Charité-Kinderpsychiaterin: Es gibt ein großes Problem mit körperlicher und emotionaler Gewalt an Schulen

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BERLIN. Der gewaltsame Tod der zwölfjährigen Luise in Freudenberg ist für die leitende Kinderpsychiaterin der Berliner Charité ein Anlass, um über Gewaltprävention an Schulen zu sprechen. Es gebe grundsätzlich ein großes Problem von körperlicher und emotionaler Gewalt an Schulen in Deutschland, auch in Form von Mobbing, sagte Prof. Dr. med. Sibylle Winter, Leiterin der Kinderschutz- und Traumaambulanz des Uniklinikums. «Das ist beunruhigend.»

Gewalt spielt an Schulen offenbar eine große Rolle. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Winter, Verantwortlich den Bereich Medizinischer Kinderschutz an der Charité, bezog sich dabei nicht konkret auf den Fall Luise (News4teachers berichtete). Die Ermittler halten sich diesbezüglich mit Angaben zu den Hintergründen äußerst bedeckt, weil die beiden mutmaßlichen Täterinnen erst 12 und 13 Jahre alt und somit strafunmündig sind. Sie hatten gestanden, die Zwölfjährige am 11. März in einem Wald an der Grenze von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen erstochen zu haben.

An Schulen werde sehr viel Präventionsarbeit gebraucht – aber die Frage sei natürlich, wie das geleistet werden könne, sagte Winter. «Schulen sind seit 2020 auch verpflichtet, ein Schutzkonzept zu entwickeln, bei dem Vorbeugung ein Bestandteil ist.» Wichtig sei, dass Warnsignale von Erwachsenen erkannt würden. «Dass schwere Gewalttaten unter Kindern oder Jugendlichen aus dem Nichts passieren, ist schwer vorstellbar. Die Wahrscheinlichkeit ist viel größer, dass es schon länger Schwierigkeiten gibt.»

«Mobbing kann eine Bewältigungsstrategie bei geringem Selbstwert sein. Oder wenn man gelernt hat, dass Aggression zum Ziel führt»

Gerade in Fällen von Mobbing brauchten Opfer Unterstützung von außen, wenn die Dynamik erst einmal eine gewisse Geschwindigkeit aufgenommen habe, sagte Winter allgemein über das Phänomen. «Sonst gibt es für das Kind kein Entrinnen mehr.» Die Kinderpsychiaterin sieht hier insbesondere Lehrkräfte in der Pflicht, da Eltern Vorfälle in der Schule oft nicht mitbekämen. «Mobbing sollte grundsätzlich ein Thema im Unterricht sein. Es muss darüber gesprochen werden, dass nicht nur der Mobber und das Opfer beteiligt sind. Sondern es gibt viele, viele Zuschauer, die sehr wesentlich sind, weil sie das Geschehen sozusagen bekräftigen.»

Um die Dynamiken beim Mobbing zu stoppen, gelte es, den Beobachtern klar zu machen, dass auch sie eine Rolle hätten und Verantwortung trügen. «Es muss auch klar gesagt werden, dass ein Opfer das Recht hat, nein zu sagen und dass es richtig ist, sich Hilfe zu holen. Das wird ja oft als Petzen oder Zeichen der Schwäche abgetan.» Letztlich könne das auch dem Täter helfen: «Dem Täter geht es in der Regel ja auch nicht gut. Mobbing kann eine Bewältigungsstrategie bei geringem Selbstwert sein. Oder wenn man gelernt hat, dass Aggression zum Ziel führt. Oder auch eine Form der psychischen Auffälligkeit.»

Winter plädiert unabhängig vom Fall Luise dafür, früher als bisher mit fachlicher Unterstützung gegenzusteuern, wenn Kinder etwa mit aggressivem Verhalten auffallen. «Aggressive Verhaltensweisen starten früh und werden im Kindesalter häufig bagatellisiert. Bisher tun sich alle sehr schwer damit, es beim Kinderpsychiater abklären zu lassen, wenn sich zum Beispiel ein Kind in der Kita aggressiv verhält. Dabei würden Eltern bei jeder anderen Erkrankung auch einen Arzt aufsuchen.» Das Thema sei immer noch mit einem Stigma verbunden.

