POTSDAM. Langeweile gehört zu den am weitesten verbreiteten Unterrichtsgefühlen – bis zu 50 Prozent der Lernzeit sind laut Forschung davon geprägt. Eine neue Studie der Universität Potsdam und der Universität Stuttgart, veröffentlicht im British Journal of Educational Psychology, zeigt nun: Nicht nur zu schwere Anforderungen frustrieren Lernende. Zu leichte Aufgaben sind ein ebenso gravierendes Problem – mit deutlichen negativen Folgen für Interesse, Aufmerksamkeit und Lernentwicklung.

„Langeweile wirkt wie ein Bremsklotz im Lernprozess“, sagt der Potsdamer Erziehungswissenschaftler Prof. Richard Göllner. Seine Kollegin Prof. Kristina Kögler von der Universität Stuttgart ergänzt: „Wer am Ende einer Unterrichtsphase gelangweilt ist, zeigt anschließend weniger Interesse und ein schlechteres Verständnis.“ Ihre Studie mit dem Titel „Control-value appraisals and the emergence of students’ boredom: An in situ perspective within lessons“ legt offen, wie schnell und wie tief Langeweile den Lernprozess ausbremsen kann – oft innerhalb derselben Stunde.
95 Schülerinnen und Schüler, acht Unterrichtsstunden, sechs Messpunkte pro Stunde
Die Forschenden begleiteten 95 Neuntklässler einer kaufmännischen Mittelschule über zwei Wochen hinweg. Acht Unterrichtsstunden wurden dabei besonders präzise beobachtet. Mehrmals pro Stunde beantworteten die Jugendlichen per Tablet-PC ein extrem kurzes digitales Mini-Fragebogen-Pop-up, das automatisch auf ihren Geräten erschien. Jede Abfrage umfasste drei einzelne Aussagen – „Ich fühle mich gelangweilt“, „Ich interessiere mich für den Stoff“ und „Ich verstehe den Stoff gerade“ – die die Schülerinnen und Schüler auf einer Skala von 0 bis 100 per Fingerwisch einschätzen sollten.
Der gesamte Vorgang dauerte 10 bis 20 Sekunden, unterbrach den Unterricht kaum und lieferte dennoch ein präzises Bild davon, wie sich Langeweile, Interesse und Verständnis in Echtzeit während der Stunde veränderten. Dieses sogenannte Experience Sampling lieferte über 4.400 Momentaufnahmen. Dadurch konnten die Forschenden sehr genau nachvollziehen, wie Interesse, Verständnis und Langeweile sich innerhalb einer Stunde verändern.
Wenn Aufgaben zu leicht sind, steigt die Langeweile
Die Studie bestätigt: Wer den Stoff dauerhaft sehr gut versteht, läuft genauso Gefahr, sich zu langweilen wie jemand, der kaum hinterherkommt. Die Forschenden fanden eine Art U-Kurve: Ganz unten auf beiden Seiten liegt die Langeweile. Allerdings: Unterforderung ist im Klassenzimmer häufiger – und gefährlicher – als Überforderung. „Das zentrale Risiko im Klassenzimmer ist nicht zu viel, sondern zu wenig Herausforderung und Anspruch“, heißt es. Studienautor Göllner formuliert das so: „Lernende müssen zunächst befähigt werden, Inhalte zu verstehen. Im konkreten Unterricht müssen sie anschließend kontinuierlich gefordert werden.“
Neben dem Verständnis erwies sich eine Variable als besonders entscheidend: Interesse.
Die Studie zeigt, dass Schülerinnen und Schüler, die sich für ein Thema interessieren, deutlich seltener Langeweile erleben – unabhängig davon, ob der Stoff eher leicht oder eher schwierig ist. Für den Unterricht bedeutet das: Themenbezüge, Beispiele aus der Lebenswelt der Jugendlichen und motivierende Einstiege sind mehr als „nice to have“ – sie können Langeweile verhindern, bevor sie entsteht.
Langeweile zieht weitere Folgen nach sich – bis in die nächste Stunde
Problematisch sind auch sogenannte Rückkopplungseffekte: Ist ein Schüler oder eine Schülerin gegen Ende einer Unterrichtsphase gelangweilt, sinken in der nächsten Phase sowohl das Interesse als auch das Verständnis. Dieser Mechanismus lässt sich im Unterricht oft beobachten: Eine Klasse driftet ab, die Aufmerksamkeit bricht ein – und die nächste Erklärung verpufft. Die neue Studie zeigt: Dafür gibt es handfeste psychologische Gründe.
