ZÜRICH. Künstliche Intelligenz kann heute Schachweltmeister schlagen und Proteinstrukturen vorhersagen – doch was bedeutet das für den Mathematikunterricht in der Grundschule? Diese Frage steht im Zentrum des zweiten Teils unseres Gastbeitrags von Juraj Hromkovic. Der Informatikprofessor der ETH Zürich spannt den Bogen von Leibniz’ Idee der regelgeleiteten Symbolmanipulation bis zu modernen Sprachmodellen – und erklärt, warum ausgerechnet die schriftliche Division beispielhaft zeigt, worauf es in der Schule der Zukunft ankommt: nicht auf das mechanische Anwenden von Verfahren, sondern auf das Verstehen der Denkprozesse dahinter.
Hier geht es zurück zum ersten Teil des Beitrags.

Künstliche Intelligenz – und die Folgen für die Bildung (Teil 2)
Maschinelles Lernen gelangt als Forschungsinstrument zu Nobelpreisen
Der Nobelpreis für Physik wurde für die theoretische Grundlagen des maschinellen Lernens vergeben. Der Nobelpreis für Chemie wurde 2024 für die Vorhersage der Proteinstruktur verliehen. Wir können Proteine als Symbolfolgen lesen, aber wir können daraus nicht modellieren, welche Struktur sie im dreidimensionalen Raum bilden. Dabei ist die 3D-Struktur entscheidend, da nur die Atome, die sich an der Oberfläche befinden, mit der Umgebung interagieren.
Ohne Kenntnis der 3D-Struktur können wir die Funktionsweise des gesamten Proteins nur schwer verstehen, was unser Hauptziel ist. Wir waren nicht in der Lage, den Prozess der Entstehung der dreidimensionalen Struktur physikalisch oder mathematisch zu modellieren und so zu beschreiben, dass wir vernünftige Vorhersagen erhalten. Und jetzt haben wir neuronale Netze trainiert, die gute Vorhersagen machen. So haben wir plötzlich nicht nur gute Vorhersagen über die Struktur von Proteinen, sondern sogar über das Design neuer Proteine mit den gewünschten Eigenschaften.
Das ist ein fantastischer Fortschritt, der wirklich einen Nobelpreis verdient. Aber wir können daraus nichts lernen, wir können es nicht selbst tun. Wir können nur ein System mit Milliarden von Komponenten bauen, das etwas lernt, das wir aber nicht von dem System lernen können. Das ist die zweite wichtige Message.
Ein Paradigmenwechsel in der Forschung
Was bedeutet es, dass wir KI-Systeme mittels Lernalgorithmen zum Erlernen einer Expertise befähigen können ohne die gewonnen Expertise zu verstehen und nachahmen können?

Natürlich wissen wir, wie man neuronale Netze zum Lernen befähigt, wir programmieren den Lernprozess. Sie tun im Lernprozess nur das, was wir ihnen vorgeschrieben haben und sie lernen nur das, was die von uns gelieferten Trainingsdaten ermöglichen. Aber das Resultat des Lernprozesses, können wir nicht in unser Wissen, in unsere Wissensrepräsentationen übersetzen. Wir können von ihnen nichts anderes erfahren als die Ergebnisse, die sie uns liefern, wenn wir sie arbeiten lassen. Dabei steht uns ihre Arbeitsweise jederzeit zur Verfügung, aber wir können daraus nicht die entsprechende Expertise lernen. Dabei ist diese Expertise nicht perfekt, genauso wenig wie Schachprogramme perfekt sind.
Bisher haben wir die Realität modelliert und somit verstanden und dank dem konnten wir Vorhersagen machen oder etwas gestalten. Jetzt können wir, ohne etwas zu verstehen, gute Vorhersagen erhalten und das ist ein Paradigmenwechsel. Dieses neue Paradigma zu akzeptieren, bedeutet keineswegs, dass wir aufhören sollten, Dinge zu verstehen. Das wäre der größte Fehler, den wir machen könnten. Anderseits dürfen wir aber nicht auf dieses Instrument verzichten.
