbar harmlose Kinderspiele, doch enden sie für die Verlierer tödlich. Jetzt spielen Kinder und Jugendliche die Spiele nach – Erwachsene sind alarmiert.

In einer Kita mit angeschlossenem Hort in Pinneberg bei Hamburg haben Kinder und Jugendliche die blutige Netflix-Serie «Squid Game» nachgespielt. In einem Brief an die Eltern warnte der zuständige Ansprechpartner der Kita vor der Serie. Sie sei «brutal, gewaltverherrlichend und insbesondere für Kinder verstörend», zitiert der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag aus dem Schreiben. Alpträume, Ängste und psychische Probleme könnten die Folge sein. «Deshalb unser dringender Aufruf: Lasst eure Kinder nicht diese Serie sehen. Auch nicht, wenn ihr dabei seid.» Die Serie ist mit der Altersfreigabe FSK 16 versehen.

«Hier sind die Eltern gefordert, eine Schranke zu setzen für ihre Kinder»

Eine Kitasprecherin sagte auf Anfrage, es gehe um fünf- bis sechsjährige Kinder in Vorschulklassen und um Schulkinder bis 13 Jahre im Hortbereich. Sie verlangte von den Eltern mehr Verantwortung. «Hier sind Eltern gefordert, eine Schranke zu setzen für ihre Kinder.» Kinder könnten die Brutalität und den in der Serie dargestellten gnadenlosen Konkurrenzkampf nicht verarbeiten. Es sei klar, dass auch kleinere Kinder Hintergrundwissen hätten und wohl mit Eltern oder größeren Geschwistern die Serie gesehen hätten. Die Kita suche nun das Gespräch mit den Eltern.

Die südkoreanische Serie «Squid Game» ist die bisher erfolgreichste Netflix-Produktion. Dabei wird in neun Folgen die Geschichte von knapp 500 Menschen erzählt, die sich alle hoch verschuldet haben. Sie treten in scheinbar harmlosen Kinderspielen gegeneinander an, um ein Preisgeld in Millionenhöhe zu gewinnen. Doch der makabere Wettbewerb lässt keine zweite Chance zu: Wer es nicht in die nächste Runde schafft, wird umgehend getötet.

Dem Bericht zufolge waren Kita-Erzieherinnen aufmerksam geworden, als sich die Kinder am Ende eines Spiels gesagt hätten: «Ich töte dich». «Ihr fügt euren Kindern seelischen Schaden zu, wenn ihr sie derartiges sehen lasst», warnt der für die Elternarbeit zuständige Ansprechpartner in dem Schreiben.

«Lehrerinnen und Lehrer haben berichtet, dass diese Serie auch an ihren Schulen nachgespielt wird»

Auch in Bayern beschäftigt die Serie die Schulen. Nach Angaben des dortigen Landeskriminalamtes (LKA) waren an mindestens drei Grund- und Mittelschulen «Visitenkarten» aufgetaucht, die als Einladung zum «Squid Game» gelten. Das LKA spricht von «vereinzelten verdächtigen Wahrnehmungen im Zusammenhang mit der Fernsehserie». Es seien aber keine Fälle von Körperverletzungen oder Gewalttaten im Zusammenhang mit dem Spiel an bayerischen Schulen bekannt. «Lehrerinnen und Lehrer haben berichtet, dass diese Serie auch an ihren Schulen nachgespielt wird», hatte die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, in München gesagt. News4teachers / mit Material der dpa

Die Debatte

BERLIN. Mit welchen Fernseh- oder Streamingserien Kinder ihre Zeit verbringen, sollten Eltern nach Ansicht des Berliner Elternausschussvorsitzenden Norman Heise im Blick behalten. Dass die Inhalte dem Alter der Kinder nicht angemessen seien, sei kein Ausnahmefall, sagte Heise am Freitag vor dem Hintergrund der Diskussion um die Netflix-Serie «Squid Game».

Oft nutzten Kinder auch Computerspiele, die nicht für ihr Alter freigegeben seien. «Und das ist natürlich bei Netflix und anderen Streamingangeboten genau das gleiche», sagte Heise. «Man kann nur an die Eltern appellieren: Überall steht drauf, ab welchem Alter die Spiele oder Serien geeignet sind.» Es lasse sich auch technisch verhindern, dass gerade jüngere Kinder Inhalte zu sehen bekommen, die ihrem Alter nicht angemessen seien. «Diese Möglichkeiten sollte man auch nutzen», so der Berliner Elternvertreter.

„Medienbildung ist ein Querschnittsthema an den Schulen“

Die Berliner Bildungsverwaltung kenne die Popularität der Serie gerade unter jungen Menschen, teilte ein Sprecher am Freitag mit. «Medienbildung ist ein Querschnittsthema an den Berliner Schulen. Ethisch-moralische Fragen werden in verschiedenen Unterrichtsfächern thematisiert.» Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an den Schulen setzten sich intensiv mit der Lebensrealität von Schülerinnen und Schülern auseinander und seien im Gespräch auch über Filme, die die jungen Menschen beschäftigten.

Diskussionen um die Serie gab es bereits in mehreren Ländern von Großbritannien bis Italien. Kritiker befürchten, das Serienmuster könne Kinder zu Mobbing und Gewalt gegenüber Gleichaltrigen animieren. Wie die Zeitung «B.Z.» online berichtet, hat inzwischen auch eine Grundschule in Berlin-Mitte in einem Info-Schreiben darauf hingewiesen, dass die Serie erst ab 16 Jahren freigegeben sei und den Eltern empfohlen, mit den Kindern über den Inhalt zu sprechen. Elternvertreter Norman Heise hat dafür Verständnis: Das Schreiben der Schule sei ein richtiger Wink an die Eltern, um für das Problem zu sensibilisieren.

Lehrerverband: «Squid Game» wird auf Schulhöfen nachgespielt – Kultusminister in Sorge

 

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30 KOMMENTARE

  1. Wie kann man Eltern auffordern, Schranken zu setzen, wenn diese doch die Erziehung ihrer Kinder komplett in die Hände von Institutionen geben? Bei dem derzeitigen Personalmangel sind die Kinder oft sich selbst überlassen und die Eltern meinen zudem noch, dass sie ihrem Kind einen Gefallen tun, wenn sie es mit den neuesten digitalen „high-trend“ Tools ausrüsten, als Entschädigung sozusagen für die Fremdbetreuung. Man kann sich ja alles leisten, wenn beide Elternteile arbeiten gehen können. (Ich spreche jetzt nicht von Eltern, die arbeiten gehen müssen, weil ein Gehalt nicht reicht). Insgesamt gesehen sind diese hirnrissigen Spiele und das unkritische Benutzen der digitalen Medien ein weiterer Sargnagel für die Intelligenz und soziale Kompetenz unseres Nachwuchses. Die elterliche Kontrolle nimmt zunehmend ab, die nächsten Generationen werden uns dadurch noch mehr Probleme machen. Jeder Lehrer kann bestätigen, dass psychische Auffälligkeiten unter den Schülern vehement zunehmen. Quo vadis?