Langeweile ist kein bloßes Stimmungstief, sondern ein Signal dafür, dass etwas im Lernprozess aus dem Gleichgewicht geraten ist. Besonders heikel ist das gegen Ende einer Unterrichtsstunde: Genau dann, wenn Inhalte zusammengefasst werden oder der Übergang zur nächsten Aufgabe erfolgt, wirkt Langeweile wie ein Ausstieg. Die Forschenden fanden, dass gelangweilte Schülerinnen und Schüler in der nächsten Unterrichtsstunde weniger Interesse zeigen und weniger verstehen – die Autor*innen schreiben von einem „Abwärtssog der Unaufmerksamkeit“.
Was bedeutet das für die Praxis? Die Befunde lassen sich auf drei einfache, aber wichtige Punkte herunterbrechen:
- Unterforderung ist gefährlich – und häufiger als gedacht. Wer schon längst verstanden hat, was zu tun ist, schaltet innerlich ab. Das ist nicht Faulheit, sondern ein typisches Muster der menschlichen Aufmerksamkeit.
- Herausfordernder Unterricht ist notwendig. „Ein herausfordernder Unterricht sei daher keine pädagogische Option, sondern eine Grundbedingung für wirksames Lernen“, heißt es. Aufgaben müssen anspruchsvoll bleiben – aber nicht überfordernd sein.
- Interesse kann Langeweile abfedern. Selbst wenn eine Aufgabe schwierig ist: Wer sich für ein Thema interessiert, bleibt eher dran. Unterricht, der durch Lebensweltbezug motiviert, schützt nachweislich vor Langeweile. Und Langeweile ist kein harmloses Nebenprodukt des Unterrichts, sondern ein echter Lernkiller. News4teachers









Deswegen werden leistungsheterogene Schulformen und Klassen also gebildet …
Ich glaube nicht, dass die Studie in der Annahme bestätigen kann, dass sich “früher” die Kinder in “homogenen” Klassen nicht langweilten 😉
Genau! Siehe meinen Kommentar zur 300. Studie
Ich erlebe ganz oft, dass Schüler meinen, das Problem verstanden zu haben und deswegen gedanklich aussteigen. Den Transfer bekommen sie dann gar nicht mehr mit.
Auch schwierig: Schüler finden das Problem ganz interessant, aber die schriftliche Bearbeitung ist ihnen lästig.
Es liegt nicht nur an den Schülern. Das System ist einfach grottenschlecht.
Welches System jetzt genau?
Das Erziehungssystem “Anstrengung nervt”?
„Unterricht: Studie zeigt, wie Langeweile durch Unterforderung den Lernerfolg bremst.” Das neue Normal des leistungsheterogenen Gesamtschuleinheitsgymnasiums beweist gleichzeitig, wie Frustration durch kognitive und emotionale Überforderung denselben Effekt hat. Mit Inklusion wird das Ganze perfektioniert: Alle sind entweder gelangweilt oder überfordert – und so gleichermaßen erfolgreich im doppelten Bildungsstillstand.„Unterforderung ist angeblich häufiger und gefährlicher als Überforderung.” Hä? In meiner gymnasialen Realität klagen Schüler über die ständige Überforderung und fordern eher chillige Aufgaben. Willkommen im Fachunterrichtsraum, wo die Gefahr nicht Langeweile, sondern das kollektive Burnout ist – und die Lösung heißt: Arbeitsblätter light für alle. Leistungsstandards frisch und munterziehn wir immer weiter runter.
Und dabei heißt es doch, Langeweile fördere die Kreativität.
Obwohl … auf manche Kreativität würde ich bevorzugt verzichten.
Da lesen wir gerade im anderen Artikel, dass Smartphone-Sucht dazu führt, dass die Aufmerksamkeitsspanne in den Sekundenbereich sinkt und das Gehirn der Kiddies es nicht mehr aushält, wenn es nicht alle 10 Sekunden mit etwas Neuem, Spannenden konfrontiert wird:
https://www.news4teachers.de/2025/12/scrollen-kinder-sich-um-den-verstand-das-smartphone-ein-sozialexperiment-unvergleichlichen-ausmasses/
Und jetzt stellen deutsche Bildungs”forscher” fest, dass der Unterricht “zu langweilig” sein soll?
Also wieder einmal die Lehrer Schuld haben?
