Welche Sterotype über Ausbildung bestehen – und was in Wahrheit stimmt

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DARMSTADT. Die Berufsausbildung leidet bis heute unter hartnäckigen Vorurteilen: zu wenig Bildung, zu viel Anpassung, kaum Aufstiegschancen. Doch diese Bilder haben mit der Realität moderner Ausbildungsberufe nur wenig zu tun. Im zweiten Teil seines Gastbeitrags nimmt unser Gastautor Dr. Ralf Tenberg, Professor für Technikdidaktik an der TU Darmstadt, sechs zentrale Stereotype unter die Lupe – und zeigt, warum berufliche Bildung gerade für die Zukunft junger Menschen mehr Chancen bietet, als viele glauben.

Hier geht es zurück zum ersten Teil des Gastbeitrags. 

Laut kann’s schon mal werden. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Es ist Zeit, sich mit beruflichen Optionen auseinanderzusetzen, die deutlich mehr Stabilität und Sicherheit bieten und zudem möglicherweise viel besser zu einem eher praktisch veranlagten jungen Menschen passen als ein Studium. Dazu will ich die sechs verbreitetsten Stereotype über die Berufsausbildung bzw. Ausbildungsberufe genauer ansehen und klären, was daran stimmt und was nicht.

  1. Berufsausbildung ist eine Zeit der Anpassung und Unterordnung
  2. Ausbildung ist viel Arbeit und wenig Lernen
  3. Berufsschulunterricht ist produktionsorientierter Praxisunterricht
  4. Berufe mit Ausbildung sind geistig wenig anspruchsvoll
  5. Berufe mit Ausbildung sind monoton und körperlich belastend
  6. Ausbildung ist eine Sackgasse ohne Aufstiegschancen

Zu 1.: Berufsausbildung ist eine Zeit der Anpassung und Unterordnung

In der Tat herrscht im Ausbildungsbetrieb eine andere Kultur als an der Schule oder Hochschule. Es gibt klare Hierarchien, in denen man sich zunächst ein- bzw. zuordnen muss. Auszubildende müssen – wie jeder im Betrieb – Anweisungen befolgen, Hierarchien akzeptieren und Regeln einhalten. Duale Ausbildung wird aktuell jedoch nur noch selten in Form der alten Handwerkslehre umgesetzt. Stattdessen stehen selbstorganisiertes Lernen, Projektarbeit, Kundenkontakte, Verantwortung in realen Arbeitssituationen. Im Verlaufe der Ausbildungszeit wird zunehmend Selbstständigkeit gefördert, aber auch gefordert. Die Betriebe erwarten keine devote Unterordnung, sondern Rollenfindung und -sicherheit und damit einhergehend Stabilisierung und zunehmende Eigeninitiative. Anpassung in der Berufsausbildung ist nicht Selbstverlust, sondern Teil beruflicher Sozialisation zu verantwortlichem beruflichem Handeln.

Schon im zweiten Ausbildungsjahr verfügen Auszubildende über eine deutlich höhere Selbstwirksamkeitserwartung als Studierende in der Mitte ihres Studiums. Zudem verfügen sie über einen klaren Sozialisations-Vorsprung und damit eine stabile betriebliche Identität in Gegenüberstellung zur diffusen Selbstwahrnehmung vieler Studierender. Gegen Ende der Ausbildung gibt es im Regelfall keine hierarchischen Diskrepanzen zwischen Auszubildenden und beruflichem Umfeld. Im Gegensatz zu einem Studienabgänger sind sie dann betrieblich sozialisiert und damit gegenüber den dort aus jedem beruflichen Niveau etablierten Hierarchien deutlich stabiler und sicherer.

Zu 2.: Ausbildung ist viel Arbeit und wenig Lernen

Auszubildende arbeiten in der Tat möglichst früh produktiv und erhalten vergleichsweise weniger Zeit für Theorie und Reflexion als Studierende. Dies erfolgt jedoch nicht im Sinne einer Ausnutzung oder Ausbeutung, sondern fundiert eine sinnvolle Kompetenzentwicklung. Lernen findet im Betrieb vor, im Vollzug und im Anschluss an unmittelbares Handeln statt.

