COTTBUS. Der Hilferuf von Eltern einer Cottbuser Grundschule bleibt nicht folgenlos: Nach massiven Gewaltvorwürfen hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen. Polizei, Stadt und Landesregierung reagieren mit einem Maßnahmenpaket – während der Brandbrief grundsätzliche Fragen nach Schutz, Grenzen pädagogischen Handelns und staatlicher Verantwortung aufwirft.

Das Schreiben beginnt ohne Umschweife: „Die Sicherheit unserer Kinder ist nicht mehr gewährleistet.“ Eltern einer Cottbuser Grundschule haben ihn vor wenigen Wochen unterschrieben – einen Brandbrief, der schildert, was für sie längst Alltag geworden ist: Schläge, Tritte, Stürze, ärztliche Behandlungen. Angst auf dem Schulweg. Kinder, die morgens mit Bauchschmerzen vor der Haustür stehen. Eltern, die ihren Kindern nicht mehr glaubhaft versichern können, dass Schule ein sicherer Ort ist.
„Im Moment können wir dieses Versprechen nicht mehr guten Gewissens geben“, schreiben sie. Die Eltern berichten von Gewalt, die sich verfestigt habe, von Drohungen wie „Wenn du etwas sagst, bekommst du Schläge“, von Reizgas, das auf dem Schulgelände versprüht worden sei. Ein Kind sei so heftig angegriffen worden, dass Rippenprellungen und eine Gehirnerschütterung diagnostiziert worden seien. Zivilcourage, schreiben die Eltern, werde mit Gewalt bestraft. „Das ist kein normales Grundschulleben mehr.“
Der Brandbrief der Eltern der Regine-Hildebrandt-Grundschule in Cottbus hat eine Dynamik ausgelöst, die inzwischen Landespolitik, Stadtverwaltung, Polizei und Justiz beschäftigt. Was lange als lokales Schulproblem erschien, ist zu einem politischen Thema geworden – mit bundesweiter Signalwirkung. Denn die Fragen, die sich in Cottbus stellen, sind keine singulären: Wie viel Gewalt hält Schule aus? Wo enden pädagogische Mittel? Und was passiert, wenn staatliche Institutionen den Schutz von Kindern nicht mehr gewährleisten können?
„Es braucht bei den Taten, über die wir da reden, auch die notwendige Härte“
Im Brandenburger Landtag sprach Innenminister René Wilke (SPD) nun offen von der Dimension der Lage. Seit Ende Juni bearbeitet die Ermittlungsgruppe „Schule“ der Polizei in Cottbus insgesamt 178 Ermittlungsverfahren. Es geht, so Wilke, um „Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung, Nötigung und vielerlei andere Dinge“. Allein im Bereich der Grundschulen seien 25 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, 18 davon bereits an die Staatsanwaltschaft Cottbus abgegeben. Dabei gehe es um Mutproben und Taten, um sich hervorzutun, aber mit einer Aggressivität und Gewaltbereitschaft von hervorstechender Dimension.
Wilke machte zugleich deutlich, dass aus Sicht seines Hauses ein reines Abwarten keine Option mehr ist. „Es braucht bei den Taten, über die wir da reden, auch die notwendige Härte“, sagte er im Innenausschuss. Repressive Maßnahmen seien notwendig. Die Polizei führe Gefährderansprachen, sichere Schulwege, bereite Aufenthaltsverbote vor. Auch Zwangsgelder gegen schulfremde Störer seien angedroht worden.
