Neue Perspektive auf Migration – Wissenschaftler fordern Abitur-Reform

8

BREMEN. Die Schule wird den Anforderungen der heutigen Migrationsgesellschaft nicht gerecht, stellen Bremer Wissenschaftlerinnen in einem Projekt fest. Besonders die Fremdsprachenanforderungen für das Abitur sollten ihrer Meinung nach überarbeitet werden.

Für einen substanziellen Teil der Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist ein zukünftiges Leben im Ausland eine realistische Option – für kurze Zeit oder auf Dauer, aus Interesse oder gezwungenermaßen. Transnationale Migration in diesem Sinne in den Blick zu nehmen, war Ziel des auf drei Jahr angelegten Projekts „Transnationale Mobilität in Schulen (TraMiS)“ der Universität Bremen, in Kooperation mit zwölf Schulen und Unterstützung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

multietnische Kindergruppe
Yasemin Karakaşoğlu und Dita Vogel plädieren für eine neue Perspektive beim Blick auf Migration in der Schule. Foto: Shutterstock

Migration von Schülerinnen und Schülern sei bislang fast ausschließlich als in der Vergangenheit liegende Erfahrung verstanden worden. Entsprechend würden meist nur Folgen von Migrationserfahrungen für die Beschulung als Anschlussfähigkeit an die Erfordernisse des hiesigen Systems diskutiert, so die Bremer Forscherinnen Yasemin Karakaşoğlu und Dita Vogel im Ergebnisbericht des Projekts.

In drei Projektphasen hatten Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen kurze Fallgeschichten diskutiert, geschildert, was sie problematisch finden und was besser geregelt werden könnte. Außerdem haben die Forscherinnen Schulen im Ausland besucht, um nach Anregungen für transnational inklusive Schulen zu suchen. Um gute Beispiele und neue Ideen in die Lehrkräftebildung einzubringen, wurden unter anderem kostenlos herunterladbare Comics und illustrierte Handouts entwickelt.

Im Ergebnis bestätigten Yasemin Karakaşoğlus und Dita Vogels Untersuchungen, dass das Wissen und die Haltung von Lehrkräften in der Schule der Migrationsgesellschaft für das Gelingen von Bildungsbiografien zentrale Aspekte seien. Konkret bedürfe es besonders einer informierten Haltung zu unterschiedliche Migrations- und Bleibeperspektiven, den Erwartungen an geflüchtete Jugendliche sowie des Bewusstseins für die Notwendigkeit einer mehrsprachigen Gestaltung des Unterrichts.

Ein elementares Problem im Migrationskontext bildeten auch die Aufnahmemodelle in Deutschland, die, so Karakaşoğlu und Vogel, dem Deutschlernen vor dem fachlichen Lernen Priorität gäben, statt beides zu integrieren. Neben alternativen Modellen im Ausland könnten hier nach Ansicht der Forscherinnen Multi- und bilinguale Ansätze in Deutschland Veränderungspotenziale aufzeigen.

Fast zwangsläufig ergibt sich aus diesen Überlegungen der vielleicht spektakulärste Vorschlag des Berichts. „Eine zweite Fremdsprache in der Schule lernen oder eine Sprachprüfung in einer beliebigen Sprache bestehen – das sollte gleichwertig als Voraussetzung für die Allgemeine Hochschulreife anerkannt werden“, fasst Dita Vogel den Kern der Reformidee zusammen. Von dieser Änderung würden vor allem mehrsprachig aufgewachsene Jugendliche profitieren. Sie müssen derzeit meist Französisch, Spanisch oder Latein als ihre vierte oder fünfte Sprache lernen, wenn sie studieren wollen. Mehrsprachig aufwachsende Kinder machen in westdeutschen Großstädten oft die Hälfte aller Kinder aus. In einem „Policy Brief“ haben die Projektbeteiligten ihren Reformvorschlag auch der KMK zugeleitet.

Insgesamt würde eine andere Perspektive nicht nur bestehende Diskriminierungen beseitigen und mehrsprachig Aufgewachsene stärken, sondern auch Lehrkräftemangel mildern und ökonomische Chancen bieten. „Wenn Schulen nur auf ein Leben in Deutschland vorbereiten, werden sie den vielfältigen transnationalen Bezügen der Kinder und Jugendlichen von heute nicht gerecht“, so Yasemin Karakaşoğlu. (zab, pm)

Kurzdossier „Alle Sprachen zählen“
Kurzdossier „Transnationale Mobilität in Schulen – Ergebnisse des Forschungs- und Entwicklungsprojekts TraMiS“

OECD: Gegliedertes Schulsystem erschwert Bildung für Einwandererkinder

Anzeige


8 KOMMENTARE

  1. Startthese:
    Für einen substanziellen Teil der Schülerinnen und Schüler in Deutschland ist ein zukünftiges Leben im Ausland eine realistische Option – für kurze Zeit oder auf Dauer, aus Interesse oder gezwungenermaßen.
    Endthese:
    „Wenn Schulen nur auf ein Leben in Deutschland vorbereiten, werden sie den vielfältigen transnationalen Bezügen der Kinder und Jugendlichen von heute nicht gerecht“

