OECD: Gegliedertes Schulsystem erschwert Bildung für Einwandererkinder

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Kinder und Jugendliche mit Migrationsgeschichte besuchen in Deutschland zunehmend die gleichen Schulen – bleiben also verstärkt unter sich. Das geht aus Daten hervor, die die OECD am Donnerstag vorstellte. Der Effekt habe sich demnach im Untersuchungszeitraum von 2006 bis 2018 noch verstärkt. Auch das gegliederte Schulsystem sei dafür verantwortlich, heißt es.

Zehntausende von Flüchtlingskindern müssen in den Schulen sprachlich und sozial integriert werden. Foto: UK Departement for Development / flickr (CC BY 2.0)
Es gibt immer mehr Schulen mit einem hohen Migrantenanteil (Symbolfoto). Foto: UK Departement for Development / flickr (CC BY 2.0)

Schüler an Einrichtungen mit vielen Klassenkameraden mit Migrationshintergrund seien demnach im Vergleich zu Schülern anderer Einrichtungen schulisch teils deutlich im Rückstand – und zwar auch, wenn Faktoren wie Geschlecht, Bildung der Mutter oder die zu Hause gesprochene Sprache herausgerechnet würden. Das liege auch an der frühen Aufgliederung des Schulsystems nach der Grundschule und daran, dass die meisten Schülerinnen und Schüler hierzulande nur halbtags zur Schule gingen, sagte Thomas Liebig, der sich bei der OECD als Ökonom mit Migrationsfragen befasst.

«Zuwanderung in diese Stadtteile mit hoher Konzentration bringt den Neuzuwandern kurzfristig Vorteile, aber langfristig eben Nacheile»

Neuzuwanderer ziehe es laut OECD in Deutschland wie in anderen Staaten vor allem in die Städte und dann in bestimmte Stadtteile, wo es schon vermehrt Landsleute ihres Herkunftslandes gebe. Dort könnten sie sich auch ohne deutsche Sprachkenntnisse leichter zurechtfinden und bekämen vielleicht Hilfe bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen oder Arbeit. «Zuwanderung in diese Stadtteile mit hoher Konzentration bringt den Neuzuwandern kurzfristig Vorteile, aber langfristig eben Nacheile», warnte Liebig, der auf Sprachkenntnisse oder Aufstiegsmöglichkeiten am Arbeitsmarkt verwies – neben dem Effekt für Schülerinnen und Schüler.

Liebigs Schlussfolgerung: «Wir müssten eigentlich die Integrationspolitik viel mehr auf diese Stadtteile ausrichten und nicht so stark nach dem Gießkannenprinzip verfahren.» Es brauche gezielte Unterstützung für Schulen in solchen Gebieten und mehr Sprachförderung, zudem Anreize für Zuwanderer zum Umzug in andere Viertel. Das könne etwa mit sozialem Wohnungsbau gelingen und mit Maßnahmen gegen Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Die OECD ist ein Zusammenschluss von 38 entwickelten Industrieländern. Sie engagiert sich in Bildungsfragen – und gibt beispielsweise die PISA-Studie heraus. News4teachers / mit Material der dpa

Immer mehr Einwandererkinder: Mittlerweile jeder dritte Schüler hat ausländische Wurzeln

 

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16 KOMMENTARE

  1. Die OECD könnte sich mal um Frankreich kümmern. Dort gibt es ein einheitliches Schulsystem, aber das Problem mit den Wohn-Hochhäusern in Vorstädten, die vorwiegend von Einwanderern bewohnt werden, scheint sogar noch gravierender als in Deutschland zu sein. Schwarzen-Ghettos gibt es offenbar auch in USA, ebenfalls mit einem einheitlichen Schulsystem. Und ähnliches hört man auch aus den Vorstädten von Stockholm. Und wie steht es um die Bildung der syrischen Flüchtlinge in der Türkei?
    Dieses isolierte Herumhacken auf Deutschland scheint System zu haben, es wird von politisch interessierter Seite angeheizt. In Deutschland gilt alles das als schlecht, was es auch andernorts gibt, z.B. eine Segregation nach Wohnvierteln mit Armen- und Reichen-Vierteln. Die russischen Oligarchen wohnen auch nicht in den Armenvierteln, und Zuwanderer nach Russland hätten es nicht besser als die nach Deutschland. Nur will da eben keiner hin, der halbwegs normal im Kopf ist. Die Russen brauchen nur Bomben auf Syrien zu werfen, um die Flüchtlinge soll sich dann Deutschland kümmern und bekommt dann noch Schelte dazu (ein „rassistisches Land“, ständig bekommen wir das eingehämmert), Polen natürlich nicht, die wollen nur Katholiken ins Land lassen.

