Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz: „Das Versprechen wird nicht eingelöst“

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BERLIN. Vor zehn Jahren, am 1. August 2013, wurde der Rechtsanspruch auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung für Unter-Dreijährige eingeführt – und? „Das Versprechen wird nicht eingelöst“, sagt Gerhard Brand, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Er betont: „Noch immer fehlen deutschlandweit insgesamt über 380.000 Kitaplätze, der Großteil davon in der Altersgruppe von ein bis drei Jahren. Insbesondere im Westen ist der Mangel extrem. Das ist ein Armutszeugnis für ein Land wie Deutschland.“ Die GEW schlägt mit ihrer Bilanz in die gleiche Kerbe.

Rechtsanspruch hin oder her – es fehlen Kita-Plätze. Foto: Shutterstock

So sei zwar die Betreuungsquote in den letzten zehn Jahren nach Erhebungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend insgesamt um 2,3 Prozent gestiegen, gleichzeitig liege allerdings der Anteil der Familien, die erst gar keinen Platz erhalten, bei 14 Prozent, erklärt Doreen Siebernik, GEW-Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit.

„Das Fatale dabei ist, dass insbesondere Familien mit nicht-deutscher Familiensprache oder strukturell benachteiligte, also beispielsweise armutsgefährdete Familien, oft zu den Leidtragenden ohne Kita-Platz gehören”, betont sie. Damit verfehle der Rechtsanspruch das Ziel, Kindertagesbetreuung für alle in der Gesellschaft sicherzustellen. Besonders besorgt zeigte sich die Kita-Expertin über den Rückgang in der Betreuungsquote bei den Kindern über drei Jahren. Dieser ging von 94,4 Prozent in 2015 auf 91,7 Prozent in 2022 zurück.

„Wir erleben die Auswirkungen eines Investitionsstaus von über zehn Milliarden Euro im Bereich der kommunalen, frühkindlichen Bildung. Bund und Länder müssen den Kommunen bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs finanziell unter die Arme greifen”, so die Kita-Expertin. Zudem führe der dramatische Fachkräftemangel dazu, dass fertig gebaute Einrichtungen verspätet oder gar nicht eröffnet werden können, da vielerorts schlicht das Personal fehle. „Genau deshalb müssen jetzt die Weichen für ein echtes Qualitätsgesetz gestellt werden”, forderte Siebernik.

„Um den Mehrbedarf an Kitaplätzen decken zu können, müssten zusätzlich annähernd 100.000 pädagogische Fachkräfte eingestellt werden.“

Auch VBE-Chef Brand fordert: „Es braucht massive Investitionen in den Kitaausbau. Der Bund und die Länder müssen die Kommunen bei diesem Kraftakt stärker und dauerhaft unterstützen und dies als nationale Aufgabe verstehen.“ Zur Wahrheit gehöre aber auch: „Um den Mehrbedarf an Kitaplätzen decken zu können, müssten zusätzlich annähernd 100.000 pädagogische Fachkräfte eingestellt werden. Um für alle Plätze zudem einen kindgerechten, wissenschaftlich empfohlenen Personalschlüssel sicherzustellen, würde sich dieser Personalbedarf sogar nochmal verdreifachen.“

Nötig, so Brand, seien immense Investitionen „in einer Finanzierungsgemeinschaft aus Bund, Ländern, Kommunen und Trägern, um das Kitasystem im Ganzen, – qualitativ und quantitativ –, zu stärken und damit für Kinder, Eltern, pädagogische Fachkräfte und unsere Gesellschaft insgesamt gerechter zu machen“. Um die „Herkulesaufgabe“ schultern zu können, seien darüber hinaus mehr Betriebskindertagesstätten von Unternehmen nötig, um das System insgesamt zu entlasten. Die stufenweise Einführung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter ab 2026 – und den hierdurch zusätzlich entstehenden Mehrbedarf an Personal – verschärfe die Situation weiter.

Siebernik: „Anspruch und Wirklichkeit liegen immer noch weit auseinander.“ News4teachers

Kein Grund zum Feiern? Seit zehn Jahren gibt’s den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz – Verbände: Qualität fehlt!

 

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7 Kommentare
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Tonie
11 Monate zuvor

Um für alle Plätze zudem einen kindgerechten, wissenschaftlich empfohlenen Personalschlüssel sicherzustellen, würde sich dieser Personalbedarf sogar nochmal verdreifachen.“

Kindgerecht, das sollte wohl auch der niedrigste Anspruch sein , der erfüllt sein muss, wenn neue Betreuungsplätze geschaffen werden. Bevor aber die Rede von neuen Plätzen ist, sollten die vorhandenen Plätze erstmal kindgerecht ( mit ausreichend Personal) ausgestattet sein.
Und bis das nicht der Fall ist, hört mir auf mit Ausbau…

Konfutse
11 Monate zuvor

So sei zwar die Betreuungsquote in den letzten zehn Jahren nach Erhebungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend insgesamt um 2,3 Prozent gestiegen“,
also doch ein Grund zu feiern, meine DamenundHerren!

Ich finde keine Worte mehr!!!!

Was in Dtl. bildungstechnisch derzeit abgeht, ist nur noch beschämend! Kein Wunder, dass hier viele Bürger kein Vertrauen mehr in unser Bildungssystem haben.
Die Werbung fürs Lehramt am Stuttgarter Flughafen tut ihr Übriges. Schade für die Bildung, schade für unsere (ehemalige?) Prosperität.

