
Der dunkelhaarige Achtjährige ist in Plauderlaune. Ihm gehe es gut, sagt er strahlend. Die Frage seiner Lehrerin, ob er seinen «Wackelzahn» schon verloren habe, versteht er sofort – und bejaht. Heute geht es um das Thema Kleidung; die kleinen Schülerinnen und Schüler beschreiben, was sie tragen und welche Farbe ihre Kleidungsstücke haben. Alles auf Deutsch – und sie freuen sich über jeden gelungenen Satz. An der Grundschule am Nackenberg in Hannover hilft Anne von Consbruch Kindern aus geflüchteten Familien.
Eine Sprache zu lernen, das habe viel mit sprachlichem Handeln zu tun, erklärt die 54-Jährige. Die Kinder werden zum Nachsprechen angeregt – auch formelhafte Wendungen, die etwa 70 Prozent der Sprache eines Erwachsenen ausmachten, werden geübt. Das sind Sätze wie: «Wie geht es dir?» oder «Mir geht es gut». An diesem Tag sind nur zwei kleine Schüler da. Sie sind samt ihrer Familien aus der Heimat geflüchtet. Das Mädchen ist seit der ersten Klasse in Deutschland, der Zweitklässler erst ganz kurz – jetzt müssen sie Deutsch lernen.
Sprachförderung gibt es nur für zwölf Monate – aber das reicht nicht
Und der eifrige kleine Junge lerne schnell, sagt seine Lehrerin, die für die 2009 gegründete Nina-Dieckmann-Stiftung Deutschunterricht für Anfänger gibt – neben dem normalen Unterricht. Die Kinder hätten eine Chance verdient, dafür lohne jedes Engagement, betont sie. Oft hätten die betroffenen Kinder eine Flucht hinter sich, das Leben in der Fremde sei ein «Kulturschock», auch «arbeiten andere Dinge in ihnen». Einige Kinder seien nicht sofort bereit für eine fremde Sprache. Es könne ein Jahr dauern, bis sie sich öffnen.
Das Problem: Die unterrichtsbegleitende Sprachförderung werde nur für zwölf Monate genehmigt. Nach neuen Vorgaben hätten Kinder, die länger als ein Jahr in Deutschland leben, keinen Anspruch auf diese Form der Sprachförderung mehr, erklärt von Consbruch. Die Ämter gingen davon aus, dass Kinder, die länger als ein Jahr in Deutschland leben, genug Deutsch könnten, um erfolgreich am Unterricht teilzunehmen.
Doch häufig sei erst nach etwa zwei Jahren ein umgangssprachliches Niveau erreicht, für Bildungssprache reiche die Zeit nicht: «Eine Fremdsprache zu lernen ist eben ein langer Prozess. Auch für Kinder.» Wortschatz, Satzbildung, grammatikalische Strukturen der verschiedenen Zeitformen bräuchten Zeit und Übung. Sprachliche Bilder seien auch schwierig, sagt die 54-Jährige – und erinnert sich an einen zu spät gekommenen Schüler, dem sie scherzhaft sagte, mit ihm ein Hühnchen rupfen zu wollen. Das Ergebnis: erwartungsvolle Blicke.
Stiftungsgründerin Nina Dieckmann ergänzt: «Viele denken, Kinder lernen eine Sprache schnell.» Das sei allerdings schwierig, wenn sie zu wenig Sprachvorbilder hätten. Auch zu Hause könne wegen der sprachlichen Hürden häufig niemand bei den Aufgaben helfen: «Wie sollen die Kinder lernen, dass da ein falsches Wort steht?» Auch von der Schule selbst kommt kaum Unterstützung: Viele Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, erhalten in der Schule keine besondere Leseförderung, das ergab unlängst eine Sonderauswertung von IGLU-Daten (News4teachers berichtete).
«Zum Glück gibt es an vielen Schulen engagierte Sekretärinnen oder Sozialarbeiter, die sich der Problematik annehmen, auch wenn dies offiziell nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehört»
Für den Einsatz braucht es neben Idealismus vor allem eines – Geld. 60 Prozent der Honorarkosten würden mit Lernfördergutscheinen aus dem sogenannten Bildungs- und Teilhabepaket bezahlt, sagt Dieckmann. Um die Gutscheine zu erhalten, müssten die Eltern einen Antrag beim Jobcenter stellen – dieser Antrag sei in deutscher Sprache, die die Eltern oft nicht verstehen. Auch sei nicht festgelegt, wer an den Schulen für die Antragstellung zuständig sei, sagt von Consbruch. «Zum Glück gibt es an vielen Schulen engagierte Sekretärinnen oder Sozialarbeiter, die sich der Problematik annehmen, auch wenn dies offiziell nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehört.»