«ADHS geht mit Impulsivität einher: Das heißt, man denkt nicht nach, man handelt sofort»

«Dabei muss man sich klarmachen: Bei psychischen Störungen liegt eine Erkrankung eines Organs vor: des Gehirns. Wenn jemand impulsiv und aggressiv ist, arbeiten bestimmte Bereiche im Gehirn nicht wirklich gut zusammen», sagte Winter. Je früher ein betroffenes Kind Hilfe bekomme, desto besser seien seine Chancen für die Zukunft.

Je nach Schwere und Häufigkeit von Vorfällen prüften Fachleute, woher die Aggression kommt, ob Frustration im Spiel ist, ob das Kind in der Schule überfordert ist, und ob womöglich das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS vorliegt. «ADHS geht mit Impulsivität einher: Das heißt, man denkt nicht nach, man handelt sofort.» Das könne bei Gewalttaten eine Rolle spielen. News4teachers / mit Material der dpa

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DerechteNorden
1 Jahr zuvor

Mindestens eine von Luises Mörderinnen ist psychisch gestört. Schulen müssen leider auch solche Kids beschulen, ohne dass es Unterstützung im Alltag gäbe. Dem Schulamt geht das komplett am … vorbei.
Solche Kids müssen eigentlich den ganzen Tag eine Betreuung haben.
Die Schulen können da so gar nichts machen! Gewaltprävention hilft hier nicht.

Riesenzwerg
1 Jahr zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Einige fliegen ja sogar aus den Einrichtungen raus – und kommen ohne Unterstützungsleistung und Hilfe – zurück in den Unterricht (wo sich nichts verändert hat) und nach Hause. Wo auch alles beim schlechten Alten ist.

Hier muss eine Familientherapie ran.

Wir sollten umschulen.

nachdenklich
1 Jahr zuvor

Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gewalt (egal ob physisch oder emotional) heruntergespielt wird. Da werden die Augen tatsächlich oft vor der Realität geschlossen. Zivilcourage ist nicht im ausreichendem Maße vorhanden, es fehlt an Empathievermögen und am Opferschutz. Der Zuschauerkreis macht sich zum Mittäter. Da sind leider auch die Erwachsenen nicht besser. Dieses Problem zieht sich durch alle Teile der Gesellschaft.

Carsten60
1 Jahr zuvor
Antwortet  nachdenklich

„… zieht sich durch alle Teile der Gesellschaft.“
Und im Fernsehen laufen gefühlt ca. 100 Krimis jede Woche, und dann noch Horror-Filme, Action-Filme, Kriegs-Filme usw. dazu. Die werden offenbar rund um die Uhr konsumiert (nachts laufen besonders viele Krimis). Die Fernsehanstalten loben sich derweil selbst für ihren hochrangigen Journalismus. Und die Werbe-Spots dafür (auch im öffentl.-rechtl.) zeigen immer Szenen von Gewalt: jemand fuchtelt mit einer Pistole herum, jemand wird zusammengeschlagen, ein Auto geht in Flammen auf, usw. Krimis zur Internet- oder Finanzkriminalität, zu Betrug und Geldwäsche etc. scheinen vollkommen uninteressant zu sein. Das Volk ergötzt sich lieber an Gewaltszenen. Und Jugendliche eben auch. Aber das alles hat mit dem Thema des Artikels angeblich gaaar nichts zu tun.

Saskia
1 Jahr zuvor
Antwortet  Carsten60

Ich glaube auch nicht, dass das, was Sie aufzählen, von großer Bedeutung für die Verrohung und psychischen Störungen bei Kindern ist.
Vor Jahren hieß es auch, dass die in Märchen vorkommende Grausamkeit für Kinder schädlich sei. Dann hätten vor Jahrzehnten viel mehr Kinder auch schon Kinderpsychiatrien gebraucht, die es damals aus Mangel an Nachfrage aber noch kaum gab.
Märchen waren heißgeliebt. Sie wurden erst in Wiederholungsschleife von Erwachsenen vorgelesen und schon im Verlauf der 2.Klasse selbst gelesen, und das ebenfalls mehrmals. Ihre frohe und ermutigende Botschaft war immer gleich: Am Ende siegt immer das Gute und das Böse muss büßen.