Finagle
11 Monate zuvor

Sag an. Sollte sich die Realität Lösungsansätze in Dekretform ohne konkrete Maßnahmen und Imvestittionen etwa nicbt beugen? Tja, der mathematiscbe Ansatz „Sei die Dose Ravioli offen.“ bringt halt einen tatsächlich nicht dem Inhalt näher – welch Überraschung!

Carsten
11 Monate zuvor

Gibt es auch freundliche Kapitalisten, die es schaffen, ihren Angestellten Kitaplätze zu schaffen ?

potschemutschka
11 Monate zuvor
Antwortet  Carsten

Betriebskindergärten?

Ingo Völzke
11 Monate zuvor

Das Problem ist umfangreich. Es gibt aber auch Tatsachen, die nicht ignoriert werden sollten. Ein Kleinkind ist bis ca. zum 2,5-ten Lebensjahr auf die Nähe der Mutter angewiesen. Nur so wird ein Grundvertrauen aufgebaut, so entsteht Selbstsicherheit, so entsteht die Neugier auf Neues, so schafft man Bildungsvoraussetzungen. Dies ist die elementarste Voraussetzung für Bildungserfolg. Warum haben wir jetzt sogar schon Defizite Ende der Grundschul-Schulzeit bei Kindern aus Bildungsmilieus? Es ist das Defizit an emotionaler Versorgung von Kleinkindern und die sich dann fortsetzende zu geringe Zeit mit den Eltern (Ganztagsangebote). Lernen findet nur in Verbindung mit Emotionalität statt. Hier braucht man viel Zeit mit den Eltern. Meine Aussagen sind alle fundiert durch die Hirn-, Lern- und Entwicklungsforschung. Die Absicherung der kindlichen Entwicklung ist nicht mehr gegeben in unserem Land. Dies gilt nicht nur für die psycho-sozial belasteten Familien, dies gilt heute auch oft für bildungsorientierte Eltern. Auch allein das Forschungsergebnis, dass den heutigen Kindern 30% weniger Kontaktzeit mit ihren Eltern zur Verfügung steht, da Eltern diese Zeit im Internet verbringen. Würden Eltern jeweils nur 30 Std. in der Woche arbeiten, so könnte die tägliche Anwesenheit abwechselnd eines Elternteils ab mittags Zuhause sichergestellt werden, damit Kinder mittags nach Hause kommen können, keinen ermüdenden Ganztagsbetrieb ertragen müssten. Auch familiäre Stressmomente durch das ewige Organisieren durch Zeitknappheit würden sich abschwächen. Dies ergibt stabilere Beziehungen, das ergibt stabilere Kinder. Würden diese entwicklungspsychologischen Erkenntnisse berücksichtig werden, so bräuchte man deutlich weniger Krippenplätze, deutlich weniger Kita-Plätze des Ganztagsbetriebes und könnte sicherer die nötige Grundversorgung herstellen. Alle Beteiligten würden profitieren, die Politik muss dies dann auch als Erziehungsziele öffentlich propagieren. Das Leben muss vom Kinde her gedacht werden!

Marion
11 Monate zuvor
Antwortet  Ingo Völzke

Oh ja. Ich gebe ihnen zu 100% recht.
Nur dass die meisten glauben „das Leben vom Kinde her denken“ ist gleichbedeutend mit „so viele Kitaplätze wie möglich zu schaffen“, damit Kinder schon gaaaanz früh gaaaanz viele Bildungschancen haben.
Die Kleinen verpassen nämlich so ungeheuer viel, wenn sie länger als ein Jahr an Mamas Rockzipfel hängen. Die müssen raus und so früh wie möglich selbständig werden. Die brauchen soziale Kontakte. Solche haben sie in der Familie nämlich nicht. Wissen sie etwa nicht, dass Kinder ohne Kita von ihren Eltern bevorzugt in finsteren Kellerverliesen ohne Kontakt zur Außenwelt gehalten werden? Die würden ohne Krippe und Kindergarten verkümmern, wie Primelchen ohne Wasser.
Nur ein Mensch, der von früherster Kindheit an die Segnungen unseres pädagogisch wertvollen Erziehungs- und Betreuungssystems genossen hat, kann in dieser hochkomplexen Welt bestehen.
Und die Mütter! Denken sie etwa nicht an die Mütter?
Was bieten die ihren Kindern für ein entsetzliches Rollenvorbild?
Eine Mutter, die ihre elenden Tage damit verbringt, zu Hause in der Herdasche zu sitzen und bittere Tränen ob ihrer verpassten Karrierechancen vergießt, kann ihre Kinder zu keinen wertvollen Mitgliedern dieser Gesellschaft erziehen.
Sie verbringt ihre Tage gefangen zwischen Bügelbrett und vollgeschissenen Windeln ohne je eine Chance darauf, das Haus zu verlassen und anderen Menschen zu begegnen, während ihr Mann jeden Morgen fröhlich pfeifend das Haus verlässt, um im Büro mit der kinderlosen Kollegin zu flirten und an seiner Beförderung zu basteln.
Und wenn er abends nach Hause kommt muss sie ihm die Pantoffeln und die Zeitung bringen und wehe das Essen steht nicht pünktlich auf dem Tisch.
So würde das nämlich enden, wenn wir das „Leben mehr vom Kind her denken“, ganz sicher.