Stellen wir uns vor, dass es beispielsweise für die erwähnte Bildung von 3D-Proteinstrukturen kein einfaches, kurz beschreibbares Modell gibt und dass die kürzeste Beschreibung mehrere Millionen Seiten umfasst. Ein Mensch hätte keine Chance das Modell zu erforschen. Wenn dies der Fall wäre, wären wir auf maschinelle Lernsysteme angewiesen, die dies für uns auf eine Weise tun würden, die wir nicht verstehen würden. Wir behaupten nicht, dass dies der Fall ist, sondern weisen nur darauf hin, dass es so sein könnte. Das Potenzial der künstlichen Intelligenz besteht darin, dass wir, wenn die erforderliche Expertise nicht kurz beschrieben werden kann, ein KI-System mit Milliarden von Synapsen erstellen können, das dies approximativ modelliert. Das KI-System ist zwar nicht ganz genau und auch nicht absolut zuverlässig, aber es ist funktional genug, um die Vorhersagen nützlich zu machen.
Die Folgen für die Bildung
In der Bildung diskutiert man oft, wie man Schülerinnen und Schüler dazu bringen kann, zu lernen, statt sich die Aufgaben von der KI lösen zu lassen. Das ist zwar berechtigtes Thema, aber zweitrangig im Vergleich mit dem Wesentlichen. Die Schule muss «Denken» unterrichten im viel höheren Mass als sie es heute tut.
Das schon lange kritisierte Faktenlernen ist nicht das Hauptproblem heute, sondern der Teil von falsch ausgelegten Kompetenzen des Lehrplans 21, die das Handeln nach vorgegebenem Muster trainieren wollen. Das alles kann IT heute vollständig automatisieren und es ist nur eine andere Form des Auswendiglernens; statt Fakten Methoden auswendig zu lernen. Man muss zu Kompetenzen wechseln, die bedeuten, anhand von vorhandenem Wissen und Erfahrung in neuen Situationen intelligent und sinnvoll handeln zu können. Das bedeutet den Fokus vom Unterrichten der Produkte der Wissenschaft und ihrer Nutzung auf die Prozesse ihrer Erforschung oder Entwicklung legen. Die Quantität des Gelernten ist nicht wichtig, sondern die Qualität des Lernprozesses.
Die Hauptaufgabe der Schule ist: Denken zu lehren
Schon Albert Einstein hat gepflegt zu sagen, dass der einzige wahre Grund in die Schule zu gehen, ist denken zu lernen. Wenn die neue Generation eine Chance haben sollte, sich in der Konkurrenz mit automatisierten Systemen und KI zu behaupten, müssen wir in ihrer Entwicklung die Dimensionen ihres intellektuellen Potentials fördern, in der sie der Automatisierung inklusive der KI überlegen ist. Dazu gehört vor allem die Förderung des kritischen Denkens und des kreativen Gestaltens so wie die Entwicklung der Fantasie und der Vorstellungskraft. Das Motto der Schule der Zukunft wird Folgendes sein:
Fokussieren wir im Unterricht nicht auf die Vermittlung der Produkte der Wissenschaft (Fakten, Modelle, Methoden, Technologie) und ihre Anwendungen, sondern auf die Prozesse ihrer Erforschung und Erfindung.
Man muss begreifen, dass die Wissenschaft keine definitiven Wahrheiten offeriert, genau wie die Ingenieurswissenschaften keine vollkommenen und somit nicht mehr verbesserbare Technologien und Maschinen entwickeln. Jede Entdeckung ist nur ein kleiner Schritt nach vorne, der uns ermöglicht besser und tiefgreifender eine neue Frage oder eine neue Zielsetzung zu stellen. Dieses reale Leben in der Untersuchung und in der Gestaltung der Welt muss die Schule erreichen. Das bedeutet mehr probieren und aus gescheiterten Versuchen lernen, mehr eigene Produkte entwickeln, testen, analysieren, mit anderen vergleichen und letztendlich verbessern und neue Ziele formulieren. Wir illustrieren es an der Mathematik, in der einige Bildungsverantwortliche es versuchen, die schriftliche Division aus der Primarschule rauszunehmen, weil sie angeblich zu schwierig ist.