Naja, von der deutschen Bildungs”forschung” erwarte ich ja auch nichts anderes mehr: Nur mit der Schuldzuweisung an den Universalsündenbock kann man in Deutschland scheinbar in der Bildungs”wissenschaft” Karriere machen und Forschungsgelder kassieren…
Ich sehe oft Schuldzuweisungen an die Schulen.
Aber hier – ganz ehrlich – sehe ich das nicht.
Es wurde Langeweile durch Unterforderung untersucht (mit beinahe schon erwartbaren Ergebnissen). Für uns Lehrkräfte sollte klar sein: Wir müssen differenzieren und dabei nicht nur die schwächeren Schüler im Blick haben, sondern auch die stärkeren. Diese werden durchaus manchmal übersehen. Aber Differenzierung und individuelle Förderung stehen doch schon in den Lehrplänen. Und dass man Unterricht interessant gestalten sollte, sollte auch selbstverständlich sein (von “perfekt” hat niemand gesprochen).
Nochmal, hier sehe ich keine Schuldzuweisungen, nur eine sinnvolle Sensibilisierung.
Das sehe ich etwas anders, denn Differenzierung und individuelle Förderung ist etwas, das die allermeisten von uns, die in heterogenen Lerngruppen unterrichten, tagtäglich versuchen zu leisten. Von daher halte ich eine solche “sinnvolle” (Offensichtlich denken Sie ja auch, dass die meisten Lehrkräfte es nicht ausreichend versuchen?) Sensibilisierung für überflüssig.
Der Punkt ist doch, dass es nicht nur kognitive Unterschiede gibt, sondern dass die Unterschiede in der Anstrengungsbereitschaft oft die Differenzierungsangebote und individuelle Förderung torpedieren. Das erlebe ich jeden Tag. Richtig pfiffige Kids, die sofort aufhören zu arbeiten, wenn sie sich anstrengen müssen bzw. wenn sie sich reinhängen und dann nicht mitkriegen, was um sie herum läuft (Sie könnten dann nämlich für sie wichtige Interaktionen verpassen.).
Das mag an Gesamtschulen stimmen. Aber an Gymnasien sehe ich das nicht. Dort gibt es keine Differenzierung, obwohl die Klassen heterogen sind.
Die Aussage des letzten Satzes würde ich so in ihrer Pauschalität doch stark bezweifeln.
Differenzierung wird auch an Gymnasien nicht mehr von allen angenommen.
Ich habe Aussagen von wirklich schlauen Kids gehört, die eher nahelegten, dass sie keine Lust hatten zu lesen oder zu schreiben.
Oft ist die Gruppendynamik toxisch. Ein kognitiv schwächeres Kind gibt den Ton an. Da will man nicht als Streber*in gelten.
An Gymnasien in meinem Bundesland darf man gern kreativ sein erworbenes Wissen anwenden. Das war bereits zu meiner eigenen Schulzeit so. Wenn man jedoch so tickt, wie ich es oben beschrieben habe, können sich die betroffenen Lehrkräfte zu Tode differenzieren.
Deswegen ist Ganztagsschule auch für intelligente Schüler eine Qual und behindert deren Entwicklung enorm.
Nein, denn Ganztag heißt ja nicht automatisch, dass Kinder nur in heterogenen Lerngruppen unterrichtet werden.
Mein Mann ging auf ein Ganztagsgymnasium. Und nun Sie wieder.
Aha, Tatsachen interessieren hier nicht. Warum Ganztag intelligente Kids quälen und ihre Entwicklung enorm behindern sollte, erschließt sich mir nicht.
Frage an Sie: Wie kommen all die Spitzenwissenschaftler*innen z.B. in den USA oder im UK zustande?
Gelbe Tulpe behauptet ja auch plakativ, dass der Ganztag einen Rückenschaden und schlechte Augen verursacht….da müssen Sie sich über diese Aussage hier nicht wundern….
Ich bin der Beweis des Gegenteils. Brille hatte ich schon mit drei, noch vorm Kindergarten. Und Rücken hatte ich schon nach dem Studium und vor der Einstellung in den Schuldienst ein halber Arbeitsleben später. Aber vermutlich bin ich die Ausnahme von Gelbe Tulpes Regel.
Stimmt auch, siehe Ostasien.
Wir leben hier aber nicht Ostasien…..und hier verursacht der Ganztag weder Rückenschöden, noch Fehlsichtigkeit, noch ist es für intelligente Kinder eine Qual (zumindest nicht mehr als für alle anderen Kinder auch).