    • Im Übrigen: wenn ich diesen Mist sehe, mit dem sich unsere Schüler teils beschäftigen, dann wird mir nur schlecht. Es ist auch Aufgabe der Lehrer/Erzieher, hier mit den Schülern zu sprechen und eine kritische Haltung zu vermitteln, ohne erhobenen Zeigefinger.

  2. Ich stimme dem vollinhaltlich zu.
    Die Verdummung und Verrohung unserer Kinder wird durch solche Machwerke weiter zunehmen und niemand ist in der Lage, das zu stoppen, denn wie sollen Eltern, die verantwortlich handeln, verhindern, dass
    Kinder von diesen Filminhalten erfahren.
    Es ist erschreckend, wie gedankenlos viel zu viele sich aus der Verantwortung ziehen und Kinder so etwas schauen lassen.
    Das ist geistige Verwahrlosung .

  3. Wir haben damals auch alles nachgespielt, was wir gesehen haben und spannend war… Winnetou und damit Cowboy und Indianer und haben uns gegenseitig „getötet“.
    Kinder verarbeiten so spielerisch das gesehene. Begleitend von Erwachsenen wäre die Verarbeitung sicherlich besser und Kinder sollten diese Serie meiner Ansicht nach gar nicht sehen.

    Aber das Nachspielen hat wichtigen Grund: zum Verarbeiten und Lernen. Das jetzt so hoch aufzuhängen, ist etwas übertrieben.

    Ich habe grade überlegt, was ich als Jugendlicher draus gemacht hätte. Ich hätte wohl auch Visitenkärtchen gebastelt, heimlich Treffen arrangiert. Da hätte man dann irgendwelche lustigen Spiele gemacht, die plötzlich durch die Geheimhaltung spannend geworden sind, und jeder Verlierer wäre dann eben disqualifiziert gewesen – ohne die Bedeutung bei Squid Games.

    Ich hätte eine witzige Zeit gehabt, meine Eltern hätten möglichst nichts davon erfahren und wäre fröhlich wieder nach Hause gekommen.

    Vielleicht sollte auch diese Sicht mit einbezogen werden, vor allem nach dem langen langweiligen Leben mit Corona und der sozialen Isolation.

    • @Klugscheisser, Winnetou wäre heute FSK 16 mindestens, vor allem die Schallplatte Winnetou1 mit der Originalmusik, furchtbar schwülstig aber dann die Szene mit Rattlers Tod… das gibt sich nichts mit Squid Games. Wir haben alles nachgespielt und damit kindgemäß Macht- und Ohnmachtgefühle in der Phantasie durchlebt. Niemand von uns ist psychopathisch geworden, aber wir hatten daheim eine Erziehung von Eltern, die Zeit darauf verwendet haben. Sie haben uns alleine draußen auf den Feldern spielen lassen, waren aber immer für uns da, wenns drauf ankam.

  4. @Klugscheisser, das frühere „Cowboy und Indianer“ Spielen kenne ich auch noch, das war aber doch eine ganz andere Hausnummer. Heute werden in den Medien alle möglichen Facetten der Gewalt live und mit viel Blutrünstigkeit gezeigt, da wird nichts zurückgehalten oder in Bud Spencer Manier verulkt. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir früher auf Schulkameraden eingedroschen oder Messer mit in die Schule gebracht hätte. Die Verrohung ist offensichtlich und schreitet fort, die Hemmschwelle zur Gewalt wird immer niedriger. Wer das nicht sieht, der will dies entweder nicht sehen oder läuft mit geschlossenen Augen durch die Welt.

    • „ Es seien aber keine Fälle von Körperverletzungen oder Gewalttaten im Zusammenhang mit dem Spiel an bayerischen Schulen bekannt.“

      • Ist ja auch noch nicht lange auf dem Markt. Es geht um die Tendenzen, und die sind alarmierend, wenn Kita Kinder hier schon aktiv werden. Was machen die als Jugendliche?

        • wahrscheinlich Abi oder mittlere Reife und gehen dann irgendwann arbeiten. Das Nachspielen zeugt von einer gewissen Organisationsfreude und Verarbeitungsbereitschaft. Gute Schlüsselqualifikationen.

          Man sollte sich eher um die kümmern, die gerne Tiere quälen, bzw. Freude an Videos dazu haben.
          Nachspielen von gewaltlastigen Filminhalten ohne Gewalt ist so allein kein Alarmzeichen.

          Aber wienich oben schon erwähnte sollten Kinder solche Serien nicht sehen. Und darauf aufzupassen, wäre die Pflicht der Eltern.

          • „Das Nachspielen zeugt von einer gewissen Organisationsfreude und Verarbeitungsbereitschaft“… Nun das sehe ich anders. Für mich ist es unreflektierte Reproduktion, der Hang, Trends unkritisch nachzulaufen. Es geht ja nicht nur um dieses eine Spiel. Reproduzieren blockiert die Eigeninitiative und Kreativität erheblich, und die Medien tragen vehement zu dieser Verhaltensweise bei. Alles vorgefertigt, man braucht nur nachahmen und nachplappern.

          • Ich habe irgendwie die Hoffnung, dass die Kinder es nur vom Hörensagen älterer Geschwister oder Freunde kennen, bei ihren Altersgenossen dann damit prahlen, dass sie das angeblich gesehen haben und dann das einfach irgendwie nachgeahmt wird. In meiner Kindheit gab es das Phänomen auch. Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt.

          • Reproduzieren ist das was Kinder dauernd machen, um die Welt zu erleben.
            Das ist nun mal so und es ist auch okay so, denn nur so erlernen sie die Welt.

            Wir haben damals viel Mutter, Vater, King gespielt. Keine Fernsehserie sondern erlebte Wirklichkeit. Serien und Filme sind auch erlebte „Wirklichkeit“…

            Und NOCHMALS: bestimmte Serien / Filme dürften von Kindern NICHT gesehen werden. Wenn es aber keine Kontrollinstanz dazu gibt, wird es eben nachgespielt, wie alles erlebte ins kreative Spiel einfliesst.

            Damit hat es sich aber auch von meiner Seite, auch wenn wieder ein Bruchstück meines Beitrages wieder analysiert wird und für falsch empfunden wird. Ich stehe zu meiner Meinung aus Beobachtung und vielen Modellen aus den Erziehungswissenschaften.

          • Serien und Filme sind meist keine erlebte Wirklichkeit, und der Mist, der heute im TV oder Netflix geboten wird, oder auch in den sozialen Medien, ist oft haarsträubend oder einfach nur dumm. Trash TV und sinnbefreite Serien mit Reality Anspruch, ja, da muss Kontrolle her, aber man kann ein Kind nicht 24/7 überwachen. Schlimm ist, was da alles angeboten wird.