Mathematik
Die Mathematik wurde als exakte Sprache zur Beschreibung, Erforschung und Gestaltung der Welt entwickelt und somit wurde sie neben dem Experiment zum zweiten Forschungsinstrument. Die einzige richtige Art Mathematik in der allgemeinen Bildung zu unterrichten ist sie als die Entwicklung eines Forschungsinstrumentes darzustellen. Mit jedem neuen mathematischen Konzept wächst die Beschreibungsstärke der Mathematik und somit auch die Menge der Objekte und Phänomene, die man mit ihr untersuchen kann.
Dabei beginnt der Unterricht schon in der Primarschule falsch. Statt die über 5000 Jahre alte Entwicklung der Zahlen und Arithmetik zu vermitteln, startet man mit der fertigen Abstraktion der Stellenwertdarstellung von Zahlen und mit fertigen abstrakt dargestellten Rechenverfahren. Diese sind eine Folge von unzähligen Verbesserungsschritten, weil man die arithmetischen Operationen so schnell wie möglich und auf kleinstmöglichem Platz ausführen wolle und dabei ohne Rücksicht auf die Verständlichkeit optimiert hat.
Weil man Abstraktionen nicht vermitteln kann, sondern nur über Erfahrung mit Konkreten entstehen lassen kann, empfindet man den Unterricht als schwierig. Das geht so weit, dass einige Länder wegen der Schwierigkeit die schriftliche Division nicht mehr unterrichten beabsichtigen. Wenn man aber die Genesis der Mathematik verfolgt, bleibt alles verständlich und somit ziemlich einfach.
Stellen Sie sich eine Zahl in der Münzdarstellung, zum Beispiel 724 als 7 Hunderter, 2 Zehner und 4 Einser vor. Dies ist eine einfache ursprüngliche Zahlendarstellung, wo man den Wert einer Zahl mit vorhandenen Münzengrössen «bezahlen muss», und zwar mit möglichst kleinster Anzahl der Münzen. Wenn Sie jetzt 724 durch 3 teilen wollen, verteilen Sie zuerst die 7 Hunderter wie beim Teilen des Piratenschatzes. Jede Partei bekommt in zwei Runden insgesamt 2 Hunderter und ein Hunderter bleibt übrig. Jetzt wechselt man den einen Hunderter für 10 Zehner und setzt das Teilen mit der Verteilung der verbliebenen 12 Zehner vor. Das ist haargenau unsere schriftliche Division, aber es ist noch so verständlich, dass die Kinder dieses Teilen problemlos in einer Lektion lernen.
Wenn die Kinder als Basismodul das Teilen eines Piratenschatzes können, schaffen sie sogar, die Division in der Münzendarstellung der Zahlen selbst mitzuentwickeln. Erst danach kommt die Entwicklung einer abstrakten Beschreibung des Teilungsprozesses, in dem die Kinder auch lernen sollen, selbst die Abstraktionen zu entwickeln und folglich den Prozess des Teilens abstrakt zu beschreiben. Alle Themen der Schulmathematik kann man in der Vermittlung über ihre Genesis vergleichbar stark vereinfachen. Und alle mathematischen Konzepte der Schule können aus dem Bedarf, die Welt zu beschreiben und zu untersuchen mit hoher Motivation, entwickelt werden. News4teachers
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Es ist nicht richtig, dass die schriftliche Division nicht mehr gelehrt werden soll, richtig st, dass die KMK sie aus der Verbindlichkeit für die Grundschule genommen hat.
Das beschrieben Teilen kann man ebenso mit der halbschriftlichen Division abbilden, man strukturiert die Rechnung wie beschrieb in 6 Hunderter, 12 Zehner und 4 Einer (oder 3 zum Aufteilen und 1 als Rest).
“aber es ist noch so verständlich, dass die Kinder dieses Teilen problemlos in einer Lektion lernen.“
Ist die „Lektion“ eine einzelne Stunde oder eine Einheit?
Und wann kommt man zu dem Schluss, dass jemand etwas „problemlos“ lernt?
“… dass die KMK sie aus der Verbindlichkeit für die Grundschule genommen hat.”
