BERLIN. Spätestens im Mai, so beschloss die KMK bereits im März, enden praktisch alle Corona-Schutzmaßnahmen in Schulen. Tatsächlich kippen fast alle Bundesländer in diesen Tagen Masken- und Testpflicht für Schülerinnen und Schüler – Anlass für eine Bilanz: Wie haben sich die politisch Verantwortlichen für den Bildungsbetrieb in den bislang mehr als zwei Jahren Pandemie geschlagen? News4teachers dokumentiert in drei Teilen eine erschreckende Folge von Fehlleistungen, die mit Sorge auf den bevorstehenden Herbst blicken lässt. Im ersten Teil hatten wir die Wissenschaftsferne und die falsche Prioritätensetzung aufgezeigt. Heute, in Teil zwei, geht es um die Beratungsresistenz – und um hektisches Hin und Her.
Hier geht es zu Teil eins der Bilanz.
3. Versäumnis: Schulpraktikerinnen und Schulpraktikern wurden nicht in Entscheidungen einbezogen
Es hat in der Pandemie so gut wie keine ergebnisoffenen Beratungen von Kultusministerinnen und Kultusministern mit den Lehrkräfteverbänden und Schulleitungsverbänden darüber gegeben, wie pragmatische Lösungen für Schulen möglicherweise aussehen könnten. Die eigentlichen Expertinnen und Experten für die Schulorganisation – die Praktikerinnen und Praktiker also – wurden nur in seltenen Fällen einbezogen. So hat das Land Berlin mit dem „Hygienebeirat“ zwar ein Gremium eingerichtet, in das einige wenige Schulpraktikerinnen und Schulpraktiker, vor allem einzelne Schulleitungen, einbezogen waren. Die Verbände wurden dazu allerdings nicht eingeladen.
Symptomatisch: Am 7. November 2020 gab es das erste und bislang einzige Treffen des KMK-Präsidiums mit Spitzen einiger Verbände von Lehrkräften, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern. Und dieses Meeting endete praktisch ergebnislos.
Entschieden wurde in der Corona-Schulpolitik zumeist über ihre Köpfe der Betroffenen hinweg: Schulen hatten lediglich beim Distanzunterricht die Freiheit, eigenständig Lösungen zu finden. Mussten sie auch: Digitale Angebote der Länder waren zunächst nicht vorhanden – oder ineffektiv. Pragmatische Hilfestellungen, etwa eine Positivliste mit nutzbaren Kommunikations-Tools und Lernapps, hat es nicht gegeben. In Sachen Infektionsschutz galten dafür die engen bürokratischen Vorgaben übergeordneter Behörden. Die Folgen: Luftfilter-Spenden an Schulen mussten abgelehnt werden, weil Schulträger sie nicht wollten. Berufskollegs, die digital sehr gut ausgestattet sind, mussten trotzdem in Präsenz unterrichten. Präsenzunterricht in kleinen Lerngruppen für besonders förderbedürftige Schülerinnen und Schüler, die von Lehrkräften leicht hätten identifiziert werden können, war nicht möglich.
Ein regelmäßiger Austausch mit Schulpraktikerinnen und Schulpraktikern, der den Kultusministerinnen und Kultusministern im Vorfeld von Entscheidungen praktische Expertise aus den Schulen hätte liefern können – vergleichbar dem Expertenrat der Bundesregierung zur Corona-Pandemie –, hat nie stattgefunden.
Entsprechend wenig Unterstützung gab es für die Kollegien. Die Arbeitsbelastungen für die Lehrkräfte ist enorm gestiegen, weil aufgrund der häufigen Quarantänefälle immer wieder Schüler*innen mit Materialien und Klassenarbeiten versorgt werden und Kolleg*innen vertreten werden müssen. Schulleitungen sind mittlerweile mehr mit der Organisation und Abwicklung von Corona-Schutzmaßnahmen wie den Selbsttests der Schüler*innen beschäftigt als mit pädagogischen Aufgaben. Sogar die Kontaktverfolgung, eigentlich Aufgabe der Gesundheitsämter, wurde ihnen übertragen.