Dabei seien 98 Prozent der Kinder, die eine Sprachförderung benötigten, auch berechtigt, betont Dieckmann. Derzeit fördere die Stiftung 560 Kinder, insgesamt seien es schon rund 5000. Allein die Honorarkosten für die sogenannten Lernpatinnen und -paten lägen bei etwa 240.000 Euro im Jahr.
Doch dann der Schock im vergangenen Dezember: Daten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zeigen, dass bei den meisten Kindern und Jugendlichen aus finanziell schwachen Familien nichts vom Bildungs- und Teilhabepaket ankommt. In Niedersachsen bekommen demnach gerade einmal 16,3 Prozent dieser Kinder zwischen 6 und 14 Jahren die Leistung, bundesweit sind es knapp 18 Prozent.
«Das Bildungs- und Teilhabepaket ist offenbar so gut verpackt und verschnürt, dass kaum einer es öffnen kann», sagt Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider damals. Der Verband sehe das Paket als gescheitert an. Von den gut 128.000 anspruchsberechtigten Kindern und Jugendlichen in Niedersachsen profitierten laut Landesverband nur rund 20.800. Dieckmann betont dagegen, für die Stiftung wäre es ein «Desaster», wenn die Gutscheine abgeschafft würden, eine Förderung über Spendengelder hinaus gäbe es dann nicht mehr.
Das sei allerdings nicht das Ziel, betont Joachim Rock, der Abteilungsleiter Sozial- und Europapolitik im Paritätischen Gesamtverband. Die Forderung sei eine andere: Es brauche nur ein Kind, das am Unterricht teilnehme, und einen Anbieter, der Vereinbarungen mit den Ämtern treffe, um die Förderung direkt abzurechnen – ohne die Eltern dazwischenzuschalten. Also: Der Träger meldet, welche Kinder teilnehmen, das Amt überweist das Geld.
Für den Schulleiter der Grundschule am Nackenberg, Chris-Hendrik Schulz, steht fest: Wegen des hohen Anteils an Kindern mit Migrationshintergrund, die größtenteils zwei- oder mehrsprachig aufwachsen, komme der «Sprachbildung eine hohe Bedeutung zu». Förderung in Kleingruppen trage dazu bei, die Sprachkompetenz zu verbessern. Das Bildungs- und Teilhabepaket schaffe zwar die Voraussetzungen dafür, er bemängelte aber «bürokratische Problematiken»: «Dies ist für Eltern, aber auch für Schule oft herausfordernd.»
Wie viele Kinder landesweit Sprachförderung dank der Gutscheine erhalten, ist unklar. Bei der Erfassung der bewilligten Leistungen wird nach Angaben des niedersächsischen Sozialministeriums nicht unterschieden, ob es sich um außerschulische Sprachförderung oder eine sonstige Lernfördermaßnahme handele. Demnach sei 2023 in rund 55.000 Einzelfällen außerschulische Lernförderung bewilligt worden – meist dürfte es sich um klassische Nachhilfe handeln.
In der Lerngruppe sind die beiden Kinder derweil gut beschäftigt – sie dürfen ein Schlussspiel aussuchen und am Ende gemeinsam singen. Denn beim Spielen vergessen sie ihre Schüchternheit, Singen wiederum hilft bei der Sprachförderung immens, wie von Consbruch erklärt. Die Kinder haben sichtlich Spaß am spielerischen Lernen – und fragen vor dem Förderunterricht gerne: «Was spielen wir heute?» Von Thomas Strünkelnberg, dpa









Wird eigentlich auch schon untersucht, welchen Einfluss Klassen mit so gut wie keinen ethnisch deutschen Kindern ohne Migrationshintergrund auf die Deutschkenntnisse und die Sozialisation dieser Kinder ohne Migrationshintergrund haben? Ich befürchte eine “Integration” in die Mehrheitsgruppe, also das Gegenteil, was von der Politik immer gewünscht wird.
Was bitte sind “ethnisch deutsche Kinder”???
Kinder ohne Migrationshintergrund. Steht da doch.
Nein, da steht ethnisch.
Ich wiederhile mich: Was meinen Sie mit ethnisch Deutsch?
Meine Großeltern kommen aus Pommern. Habe ich einen Migrationshintwrgrund?
Ich habe eine Schülerin aus Syrien, die in Deutsch eine glatte Eins hat. Und die hat jetzt einen negativen Einfluss auf die Sprachkompetenz ihrer Mitschüler/innen?
Kinder ohne Migrationshintergrund gibt es nicht .