Das war 2004. Aber wo steht jetzt die Verbindlichkeit in der Sekundarstufe? Das scheint Interpretationssache zu sein. Also wird’s in der Praxis oft doch nicht gemacht.
Es gab auch in diesem Forum schon Beispiele, dass die halbschriftliche Division nicht immer leichter ist als die schriftliche. Und manchmal wirkt sogar viel länger und komplizierter.
Was soll man mit den schnelleren Kindern machen, die das tatsächlich „problemlos“ lernen können? Für mich bedeutet „problemlos“ nicht “ohne Anstrengung oder Übung”. Herausforderungen, die gewisse Anstrengung oder Übung verlangen, müssen auch da sein.
„Was soll man mit den schnelleren Kindern machen, die das tatsächlich „problemlos“ lernen können?“
Differenzieren, wie schon zuvor, z.B. beim Rechnen bis 20, 20, 100, beim 1×1, das manche schon vor der Einführung im Unterricht beherrschen, beim Lesen, das manche schon vor der Schule können, beim Rechtschreiben, das einigen Kindern zufällt, sodass sie keine Übezeit benötigen.
Wichtig ist, dass sie sich auch um etwas bemühen und für etwas anstrengen müssen, man muss die Aufgaben also geschickt wählen, um auch diese Kinder herauszufordern und Erfahrungen im Kernen, Scheitern und Üben zu ermöglichen.
In Deutsch ist es simpel, den Schwierigkeitsgrad immer zu erweitern…..in Mathe ist das schon anders, denn schwierigere Aufgaben, anspruchsvolle Formate bedürfen meist ja auch weiterführende Erklärungen…..
„Dabei beginnt der Unterricht schon in der Primarschule falsch. Statt die über 5000 Jahre alte Entwicklung der Zahlen und Arithmetik zu vermitteln, startet man mit der fertigen Abstraktion der Stellenwertdarstellung von Zahlen und mit fertigen abstrakt dargestellten Rechenverfahren….“
Ich habe diesen Satz jetzt mehrmals gelesen und mir erschließt sich nicht, was damit gemeint sein könnte…..
Was genau soll ich als Mathelehrerin im Anfangsunterricht tun? Eine 5000 Jahre alte Entwicklung der Zahlen und der Arithmetik vermitteln?
Als ich damals in die Schule kam, wurde Mengenlehre vorgeschaltet, bis man offenbar feststellte, dass dies wohl nicht besonders sinnstiftend war….
Heutzutage werden erstmal die Zahlen und die dazugehörigen Mengen bis 6\10\20 erarbeitet, bevor es dann praktisch ans Rechnen geht…..alles Materialgestützt…..
Stellenwerte machen erst ab 10 Sinn…..mmmmhhhhh
Aber vielleicht stehe ich einfach auch auf dem Schlauch und kann deshalb nicht folgen….
@Fräulein Rottenmeier
“Aber vielleicht stehe ich einfach auch auf dem Schlauch und kann deshalb nicht folgen….”
Ich bekenne (anekdotische Evidenz 😉 ): Genau so ging es mir damals “dank” Mengenlehre – immerhin war ich damit nicht allein. 🙁
Viele Kinder freuten sich damals schon darauf, den Bezahlvorgang beim Einkaufen (jenseits von 1 Kugel Eis = 20 Pfennig) mit mehreren Artikeln und entsprechend mehreren Preisen (simple Addition) verstehen zu können. Nach Zwangskontakt mit der Mengenlehre waren die meisten Kinder echt überfordert, enttäuscht wegen Mengengewusel (hatte für uns als Kinder absolut nichts zu tun mit dem, was im echten Leben geschieht – heute nennt man das “Lebensrealität”) und gaben sich natürlich selbst die Schuld, wenn es trotz Interesse (= ernsthaftes Wollen aka intrinsischer Motivation) fürs Rechnen über lange Zeit nicht klappte. Etliche Kinder waren damit für das Fach Mathematik “versaut” (= Das kann ich ohnehin nicht.) für viele Jahre.
Wer konnte damals schon ahnen, dass das noch lange nicht das Ende war für die Fahnenstange namens “Irrsinn” im Bereich Schule und Bildung?