Ich halte andere Dinge bei psychischen Störungen für viel entscheidender. Z.B. die maßlose Verwöhnung der Kinder, die Vermeidung jeglicher Frustration, die leichtfertige Erfüllung ihrer Forderungen und Wünsche, das Verpönen von Disziplin und Selbstdisziplin, das ständige Loben und Vermeiden von Kritik…usw.
Kurz: Die Erziehung zu Menschen mit narzisstischen Zügen, die nur sich und ihre Bedürfnisse sehen, weil ihnen die Umwelt kein echtes, sondern nur künstliches und labiles Selbstbewusstsein vermittelt, das sofort aus den Fugen gerät, wenn jemand sich nicht unterordnet und liebdienert. Dann ist gleich das ganze Selbst bedroht und muss mit allen Mitteln verteidigt und wieder ins Lot gebracht werden.

Verwöhnung hat viele Facetten und Folgen. Dabei wollen alle Erzieher nur das Beste. Man kann nur hoffen, dass die Pädagogik „Vom Kinde aus“ wieder auf gesunde Füße gestellt wird und nicht länger auf billigste Weise verstanden wird, nämlich als ständige Verwöhnung.

Monika, BY
1 Jahr zuvor
Antwortet  Saskia

„Verwöhnung hat viele Facetten und Folgen.“
 
Ich kenne viele richtig verwöhnte Kinder. Sie sind anstrengend, gehen auf die Nerven, irritieren, sie sind arrogant und selbstverliebt und man will manchmal einfach von ihnen weg sein.
 
Aber keine von diesen Kindern ist fähig einen kaltblutigen Mord zu begehen.
 
Nein, so einfach ist es leider nicht.

Dr. Klaus Miehling
1 Jahr zuvor
Antwortet  Monika, BY

Mir scheint, Saskia ging es nicht um diesen extremen Fall, sondern um die Verrohung allgemein. Da hat sie einen wichtigen Punkt genannt. Noch wichtiger aber ist die Sozialisation mit Gewaltmedien. U.a. hat Steven Pinker, um nur den Prominentesten zu nennen, aufgezeigt, dass die „Entzivilisation“ seit den 1950/60er Jahren mit der Verbreitung der Popkultur durch die Massenmedien zu tun hat.

Pit2020
1 Jahr zuvor

@Monika, BY
@Dr. Klaus Miehling

„Mir scheint, Saskia ging es nicht um diesen extremen Fall, sondern um die Verrohung allgemein. Da hat sie einen wichtigen Punkt genannt.“

So habe ich @Saskia auch verstanden.

Und ich fürchte, dieser Aspekt ist absolut richtig und wichtig.

Losgelöst von dem Fall im Ausgangsartikel oben kommt hier – schon wieder – ein Beispiel für „Freizeitvergnügen“, Marke: „Kinder sind unsere Zukunft“ – aber die Richtung dieser Zukunft muss uns wirklich Sorgen machen:
https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/tankstelle-wuppertal-ueberfallen-100.html
„… Der jüngste Täter ist gerade mal 12 Jahre alt.“
(Das ist der Beginn des 30-Sekunden-kurzen Audios „Was weiß man über die mutmaßlichen Täter?“ unter dem verlinkten Artikel).

Ich Dummchen!
Ich dachte bisher IMMER, die kleinen Racker sind morgens und vormittags im Halbschlaf, weil
– Pubertät, Hormone und Gedöns
– die letzte Nacht (wie vermutlich jede Nacht) vor der Playsi durchgezockt oder „schicke“ Filmchen geguckt (natürlich auch nicht altersgemäß, aber der Wortschatz wird einschlägig bereichtert und gefestigt)
– oder oder oder.

Aber nächtliche „Wandertage“ … offensichtlich gezielt und routiniert (!) zum Zwecke von Verbrechen …
„Der festgenommene 18-Jährige war der Polizei schon bekannt. Er soll Teil einer Bande gewesen sein, die Prostituierte überfallen und ausgeraubt hatte.“

Na dann … 🙁

Riesenzwerg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Pit2020

Sag ich ja – Eltern wissen nicht mehr, was ihre Kids so machen.

Es ist alles aus den Fugen.

Nachts wird geschlafen – oder ist das (anderes Thema gerade hier – Jogginghosen) auch die freie Entfaltung der Persönlichkeit, wenn ein Kind nachts Tankstellen überfällt?

Na, besser als am Tag, da soll es ja in der Schule was lernen.

Kinder brauchen klare Regeln und Erziehung!

Und – sie brauchen ihre Eltern als Bezugsperson, Ansprechpartner, Erzieher, … .