  5. Ich habe mit 4.Klässlern, also 9-10 jährigen, darüber im Lebenskunde-Unterricht gesprochen. Viele haben es gesehen, wissen aber überhaupt , worum es letztendlich geht. Für sie bleibt hängen, wer nicht gut oder schnell genug ist, stirbt. Ohne eine Chance, allein, brutal. Das macht einigen von meinen Schülern echt Angst. Ich finde es so was von verantwortungslos, dass Eltern so etwas erlauben. Auch „ES“ haben schon einige dieser Altersgruppe gesehen. Sie fragen mich, ob es das wirklich gibt! Sie haben Alpträume.
    Oft schauen es die Kinder heimlich, weil der Fernseher im Zimmer steht und die Eltern Null Durchblick haben, was ihre Kinder so schauen.
    Ich bin froh, dass ich den Kindern Raum und Zeit geben kann, darüber zu reden. Es ist so, wenn einige zugeben, dass sie Angst haben, trauen sich die anderen, es zuzugeben- ihre Coolness aufzugeben.
    Bin seit 21 Jahren Lebenskundelehrer und musste erkennen, dass immer mehr Eltern ihre Kinder Sendungen schauen lassen, die absolut nichts für ihr Alter sind. Der coole Daddy erlaubt seinem Sohn (Scheidungskind) natürlich GTA zu spielen. Mama ist doch viel zu verweichlicht…
    „ES“ wird zum gemeinsamen Familienevent am Samstag( Klasse 3 und 5)

  6. Eltern gucken das gemeinsam mit ihren Kids – prima! Sie denken dabei sicher, dass sie etwas Gutes tun – Gemeinsamzeit und Gemeinsamaktivität.

    Leider wissen sie nicht, dass sie sich strafbar machen – ist erst ab 16 freigegeben.

    Aber wie lange ist es her, dass sich Eltern bzw. Kinderproduzenten (ja, bewusst böses Wort!) um die Erziehung wirklich gekümmert haben?

    Zum Glück gibt es Eltern, die diesen Titel wirklich verdient haben. Deren Kinder gucken so was nicht. – Komisch, oder?

    • So ein Quatsch… für Erziehungsberechtigte gilt das Erziehungsprivileg gem. § 27 Abs. 4 JuSchG (und auch gröbliche Verletzung der Erziehungspflicht i.S.v. Satz 2 der Norm ist hier rechtssystematisch per se zu verneinen), analog auchd as Erziehungsprivileg in § 28 Abs. 4 Satz 2 JuSchG. Sie können als Erziehungsberechtiger mit ihren minderjährigen Kindern vollkommens traffrei auch indizierte, ja selbst gem. § 131 StGB beschlagnahmte Werke rezipieren (s. Abs. 3 der Norm). Und das ist auch gut so, denn Jugendmedienschutz ist ggp. dem elterlichen Erziehungsprivileg eine subsidiäre Maßnahme, s. auch BVerfGE 4, 52 (57); 7, 320 (323f.); 24, 119 (143f.); 83, 130 (140) etc.

      … und da haben wir noch gar nicht angefangen festzustellen, dass es sich bei den Alterskennzeichnungen der FSK (bzw. der OLJB) um im Wesentlichen willkürliche Kennzeichnungen handelt, die nicht auf dem Erkenntnisstand der Medienwirkungsforschung fußen (von all den verfassungsrechtlichen Problemen des Jugendmedienschutzsystems hierzulande ganz zu schweigen).

      Fall es Sie interessiert, hier ein Lektüretipp:
      Port, Patrick (2013): Der Jugendmedienschutz bei Gewalt darstellenden Computerspielen – Mediengewaltwirkungsforschung, Jugendschutzgesetz, Gewaltdarstellungsverbot Moralpanik. Online: https://publications.rwth-aachen.de/record/229317.

      D.h. nicht, dass ich dafür plädiere, dass man die Serie unbedingt mit allen Kindern gucken sollte, im Gegenteil. Generell gehört Medienrezeption nicht den Kindern im freien Fall überlassen, die nötige Medienlitralität kommt ja nicht aus dem Nichts. Allerdings besteht kein Grund zur Panik.

      Wenn ich dann hier lese, dass die Serie als „Mist“ und „Machwerk“ bezeichnet wird, dann habe ich die Ahnung, dass man die Serie entweder nicht gesehen hat oder mit naserümpfendem, dekontextualisierend-empörtem Blick auf selbige schaut. Persönlich finde ich, dass das Werk nicht nur sehr unterhaltsam war, sondern auch eine wunderbare Allegorie auf die Medien- und Wirtschaftswelt und auch den koreanischen Nord-Süd-Konflikt.

      • Ja PaPo, das ist Ihre Meinung, andere Leute, und vor allem Pädagogen, sehen das vielleicht anders. Nun ja, lassen wir halt alles laufen, „sex sells“ „violence sells“, „humiliation sells“, „malicious pleasure sells“ …. alles was Geld bringt wird vermarktet. Man weiß eigentlich nicht so recht, ob man die Produzenten oder die Verbraucher in die Verantwortung nehmen soll. Irgendwann ist unsere Welt nur noch „gaga“.
        (Habe letzhin ein Smartphone gesehen, das beim Einschalten schon so einen Baller-Kämpfer zeigt mit viel Gebrüll, ein „Gamer“Handy, wow, die normale Phone-Funktion war nicht leicht zu finden, da man immer wieder auf mögliche Spiele hingeführt wurde, Lichteffekte vorn UND hinten!!! Mehr als 800 Euro. Geil eh!). Das ist unsere Zukunft?

        • @ Teacher Andi:

          Mit Verlaub:

          Die skizzierte Rechtslage ist keine Meinung; vgl. a.a.O., Kap. 10-14 (passim). Dass die Alterskennzeichnungen im Wesentlichen kollektive Willkürurteile der einschlägigen Gremien sind, ist ebenfalls keine Meinung; vgl. a.a.O., Kap. 12 (konkret thematisiert wird die Alterkennzeichnung von Computerspielen, dgl. gilt mutatits mutandis aber ebenfalls für die Alterskennzeichnungen von Filmen etc.). Von der fehlenden Überzeugungskraft theoretischer Annahmen zur vermeintlich aggressionsfördernden Wirkungen fiktionaler medialer Gewaltdarstellungen und auch dem (folglich) fehlenden empirischen Nachweis solcher Wirkungen ganz zu schweigen; vgl. a.a.O. Kap. 2-9 (passim). Deshalb ach meine Frage, für was Sie „Produzenten oder die Verbraucher in die Verantwortung nehmen“ wollen würden?!

          Allenfalls mein Werturteil im letzten Satz meines Beitrages ist eine Meinungsäußerung. Diese muss man nicht teilen. Auch meine Textinterpretation von „Squid Game“ muss man nicht teilen, denn „Textinterpretationen demonstrieren […] tendenziell […] vielmehr die Perspektive des Interpreten als objektive Botschaften der Medien, wie bereits der Aquinate realisierte“ (a.a.O., S.110). Aber ich habe die Serie immerhin komplett gesehen, was ich – so vermute ich – einem Gros derjenigen, die sich aktuell empören, voraushabe.