Ich habe schon damals nicht verstanden, was an Mengenlehre so schrecklich war. Statt Mengengewusel war es doch alles schön strukturiert.
Ja, für den einen war alles klar, für den anderen führte es nur zur kompletten Verwirrung…..
Stellenwerte bzw. die Stellenwerttafel bekommen doch erst Bedeutung bei der Einführung der Dezimalzahlen, oder?
Gut, datt ich nich mehr unterrichten muss.
Ich unterrichte heute mal Binär- und Hexadezimalsysteme. Vielleicht mach ich danach noch das Oktalsystem.
Jau, und watt machen die SuS so lange?
Die sitzen da und tun so, als ob sie das verstehen würden… ich frag dann auch nicht nach.
Besser is
Auf 2, 16 und 8 halbschriftlich teilen
Nein, man nutzt sie schon bei Zahlen zwischen 10 und 20, sinnvoller bei Zahlen bis 100, danach baut man darauf auf.
Dann frag ich mich ja rückblickend, warum die jungen Fünfer die im Mathe-Unterricht der weiterführenden Schule nicht kannten.
Wie, die kannten keine Einer, Zehner, Hunderter, …..das glaube ich nicht….!?
Mengenlehre ist für Anfängen.
In gutem, niveauvollem Unterricht werden erst n x m Matrizen eingeführt und am Ende der Spezialfall n=m=1 behandelt. ´…
Sollte Heißen bis 6 / 10 / 20…..
6 , 10 , 20
6 ; 10 ; 20
|M| = e mit e in {6, 10, 20}
Gerade im Fach Mathematik wurde doch das Verstehen weitgehend aus dem Lehrplan entfernt und durch Abarbeiten von Kochrezepten, teilweise händisch, teilweise Taschenrechner, teilweise CAS, ersetzt. Das richtige Verstehen würde die Herleitungen der Kochrezepte beinhalten, die zu meiner Schulzeit noch teilweise drin waren, einige Jahrzehnte vorher noch viel mehr.
Das nehme ich genau anders wahr, es geht um be-greifen, darstellen, modellieren und weit weniger um das Abarbeiten von Aufgaben. Wenn aber die Übung fehlt, ist das Anwenden schwierig, weil man immer wieder über den Umweg über die Herleitung gehen muss.
So ist es….
Man merkt, dass Sie aus der Sicht der Grundschule, ich aus der Sicht der weiterführenden Schule schreiben. Vielleicht haben wir auch unterschiedliche Auffassungen von “verstehen” im Kopf.
Macht gar keinen Sinn das Mathe-Beispiel. Denn man lernt immer zuerst das verständigere schrittweise Dividieren wie beim Piratenschatz bevor man das abstraktere Verfahren erlernt
“Schule der Zukunft: Die Hauptaufgabe des Unterrichts ist, Denken zu lehren”
Denken kann jeder nur mit einem soliden Grundwissen. Wenn dieses aber vernachlässigt oder gar verteufelt wird wird mit Scheinbegründungen wie “stures Pauken”, wird auch Denken stark eingeschränkt bis unmöglich gemacht. Kinder müssen erst einmal einiges an Grundwissen beigebracht bekommen, bevor sie denken, Verknüpfungen herstellen und eigenständige oder gar neue Ideen entwickeln können.
Die letzten Jahrzehnte der Pädagogik waren (auch ohne KI) bereits geprägt davon, Schritt A (wie schulisch vermitteltes Grundwissen und Können in den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen) immer geringer zu achten und dafür Schritt B, das eigene Denken an erste Stelle zu setzen. Das Resulat war, dass vielen Kindern und Jugendlichen die kulturellen Grundlagen fehlten, um überhaupt selbstständig und innovativ denken zu konnen.
“Denken lehren” kann Schule nur, wenn sie auch das notwendige Handwerkszeug dazu liefert und nicht meint, auch dieses sollten die Kinder noch selbstständig entdecken und erfinden.