Und diese brauchen familienfreundliche Arbeitszeiten.

Und das müssen Arbeitgeber leisten, die ja, nun, wie soll ich’s sagen, ihren sehr großen Teil dazu beitragen, dass hier alles aus dem Ruder läuft.

Pit2020
1 Jahr zuvor
Antwortet  Riesenzwerg

@Riesenzwerg

Leider … genau so … 🙁

Riesenzwerg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Monika, BY

Nun, sind d a s die Kinder, von denen Sie möchten, dass sie u n s e r e Zukunft sind?

Anstrengend, gehen auf die Nerven, arrogant, selbstverliebt, und man will weg von ihnen?

Monika, BY
1 Jahr zuvor
Antwortet  Saskia

Ganz falsche Richtung.
 
Wir haben hier mit einem echten Mord zu tun. Also, Mord! Einen geplanten, kaltblutigen Mord. Luisa hat in der Nacht davor bei dieser „Freundin“ übernachtet! 30 Stichen danach.
 
Verwöhnung hat damit gar nichts zu tun!
 
Wir sind alle verrückt geworden, aber ganz ehrlich. Wir lamentieren darüber wie Lemminge…
 
Wir sind einfach verblödete Lemminge geworden. Dank KI werden wir noch mehr intellektuell austrocknen.
 
Schlüsselwort: Ukraine.
 
Aber nein. Das sind immer noch nicht zufriedenstellenden Zahlen der Toten und Traumatisierten.
 
Unsere Gesellschaft braucht eine tiefgründige Umstrukturierung. Freiheit wird stark beschränkt werden müssen, irgendwann, Ressourcen sind knapp und knapper, und das will ich nicht erleben, nicht, wenn ich nicht zu 2% oberen und mächtige Schichte gehöre.
 
Lösung?
 
Gibt es leider keinen. Zu spät.

Aber lamentieren können wir schon. Das ist noch einziges, was uns geblieben ist.

Saskia
1 Jahr zuvor
Antwortet  Monika, BY

Ich habe, wie Dr. Klaus Miehling ganz richtig vermutet, an die allgemeine Verrohung und Ichbezogenheit unserer Kinder und Jugendlichen gedacht, die im alltäglichen Leben und Schulleben eine viel größere Rolle spielt als die Spitze des Eisbergs, nämlich Morde.
Und ich bleibe dabei: Maßlose Verwöhnung macht krankhaft ichbezogen und empathielos für andere. In seltenen Fällen geht das bis hin zum Mord an jemandem, der sich in die Quere stellt und damit das labile Selbstwertgefühl krankhafter Gemüter bedroht.

Monika, BY
1 Jahr zuvor
Antwortet  Saskia

 
Das ist ok, Sie können dabeibleiben, und es ist nicht verkehrt.

Aber das ist nur eine Facette.

Last edited 1 Jahr zuvor by Monika, BY
Monika, BY
1 Jahr zuvor
Antwortet  Saskia

 
Und, ja, wieder kehre ich zurück zu diesen Ski Lager. Alle tun, als sei nicht passiert, gar nichts!
 
400 Euro und mehr, für die, die noch diesen Sport betreiben ist noch tuerer. Und für was bitte sehr? Für Klimaschütz? Für Ukraine? Für Spaß? Teambildung? Und ann gehen sie in der Stadt shopen!!

Nein, für unsere verblödete Kinder und Jugendliche, die gar nicht verblödet sind, sondern wir machen sie blöd.
 
Dieses Geld könnte man viel sinnvoller investieren.
 
Glaubt ihr wirklich, dass sich die Kinder heute darauf freuen? Nein, sie freuen sich nicht. Sie zicken herum und sind unter dem Stress, weil schon Woche danach stehen die SAs bevor.
 
Aber es ist eine Pflicht!
 
Wir können uns noch noch schämen.

Monika, BY
1 Jahr zuvor
Antwortet  Saskia

Also PFLICHT für furchtbar billiges Spaß und die Herbergen am Leben zu erhalten, dass man selber BEZAHLEN MUSS!
Lemminge.
Versuchen wir aber dieses Geld als PFLICHT für UKRAINE oder KLIMMASCHÜTZ zu investieren und was wir passieren?
Aufstand, sofort!
Nein, wir haben es tatsächlich besser gar nicht verdient.