Symptomatisch sind die Ergebnisse einer repräsentativen forsa-Umfrage unter Schulleitungen im Auftrag des VBE aus Anlass des Deutschen Schulleitungskongresses. Die Politik erhält dabei ein miserables Zeugnis. So stimmen 80 Prozent der Schulleitungen der Aussage zu, dass die Politik bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht ausreichend beachtet. Von den zuständigen Ministerinnen oder Ministern fühlten sich 2019 noch zehn Prozent unterstützt, doch mittlerweile nur noch zwei Prozent der Befragten.
Wann, wenn nicht in der Corona-Krise, wäre es an der Zeit gewesen, ein professionelles Unterstützungssystem an Schulen durch unterschiedliche Professionen aufzubauen. Was passiert? Das Gegenteil: Das Projekt Gesundheitsfachkräfte an Schulen in Brandenburg wurde eingestellt – mitten in einer Gesundheitskrise.
So wuchs sich auch der Lehrkräftemangel an Schulen weiter aus, wie die forsa-Schulleitungsumfrage deutlich macht. Gaben 2018 noch etwas über ein Drittel der befragten Schulleiterinnen und Schulleiter an, dass sie mit Lehrkräftemangel zu kämpfen haben, war es 2019 schon die Hälfte. Nun sind es fast zwei Drittel. Damit steigt auch der Bedarf an Seiteneinsteigenden. Mittlerweile hat sich die Quote der Schulleitungen, welche diese beschäftigen, deutlich auf 58 Prozent erhöht.
4. Versäumnis: Hektische Ad-hoc-Entscheidungen statt transparenter Stufenpläne
Schulen auf, Schulen zu, Wechselunterricht, kein Wechselunterricht, Masken auf, Masken zu – statt mit ruhiger Hand (oder einem klaren, bundesweiten Notfallplan mit festgelegten Inzidenzen für Schutzmaßnahmen im Schulbetrieb) wurden die Schulen immer wieder mit Beschlüssen von heute auf morgen – oder gerne auch: von Freitagnachmittag bis Montagmorgen – überrascht. Planbarkeit? Unmöglich. Stattdessen: hektisches Hin und Her.
Das hatte auch mit der Intransparenz der Entscheidungen zu tun. Bis heute ist in den meisten Bundesländern unklar, nach welchen Kriterien die Kultusministerinnen und Kultusminister überhaupt entscheiden. Im Herbst 2020 verweigerten sie sich allen Bemühungen, einen bundesweit geltenden Stufenplan für den Schulbetrieb zu vereinbaren. Davon kann bis heute keine Rede sein.
Symptomatisch der Umgang mit den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts für den Schulbetrieb, den das RKI im Herbst 2020 vorlegte – sie wurden von den Kultusministern ignoriert. Die Empfehlungen sahen die Einführung der Abstandsregel und einer Maskenpflicht in Klassenräumen ab einer Inzidenz von 50 vor. Kein einziges Bundesland hielt sich daran. Kein Kultusminister begründete öffentlich, warum er die Empfehlungen verwirft.
Die einzige Reaktion kam von Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe, Koordinator der SPD-geführten Kultusministerien. Er habe sich aber bei den anderen Kultusministern erkundigt und „kein Bundesland richtet sich nach dieser sehr seltsamen Empfehlung“. Stattdessen erklärte Rabe: „Die Kinder infizieren sich in ihrer Freizeit neun Mal häufiger als in der Schule. Eigentlich müsste man die Freizeit schließen, nicht die Schulen.“
Entsprechend groß war das Chaos im Frühjahr 2021.