Das spricht mir aus der Seele. Wir verlangen heute schon von Erstklässlern sozusagen das Denken, indem wir sie Philosophieren und Forschen lassen (nicht negativ verstehen!) – dabei wird aber gern vergessen, die Grundstrukturen zu vermitteln, die erst dazu führen, dass ich mich sicher fühle und dann mit Inhalten kritisch auseinander setzen kann. Es muss doch erst einmal herangeführt werden. Wer schon am sinnentnehmenden Lesen scheitert, schafft das nicht.
Was KI angeht, werden viele Kinder sich auch später nie auf einem in diesem Artikel angesprochenen Level bewegen. Sie werden KI vermutlich eher nutzen, um sich Arbeitsabläufe zu erleichtern. Ziel ist auch hier – die KI steht am Ende (hoffentlich) immer unter menschlicher Aufsicht und die Ergebnisse müssen überprüfbar sein. Kann ich das nicht leisten, sollte ich in den meisten Fällen lieber nicht mein KI-Ergebnis einfach nutzen. Und wie soll ich das prüfen, wenn mir das Grundwissen fehlt?
Das Problem ist aber, dass zu viele der sogenannten Wissensvermittler tatsächlich “stures Pauken” betreiben – in der Hoffnung, Bildung und Denken wäre emergent, wenn man nur genug Wissen in die Schüler hinein bekäme. Dazu braucht man nur die Beiträge vieler dieser Apologeten auch hier im Forum lesen, in denen sie die Vermittlung von Kompetenzen nahezu verteufeln.
Das richtige Maß zwischen Wissens- und Kompetenzvermittlung dürfte wie zumeist eher in der Mitte liegen als an den extremen Rändern.
Bei Wissensvermittlung ist nun mal auch stures Lernen (Pauken) notwendig. Ohne übernommenes, im Gedächtnis verankertes Faktenwissen gibt es keine echte Kompetenz.
Bevor sturer Wissenserwerb relativiert wird, sollten wir ihn erst einmal wieder hoffähig machen und nach den vielen Jahren seiner Verschmähung aus der bildungs- und leistungsfeindlichen Versenkung holen. Erst danach können wir uns über das “Das richtige Maß zwischen Wissens- und Kompetenzvermittlung” unterhalten.
Das Problem ist: Wenn keine Fakten, Modelle und Technologien mehr unterrichtet werden, können die Schüler noch so sehr über Prozesse nachdenken – sie werden damit nie bessere Prozesse finden als eine KI, die ja auch schon mathematische Beweise und naturwissenschaftliche Erfindungen liefern kann. Und die Schüler, die nicht bereit sind, einfachste Fakten zu verstehen und sich zu merken, werden daher genauso das Nachdenken über Prozesse an die KI outsourcen. Und daher noch mehr verblöden als wenn man versucht, ihnen wenigstens noch einfachste Zusammenhänge zu vermitteln.
Kompetenzen zu besitzen, bedeutet “anhand von vorhandenem Wissen und Erfahrung in neuen Situationen intelligent und sinnvoll handeln zu können”.
Dies setzt ganz offensichtlich Kenntnis über Fakten und Methoden voraus, die es zu erlernen oder zu erforschen gilt.
Blaise Pascal (1623 – 1662) in Von der Methode der geometrischen, d.h.
methodischen und vollkommenen Beweise [a]:
„Ich will also das, was ein Beweis ist, [. . . ] verständlich machen [. . . ]
Vorher muß ich aber die Idee von einer noch höheren und vollkommeneren Methode geben, wohin die Menschen jedoch niemals gelangen können: denn was über die Geometrie geht, geht über uns hinaus; trotzdem ist es notwendig, etwas davon zu sagen, obgleich es unmöglich zu verwirklichen ist. Diese wahre Methode, welche Beweise in höchster Vollendung führen würde, wenn es möglich wäre, sie zu erreichen, würde in zwei Hauptsachen bestehen:
Einmal, keinen Begriff zu verwenden, dessen Sinn man nicht vorher deutlich erklärt hätte,
zum anderen, niemals eine Behauptung aufzustellen, die man nicht aus schon bekannten
Wahrheiten bewiesen hätte; d.h. mit einem Wort, alle Begriffe zu definieren und alle
Behauptungen zu beweisen.“
[a] Zitat aus Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie, Band 4, Philosophie der Neuzeit; Rowohlt Taschenbuchverlag Band 261/62, München 1966
Diese Stelle: “keinen Begriff zu verwenden, dessen Sinn man nicht vorher deutlich erklärt hätte” sollte der Anspruch jedes Fachunterrichts sein.