          Denn bei einem Unwerturteil wie „Mist“ oder „Machwerk“, bei den hier bspw. von Chorleiterin artikulierten (klassischen, s. a.a.O., S.13f.) Vorwürfen einer „Verdummung und Verrohung unserer Kinder […] durch solche Machwerke“ etc. darf man schon die Frage stellen, woher diese offenbar degoutanzinduzierte Missbilligung kommt, da die Serie in keiner Weise gewaltaffirmativ ist. Da wird wohl bereits ausschl. der reine Bildwert bzw. der Umstand der Schilderung von Gewalt problematisiert, also dekontextualisiert. Ungeachtet dessen, dass Gewalt nicht ja bereits seit der Antike ein integrales, ja zentrales Sujet der Kunst ist (vgl. a.a.O., S.99), möchte ich auf solche Missbilligungen erwidern:

          Filme sind eigenständige narrative Kunstwerke, deren inhaltliches Verständnis einen Aspekt der Media Literacy voraussetzt, die mit horizontalen und vertikalen (z.T. dem Franchise, dem Genre u./o. der Mediengattung etc. ggü. genuinen) Referenzen (i.S.v. John Fiske) agieren und die eine eigene Sprache benutzen, die es zu beherrschen gilt (i.S.d. Mediennutzungskompetenz nach Dieter Baacke). Und da haben wir den möglichen Interpretationshorizont elaborierende Aspekte wie Medienkritik, -kunde und -gestaltung i.S.v. Dieter Baackes Medienkompetenzkonzept noch gar nicht thematisiert.

          Für den konkreten Fall expliziter (und weniger diplomatisch) möchte ich in diesem Zusammenhang Willmann (2003) zitieren:

          „Diejenigen, die mit den ästhetischen Konventionen einer bestimmten Schule von Gewalt-Ikonographie nicht vertraut sind, betrachten entsprechende Werke mit quasi ‚pornographischem‘ Blick – und unterstellen diesen auch dem Stammpublikum: Der dargestellte Gewaltakt wirkt als starkes Stimulanz wahrgenommen, das die Barriere zwischen Fiktion und Realität zu transzendieren scheint; das unmittelbare, körperliche Erregung hervorruft; das sämtliche Schutzwälle der distanzierten Betrachtung durchbricht. Diese Wirkung schwächt sich mit wiederholtem Ansehen einer speziellen Art von Gewalt-Ästhetik ab: Man lernt, mit der entsprechenden Darstellungsform umzugehen, ihren Inhalt nicht mehr als einzigen und unkalkulierbar starken Reiz zu empfinden. Es ergibt sich eine Normalisierung des Blicks, der gezeigte Gewaltakt wird zum Element in einem größeren, komplexeren Kontext. Das ist jedoch etwas anderes als ein ‚Gewöhnungseffekt‘ im Sinne einer Desensibilisierung – es betrifft nicht automatisch die Wahrnehmung von Gewalt an sich (und erst recht nicht realer Gewalt […]). Es ist gerade umgekehrt eine Sensibilisierung für die Regeln, Codes und Konventionen einer Darstellungsweise. Und vor allem ist es eine Sensibilisierung für die Fiktionalität der Darstellung. Oder zumindest ihre Medialität […]“ [Willmann, Thomas (2003): Death’s a game. In: Rötzer, Florian (Hg.) (2003): Virtuelle Welten – reale Gewalt. Hannover, S.131-
          142, hier: S.137f.].

          Graff (2005) schrieb diesbzgl. passenderweise von „Analphabeten des Bilder-Blutes“ [Graff, Bernd (2005b): Neue Medien – alte Vorwürfe. Analphabeten des Bilder-Blutes. Online: , Stand: 02.10.2012].*

          Tatsächlich argumentiert auch Thomas Hausmanninger in Orientierung an der Filmrezipiententypologie von Winter (1995), „dass die häufigste Nutzung entsprechender Genres kaum bei den Fremden, auch nicht bei den Touristen, sondern in erster Linie bei den Buffs und den Freaks stattfindet – und, dass die Fremden und Touristen sich normalerweise weiterentwickeln, wenn sie weiter ihr Genre nutzen. Bei Buffs und Freaks aber muss mit einer anderen Ausstattung an Rezeptionskompetenzen gerechnet werden – also ist die Prüfleistung entsprechend auszurichten. […] Das wirft natürlich eine weitere Frage auf: Was ist mit den wenigen Fremden, die sich solche Filme auch anschauen? – Keine Sorge, sie kommen damit schon zurecht“ [zitiert in: Gottberg, Joachim von (2001): Eigentlich lehnen die Zuschauer Gewaltdarstellungen ab. Katholische Sozialethik und der Blick auf populäre Medien. In: tv diskurs, H. 17 / 2001, S.42-49, hier: S.48f.]. Oder sie empören sich kontinuierlich.

          Und diese (moralpanischen) Empörungsdiskurse sind ermüdend…
          Mir ist bewusst, dass insb. auch Pädagogen in diesen (i.d.R. bewahrpädagogischen) Debatten immer wieder negativ auffallen, wie der (verstorbene) Werner H. Hopf (der nachweißlich k.A. von der Thematik hatte). Das finde ich, der ich btw selbst Lehrer bin, beschämend: Ein Neil Postman fand damals ja offenbar reissenden Absatz insb. bei Pädagogen, ähnlich Dave Grossman, Manfred Spitzer und Co. und auch den sog. Kölner Aufruf gegen Mediengewalt (s. Portz 2013, S.263ff.) unterzeichneten immerhin vier Kollegen (als Erstunterzeichner, k.A. wieviele später).
          In der zitierten Dissertation finden Sie (passim) hinreichende Schilderungen und Dekonstruktionen solcher Empörungsdiskurse: Seit dem vorletzten Jahrhundert wird da immer wieder dieselbe Sau durchs Dorf getrieben… und die, die sie treiben, haben im Regelfall eben ausschl. eines: Viel Meinung (Empörung), aber wenig (bis keine) Ahnung. Deshalb mein Appell, nicht in Panik zu geraten, sich vielleicht mit konkreten Medieninhalten einmal unvoreingenommen auseinandersetzen.