Und Kanada?
https://bildungsklick.de/schule/detail/ueber-den-tellerrand-geschaut-ganztagsschulen-in-aller-welt
Auch in Kanada spielt die Herkunft vermutlich eine wesentlich größere Rolle als das Bildungssystem.
Laut statcan.gc.ca erwerben z.B. ca. 46% der Schüler*innen höhere Bildungsabschlüsse, wenn sie selber oder die Eltern aus Afrika eingewandert sind, bei PoC, deren Eltern in Kanada geboren sind, wären es dann 16%.
Jaa, genau auch Kanada hat ein GANZTAGSschulsystem. Das sehen Sie vollkommen richtig.
Und auch dort scheinen die Auswirkungen des Schulsystems eher begrenzt zu sein, denn die Schüler*innen ohne Migrationshintergrund aus Kanada schnitten bei PISA-2022-Mathematik ähnlich schlecht ab ab wie Pendants aus Gesamt-DE.
Besuchten die alle “normale”, staatliche Schulen?
Nein, natürlich nicht, nicht ein*e Einzige ging auf eine GANZTAGSschule. Natürlich.
Es ist ja ein Naturgesetz, dass spätere Wissenschafterler*innen schon bevor sie wekche werden, auf Halbtagsschulen geschickt werden.//
Sorry! Aber Ganztagsschule ist auch in UK und USA nicht gleich Ganztagsschule. Auch in diesen Ländern gibt es jede Menge Bildungsverlierer und bei uns auch Schulen, die Wissenschaftler hervorbringen, sogar mit Halbtag.
Beispiel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich-Hertz-Gymnasium_(Berlin)
Es gibt sicher noch mehr solche Beispiele. Ich glaube nicht, dass Ganztag oder Halbtag das Problem ist!
Eben, genau meine Denke.
Ich wollte einfach aufzeigen, dass Ganztag nicht per se “intelligente Kinder in ihrer Entwicklung behindert, wie @Gelbe Tulpe es behauptet.
Da würde auch ich nicht widersprechen.
“Ich glaube nicht, dass Ganztag oder Halbtag das Problem ist!“
Wenn man sich die Bildungsstatistiken dieser Länder mal genauer ansieht, drängt sich schon der Eindruck auf, dass Sie da ziemlich richtig liegen dürften.
“Wie kommen all die Spitzenwissenschaftler*innen z.B. in den USA oder im UK zustande?”
Viele sind oft selber oder die Eltern eingewandert, überwiegend Studium an Eliteunis meist mit Stipendium.
Es soll sogar schon so weit gekommen sein, dass manche Colleges in den USA versucht haben den Anteil asiatisch-stämmiger Studierender künstlich zu begrenzen:
“Selective colleges often pick white students over similarly qualified Asian Americans, analysis suggests“
Genau, Migrant*innen gehen in den USA und im UK immer alle auf nicht existierende Halbtagsschulen. Nie auf GANZTAGSschulen.//
Was Sie glauben wollen, sei Ihnen unbenommen.
Ich halte mich lieber an die Realität.
Sie schreiben an meinen Texten vorbei.
Warum?
Sie hatten doch gefragt
“Wie kommen all die Spitzenwissenschaftler*innen z.B. in den USA oder im UK zustande?”
@Gelbe Tulpe hat in den Raum gestellt, dass GANZTAG intelligente S*S behindere.
Darauf beziehe ich mich.
Lesen Sie doch bitte immer den gesamten Verlauf eines Austausches. Danke!
https://bildungsklick.de/schule/detail/ueber-den-tellerrand-geschaut-ganztagsschulen-in-aller-welt
Ein Blick über den Tellerrand könnte in der Tat nicht schaden.
Die Realität wäre, dass bei PISA-2022-Mathematik in den USA die Ergebnisse der Schüler*innen ohne Migrationshintergrund um -15 Punkte niedriger lagen als die der Pendants in DE-gesamt.
Oder dass in den USA “immigrant students” aus bestimmten Herkunftsländern im Schnitt signifikant höhere Bildungserfolge erzielen als “US-born-students”.
Es gab auch Studien, die zu dem Schluss kamen, dass ein hoher Anteil von “immigrant-students” an Schulen sich positiv auf das “academic achievement” von U.S.-born students auswirken kann, besonders auch bei Einheimsichen aus der sozial benachteiligten Schicht.