Nein, Luise Fall sollte uns gar nicht mehr wundern und schockieren. Diese Kinder sind ein Produkt uns selbst.

Sabine Haubrich
1 Jahr zuvor
Antwortet  Saskia

Lassen sie sich nie verwöhnen? Haben Sie sich mal ne Massage gegönnt oder einen guten Kaffee mit Sahne? Sich verwöhnen lassen ist bei erwachsenen ganz selbstverständlich. Kleine Menschen sind auch Menschen und dürfen sich auch ganz selbstverständlich verwöhnen lassen. Denken Sie mal bitte drüber nach! Danke!

Ephraims Tochter
1 Jahr zuvor
Antwortet  Sabine Haubrich

Sich mal was Gutes gönnen oder ständig seinen Willen durchgesetzt zu kriegen, sind aber schon zwei Paar Stiefel.

Saskia
1 Jahr zuvor
Antwortet  Sabine Haubrich

Oh ja, dosierte Verwöhnung ist wunderbar. Bei der Erziehung liegt der Fehler aber in einer Verwöhnung, die schon lange keine Grenzen mehr kennt.
Ob gut oder schlecht, ist bei vielem „nur“ eine Sache des Maßes: ob beim Essen, Trinken, beim Medienkonsum oder auch der Verwöhnung.
Sowie etwas übersteigert wird und abhängig macht, sollten die Alarmglocken läuten.
Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Wenn ich mehrmals täglich den Genuss einer Massage brauche und nicht nur „einen guten Kaffee mit Sahne“, sondern 12 oder 20, ist die Sache nicht mehr in Ordnung.

Und ja, „kleine Menschen sind auch Menschen“, wer wollte das bestreiten. Deswegen ist eine Abhängigkeit von Verwöhnung bei ihnen auch genauso schlimm wie beim Erwachsenen.
Es geht um grenzenlose Verwöhnung und nicht um Verwöhnung an sich!!!

Riesenzwerg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Saskia

Bin ganz bei Ihnen.

Hinzufügen möchte ich noch, dass die meisten Kinder kein Zugehörigkeitsgefühl mehr entwickeln können.

Sie werden täglich wegorganisiert.

Die von Ihnen treffend benannten Punkte haben m.E. u.a. genau hier ihren Ursprung – schlechtes Gewissen, wenig Zeit und Schönrederei der Vernachlässigung.

Viele Kids sind lost – rahmenlos, orientierungslos, haltlos, bedingungslos….

Alles hausgemacht – dank des Wachstums, Wachstums, Wachstums.

Wenn auf einer Seite Wachstum ist, muss eine andere verkümmern.

Tom
1 Jahr zuvor
Antwortet  nachdenklich

Leider war. Als eine Ursache sehe ich u.A. dass sofortiges, auch körperliches Einschreiten immer weniger toleriert wird und wer helfen will, zunehmend an den Pranger gestellt wird – Stichwort „angemessene“ Reaktion. Wenn man nur Sekunden zur Verfügung hat, um einzuschreiten, ist die Reaktion eben oft nicht so reflektiert, wie sie bei ausreichend Bedenkzeit sein könnte. Das hat dann halt oft zur Folge, dass aus reinem Selbstschutz gar nichts unternommen wird.

Alla
1 Jahr zuvor

An den GS hat man meist noch die Klassenlehrerstunde. Dort kann alles besprochen werden und die SuS melden sich auch noch zu Wort. In den Pausen passen auch Streitschlichter (ausgebildete 4. Klässler) mit auf, weshalb man Mobbing noch recht gut in den Griff bekommt.

Aber je älter die SuS werden, umso subtiler wird das Mobbing. Kinder werden bedroht wenn sie petzen, es werden Orte gesucht, die nicht so überwacht werden, oder das ganze passiert gleich außerhalb der Schule.

Wir denken, wir haben die Kinder stark gemacht, um für sich und andere einzustehen und Hilfe zu suchen, aber die Dynamiken ändern sich.

Angst haben die Mobber meist nicht mehr, weil sie ja wissen, dass ihnen so gut wie nichts passiert und die Opfer haben das auch schnell raus. Holt man sich Hilfe, wird es meist schlimmer! Aber ein tolles Tiktok geht viral und die Täter sind auch noch stolz auf sich!

Ohne Strafen, die auch durchgesetzt werden können, werden wir die Sache nicht in den Griff bekommen!