    • Sehr geehrter Carsten60,

      zur Klarstellung: Es gibt kein „isoliertes Herumhacken“ der OECD auf Deutschland. Die Studien der OECD werden von den jeweiligen Staaten beauftragt (im Fall von Deutschland: von der Kultusministerkonferenz). Deutschland ist zudem maßgebliches Mitglied der OECD, Russland gehört ihr nicht an.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

    • Der Ausdruck „herumhacken“ ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber Herr Schleicher lässt als OECD-Bildungs-Chef keine Gelegenheit aus, das deutsche Schulsystem oberlehrerhaft anzuprangern. Hier
      https://bildungsklick.de/schule/detail/gegenwaertiges-schulsystem-gleichmacherei
      behauptet er sogar, das deutsche Schulsystem würde zu einem „einförmigen Unterricht“ führen. Woher weiß er das wohl?
      Zu dem obigen Artikel: Kein Land der Welt wird wohl sein Schulsystem nur wegen der Einwanderer ändern, aber von Deutschland wird es implizit verlangt. Und Russland war bei PISA jedenfalls mit dabei, daher ist die Erwähnung von Russland nicht absurd. Besonders gut war Russland aber trotz seines einheitlichen (ehem. sozialistischen) Schulsystems nicht, und die sozialen Unterschiede sind enorm.

  2. Solange Bildung als möglichst hoher Schulabschluss interpretiert wird, wird ein gemeinsames Schulsystem das auch nicht ändern.

    Auch hier muss ich wieder fragen, wieso und wie eine sehr diverse, also heterogene Schülerschaft einen möglichst homogenen Schulabschluss schaffen soll? Das wiederspricht sich doch, die Kulturmarxisten wollen das aber aus ideologischen Gründen nicht sehen.

    Und natürlich: Aus Japan oder China oder Belgien eingewanderte Kinder haben die Probleme sehr wahrscheinlich nicht. Bei hier in Deutschland geborenen Kindern von Einwanderern ist es Aufgabe der Eltern, den Kindern die Wichtigkeit von Bildung in Deutschland zu vermitteln.

  3. Ich verstehe die Kritik nicht. Daz Stunden bekommen die Kinder schon bis es oben raus kommt. Wieso soll das Schulsystem jetzt auch noch Schulden sein?

    Für mich wirkt es so als sei immer das System, die Umstände, irgendwas anderes Schuld, nur die Leute selbst nicht. Klingt etwas klischeebehaftet, aber wir haben 5 Kids aus China, Japan. Die sind extrem leistungsstark. Sehr seltsam. Die Kids mit Problemen sind alle aus Bulgarien, Rumänien, Arabischer Raum.
    Also die typischen Länder, die auch generell negativ auffallen in anderen Bereichen. Das ist so der generelle Stand

    • Im nationalen Bericht zu PISA 2012 steht in Tabelle 9.13 sogar eine Aufschlüsselung nach Herkunftsländern. Die Unterschiede bei den Mathematikkenntnissen sind hoch. Also weiß die OECD das, aber eine Analyse der genauen Ursachen steht wohl noch aus. Das gegliederte Schulsystem ist immer der universelle Sündenbock, erklärt aber nicht, dass dieselben Probleme ja auch in europäischen Nachbarländern auftreten (z.B. Frankreich), die ein einheitliches Schulsystem haben.

  4. Dass zu große Heterogenität den Unterricht und das Lernen erschwert, dürfte inzwischen kaum jemand mehr bezweifeln. Ich bin es leid, immer wieder die Behauptung zu hören, dass ein gegliedertes Schulsystem die Bildung für Einwandererkinder erschwere.
    Im Grunde geht es doch immer wieder nur um Kinder aus demselben Kulturkreis, die sich auffallend häufig schwertun. Klagen über andere Zuwandererkinder kenne ich so gut wie keine.
    Und das soll „auch“ am gegliederten Schulsystem liegen? Diese Mär wird von Andreas Schleicher, dem deutschen „Pisa-Papst“, und seiner Chefin, der OECD, seit Ewigkeiten erzählt.

  5. Hier werden zwei sehr unterschiedliche Aspekte unzulässig vermischt: Die Tatsache, dass Zuwanderer verständlicherweise in Stadtviertel ziehen, wo schon viele wohnen, die ihre Sprache sprechen, und dann auch dort zur nächsten Schule gehen (haben die deutschen Einwanderer in die USA genauso gemacht, es gab deutsche Stadtteile, deutsche Zeitungen, deutsche Kneipen ….) und unser dreigegliedertes Schulsystem. Beides hat zunächst miteinander nichts zu tun. Das erstere Problem löst z. B Dänemark so, dass es eine Durchmischung der Stadtteil mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen fordert und fördert – dann gingen die Migrantenkinder auch auf unterschiedliche Schulen in verschiedenen Stadtteilen (und lernten evtl. etwas schneller die deutsche Sprache im Umgang mit deutschen Kindern). Was das dreigliedrige Schulsystem damit überhaupt zu tun hat, erschließt sich mir nicht.

    • Hmm, ich würde mal behaupten dass einheitliche Stadtviertel oder Wohnverhältnisse begrenzt etwas mit dem Bildungsproblem zu tun haben. Wenn ich nach Schweden ziehen würde wäre es egal ob ich in Rosengard oder Göteburg wohnen würde, meine Kinder würden Schwedisch lernen. Es kommt am Ende immer auf einen selbst an. Egal wie viel man hilft, durchmischt oder versucht etwas an den Rahmenbedingungen zu ändern, solange die Menschen selbst nicht mitziehen, bringt es einfach alles nichts.