          * Der Vollständigkeit halber: Es gehört auch i.d.S. zum Erwachsenwerden, dass Jugendliche Interesse an der Rezeption von vermeintl. Erwachsenenmedien haben (Stichwort: forbidden fruits). Gerade wenn wir Medienrezeptionskompetenzen als Form von Literalität realisieren, ist es sinnvoll, Kindern und Jugendlichen im Prozess ihres Erwachsenenwerdens auch zunehmend die Rezeption von Erwachsenenmedien zu gestatten (Erziehungsberechtigte haben ja das entsprechende Privileg, dies zu tun), denn wie der Verweis auf John Fiske, Dieter Baacke, Rainer Winter und Co. zeigt, ist Textverständnis und sind Bewältigungsstrategien für irgendwie problematische (z.B. beängstigende, verstörende etc.) Inhalte auch in diesem Bereich keine Fähigkeiten, die man ohne vorhergehende Textrezeption erlernt. Und nicht falsch verstehen: Das ist alles Andere als ein Plädoyer dafür, seine Kinder unbegleitet vor dem Bildschirm zu ‚parken‘ u./o. ihnen unbesehen sämtliche Medieninhalte zugänglich zu machen – im Gegenteil: Ich plädiere ganz ausdrückl. dafür, dass Erziehungsberechtigte sich nicht blind auf Alterskennzeichnungen, Inhaltsdeskriptoren u.ä. verlassen, vielleicht gar ohne Rücksicht auf den individuellen Reifegrad, den psychoemotionalen Zustand und die Bedürfnisse der eigenen Kinder. Sie sollen sich gefälligst auch mit der Medienzrezpetion ihrer kinder auseinandersetzen (was zusätzlich noch eine Wertschätzung für die Interessen des eigenen Nachwuchses mit sich bringen würde).

          P.S.: Was soll Ihre ominöse Anekdote zum Thema beitragen?

          • a) Ich bin zu blöde, die ominöse Anekdote zu finden. Vielleicht ist der obige Text einfach zu lang.

            b) Ich verabscheue jede Form von Gewalt. Ich kann an einer Vergewaltigung oder Enthauptung keinen noch so kleinen Anteil von Kunst erkennen. Grausamkeit hingegen schon.

            c) Tom Sawyer: davon gibt es zwei kunstwerkerische Filme.
            Film 2: FSK ab 0 Jahre. Geschaut mit einer sechsten und (leider gleichzeitig, da Lehrermangel, einer fünften) Klasse. Die Sechste waren ganz geschockt und entsetzt. Niemals würden sie den Film ihren jüngeren Geschwistern zeigen. Das nenne ich Verantwortungsbewusstsein. Die Fünfte konnte dem nichts abgewinnen – zu wenig Tote, nicht grausam genug.

            Der Reifegrad ist übrigens bei 8jährigen dann erreicht, wenn sie sagen, dass sie den Film grausam finden und ihn nicht gucken möchten.

            „die man ohne vorhergehende Textrezeption erlernt.“ Von welchen Texten sprechen wir denn bei Pornos? Snuffs? Quid Games? Tom Sawyer?

            Interesse an den forbidden fruits hatten wir auch damals schon. Heute gucken die MiniKinder die forbidden fruits. Sind die nun besser vorbereitet, ausgerüstet und seelisch stabiler oder waren wir einfach nur Weicheier, die weggeschaltet haben, als es grausam oder unerträglich wurde?

            Übrigens mussten wir damals im Studium „Chucky, die Mörderpuppe“ sehen. Kam nicht bei allen gut an – auch angehende Erwachsene schauen weg und können das nicht ertragen. Sie haben aber den Mut und die Sensibilität dafür. Kids verstehen nicht unbedingt, was dort passiert, ängstigen sich aber trotzdem. Da sind u.U. Alpträume vorprogrammiert.

            Aber wen kümmert das schon? Das Tragen einer Maske im Unterricht ist sooo viel schlimmer und grausamer.

          • @ Riesenzwerg:

            a) Der kritisierte Versuch anekdotischer Evidenz ist die ominöse Episode mit dem „‚Gamer’Handy“, die mit dem Fall „Squid Game“ nichts zu tun hat.

            b) Wenn Sie zwischen Fiktion und Realität nicht unterscheiden können, ist das primär Ihr Problem. Ebenso, wenn Sie ein paar Jahrtausende menschlicher Kunst- und Kulturgeschichte als Unkunst abstempeln wollen, von Homers „Illias“, über W. Shakespeares „Titus Andronicus“, zu P. Picassos „Guernica“, bis zu Naughty Dogs „The last of Us Part II“ – eine pauschale Antinomie zwischen Gewalt als Sujet und dem Kunstcharakter des entsprechenden Werkes konstruieren zu wollen, zeugt von wenig Verständnis für das Werk und für Kunst, aber von viel subjektivem Unwohlsein.

            c) Was sollen diese Anekdoten? „Die Sechste waren ganz geschockt und entsetzt. Niemals würden sie den Film ihren jüngeren Geschwistern zeigen. Das nenne ich Verantwortungsbewusstsein.“ Ist ein in der einschlägiogen Literatur wohlbekanntes Phänomen: Jugendmedienschutz ist immer wichtig, selbst Kindern… dann aber bitte für nicht für einen selbst, sondern für andere, vornehmlich jüngere Kinder. Und nun? „Die Fünfte konnte dem nichts abgewinnen – zu wenig Tote, nicht grausam genug.“ Und nun? Imponiergehabe. Toll. Was soll diese Anekdote?

            „Der Reifegrad ist übrigens bei 8jährigen dann erreicht, wenn sie sagen, dass sie den Film grausam finden und ihn nicht gucken möchten.“ Es ist übrigens ein sehr einfaches, den eigenen Geschmack überlegenheits- und reifedünkelnd zur Demarkationslinie machendes Weltbild, den Reifegrad von Achtjährigen daran festzumachen, ob diese mit den Grenzen der eigenen Degoutanz und Indignation konform gehen. Also Quatsch.

            „die man ohne vorhergehende Textrezeption erlernt.“ Von welchen Texten sprechen wir denn bei Pornos? Snuffs? Quid Games? Tom Sawyer?“
            Da sprechen wir Ihrerseits von einer reductio ad absurdum. Netter Versuch. Ignoriert aber erstens, dass wir uns hier ausdrücklich über fiktionale(!) Gewaltdarstellungen und nicht Pornographie unterhalten, b) das Snuffs im engeren Sinne ein moderner Mythos sind (glücklicherweise, sonstige Bildwerke realer Tötungshandlungen gibt es leider schon zu Hauf… und ich habe da irgendwie den Aufruf vor einigen Jahren vermisst, als das ZDF im Rahmen einer Doku im Vorabendprogramm die Videoaufnahme der Hinrichtung von Lem durch Saigons Polizeichef Nguyen Ngoc Loan zeigte – in Farbe) und dass (c) ich bereits ausgänglich darauf hinwies, dass meine Ausführungen zum Forschungsstand alles andere sind als eine Einladung, alles zwangsweise an jeden heranzuführen.
            Soviel auch zu Ihrem Kommentar: „[…] auch angehende Erwachsene schauen weg und können das nicht ertragen. Sie haben aber den Mut und die Sensibilität dafür.“
            Schauen Sie sich doch dazu bitte an, was ich mit den Worten Thomas Hausmanningers und Thomas Willmanns schrieb. Dann lassen Sie es halt. Von Mut ist hier aber allenfalls zu sprechen, wenn man sich bspw. nicht dem Willen seines Peers gg. den eigenen Willen beugt und mit Sensibilität per se hat das auch nicht viel zu tun. Nicht jedes Gewaltdarstellung dient voyeuristischen Zwecken (und dort, wo dies vorgeworfen wird, ist der Vorwurf meist wenig haltbar), wie hier insinuiert wird, dass man abgestumpft sein müsse, um fiktionale Gewalt überhaupt rezipieren zu können. Auch da der Verweis auf die beiden zitierten Herren.