Entweder ist der Begriff der Anschauung entnommen (Münzen des im Artikel aufgeführten Piratenschatzes) oder der Begriff muss einer vernünftigen Erschließung (aus Bekanntem) zugänglich sein.
Und hier, in der Schule, trifft “beim Zugänglichsein” die Lebenswirklichkeit von aktuellen Schulkindern auf die Erinnerung an die vergangene kindliche Lebenswirklichkeit von heutigen Erwachsenen.
Wenn man das Ziel “Stellenwertvermittlung” nicht vor Augen hat, könnte man auch fragen,
wozu soll der historische Münzschatz hergenommen werden, denn Bargeld wird doch ohnehin schon vom virtuellen Geld vielfach abgelöst.
Die Frage “Wozu muss ich XYZ?”, insbesondere wenn XYZ keinem unmittelbarem Bedürfnis, z.B. dem Bedürfnis nach Anerkennung oder Freude, Abhilfe leistet, ist verständlich und müsste auch im Unterricht durch Schüler/innen gestellt werden.
Wie aber reagieren Lehrkräfte auf die Frage “Wozu muss ich …?”?
Leider häufig sprachlos: So war es als ich Schüler war – und ich ertappe mich mit gleicher Sprachlosigkeit.
Denn natürlicherweise sollte der Lehrkraft das eigene Unterrichtsthema Freude bereiten und damit dem eigenen Bedürfnis entgegen kommen.
“Wozu muss ich …?” stellt demnach eine höchst verstörende Frage der eigenen Wirklichkeitswahrnehmung da, über deren Antwort man wahrscheinlich in diesem Kontext nicht hinreichend nachgedacht hat und auch nicht hinreichend lange nachdenken können wird, denn der Unterricht muss ja weiter gehen – die nächste Stunde beginnt nicht wegen mir später:
Exemplarische Antworten, die keinen Mehrwert besitzen:
a) es macht doch Freude.
b) es ist doch einfach.
c) man lernt für das Leben.
d) steht im Lehrplan.
Noch viel schlimmer als die Frage “Wozu muss ich …” ist das Fehlen dieser Frage und das stillschweigende Abtreten der Lösungskompetenz an Hilfsmittel.
“Hier der Text. KI interpretiere, analysiere, strukturiere, fassezusammen …”
Jede Lehrkraft wird unweigerlich zur Frage kommen:
Wie kann ich Kompetenzen mit Fakten und Methoden durch meinen Unterricht so aufbauen, dass Schülerinnen und Schüler den Mehrwert erkennen können, selber kompetent sein zu wollen, so dass sie dann intrinsisch motiviert im Unterricht mitmachen und die Hausaufgaben erledigen?
Diese Frage sollte meiner Meinung nach Kernfrage jedes Lehramtsstudiums und auch des Referendariats sein. (Die zeitliche Entwicklung der menschlichen Gesellschaft wird notweniger Weise unterschiedliche Antworten liefern.)
Im Artikel wird es angesprochen: Denken funktioniert auf der Basis von Wissen. Das muss irgendwoher kommen. Von wo, wenn es nicht im Unterricht gelernt wird?
Dass man in der Schule (kritisch) denken lernen soll, wurde zuletzt von den Lehrkräften der sogenannten “68er”-Generation dezidiert vermittelt. Ihrer gedenke ich mit Dankbarkeit, auch wenn sie oft unbequem waren. In anderen Worten: Nichts Neues unter der Sonne.
Uralte Devise:
Selber denken macht schlau.
“Die Hauptaufgabe des Unterrichts ist, Denken zu lehren”
Nee – selber denken macht klug.
Will heißen – Aufgabenstellungen, die Denken und Ausprobieren erfordern müssen her.
Das Ganze mit Wissen gepaart – herrlich!
Wir können und müssen zum Denken anregen, das Tun liegt nicht in unserer Hand.