Anvi
1 Jahr zuvor
Antwortet  Alla

>Aber je älter die SuS werden, umso subtiler wird das Mobbing.
Genau so 5 Jahre erlebt. In der 5. Klasse war das aufkeimende Mobbing noch direkt. Folgen: Immer mal wieder Gespräche mit der Schulsozialarbeiterin. Fazit: sehr viel Gerede aber kaum Aktion. Und dann noch Sprüche wie „Zum Mobbing gehören immer zwei“, wo dem Opfer auch noch Mitschuld gegeben wird. Im Laufe der 5 Jahre hat sich nur die Mobbing-Technik verbessert, der Mobber kam mit seiner Masche bestens durch und hatte den Respekt seiner Mitschüler.

Kerstin
1 Jahr zuvor
Antwortet  Alla

Richtig, Alla, ohne Strafen geht es nicht! Dass man sie so lange als „Rohrstockpädagogik“ verteufelt und nicht nur Schulen, sondern auch Eltern damit verunsichert hat, zeigt mehr und mehr, wohin Expertengläubigkeit führt.
Die Pädagogik ist für mich eine fragwürdige „Wissenschaft“ geworden, denn es waren Experten, die langbewährte Erziehungskenntnisse und -erfahrungen einfach über den Haufen warfen und sich mit ihren Büchern und Artikeln über neue Erkenntnisse und entsprechende Empfehlungen eine goldene Nase verdienten.

Heinz
1 Jahr zuvor

das mit den Warnzeichen und dem schutzkonzept ist so eine Sache. Bin neulich mit einem Kollegen die Kinder in meiner Klasse durchgegangen, die aus irgendwelchen Gründen eigentlich psychologische Betreuung brauchen würden, es waren locker 3/4 der Kinder!!!! Man kann auf Warnzeichen nicht reagieren, wenn sie eigentlich auf über die Hälfte der Kinder zutreffen und einfach zu unspezifisch sind.

Ron
1 Jahr zuvor

Es ist doch in manchen Lerngruppen schon der Regelfall, dass „normale“ Schüler psychisch und teils subtil körperlich unter Druck gesetzt werden. Die realen Handlungsoptionen der Kollegen sind dabei selbst bei bestem Willen begrenzt, da am Ende alle, auch die Idioten, weiter beschult werden müssen. Regelverletzungen dominieren nicht selten die Klassenzimmer. Schüchterne, lernbereite und regelkonforme Schüler geraten mit n die Defensive.

Monika, BY
1 Jahr zuvor

Es ist erstaunlich, wie nur wenige merken, wie seit Jahren den Kindern ganz falsche Werten vermitteln werden. Oh, nein, nicht nur zu Hause. Überall, und zwar systematisch.

Riesenzwerg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Monika, BY

Falsch!

Die „alten“ EuEs sowie die „alten“ „faulen Säcke“ wissen das seit J a h r e n.

Nur – wir haben kaum noch die Möglichkeit, Maßnahmen, die die Kids verstehen, umzusetzen.

Da stehen uns die Eltern mit Anwalt auf der Matte. Ist ja klar, wer zu Hause das Sagen hat.

Jungkollegys sind oft eher die Freunde, Begleiter und Erfüllungsgehilfen der Kinder. Das geht meist nicht lange gut und bei den bereits aus der Gemeinschaft ausgestiegenen Kindern schon mal gar nicht.

Und ja – die Eltern sind die ersten Vorbilder ihrer Kinder. Das wissen nur viele nicht mehr. Und sie wissen nicht, was „Vorbild“ bedeutet.

Monika, BY
1 Jahr zuvor

Es hat mich das Kommentar eines Jungen aus der Klasse meiner Töchter begeistert. Er könnte zu Ski Lager aus gesundheitlichen Gründen nicht gehen, wurde aber dazu verpflichtet 6. Klasse (er ist 7.) zu besuchen, eine Woche lang! Er hoffte wenigstens dann auf die 8. Klasse. Aber NEIN!
 
Sie spinnen!! Was soll ich mit 6. Klasse anfangen. Das alles ist überflüssig, besser, dass sie mich in der Ruhe lassen, damit zu Hause lernen kann. So er.
 
Armer Junge und diese arme Gesellschaft.

Kinder sind doch nicht blöd, wisst ihr?

Monika, BY
1 Jahr zuvor

Ach, ja, Gleichberechtigung wäre das (oder Straffe?)? Das war der Grund für die 6. Klasse?
 