            Ich finde es aber gut, dass Sie – auch wenn es Whataboutismus ist – immerhin auch einsehen, dass Masken im Unterricht eine gute Sache sind. Deshalb: Diese Corona-Politik, die wir hier fahren, das unverantwortliche Handeln der KuMi, die verdrehte Welt der Querdenker, das alles sind auch Resultate von Bauchgefühlen, von unsubstantiierten Meinungen, von vermeintl. gesundem Menschenverstand. Gerade deshalb ist es für mich so irritierend, dass all diesen Dingen nun beim Medienkonsum salopp mal und mit aller Vehemenz das Wort geschrieben wird.

      • @PaPo

        a) Ich gehe davon aus, dass Sie etwas älter sind als 8 oder 9 Jahre und in der Lage, das Gesehene aufgrund Ihrer Lebenserfahrung einzuordnen.

        b) Ich mache einen Unterschied zwischen Eltern und Kinderproduzenten.

        c) Auch wenn es gemeinsam geguckt wird – straffrei ist das nicht. Zumindest unseres Schulpolizisten nach. Aber der hat wohl keine Ahnung.

        d) Und ja, ich finde es unverantwortlich. Vielen Kindern macht da Angst. Nur denen nicht, die das im zarten Altern von 8 oder 9 Jahren schon als Dauerschleife gucken. Kann ja nicht sein, dass die Kids irgendwelche Alpträume deswegen haben oder meinen, so sei die Welt und so müsse man sich verhalten.

        Ganz ehrlich: Was passiert wohl, wenn ich mit den Kids das im Unterricht gucke?

        Fröhliche Zustimmung oder Anzeige?

        • @ Riesenzwerg:

          Verwechseln Sie bitte nicht meinen Schriftverkehr mit Teacher Andi mit meiner Reaktion auf Ihren Ausgangsbeitrag. Deshalb und weil in dieser Auseinandersetzung auf a) und c) – hier finden Sie in der Diss. so einiges zur Dekonstruktion der Imitationsthese u.ä. – bereits hinreichend eingegangen wurde (auch in meiner Antwort auf Ihren Kommentar v. 11. November 2021 um 23:53 Uhr) nur zu c):

          „Auch wenn es gemeinsam geguckt wird – straffrei ist das nicht. Zumindest unseres Schulpolizisten nach. Aber der hat wohl keine Ahnung.“
          Doch, es ist straffrei. Ich habe Ihnen doch sogar die Norm genannt! Abermals (dieses Mal ohne Tippfehler): „[…] für Erziehungsberechtigte gilt das Erziehungsprivileg gem. § 27 Abs. 4 JuSchG (und auch gröbliche Verletzung der Erziehungspflicht i.S.v. Satz 2 der Norm ist hier rechtssystematisch per se zu verneinen), analog auch das Erziehungsprivileg in § 28 Abs. 4 Satz 2 JuSchG. Sie können als Erziehungsberechtiger mit ihren minderjährigen Kindern vollkommen straffrei auch indizierte, ja selbst gem. § 131 StGB beschlagnahmte Werke rezipieren (s. Abs. 3 der Norm). Und das ist auch gut so, denn Jugendmedienschutz ist ggf. dem elterlichen Erziehungsprivileg eine subsidiäre Maßnahme, s. auch BVerfGE 4, 52 (57); 7, 320 (323f.); 24, 119 (143f.); 83, 130 (140) etc.“ Hier ist mir tatsächlich ein Fehler unterlaufen: Es muss der Personensorgeberechtigte nach § 7 Abs. 1 Nr. 5 SGB VIII, der Erziehungsbrechtigte hat dieses Privileg nur im in diesen Normen skizzierten Ausnahmefällen (der Begriff des Erziehungsprivilegs hat mich verleiten lassen – es ging mir um die Eltern). sein Schauen Sie doch selbst ins JuSchG. Aber hey… ich habe zu dem Thema ja nur ein paar Jahre geforscht, aber ich habe wohl keine Ahnung und denke mir die für Sie ohne Probleme überprüfbaren Normen nur aus.

  7. Nichts gegen Ihre aus der Wissenschaft kopierten Darlegungen, jeder nimmt sich halt die Wissenschaft als Vorbild, die seinen Vorstellungen entspricht. Ob diese nun alleingültig ist, sei dahin gestellt. Theoretiker haben wir genug um uns herum, oft werden deren Auslassungen aber durch praktische Erfahrungswerte widerlegt. Ich verlasse mich da eher auf den gsunden Menschenverstand und meine Praxiserfahrung. Spielsucht und Medienabhängigkeit ist mittlerweile eine anerkannte Krankheit unter Schülern, die therapie-indiziert ist. Und genau darauf wollte ich mit meiner „ominösen“ Anekdote hinaus: die Kids werden immer mehr in den Strudel der Gaming-Welt hineingezogen, weil dies ein lukrativer Markt ist. Die Folgen sind den Anbietern herzlich egal, darum sollen sich dann andere kümmern. Die Hemmschwelle zur Gewaltbereitschaft ist ja sichtlich auch gesunken.
    Aber selbstverständlich: ich habe ja von all dem keine Ahnung. Bin ich doch froh, dass Sie mich da aufgeklärt haben. Es ist ja auch nicht so, dass jedes Kind individuell andere Rezeptoren für ihre zu entwickelnden Medienrezeptionskompetenzen (tolles Wort) haben. Es lebe die Theorie, die von einem Idealbild des Kindes/Jugendlichen ausgeht. Die Realität bringt so manchen wieder auf den Boden der Tatsachen, nur manchmal leider zu spät.

    • Wenn Sie auf diesem Niveau diskutieren wollen…

      … (a) sind die vermeintl. „aus der Wissenschaft kopierten Darlegungen“ die Resultate meiner eigenen Studien, in deren Rahmen ich den bis zur Vollendung meiner Dissertation publizierten kompletten(!) einschlägigen qualitativen und (in jeder Hinsicht wichtigeren) quantitativen deutsch- und englischsprachigen (und z.T. japanischen) Forschungskorpus zur Medienwirkungs- und Nutzungsforschung gesichtet und analysiert habe (und seitdem weiterhin rezipiere). Grundlage meiner „Vorstellungen“ ist also ein ganzheitliches Medienreview, insb. mit Blick auf die forschungstheoretischen und -praktischen Defizite und Einschränkungen der beteiligten Disziplinen, nur um dem Vorwurf, man könne für jede Position eine Studie finden, die die eigene Position vermeintl. bestätige, a priori den Wind aus den Segeln zu nehmen;

      … (b) gibt es da keine verschiedenen Wissenschaften, aus denen man sich nach eigenem Gutdünken nehmen könne, was den eigenen Vorstellungen entspricht… oder versuchen Sie jetzt gerade an den Paradigmata empirischer Forschung per se zu rütteln? Was ist denn das bitte für ein bestenfalls krudes Wissenschaftsverständnis für einen Lehrer?! Lustig auch, dass sie Theorie und Empirie nicht differenzieren….