Dem gemäß gibt es in der Ausbildung kaum unreflektiertes Handeln, daher besteht sie aus einem fortlaufenden Lernen, manchmal expliziter, manchmal impliziter. Neben dem Lernen um und mit den vielfältigen beruflichen Kompetenzen findet Erfahrungslernen statt, wenn sie beruflich umgesetzt werden. Ausbildung ist kein „Arbeiten statt Lernen“, sondern Arbeiten als Lernen in Lehrwerkstätten, überbetrieblichen Bildungsstätten, Betriebseinsätzen oder Technologiezentren. Immer korrespondiert das Lernen aber auch mit Theorie, entweder, wenn erklärt wird, warum man etwas wie genau tut, aber vor allem dann, wenn die Auszubildenden beginnen, eigenständig berufstypische Probleme zu lösen. Hinzu kommt die Berufsschule, die ebenfalls berufliche Kompetenzen vermittelt, jedoch aus einer abstrakteren und theoriefundierten Perspektive. Dies findet in Klassenzimmern, integrativen Fachunterrichtsräumen, Anlagen aus der Praxis und auch Laboren statt.

Zu 3.: Berufsschulunterricht ist produktionsorientierter Praxisunterricht

Berufsschulen werden bezüglich ihrer Bildungsgehalte aber auch -ansprüche deutlich unterschätzt. Wie vorausgehend schon festgestellt wurde, findet dort weder ein verkürzter Theorieunterricht noch ein zusätzliches Üben für die Praxis mit einfachem Ausbildungspersonal statt. Berufsschulen sind moderne Bildungszentren an denen universitär ausgebildetes Personal auf Gymnasial-Niveau arbeitet. Mit einem Universitäts-Abschluss auf Masterniveau in einem beruflichen Hauptfach und zudem einem allgemeinbildenden Nebenfach sowie zwei Staatsprüfungen, die für den höheren Dienst qualifizieren sind Berufsschullehrpersonen Expert:innen für die Planung und Durchführung eines methodisch wie inhaltlich aktuellen Fachunterrichts in curricularer und persönlicher Koordination und Kooperation mit den betrieblichen Lernorten.

Der berufsfachliche Unterricht ist in Lernfelder segmentiert und adressiert damit genau jene Berufskompetenzen, die gem. Ausbildungsordnungen für die Ausbildungsberufe einschlägig und zukunftsträchtig sind. Berufsschulunterricht ergänzt die betriebliche Ausbildung, überschreitet sie aber auch, sowohl in Ausschöpfung der gesamten Breite eines beruflich-fachlichen Spektrums, aber auch im Übergang in viele Anschlusspunkte allgemeiner Bildung. Nur durch die Dualisierung der Berufsausbildung vor Jahrzehnten wurde sie auf das Niveau gehoben, das sie auch heute noch im internationalen Vergleich gegenüber anderen Bildungssystemen immer wieder herausragen lässt. Ohne die Berufsschule wäre ein Bestehen der Kaufmanns-, Facharbeiter- und Handwerksprüfungen nicht möglich.

Zu 4.: Berufe mit Ausbildung sind geistig wenig anspruchsvoll

Ausbildungsberufe werden fälschlicherweise gerne mit Anlerntätigkeiten verwechselt, vor allem dann, wenn sie nicht – wie die kaufmännischen Berufe – im Büro ausgeübt werden. Tatsächlich ähneln sie in kognitiver Hinsicht eher akademischen Berufen, als den Anlerntätigkeiten, denn in jedem Falle gilt es in umfassenden Domänen Expertin oder Experte zu sein, vielfältige Informationen proaktiv und produktiv zu integrieren und dabei effektiv und effizient zu arbeiten.

Fast alle Ausbildungsberufe erfordern zudem hohe manuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten. Hinzu kommen hohe gestalterische Anforderungen in den Medienberufen sowie emotionale und empathische Befähigungen in den Gesundheits- und Pflegeberufen. Unter Berufskompetenz versteht man Bereitschaft und Fähigkeit, innerhalb einer breiten beruflichen Domäne eigenständig komplexe Probleme zu lösen und sich auch eigenständig in neue berufliche Bereiche einzuarbeiten bzw. fortzubilden. Die früheren Einstufungen im EQF (Europäischer Kompetenz-Rahmen) waren diesbezüglich unzutreffend, durch den sog. Bachelor Professional wurde dies inzwischen korrigiert. Er setzt mit der Stufe 6 einen Fachwirt-, Meister- oder Technikerabschluss mit dem hochschulischen Bachelor gleich.