Andernfalls entstammen Sie nicht homo sapiens.
https://www.planet-wissen.de/geschichte/urzeit/afrika_wiege_der_menschheit/index.html
Man kann Muttersprachler oder Zweitsprachler und ethnisch Deutsche unterscheiden, wenn es um das Sprachelernen geht. Ein Beispiel aus früheren Tagen: Viele Aussiedlerkinder waren zwar ” ethnische Deutsche”, sprachen jedoch schlechter Deutsch als zweisprachige Türken, die in Deutschland geboren waren.
Aus eigener Erfahrung: Deutsch lernen klappt gut, wenn die Klasse sehr gemischt ist. Denn dann ist Deutsch die Lingua Franca unter den Schülern. Es wird schwierig, wenn eine große Gruppe die Muttersprache teilt. In diesem Fall wird es vorkommen, dass eher auf die Muttersprache zurückgegriffen wird und mancher strengt sich dann nicht mehr an. Es ist vielen auch nicht klar, wie anstrengend es ist, einen ganzen Schultag in einer fremden Sprache zu denken und zu agieren.
“Viele Aussiedlerkinder waren zwar “ ethnische Deutsche“, sprachen jedoch schlechter Deutsch …” – das verstehe ich jetzt nicht ganz. Meinen Sie das wegen des Dialektes?
Nein, Dialekt war es nicht. Sie sprachen vorwiegend Russisch, definierten sich jedoch selbst als Deutsche. Das ging so weit, dass einige Eltern ihre Kinder nicht in DaZ schicken wollten mit dem Argument ” Das ist doch nur für Ausländer”
Danke, jetzt verstehe ich, was Sie meinten.
Können Ihrer Meinung nach also Menschen mit Migrationshintergrund keine “ethnischen Deutschen” werden?
Haben Juden oder Moslems in Deutschland Ihrer Meinung nach eine Perspektive, (ethnische) Deutsche zu werden/ zu sein?
Es geht im Artikel um außerschulische Sprachförderung, die über das BuT-Paket finanziert wird, ebenso wie es bei Nachhilfe unter bestimmten Bedingungen möglich ist.
Gar nicht betrachtet wird die schulische Sprachförderung, für die es in NDS Stunden als Zusatzbedarf gibt, die die Schule beantragen muss, die bewilligt werden müssen, für die dann Stunden zugewiesen werden und die Lehrkräfte erteilen. Diese Stunden gibt es, sie werden erteilt, sofern sie nicht einer Mangelsituation zum Opfer fallen.
Der Erlass zum DaZ-Unterricht wurde in NDS gerade erneuert, der zum interkulturellen Lernen folgt. Die zeitliche Einschränkung, dass von Kindern erwartet wird, nach 2 Jahren Deutsch gelernt zu haben, wurde ausgesetzt, was Vor- und Nachteile mit sich bringt.
Im Beitrag findet sich ein Hinweis auf eine aktuelle Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung auf der Basis von IGLU-Daten (also repräsentativ für Deutschland), der zufolge Sprachförderung in der Schule eben auch zu kurz kommt. Gerne hier nachlesen: https://www.news4teachers.de/2024/05/iglu-sonderauswertung-viele-kinder-die-zu-hause-kein-deutsch-sprechen-erhalten-keine-besondere-lesefoerderung/
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Im Beitrag geht es aber gar nicht um die, die zu Hause eine andere Sprache sprechen (…und in der Schule Deutsch), sondern um gerade zugezogene Kinder, die für das erste Jahr außerschulische Sprachförderung bekommen, damit sie die Sprache schneller lernen.
Wer noch nicht alphabetisiert ist, wird mehr Förderung benötigen, das war ein Kritikpunkt an der 2-Jahres-Frist im alten NDS-Erlass und braucht dann Lesetraining, wer schon alphabetisiert ist, liest womöglich in der Herkunftssprache exzellent, muss aber die neue Sprache erlernen.
Noch nicht ausreichende Lesefähigkeiten sind somit ein anderer Aspekt als Sprachförderung für Kinder mit anderer Herkunftssprache und aktueller Migrationserfahrung.
Dass Schulen mehr Unterstützung und personelle Ausstattung benötigen, um diesen Aufgaben gerecht werden zu können, denke ich auch, den Weg, es über B&T zu finanzieren, sehe ich als Notlösung. Viel besser wäre es, die Kräfte zusätzlich an den Schulen beschäftigen zu können, mit angemessener Begleitung und Vergütung.
Vielleicht sollte sich Deutschland andere Einwanderungsländer wie Kanada zum Vorbild nehmen, in denen die Unterschiede von Schülern mit und ohne Migrationshintergrund spätestens in der zweiten Generation in den Ergebnissen der Lernstandserhebungen kaum noch wahrnehmbar sind?