      … was das für „praktische Erfahrungswerte“ sein sollen, die die Erkenntnisse der empirischen Medienwirkungsforschung „widerleg[en]“ sollen, bin ich gespannt zu erfahren, insb. weil es hier ja um vermeintl. Verrohungswirkungen u.ä. geht, bspw. auch vermeintl. aggressives Verhalten infolge der Rezeption medialer Gewaltdarstellungen. Bzgl. Ersterem empfehle ich die referierte Dissertation, Kap. 3.3 und 6.2.3 (passim). Bzgl. Letzterem mahne ich zur Selbstreflexion und warne vor kognitivem Bias infolge negativer Anthropologie und eines naiven Medieninformationskonzeptes:

      „Peer-, Eltern- u. Lehrerreporte können die Problematik zwar relativieren, die Bewertungsgrundlage aggressiven Verhaltens kann dann aber i.d.R nicht mehr die subjektive Absicht des vermeintlichen Aggressors zur Schädigung, sondern wird insb. nur noch die Beobachtung des Verhaltens desselben sein: Die Frage ist aber, inwiefern die Reporter aggressives Verhalten einerseits und z.B. soziale Kompetenzdefizite oder Kampf- und Tobespiele andererseits hinreichend differenzieren (können), denn die Attribuierung eines Verhaltens als aggressiv ist ohne die Kontrolle der Intention des evtl. Aggressors ggf. nur ein soziales Unwerturteil, kann u.a. eine Frage bspw. des Geschlechts, des Alters, der sozialen Herkunft und des sozio-ökonomischen Status des Reporters, wie auch dgl. des evtl. Aggressors, des situativen Kontextes und gar der Intensität des Verhaltens sein“ (a.a.O., S.47).

      Oder: Wie differenzieren Sie denn zwischen tatsächlich aggressivem Verhalten und unter Säugetieren (so auch beim Menschen) insg. normalen Kampf- und Tobespielen? Und jetzt bedienen Sie bitte nicht wieder die unsägliche Phrase des gesunden Menschenverstandes, denn davon meint ja nicht nur jeder genug zu haben, wir sehen auch die Unzulänglichkeit solcher Phrasen (und dieser Whataboutism sei mir erlaubt) gerade in der Pandemiesituation bei Querdenkern, der KMK und Co., die alle ihr Verhalten wohl auch im Brustton der Überzeugung mit ihrem vermeintl. „gsunden Menschenverstand“ verteidigen würden. Das ist nur ein Synonym dafür, dass man auf seiner auch kontrafaktischen Meinung beharren (und sich ggf. nicht mit intersubjektivierbarer Argumentation oder gar Wissenschaft auseinandersetzen) möchte.

      Zur vermeintl. Anerkennung von Spielsucht dürfen Sie sich auch gerne umfassender informieren, das war auch hier unlängst Thema: https://www.news4teachers.de/2021/11/studie-mehr-computerspiel-suechtige-kinder-seit-beginn-der-corona-krise-genauer-jungen/#comment-402016.

      Soviel auch zur Diabolisierung einer „Gaming-Welt“, in der skrupellose Unternehmen Kinder und Jugendliche in die Sucht führen. Abermals mit Verlaub: Aber das ist keine Beobachtung Ihrerseits und auch nicht das Resultat des Ruminierens mit gesundem Menschenverstand, dass ist ihr idiosynkratisches, viel zu sehr simplifizierendes Welt- und Menschenbild. Bitte weniger Neoluddismus.

      Computerspiele zu spielen ist übrigens ein inzwischen mehr oder weniger ubiquitäres Phänomen, da kommen Sie mit der Mahnung deutlich zu spät: 2020 spielten ca. 34,3 Mio. Bundesbürger Computerspiele (der Altersdurchschnitt der Spieler lag übrigens bei ungefähr 37,5 Jahren); Quelle: https://www.game.de/wp-content/uploads/2020/08/game-Jahresreport-2020.pdf, S.9-14.

      Da passen ja auch unbestätigte Behauptung, wie Ihre folgende: „Die Hemmschwelle zur Gewaltbereitschaft ist ja sichtlich auch gesunken.“ Ist das auch ein Erfahrungs- oder Beobachtungswert Ihrerseits? Ich traue mich ja gar nicht, Ihnen jetzt wieder mit Wissenschaft zu kommen, aber anstatt Vieler (etwas populärwissenschaftlicher): https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/gangsterlaeufer/203562/zahlen-und-fakten.
      Und was genau hat das mit der Medienrezeption zu tun? Ach ja, die vermeintl. mediengewaltinduzierte Verrohung haben Sie ja bereits angeführt, also eine Wirkungsannahme, der ich bereits in meinem Beitrag von 10:17 Uhr heute morgen (auf den Sie antworteten), den Wind aus den Segeln genommen habe (hier u.a. auch der Verweis auf die S.54ff. meiner Diss.).

      Da kläre ich Sie gerne auf, kollegiale Beratung und so… als Lehrer sollte Ihnen nämlich Selbstreflexion, kritische Distanz und lebenslanges Lernen eigtl. ein hohes Gut sein, statt dass Sie hier u.a. in unangebrachter Ironie auf Ihrem Standpunkt beharren wollen und geradezu ostentativ jeden Versuch nüchternerer Betrachtung (mit dem Verweis auf Ihre vermeintl. Erfahrungen und einen gesunden Menschenverstand) von sich weisen, das wirkt dann nämlich befangen, renitent.
      Und deshalb wirkt es tatsächlich so, als ob Sei viel Meinung zu dem Thema haben, aber nicht Willens sind zu hinterfragen, ob Sie vielleicht einem Bias erliegen…

      … und bestätigt wird dies mit ihren letzten drei Sätzen, denn Sie haben offenbar nichts von dem gelesen, was meinem Sternchen folgte und geflissentlich meine vorangehende Ausführung ignoriert, die ja gerade auf die unterschiedlichen Medienrezeptionskompetenzen (ja, Deutsch ist eine wunderbar produktive Sprache, man kann tolle Komposita bilden… und jetzt?!) auch von Kindern und Jugendlichen abstellte (ein empirischer Allgemeinplatz, auch in der mordernen kommunikations-/Medienwissenschaft, den Sie jetzt als unrealistisches „Idealbild“ verklären wollen) und diese der negativen Anthropologie ener tendenziell eher homogen imaginierten, pauschalgefährdeten Kindheit und Jugend gegenüberstellte. Soviel zum Textverständnis.