    • Sie sagen es, Marc! Ich höre immer nur, was der Sozialstaat, die Gesellschaft oder auch die Schulen für Einwanderer und deren Kinder tun muss. Dabei kommt es tatsächlich und vor allem auf die Menschen selbst und ihre Anstrengungsbereitschaft an. Die wird aber nicht gestärkt, wenn Einwanderer immer nur hören, wie sehr doch allein der Staat für ihr Wohl und Wehe verantwortlich ist.

      @Rabe aus NRW
      Mir erschließt sich auch nicht, was das dreigliedrige Schulsystem mit schlechteren Bildungschancen von Einwandererkindern zu tun hat. Die OECD wirbt schon, so lange ich denken kann, für integrierte Gesamtschulen. Sie scheinen ihr idologisches Steckenpferd zu sein, für das ständig Begründungen gesucht und gefunden werden.

  6. Ich unterrichte an einer 3 zügigen Grundschule in der Stadtmitte einer süddeutschen Kleinstadt. Der Anteil der Kinder, deren Familien Migrationshintergrund haben liegt bei etwa 85 Prozent.
    2016 kamen 46 Kinder von Geflüchteten dazu, die kein Deutsch sprachen. Bei einer Besprechung mit der Vertreterin des Schulamtes schlug ich vor, einen Kleinbus zu mieten und die Hälfte dieser Kinder an die Grundschule des Stadtteils zu fahren um dort im Sprachbad Deutsch zu lernen, der größtenteils aus wohlsituierten Einfamilienhäusern besteht, wurde als guter Witz mit Gelächter abgetan. Unsere Schule durfte mal wieder eine zweite Vorbereitungsklasse VKL eröffnen….
    Gute Stadtteilarbeit und besondere Unterstützung von Schulen, die sich um Benachteiligte kümmern ist meiner Meinung nach dringend geboten. Unter unserer Schülerschaft sind einige, die begabt und willig sind, aber die so viele zusätzliche Probleme haben, dass es ihnen schwerer fällt ihr Potential auszuschöpfen.
    Die Privilegierten blieben unter sich.
    Das ist in Deutschland so politisch gewollt!

    • Aber was sollen Probleme in Grundschulen mit dem gegliederten Schulsystem zu tun haben? Die Segregation nach Wohnvierteln ist ein prinzipielles Problem auch dort, wo man einheitliche Schulsysteme hat (was deren Befürworter lieber konsequent verschweigen). In USA hat man dieses „desegregation bussing“ (wie Sie das vorschlugen) systematisch betrieben, aber ein allzu großer Erfolg scheint das auf Dauer nicht gewesen zu sein, es ist wieder auf dem Rückzug („The practice of forced bussing declined in the 1980s“):
      https://www.bbc.com/news/world-us-canada-48803864
      Dennoch ist es nicht falsch, wenn Sie feststellen „die Privilegierten bleiben unter sich“, aber Sie irren, wenn Sie meinen, das sei typisch für Deutschland. Im Gegenteil: es dürfte fast überall in der Welt so sein, sogar im Libanon, wo es eine kleine, steinreiche Oberschicht mit Luxusvillen, Luxusyachten usw. gibt und dann eine arme Mehrheitsbevölkerung und viele bettelarme Flüchtlinge dazu.
      Mir geht diese Selbstzerfleischung in unserem Lande auf die Nerven: Wir kritisieren in Deutschland in isolierten Kommentaren oft das als schrecklich ungerecht, was es in anderen Ländern auch gibt. Auch PISA hat letztlich ergeben, dass in den allermeisten Ländern der Welt mit einheitlichen Schulsystemen die Schüler schlechter abgeschnitten haben als in Deutschland. Aber die wenigen, die besser waren, die hält man uns penetrant und hämisch vor die Nase, so als gäbe es dort das Paradies. Dass Menschen allgemein mehr egoistisch und weniger altruistisch sind, ist auch nicht auf Deutschland beschränkt.

    • …“schlug ich vor, einen Kleinbus zu mieten und die Hälfte dieser Kinder an die Grundschule des Stadtteils zu fahren um dort im Sprachbad Deutsch zu lernen, der größtenteils aus wohlsituierten Einfamilienhäusern besteht, wurde als guter Witz mit Gelächter abgetan“

      Und jetzt raten Sie mal wo hauptsächlich die Grünenwähler leben, die ja immer mehr Problemschulen schaffen wollen, aber bitte nicht in ihrer Gegend, sondern nur bei den Armen…
      Grüne Wähler sind eben die Bourgeoisie bei der ich spontan an 1789 denken muss.

    • Klar wollen „die Privilegierten“ unter sich bleiben. Es bringt nämlich auch nichts, aus ideologischen Gründen „die Elite“ zu schwächen. Elite ist auch wichtig und nichts schlechtes.

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