Dort ist Sprachförderung von Kindern aus eingewanderten Kindern obligatorisch. “Kanada gilt als Mustereinwanderungsland mit einem der migrantenfreundlichsten Schulsysteme der Welt. Hier stammen 37,5 Prozent der Kinder aus Familien, die eingewandert sind. Der Staat sieht Migration als Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und will die Zuwanderung in den kommenden Jahren erhöhen. Kinder von Einwanderern und Flüchtlingen werden auf ihre Sprachkenntnisse getestet und können nach einer Bewertung an individuell zugeschnittenen Förderprogrammen teilnehmen. Die Englisch- und Französischkurse sind in dem zweisprachigen Land kostenlos. Sie finden zum Beispiel morgens vor dem regulären Unterricht in Klassenzimmern der Grundschule statt. Aber auch in anderen Fächern haben sogenannte English Language Learners Anspruch auf besondere Betreuung.” Quelle: https://www.sueddeutsche.de/bildung/sprachfoerderung-kanada-frankreich-daenemark-grossbritannien-1.4556313
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Das ist es, was ich meine.
Vielleicht klappt es aber auch so gut, weil es in Kanada feste (und getrennte) Quoten für Einwanderung von Fachkräften und Asyl aus humanitären Gründen gibt. Es wird auch darauf geachtet, dass die Neuankömmlinge gleichmäßig über das gesamte Land verteilt werden. So können die Schulen sich besser darauf vorbereiten.
“Der Staat sieht Migration als Grundlage für wirtschaftliches Wachstum und will die Zuwanderung in den kommenden Jahren erhöhen.”
Bitte verschweigen Sie aber nicht, dass sich Kanada die Migrant*innen aussucht! Auch die Anzahl der Flüchtlinge ist begrenzt. Wenn die Lage in einem bestimmten Land so ernst ist, dass besonders viele zu kommen versuchen, werden die schon einmal ganz herausgenommen aus dem Kontingent.
Sooo freundlich ist Kanada dann nämlich doch nicht, stimmt’s?
So “freundlich” (nennen wir es mal so) ist -soweit mir gerade spontan durch den Kopf geht- KEIN Land der Erde, das auch nur ansatzweise westeuropäischen Wohlstand erreicht hat.
Insbesondere im englischen Sprach-/Kulturraum ist Einwanderung an sich durchaus sehr erwünscht – das Einwanderungsrecht (das man sich auf Englisch sehr leicht er-googeln kann, alles kein Staatsgeheimnis) ist aber GERADE DESWEGEN extrem hart im Vergleich zur BRD.
So holt man gute, produktive Leute.
(Randnotiz: Selbst Schwellenländer, die über jeden Zuwanderer von der Nordhalbkugel jubilieren müssten rücken ihre Staatsbürgerschaft nicht einfach so raus, sofern es [extrem vereinfacht gesagt] “gute” Schwellenländer sind.)
Es klappt auch gut, weil Kanada die Flüchtlinge und Einwanderer handverliest. Ich habe mehrere Freunde, die nach Kanada auswandern wollten bzw sind, daher bin ich ein wenig informiert. Schon die Gesundheitsprüfungen sind streng. Ausbildung und Englischkenntnisse bzw auch Französisch werden erwartet, dafür gibt es Punkte nach einem Punktesystem. Die ersten fünf Jahre gibt es auch keine freie Wohnortswahl, da heißt es oft, ab in den Norden, auch wenn beispielsweise in Vancouver die muttersprachliche Community sitzt. In Flüchtlingscamps führen sie Interviews mit Geflüchteten, wer akzeptiert wird, wird mit dem Flugzeug in sein neues Land geflogen. Das furchtbare Rattenrennen über das Mittelmeer plus Traumatisierung bleibt den Menschen somit erspart. Ich selbst fände es auch besser so.
“Das furchtbare Rattenrennen über das Mittelmeer plus Traumatisierung” (furchtbarer Ausdruck übrigens) bleibt den Menschen auch deshalb erspart, weil Kanada nicht am Mittelmeer liegt. Über den Atlantik können nunmal keine Flüchtlinge kommen.
Deutschland hat aber eben eine andere geografische Lage – inklusive 3.000 Kilometer Landgrenze. Dazu einen deutlich größeren Fachkräftebedarf als Kanada. Umso dringender wäre es, nach Jahrzehnten mal die Tatsache anzuerkennen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und bleibt, um dann auch die notwendige Infrastruktur dafür zu schaffen.
Herzliche Grüße
Die Redaktion
Ein weiterer Unterschied im Aufnahmeverfahren ist, dass USA, Australien und Kanada verpflichtet sind, für die neu anerkannten Staatsbürger*innen eine sog. Einbürgerungsfeier auszurichten : Eine Nachahmung empfiehlt sich .