Es geht hier nicht um den Migrationshintergrund, sondern ob Ganztag per se intelligente Kinder in ihrer Entwicklung behindert.
@Gelbe Tulpe schrieb “Deswegen ist Ganztagsschule auch für intelligente Schüler eine Qual und behindert deren Entwicklung enorm.”
Das hieße, dass es in den USA und dem UK, wo Ganztagsunterricht ja der Standard ist, kaum Spitzenwissenschaftler*innen (mit und ohne Migrationshintergrund), die dort zur Schule gegangen sind, gibt.
Dem wollte ich widersprechen. Der Migrationshintergrund spielt in diesem Kontext keine Rolle.
Leider ist mir oben ein Tippfehler unterlaufen, die -15 Pkt sind nicht korrekt, es muss natürlich -25 Pkt heißen. Ich bitte den Fehler zu entschuldigen.
Sie haben weniger Freizeit zum selbstgewählten Lesen und Experimentieren.
Aber auch weniger Zeit zu zocken….
Ich verstehe, dass Sie Ganztag für sich selbst ablehnen. Denn Ganztagsschule bedeutet ja auch, dass Lehrkräfte länger in der Schule bleiben müssen.
Wer bisher immer – bis auf an Konferenztagen und einigen anderen wenigen Ausnahmen – um 13.00 Uhr Feierabend hatte, verteidigt das natürlich mit Zähnen und Klauen.
Allerdings sollte man dann auch den Mumm haben zuzugeben, dass es einem hauptsächlich um ein selbst geht und man keine Lust darauf hat, längere Zeit in der Schule zu verbringen.
Tatsache ist nun einmal, dass nicht der Ganztag per se ein Problem darstellt, sondern seine Ausgestaltung sehr oft nicht gut ist.
Ich mag meine Schule wirklich, aber, wie bei uns der Ganztag gestaltet ist, halte ich für schlecht. Leider liegen die Mängel hauptsächlich in den vom Land vorgegebenen Rahmenbedingungen begründet, so dass sich da nur schwer etwas ändern lässt.
Fazit: Man sollte alles etwas differenzierter betrachten und die eigene Messlatte nicht zum Maß aller Dinge erklären.
“Lernende müssen zunächst befähigt werden, die Inhalte zu verstehen. IM KONKRETEN UNTERRICHT MÜSSEN SIE ANSCHLIESSEND KONTINUIERLICH GEFORDERT WERDEN”.
Grundschule
Kann ich, hab ich gelernt, mach ich und werde darin sicher noch besser, wenn:
ENDLICH DIE RAHMENBEDINGUNGEN FÜR EINE KONTINUIERLICHE FÖRDERUNG/FORDERUNG SIGNIFIKANT VERBESSERT WERDEN!!!!!
Aus meiner Sicht u.a. (jeder möge ergänzen):
Unbedingt kleinere Klassen, ich denke an 10/12 Kinder,
Entlastung von all den Zusatzaufgaben, die Zeit und Nerven rauben (hier an anderer Stelle oft schon benannt),
Doppelbesetzung (ein MUSS in inklusiven/integrativen Klassen)
Dolmetscher (ein Traum, ich weiß)
Geringeres Deputat (28 Std. in NRW aktuell)
Wieder ein unterrichtsfreier Tag für das Durchführen des Elternsprechtages (ich habe inzwischen Samstage dazu genommen, um mit frischem Kopf in die Beratungen zu gehen)
Funktionierende Technik (!!!!)
Eine Wunschliste, doch erfüllte sich diese auch nur teilweise, blieben so viel mehr Zeit, Kraft und Energie für die – wichtige – individulle Förderung/Forderung. Planung von Unterricht braucht ZEIT! Wenn ich nach einem Schultag abgeschlagen und müde nach Hause komme, esse ich was, lege mich hin, stehe auf und – lebe. Meine Ansprüche an guten Unterricht habe ich komplett runtergefahren.
Ich kann für mich nur sagen, ich tue, was ich noch kann, mehr geht nicht.
Wichtige, verstärkt zu vermittelnde Sozialkompetenz: Beim Gähnen die Hand vor den Mund halten.
Das weiß ich schon seit meine Kinder vor 25 Jahren zur Schule gingen.
4 Jahre damit verbracht nur auf die zu warten, die wirklich nicht können oder die einfach keine Lust hatten.
Inklusion geht in beide Richtungen. Es ist beileibe nicht nur die Integration von Lernschwachen.