Ja, sicher.
 
Man kann sich nur noch darauf kaputtlachen. Was für eine Gleichberechtigung in diesem Schulsystem…

Aggressivität bei den Kindern und Jugendlichen hat ja sehr viele Facetten und Gründen. Elternhaus ist auf gar keinen Fall der einzige Grund.
 
Die Kinder sind keine kleinen Idioten die Einleitung brauchen, wie man einatmen und ausatmen muss. Obwohl viele Eltern und Lehrer werden genau das behaupten.
 
Aber wie schon gemerkt. Es kommt alles zurück, vielfach.
 
Ein Tier, einen Menschen oder ein Kind, also ein Lebewessen, sollte man nie unterschätzen.
 
Und das tut man viel zu oft, und zwar als etwas Selbstverständliches.
 
Außerdem besteht es ein gewaltiger Unterschied zwischen die 70ger Jahren Generationen und 22ger Jahren Generationen.
 
Wir sollten uns anpassen. Nicht die Kinder. Sie haben das schon getan und sind uns weit überlegt.
 
Man sollte das schon ernsthaft im Betracht ziehen.

Last edited 1 Jahr zuvor by Monika, BY
Riesenzwerg
1 Jahr zuvor

Interessant, dass die Frau Winter gerade jetzt plädiert.

Es gibt da wohl einen Zufallszusammenhang.

Interessant auch, dass das aggressive Verhalten durchaus schon früh auffällig ist. Wer ist da nur zuständig?

Wir haben das alles, wir machen das alles, wir sehen sehr viel, wir sind sehr sensibel und scheitern an – geht nicht, Eltern, kostet, Zeitläufen, Umzügen, fehlender Mitarbeit von Betroffenen, Scham, fehlenden, aber (tada!) von uns wegen Notwendigkeit angeforderten Schulbegleitungen, weil die Eltern die Sechs-Achsen-Diagnostik verweigern oder es keine Schulbegleitungen gibt oder Kinder nicht aus den Familien herausgenommen werden oder es kein Geld gibt oder Lehrys keinerlei Handhabe oder Einfluss haben….

Und – was mir persönlich auch sehr aufstößt – ist der hier gar nicht so sehr versteckte „Täterschutz“.

Es ist klar, dass die sog. „Täter“ Gründe für ihr Verhalten haben und diese sehr, sehr häufig eine Therapie brauchen. Wir sind nicht blöde, wir wissen das auch. Und scheitern an „keine Therapieplätze“ (warum nur?) und … s.o.

Ja – es geht auch um Prävention – deswegen wäre die Hilfe ja auch dringend und unverzüglich nötig.

Die Opfer hingegen kriegen noch weniger Hilfe (wenn überhaupt, dann aus privater Tasche bezahlt), da Plätze zuerst den „Tätern“ gegeben werden, die sie erst auf der Warteliste nach vorne rutschen, wenn Selbstmordgefahr besteht oder sie eine tatsächliche Gefahr für weitere Opfer Schüler darstellen. Die Begründung ist einleichtend – es soll nicht noch mehr Opfer geben (ist aber dann bereits Jahre zu spät).

Außerdem fallen die Opfer und der Rest ja gar nicht so auf.

Der Rest der Klasse lässt das über sich ergehen – und sind täglich im Zwiespalt aus Angst, selber Angriffspunkt zu werden und dem Wissen, etwas sagen oder tun zu müssen.

Alles nicht wirklich neu.

Neu wäre eine zügige, nachhaltige Hilfestellung für die Beteiligten.

Neu wäre auch, ein frühzeitiges Erkennen und Eingestehen. Hier sind leider die Eltern gefordert, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass weder in KiTa, GS oder weiterführender Schule nie über ein beobachtetes aggressives Verhalten gesprochen wurde.

Aber – das bedeutet ja schon quasi ein übergriffiges Einmischen in die geschützte häusliche Privatsphäre.

Aber, das wird wohl warten müssen. Zuerst klären wir Kleiderfragen – die auch Grund für Mobbing sein können – oder die Folge.

Es wird – wie alles hier – flickenteppichartig behandelt.

Klappt nur halt nicht.