Zu 5.: Berufe mit Ausbildung sind monoton und körperlich belastend

Diese These trifft nur auf einzelne körperlich geprägte Berufe zu, ist aber insgesamt zu pauschal. In bestimmten Branchen (Bau, Logistik, Pflege, Produktion) treten tatsächlich körperliche Belastungen wie Heben, Tragen, Arbeiten im Freien oder Schichtarbeit auf. Manche Tätigkeiten sind standardisiert und repetitiv, z. B. in Fertigung oder Montage, so dass sich auch Monotonie einstellen kann. Davor sind jedoch akademische Berufe keineswegs gewappnet. Berufliche Monotonie ist kein Niveau-Thema, sondern ein Thema von Interesse, Motivation und individueller Wahrnehmung.

Die berufliche Ausbildung umfasst über 320 sehr unterschiedliche Berufe – viele davon sind nicht körperlich, sondern kognitiv, kreativ oder organisatorisch geprägt (z. B. IT, Medien, Büroberufe). Roboterisierung, Digitalisierung und Automatisierung reduzieren körperliche Belastungen in vielen Branchen deutlich. Viele Ausbildungsberufe beinhalten Problemlösung, Kundenkontakt, Verantwortung und Abwechslung. Durch Weiterbildung (Meister, Techniker, Fachwirt) entstehen anspruchsvolle und weniger körperliche Tätigkeiten. By the way: Die meisten Menschen in reinen Sitzberufen klagen über den Bewegungsmangel und kompensieren die daraus entstehenden gesundheitlichen Probleme im Fitnessstudio, was nochmals die Absurdität unserer Distanz zu Berufen mit körperlichen Anforderungen verdeutlicht.

Zu 6.: Ausbildung ist eine Sackgasse ohne Aufstiegschancen

Diese These stimmt nur in einem verkürzten Verständnis von Aufstieg, also dem betrieblichen Muster, in der Hierarchie nach „Oben“ zu wandern. Hier wirkt die Sperrschicht zwischen beruflicher und akademischer Bildung massiv – jeder bleibt in der Regel in seiner Kaste. Beruflicher Aufstieg hat aber gegenüber diesem traditionellen Muster viel mehr Facetten. Typischerweise gibt es über dem Facharbeiter-Niveau das Meisterniveau (für alle beruflichen Domänen), also einen systeminternen Aufstieg, den fast jede:r Zweite inzwischen vollzieht. Außerhalb des Facharbeits-Systems sind Aufstiege durch weitere Schulabschlüsse, Fachakademien, Hochschulen und auch Universitäten möglich.

Betrachtet man die Vielfalt der beruflichen Bildungssystem in Deutschland, sieht man eine enorme Durchlässigkeit nach oben, die – im Gegensatz zur Allgemeinbildung – deutlich adaptiver zu den individuellen Neigungen, Begabungen und Interessen der jungen Menschen ist. Immer mehr Hochschulen und Universitäten öffnen Studiengänge für Nicht-Abiturienten, dies mit Erfolg, den dort sind die Abbruchquoten durchschnittlich geringer und die Abschlüsse nicht schlechter als vor der Öffnung. Noch ein Gegenargument: Berufliche Selbständigkeit ist ebenfalls eine Form von Aufstieg. Diese kann in jedem Ausbildungsberuf ohne Hochschulabschluss erreicht werden. Unsere ca. 10% Selbständigen in Deutschland sind etwa 50 : 50 mit und ohne Studium.

Stereotype entstehen aus dem menschlichen Bedürfnis nach Vereinfachung. Ihre Grundlage sind Einzelbeobachtungen oder deren Kommunikation durch andere. Eine verkürzte These entsteht, und die Menschen nehmen daraufhin deren Bestätigungen wahr, deren Relativierung ignorieren sie. Hat sich ein Stereotyp etabliert, wird es nur noch selten bewusst hinterfragt, denn es spart Denkaufwand, gibt Orientierung und reduziert Unsicherheit. Andererseits verhindert es eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem zugrundeliegenden Zusammenhang und unterstellt diesem zudem, dass er manifest sei, also im Stillstand begriffen – ohne Weiterentwicklung. Im Falle unserer Berufsausbildung gibt es also eine Menge zu tun, um aus dem Starrsinn der hier verbreiteten Vereinfachungen herauszukommen.