Heute nicht anders. Mit 5 fragte die Kita, hat das Kind ggf. ADHS? Eine ältere Erzieherin meinte dann, ich glaub nicht, das ist bloß unterfordert, wird in der Schule weggehen. War richtig. Mit 10 wollte es nicht mehr zur Schule. Es sei so langweilig. Seit dem Gymnasium ist alles besser geworden… solange ich nicht verstehe, wie es einem Lehrer gelingen soll, so viele unterschiedliche Stände und Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen – das stelle ich mir wirklich extrem aufreibend und schwierig vor – solange bin ich dankbar über ein geteiltes System.
Darin liegt ein uraltes Kernproblem: die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten. Goethe hat nie eine Schule besucht, er hatte einen Hauslehrer. Ob er wohl in unseren heterogenen Gemeinschaftsschulen mehr oder weniger gelernt hätte? Und genau dieser Hausunterricht ist heute illegal. Entsprechend werden dann Leute wie der kleine Goethe ausgebremst, und die Bildung wird nivelliert. Eine festgelegte Rechtschreibung nach Duden gab’s damals noch nicht, aber Goethe lernte Latein, Griechisch, Hebräisch, Englisch, Französisch, Italienisch sowie Klavier- und Cellospielen. Das gäbe es heute nicht mal in teuren Elite-Internaten, geschweige denn in den heterogenen Gemeinschaftsschulen.
So, und jetzt denken Sie doch gerne noch einmal darüber nach, warum es das nicht mehr gibt. Auch sollten Sie überlegen, ob die pfiffige Meryem und der schlaue Sami solche Bedingungen hätten wie uns Goethe damals. Oder anders gefragt: Könnten deren Eltern, die Mindestlohn verdienen, es sich leisten, Hauslehrer*innen beschäftigen?
Sicher war das nicht was fürs gemeine Volk. Aber selbst heute wäre ein Hauslehrer kaum teurer als das Internat in Schloss Salem oder die vornehmen Internate in der Schweiz, besonders wenn vielleicht Geschwister gemeinsam unterrichtet werden.
Für Leute, die hohe Kita-Gebühren zahlen müssen, wäre möglicherweise auch eine eigene Kita-Betreuungskraft (m/w/d) kaum teurer als die Kita-Gebühren, wenn sich einige Familien zusammentäten und reihum im Notfall aushelfen würden. In Berlin gab’s mal staatlich unterstützte EiKitas (das “Ei” steht für “Eigeninitiative”).
Die Idee ist von den Privatschulen gar nicht sooo weit entfernt.
Und für Latein, Griechisch, Hebräisch, Englisch, Französisch, Italienisch gab es keine Rechtschreibregeln sowie für Klavier- und Cellospielen keine Notenblätter, an die er sich halten sollte?
Das weiß ich nicht, für Deutsch gab’s den Duden erst viel später. Goethe selbst schrieb seinen Namen gelegentlich als “Göthe”.
Das ist ca. die 300ste Studie, die diesen recht banalen Zusammenhang wissenschaftlich belegt: https://web.fhnw.ch/plattformen/hattie-wiki/begriffe/Langeweile . Interessant wäre die These zu untersuchen, dass Langeweile unabhängig ist davon, ob Klassen leistungsniveau-heterogen oder -homogen zusammengesetzt sind, sondern davon, wie der konkrete Unterricht gestaltet wird.
Die Studie bestätigt meine langjährige Unterrichtserfahrung: Schüler müssen im Unterricht durch interessante Lerninhalte gefordert werden, Unterforderung führt zu Langeweile! Die Kunst besteht in der Gratwanderung zwischen Unter- und Überforderung!
Das Problem liegt auch darin, dass die Begabtenförderung zwar auf den Webseiten jedes Schulministeriums steht und auch von anderen Organisationen postuliert wird (z.B. Karg-Stiftung), dass sie aber speziell in der Grundschule kaum stattfinden kann. Der Grund liegt wohl darin, dass die Lehrer sich verpflichtet fühlen, sich viel um die schwachen Kandidaten zu kümmern. In gewisser Weise war das wahrscheinlich schon immer so, aber jetzt wird es durch die Inklusion und Schüler, die noch gar kein Deutsch können, so richtig auf die Spitze getrieben. Die Schere zwischen den schwachen und den starken Schülern hat sich weiter geöffnet. DAS nennt man dann die segensreiche Heterogenität.