    Bin jetzt verwirrt?
    Ergebnis der Studie war also, dass man in anderen Ländern auch andere Sprachen spricht.
    Da hilft auch nicht das alte Missverständnis vieler Touristen:
    „Wenn man nur langsam und besonders laut spricht, werden die Einheimischen das gesagte schon verstehen“

    Zurück zu den Fremdsprachen, so lange wir uns nicht auf eine einheitliche Weltsprache einigen wird das Problem wohl nicht zu lösen sein.
    Deutsche Schüler die später im Ausland leben und arbeiten wollen werden dann wohl auch die dortige Landessprache lernen müssen.
    Umgekehrt werden Migranten nicht an der Tatsache vorbei kommen, dass Deutsch die hier verwendete Amtssprache ist.
    Bildung findet in Deutschland hauptsächlich in deutscher Sprache statt.
    Die Beherrschung der deutsche Sprache ist also der Schlüssel zur Erlangung von schulischer Bildung und den damit verbundenen Abschlüssen.
    Alle anderen Ansätze halte ich für utopisch und wenig sinnvoll.

  2. Bremen ist ganz unten im nationalen Vergleich. Den Vorschlag, die eigene Herkunftssprache als zweite Fremdsprache gelten zu lassen, könnte ich sogar etwas abgewinnen, wenn sie gleichwertig zu den Erfordernissen der regulären zweiten Fremdsprache beherrscht wird. Dazu gehören die Sprachkenntnisse selbst in Wort und Schrift sowie die Landeskunde und Literatur analog wie im Spanischunterricht in der Sekundarstufe I Südamerika und Romane behandelt werden.

    Das, was sich die Autoren vorstellen, nämlich türkische Herkunft = zweite Fremdsprache erledigt, reicht mir bei weitem nicht aus. Außerdem müsste man mir mal plausibel erklären, weshalb auf deutsch nur „Asisprech“ beherrschende Jugendliche die feinste Herkunftssprache können.

    • Woher nehmen Sie diese Annahme, dass sich das die Autor*innen vorstellen? Die 2. Fremdsprache muss selbstverständlich auf einem gewissen Niveau gesprochen werden. Daher der Test. B1 ist schon ganz ordentlich. Besser können sicher viele Abiturienten auch kein Englisch oder Französisch, wenn sie es nicht vertieft belegen.

      • Man kennt Studien aus dem Bereich mittlerweile. Mit Der Forderung nach Leistung haben die weniger zu tun als mit der Forderung nach sozialistischer Gleichheit.

  3. Mich würde einerseits interessieren, wie man in europäischen Nachbarländern darüber denkt (auch in der Schweiz mit ihren 4 Amtssprachen) sowie in den klassischen Einwanderungsländern wie USA, Kanada, Australien.
    Zum zweiten wundere ich mich, dass die Muttersprachler in den „anderen“ Sprachen dann „nur“ auf B1-Niveau ihr Abitur bestehen sollen. Wäre da nicht mehr angezeigt? Wenn die Familiensprache Russisch ist, dann sollte man doch Russisch auf hohem Niveau verlangen. Man kann ggfs. dann beim Deutschen weniger anspruchsvoll sein, wenn die Kandidaten noch nicht lange im Lande sind.
    Zum dritten frage ich mich, woher eigentlich die vielen Lehrer für die an Schulen „exotischen“ Sprachen herkommen sollen. Da kann man ja auch nicht irgendjemanden für diese „jährlich angebotenen Sprachprüfungen“ nehmen, sonst entstehen wieder große Ungerechtigkeiten in einem „Discount-Abitur“.
    Zum vierten könnte der Titel natürlich auch lauten „GEW fordert Abitur-Reform“, denn natürlich war das eine Auftragsstudie, und die Wissenschaftler waren handverlesen. Der Bericht zeigt auch deutlich die Handschrift der GEW.
    Zu meiner Schulzeit gab es übrigens drei Fremdsprachen, eine hörte irgendwann auf, die beiden anderen gab es bis zum Abitur und auch in der Abiturprüfung.

    • Es geht den Autorinnen glaube ich weniger um die Prüfung an sich, sondern erst einmal um die Zulassung zur gymnasialen Oberstufe ohne zweite Fremdsprache in der Mittelstufe, wenn die Herkunftssprache weder Deutsch noch Englisch ist, weil daran viele der Migranten scheitern. Dass daran – und natürlich an Mathematik – nicht nur viele Migranten scheitern, blenden die Autorinnen natürlich aus.

  4. Ich verstehe es eher so, dass es eine gewisse Grundfertigkeit braucht um eine Sprache zu lernen und dass jemand, für den Deutsch die 2. Sprache ist und meinetwegen Arabisch die 1. eine ähnliche kognitive Leistung erbringt wie jemand der Deutsch als Muttersprache hat und dann Französisch lernt. Auf diese Leistung sollte es ankommen und nicht darauf, wo oder wie man die Sprache gelernt hat.

    • Das würde ja heißen: arabische Schüler sollen im Abitur Deutsch etwa so gut können wie deutsche Schüler Französisch, und das genügt. Meinen Sie das? Ob das ganze nicht doch dazu dient, die letzten Hürden außer dem MSA für den Übergang in die gymnasiale Oberstufe zu beseitigen?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here