Am 23. März stellte der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann in einer Pressemitteilung fest: „Mittlerweile sind in Deutschland nicht nur die Bildungschancen vom Bundesland abhängig, sondern auch das Infektionsrisiko. Während zum Beispiel in Sachsen und Bayern die Schultore ab einer Inzidenz von 100 zubleiben, werden sie in Thüringen erst ab einem Richtwert von 200 geschlossen – momentan aber bei einer Inzidenz von über 300 (in Schmalkalden-Meiningen) wieder geöffnet. Wem wollen sie das erklären?“
Am 8. April 2021 erklärte Beckmann: „Obgleich auch in der Politik die einsichtigen Stimmen zuletzt lauter wurden, dass es für Schule endlich verbindliche, bundeseinheitliche, evidenz- und indikatorbasierte Regelungen braucht, liefert das Ergebnis der Kultusministerkonferenz wieder einmal das Gegenteil. Statt eines Beitrags zur Rückgewinnung von Vertrauen in der Gesellschaft, für Halt und Orientierung und den Schutz von Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern nimmt das Schauspiel weiter seinen Lauf: Wildwuchs, Klappe, die nächste.“ Und weiter: „Der VBE fordert endlich genaue Definitionen, wann Schulen, – ganz oder teilweise – zu schließen sind, um den Schutz aller zu gewährleisten.“
Erst die von Bundeskanzlerin Angela Merkel forcierte Bundesnotbremse – die ab einer Inzidenz von 165 Distanzunterricht vorsah – schaffte Ende April 2021 einen Rahmen, an dem sich Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schüler orientieren konnten. Doch bereits im Juni 2021 erklärte KMK-Präsidentin Britta Ernst – entsprechend einem KMK-Beschluss bereits vom März –, dass die Frage von Schulschließungen und Öffnungen nicht mehr an die Ansteckungszahlen in der Gesamtbevölkerung (die Inzidenz also) gekoppelt werden solle. Der Bundestag ließ die befristete Bundesnotbremse dann auch Ende Juni auslaufen.
„Es ist schwer vorstellbar, dass sich das Infektionsgeschehen davon beeindrucken lässt, dass die Kultusministerkonferenz (KMK) die Pandemie anscheinend für beendet erklärt“, kommentierte Udo Beckmann den KMK-Kurs seinerzeit.
Lockerungsschritte in bereits anschwellende Infektionswellen hinein hatten entsprechende Folgen. Im Herbst 2021 beispielsweise überboten sich die Bundesländer in einem Wettbewerb um einen Wegfall der Maskenpflicht im Unterricht, was von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern scharf kritisiert wurde. Die Virologin Prof. Dr. Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, die mittlerweile dem Expertenrat der Bundesregierung angehört, warnte bereits Anfang Oktober: „Wenn man etwas abschaffen möchte, dessen Nutzen wissenschaftlich erwiesen ist und das fast nichts kostet, kann man das machen. Die Frage ist nur, ob es klug ist.“ Weiter erklärte sie: „Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften, und hierzu zählen die Kinder, halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm.“
Das hinderte Bundesländer von Schleswig-Holstein über Nordrhein-Westfalen bis Baden-Württemberg aber nicht daran, die Maskenpflicht in den Klassenräumen zu streichen. Die Folge: Innerhalb von wenigen Wochen explodierten die Inzidenzen unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland. In einigen Landkreisen Bayerns und Thüringens erreichten die Ansteckungsquoten für die Fünf- bis 14-Jährigen Werte von über 3.000. Das RKI registrierte eine Rekordzahl an Schulausbrüchen. Anfang Dezember beschloss der Bund-Länder-Gipfel dann, die Maskenpflicht im Unterricht wieder bundesweit einzuführen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann räumte indirekt einen Fehler ein: „Hinterher ist man einfach immer schlauer“, sagte er.
Ein Lerneffekt ließ sich allerdings nicht feststellen; der Kurs setzte sich fort. Die auf Einladung des Bundesbildungsministeriums von 40 Verbänden und Fachgesellschaften (darunter der VBE, die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie, die Deutsche Gesellschaft für Public Health, die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sowie die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie) entwickelte S3 Leitlinie für einen sicheren Schulbetrieb sieht vor: „Bei hohem Infektionsgeschehen soll zusätzlich zur Kohortierung von Klassen/Jahrgängen eine gestaffelte Öffnung nach Jahrgängen und/oder eine Halbierung der Klassen erfolgen. Bei sehr hohem Infektionsgeschehen sollen alle Maßnahmen umgesetzt werden.“ Auch diese S3 Leitlinie wurde von den Kultusministerinnen und Kultusministern ignoriert.