      Also nochmal Butter bei die Fische, für die Anekdotenkasse: Welche konkreten, intersubjektivierbaren, eineindeutigen Praxiserfahrungen haben Sie denn, die die wissenschaftlichen „Auslassungen“ widerlegen sollen und die mehr sein könnten als Anekdoten von Situationen, die Sie i.S.d. Aquinaten interpretieren, mehr als altbekannter Neoluddismus, mehr als Empröung über die gar nicht neuen neuen Medien? oder spielen wir hier gleich Anekdoten-Ping-Pong? Sind dann Ihre Lehrererfahrungen valider als meine? Oder treffen wir uns doch auf common grounds, also zwangsläufig bei der Wissenschaft?

      • @PaPo

        Bitte doch auf Unwissende und Ungebildete herablassen:

        a) Wie alt waren die Kids?
        b) Wie groß die U-Gruppe?
        c) Welche Methode zur Datenerhebung wurde verwendet?
        d) Wie geschah die Auswertung?
        e) Wie lange lief die Studie?
        f) Daten und Fakten, die Basics zum Verstehen bitte

        Bitte kurze Antwort – da s.o.

        Leider kenne ich Ihre Diss nicht. Kann also nicht nachlesen.

        Geht es nicht mehr um den Inhalte der „neuen“ Medien und deren Verarbeitung bzw. Auswirkung auf Kinder und Jugendliche, als um die neuen neuen Medien?

        Ein wenig arrogant und genervt klingt Ihr Beitrag schon. Und etwas respektlos auch. Und ziemlich vor Ironie triefend.

        Eigentlich schade.

        Habe gerade Anekdoten unterrichtet – hier fehlen bei beiden Beiträgen die eindeutigen Merkmale.

        • @ Riesenzwerg:

          „a) Wie alt waren die Kids?
          b) Wie groß die U-Gruppe?
          c) Welche Methode zur Datenerhebung wurde verwendet?
          d) Wie geschah die Auswertung?
          e) Wie lange lief die Studie?
          f) Daten und Fakten, die Basics zum Verstehen bitte“

          Von welcher Studie schreiben Sie? Die Diss. findenSie oben in meiner allerersten Reaktion auf Sie, die Zusammenfassung des Forschungsstandes auf fünf Seiten in meinem Beitrag v. 11. November 2021 um 23:46 Uhr. Das ist keine Medienwirkungsstudie, deshalb weiß ich nicht, was Sie konkret von mir wollen.

          Dann klingt das so für Sie, auch gut, da verweise ich auch auf den gerade genannten Beitrag. Zu den Anekdoten habe ich Ihnen gerade auf einen anderen ihrer Beiträge geantwortet, wo Sie dies ebenfalls erwähnten. Bitteschön.

  8. Vergessen Sie es, Sie brauchen sich nicht dazu herablassen, mit „Ungebildeteren“ zu diskutieren, bleiben Sie in Ihrem wissenschaftlichen Elfenbeinturm, und sorry, ich wollte Sie keinesfalls brüskieren, das war nicht meine Absicht. Aber man kann die Themen auch sachlich und unaufgeregt diskutieren, andere Meinungen zulassen und evtl. relativieren, man muss nicht arrogant werden. Selbstverständlich bewundere und respektiere ich Ihre umfassende Kenntnis, ich bin eben pragmatischerer Natur und beobachte meine Umwelt mit eigenen Augen, wie einfältig. Habe aber auch nie behauptet, dass meine Lehrererfahrung valider ist als Ihre, es ist halt meine, und Sie haben Ihre. Können wir uns darauf einigen? Falls Sie wieder eine seitenlange Antwort geben, ich werde sie nicht lesen, ich muss nicht das letzte Wort haben.

    • Sie weichen den Fragen aus…

      … wie dem auch sei:
      Sie können vermeintl. Sucht-, Aggressions- u./o. Verrohungswirkungen denklogisch nicht mittels simpler Beobachtung von Kindern und Jugendlichen, Ihrer Schüler etc. feststellen, da Sie (zzgl. zu den skizzierten allg. Problemen bei der Beobachtung von vermeintl. aggressivem Verhalten) ja lediglich ein Ende (die vermeintl. Wirkung) der ebenso vermeintl. Ursache-Wirkung-Kausalkette haben werden. Fragen Sie sich doch ehrlich einmal selbst: Was wissen Sie denn tatsächlich über die Medienrezeptionsgewohnheiten derjenigen, denen Sie ggf. Sucht, Aggression und Verrohung infolge der Rezeption gewaltdarstellender Medien attestieren, geschweige denn über die konkreten Medieninhalte (haben Sie die Serie nun komplett gesehen oder nicht?) oder letztlich darüber, wie die jeweiligen Rezipienten diese wahrnehmen? Abgesehen davon, dass solchen Wirkannahmen zugrundeliegende Stimulus-(Objekt-)Reaktion-Modelle für Medienwirkungen seit ca. fünf Jahrzehnten ohnehin niemand mehr ernsthaft vertreten kann (die waren schon zuvor atavistisch)…

      Ich bemühe mich um Aufklärung, nicht um Höflichkeitsfloskeln oder Diplomatie etc., aber auch nicht um Konflikt (und nur als Anmerkung: Die Despektierlichkeiten gingen von Ihnen aus, auch wieder in Ihrem letzten Beitrag):
      Für Sie sind diese sachlichen und unaufgeregten Feststellungen, die Konfrontation mit dem Forschungsstand, herablassende Arroganz aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm, dem Sie Ihre Meinung(!) entgegensetzen wollen u./o. nicht konkretisierte anekdotische Evidenz. Letztere ist auch aus den skizzierten Gründen für diese Diskussion wertlos. Und Medienwirkungen und -nutzungsmotive sind auch keine Meinungsfragen. Ich will Sie nicht zu blindem Empirismus verführen – ganz im Gegenteil -, aber Ihr Wissenschaftsskeptizismus wirkt eher (und das meine ich ganz wertfrei) wie das Resultat kognitiver Dissonanz und eines gewissen Naserümpfens über Medieninhalte, die sie mglw. gar nicht selber kennen (ich schätze Sie als Novizen ein, s. hier: http://www.rainerwinter.net/wordpress/wp-content/uploads/winter-2011-die-lust-am-grauen-DE.pdf, S.194ff.).
      Deshalb habe ich Ihnen ja auch die entsprechende Fachliteratur geboten. Sie wollen doch „sachlich und unaufgeregt diskutieren“, da braucht es entsprechende Grundlagen. Aber OK, 314 Seiten sind etwas viel… deshalb hier der Forschungsstand in Kurzform:
      https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0170-5067-2020-4-2/aggressiv-durch-mediengewalt-stand-und-probleme-der-gewaltwirkungsforschung-bei-computer-spielen-jahrgang-43-2020-heft-4?page=1

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