Ephraims Tochter
1 Jahr zuvor
Antwortet  Riesenzwerg

Flickenteppichartig – großartiges Wort. Hier ein Löchlein im System, schnell ’nen Flicken drauf. Da ein Löchlein im System, schnell ’nen Flicken drauf.
Irgendwann besteht das ganze System nur noch aus einem Riesenloch – macht aber nichts, die Flicken passen zwar hinten und vorne nicht zusammen, verdecken aber das Loch notdürftig.
Ich glaube, es wäre Zeit für einen neuen Teppich.
Der wird zwar teuer, aber er hält auch wieder einiges aus. Außerdem summieren sich die Ausgaben für die zunächst billigeren Flicken irgendwann auch.
Wir sollten den neuen Teppich aber schon pfleglich behandeln – also nicht mit den verdreckten Straßenschuhen drüber schrammeln.
Ab und zu wird er auch ’ne gründliche Grundreinigung brauchen, damit er lange hält.

Pit2020
1 Jahr zuvor
Antwortet  Riesenzwerg

@Riesenzwerg

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass weder in KiTa, GS oder weiterführender Schule nie über ein beobachtetes aggressives Verhalten gesprochen wurde.“

Ebenso zum Thema Scham und (mangelndes) Geld für sinnvoll Maßnahmen:
https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-23-maerz-2023-100.html
U.a. folgende Gäste waren da:
Sebastian Fiedler, Kriminalbeamter
Anlässlich des Falls der offenbar von zwei Kindern getöteten Luise aus Freudenberg nimmt der SPD-Politiker Stellung zur Forderung, die Grenze der Strafmündigkeit zu senken.

Sibylle Winter, Kinderpsychiaterin
Die leitende Oberärztin der Klinik für Psychiatrie im Kindes- und Jugendalter der Berliner Charité erklärt, wie extreme Gewalt bei Kindern entsteht.

Birgit Kimmel, Pädagogin
Die Leiterin der EU-Initiative „klicksafe“ analysiert, wie Mobbing das Leben von Kindern und Jugendlichen im Internet und der realen Welt beeinträchtigt.

Ureinwohner Nordost
1 Jahr zuvor

Liebe Kollegen,

Psychische Probleme bei Schülern können wir nicht handhaben.
So etwas gehört in professionelle Hände.

Ich verweise Eltern an Profis (siehe gelbe Seiten).

Gut (schlecht) ist.

Wombat Lover
1 Jahr zuvor

Profis haben eine Wartezeit von nicht selten 6 Monaten oder mehr. Solange kann ich als Lehrerin kaum ohne irgendwas zu tun zuschauen. Ich kann nicht therapieren, ich kann keine Diagnosen stellen, aber ich kann da sein, ich kann zuhören, ich kann Verständnis haben.

Ingo Völzke
1 Jahr zuvor

Opfer und Täter im Bereich Mobbing gibt es in Schulklassen fast immer, auch schon in früheren Jahren. Entscheidend ist der Punkt, dass die soziale Struktur einer Klasse immer beobachtet und entwickelt wird. Günstig ist die Situation, wie in der Gesamtschule West in Bremen, da hat jeder Jahrgang eine/einen Sozialpädagogen. Diese arbeiten im festen Austausch kooperativ mit den KlassenlehrerInnen. Vor vielen Jahren wurde ein Konzept „Soziales Lernen“ entwickelt, dass total handlungsorientiert ist, zwecks vielseitiger Verhaltensbeobachtungen und Abläufe zu Veränderungen. Ergänzend gibt es den Klassenrat (Kl.-LehrerIn und SP zusammen), ergänzende Kleingruppen zur verhaltensändernden Arbeit mit zu intro- oder zu extrovertierten Schülerinnen und Schülern. Einzelhilfe mit viel Elternarbeit bei stark auffälligen Kindern. Koop mit der SchulpsychologIn. Habe mit diesem Konzept sehr viele Jahre gearbeitet und fast immer (außer, wenn die Koop mit KlassenlehrerInnen nicht klappte/gewünscht war) eine positive Sozialstruktur erreicht, in der jede Ungerechtigkeit, jede negative Entwicklung sofort angegangen wurde. Beste Erfahrungen mit diesem Konzept. Aktuell ist der Inklusionsgedanke der Schule auch auf körperlich eingeschränkte Kinder erweitert worden, was zusätzliche Aufgaben für das Soz.päd.-Team brachte, zulasten des Basis- und Begleittrainings „Soziales Lernen“!?