Die Unsicherheit aufgrund des Fehlens klarer und transparenter Vorgaben einerseits, hektischen Umsteuerns andererseits war bis hinunter zur Ebene der Gesundheitsämter spürbar, die über Quarantänemaßnahmen für Schüler*innen zu entscheiden haben. Die Ämter träfen bei vergleichbaren Fällen immer wieder unterschiedliche Entscheidungen, sagt zum Beispiel der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, Rolf Busch.
Besonders krass lasse sich dies beobachten, wenn es einen bestätigten Coronafall in einer Klasse gegeben habe und für die Kontaktpersonen des betroffenen Schülers verschiedene Gesundheitsämter zuständig seien, weil diese in unterschiedlichen Landkreisen wohnten, erkärte er. „Ich formuliere es überspitzt: Der eine war der rechte Banknachbar, der andere der linke Banknachbar – dann muss der eine in Quarantäne, der andere gar nicht.“ Von Einzelfällen könne dabei keine Rede sein. „Wir hören so etwas ständig.“ News4teachers
In den nächsten Tagen erscheint der dritte Teil der Corona-Bilanz.
Hier geht es zu Teil eins der Bilanz.
Eine Bildungspolitik, die die Schulen langfristig krisenfest machen würde? Wäre möglich – meint jedenfalls der Lehrerverband VBE. Seine 16 Landesverbände haben ihre Erfahrungen und Expertise in “12 Lehren aus Corona” zusammengefasst. “Nach zwei Jahren wissen wir, was unbedingt beachtet werden muss und welche Maßnahmen erforderlich sind.“
Im Wortlaut fordert der VBE:
- „Die Politik muss für alle an Schule Beteiligten transparent und nachvollziehbar machen, auf welcher wissenschaftlichen Basis sie welche Entscheidungen getroffen hat!
- Die Politik muss bei ihren Entscheidungen die Lebens- und Schulrealität besser beachten. Dafür müssen auch die Interessenvertretungen von Eltern, Schülerinnen und Schüler und Lehrkräften in die Beratungen einbezogen werden, bevor Maßnahmen festgelegt werden!
- Die Politik muss transparente Stufenpläne auf der Basis bundeseinheitlicher Kriterien entwickeln, welche Maßnahmen bei welchem Infektionsgeschehen zu ergreifen sind!
- Die Politik muss Sorge dafür tragen, dass Vorgaben aus den Ministerien mit realistischem Vorlauf an die Schulen gegeben werden!
- Die Politik muss in den Schulen einen bestmöglichen Gesundheitsschutz gewährleisten, wo erforderlich auch durch den Einsatz technischer Geräte, um Präsenzunterricht zu ermöglichen!
- Die Politik muss dafür Sorge tragen, dass Lehrkräfte nur für das eingesetzt werden, für das sie ausgebildet sind!
- Die Politik muss die Leistung der Lehrkräfte anerkennen und sich schützend vor sie stellen.
- Die Politik muss Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler anerkennen, statt sich nur auf kognitive Leistung zu fokussieren.
- Die Politik muss das Bildungssystem dauerhaft mit Ressourcen ausstatten, sodass eine individuelle Förderung möglich wird. Sie muss zudem wirkungsvolle Strategien entwickeln, um pandemiebedingte kognitive und sozial-emotionale Defizite bei Kindern und Jugendlichen nachhaltig auszugleichen. Eine bessere Ausstattung mit Lehrkräften und multiprofessionellen Teams ist dafür unabdingbar.
- Die Politik muss sicherstellen, dass dem Ausstattungsschub mit digitalen Endgeräten echte Innovation beim Lehren und Lernen folgt.
- Die Politik muss das Kooperationsverbot durch eine in der Verfassung verankerte Verantwortungsgemeinschaft von Bund, Ländern und Kommunen ersetzen, um mehr Bildungsgerechtigkeit unabhängig vom Wohnort und sozioökonomischen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler gewährleisten zu können.
- Die Politik muss dafür sorgen, dass so in Schulbauten investiert wird, dass in ihnen zeitgemäßes Lernen, Lehren und Schulleben zu jeder Zeit sicher möglich ist.“