Die politische Reaktion erfolgt vor dem Hintergrund eines Schulalltags, den der Elternbrief detailliert beschreibt. Die Regine-Hildebrandt-Grundschule ist mit rund 464 Schülerinnen und Schülern eine große Grundschule im Stadtteil Sachsendorf. Mehr als 40 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund, über 38 Prozent besitzen keine deutsche Staatsangehörigkeit. Die Eltern betonen ausdrücklich, dass diese Vielfalt eine Chance sein könne – „wenn die Rahmenbedingungen stimmen“. Genau das sei jedoch nicht der Fall. Viele Kinder sprächen bei Schuleintritt kaum oder kein Deutsch. Missverständnisse, Konflikte, unklare Regeln und erschwerte Elternarbeit seien die Folge. Die Schule stoße mit ihren eigenen Mitteln an Grenzen, „die sie ohne politische Entscheidungen nicht überwinden kann“.
Der Brief macht deutlich, dass es den Eltern nicht um Schuldzuweisungen an Lehrkräfte geht. Im Gegenteil: Das Engagement der Schule wird ausdrücklich gewürdigt. Doch ein erheblicher Teil der Unterrichtszeit werde inzwischen für Deeskalation, Krisenintervention und die Stabilisierung verängstigter Kinder aufgewendet. Lernzeit gehe verloren, Lernlücken wüchsen. Der Bildungsauftrag werde schleichend ausgehöhlt. Besonders bitter sei das für Kinder, die ohnehin benachteiligt seien.
„Fakt ist, dass es immer wieder Schülerinnen und Schüler gibt, insbesondere eine kleine Gruppe von Schülern, die sich nicht an Regeln hält“
Auch die Stadt Cottbus sieht dringenden Handlungsbedarf – seit langem. Oberbürgermeister Tobias Schick (SPD) hatte bereits im vorvergangenen Jahr angekündigt, stärker gegen Gewalt an Schulen vorgehen zu wollen, unter anderem mit Sicherheitsdiensten. Nach dem Brandbrief brachte er öffentlich auch den Ausschluss einzelner gewalttätiger Kinder aus dem Regelschulbetrieb ins Gespräch. „Fakt ist, dass es immer wieder Schülerinnen und Schüler gibt, insbesondere eine kleine Gruppe von Schülern, die sich nicht an Regeln hält und Konflikte immer versucht, mit Gewalt zu lösen“, sagte Schick dem rbb. Man müsse einen Weg finden, „dass diese Schülerinnen und Schüler nicht mehr in dem Regelbetrieb und an dieser Schule unterrichtet werden“.
Auch Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) äußerte sich. Er stehe mit der Schulleitung in Kontakt, sagte er dem Sender. „Wir wissen, dass es an wenigen Individuen hängt, an einzelnen Personen, die sozusagen in ihren Gruppen dort für Unruhe sorgen.“ Die Schule sei seit Jahren „in schwierigem Umfeld sehr engagiert unterwegs“. Nun gehe es darum, wieder Ruhe herzustellen.
Gleichzeitig weist Innenminister Wilke darauf hin, dass Cottbus in der landesweiten Kriminalstatistik nicht an der Spitze steht. Bei Straftaten im schulischen Umfeld lägen zuletzt Oberhavel und Potsdam vorn. Die Behauptung der AfD, die Lage habe sich nicht verändert, wies Wilke zurück. Die Arbeit der Ermittlungsgruppe zeige Wirkung. „Die Gefährderansprachen zeigen enorme Wirkung“, sagte er. „Die Zahl der Mehrfachtäter geht zurück.“
Ob dies im Alltag der Schulen bereits nachhaltig wirkt, ist offen. Die Eltern der Regine-Hildebrandt-Grundschule berichten in ihrem Brandbrief, dass frühere Maßnahmen – Schulsozialarbeit, Ordnungsmaßnahmen, Zusammenarbeit mit Polizei und Jugendamt, Sicherheitsdienst – nur kurzfristig Entlastung gebracht hätten. „Nach wenigen Wochen verpuffte die Wirkung nahezu vollständig“, heißt es in dem Schreiben. Die Gewalt sei zurückgekehrt. News4teachers / mit Material der dpa
Grundschul-Eltern schreiben Brandbrief: Die Sicherheit unserer Kinder ist nicht mehr gewährleistet