Ja, im Betrieb gibt es klare Strukturen – aber die dienen nicht dazu, junge Leute kleinzuhalten, sondern ihnen Sicherheit zu geben und sie Schritt für Schritt in Verantwortung zu führen. Auszubildende wachsen dadurch schneller in berufliche Rolle als viele Studierende, die jahrelang im Schonraum unserer Bildungstempel bleiben. „Arbeiten statt Lernen“ ist ein Mythos. In der Ausbildung wird beim und durch das Arbeiten gelernt – praktisch, reflektiert und begleitet durch eine Berufsschule, die fachlich auf hohem Niveau arbeitet. Arbeit hat einen eigenen Bildungswert, immer dann, wenn sie den Menschen kognitiv aktiviert, motiviert und sozial integriert (Georg Kerschensteiner).

Ausbildungsberufe sind kognitiv unterschiedlich anspruchsvoll, sie belaufen sich jedoch nie auf einfache Tätigkeiten. Sie verlangen Köpfchen, Geschick, Kreativität oder Empathie – je nach Beruf in unterschiedlichen Konstellationen und Relationen. Dass manche Jobs körperlich anstrengend sind, stimmt, nicht aber, dass sie die Menschen verschleißen oder verbrauchen. Technik und Digitalisierung hat in den letzten Jahrzehnten diese Belastungen stetig reduziert. Umgekehrt sieht man in Makerspaces und Hobbywerkstätten die Sehnsucht der Menschen nach körperlich und sinnlich geprägter Arbeit, in den Gyms nach physischer Verausgabung. Aufstiegsmöglichkeiten gibt es reichlich: über Meister, Techniker, Fachwirt, Studium oder sogar Selbstständigkeit. Genau wie für akademische Berufe gilt: wer will und sich engagiert, wird weit kommen. Kurz gesagt: Berufsausbildung ist viel moderner, anspruchsvoller und durchlässiger, als viele denken – zudem bietet sie jungen Menschen echte Chancen und ein starkes berufliches Fundament.

Mit der schnellen Verbreitung von KI verändert sich die Arbeitswelt rasant. Dabei passiert etwas Überraschendes: Einige Ausbildungsberufe werden nicht verdrängt, sondern sogar aufgewertet. KI kann Routineaufgaben übernehmen, aber sie ersetzt weder handwerkliches Können noch praktisches Problemlösen vor Ort. Je mehr digitale Tools im Einsatz sind, desto wichtiger werden Menschen, die Maschinen verstehen, sie bedienen, reparieren, programmieren oder im Alltag sinnvoll einsetzen können. Während KI in manchen Bürojobs monotone Denkaufgaben abnimmt, bleiben viele Ausbildungsberufe „KI-resistent“, weil sie reale, praktische Handlungskompetenz erfordern. Und genau diese Kompetenz wird durch die duale Ausbildung systematisch aufgebaut.

Also: Weg mit den Stereotypen und hin zur Information. Die Entscheidung heißt nicht „Ausbildung oder Studium?“, sondern vielmehr „was interessiert mich, wo fange ich an und wo will ich hinkommen?“. In einer KI-geprägten Welt wird absehbar unsere lange gehegte Bildungsselektion ad absurdum geführt. Bestehen werden darin junge Menschen, die das einsetzen können, was den Menschen von der Maschine unterscheidet, also die Integration von Verstand, Geschick, Kreativität und Emotion. Wer sehen will, was unsere Berufsausbildung in Deutschland aktuell im weltweiten Vergleich mit – zumeist akademisch geprägten Ausbildungen in anderen Staaten – leistet, sieht sich mal bei der WorldSkills um – der Olympiade der Berufe! News4teachers 

Hier geht es zurück zum ersten Teil des Gastbeitrags. 

 

 

 

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2 Kommentare
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ed840
1 Stunde zuvor

Könnte durchaus sein, dass Berufsschulen stark unterschätzt werden. Vor allem wenn man bedenkt, dass in manchen Bundesländern ein großer Teil der SPF-Schüler*innen und Schüler*innen mit Migrationshintergrund die allgemeinbildenden Schulen ohne ESA verlässt, dann aber später an den Berufsschulen doch noch den ESA schafft.

vhh
25 Minuten zuvor

Vermutlich bin ich berufsgeschädigt, aber diese Stereotype habe ich als Gesamtschullehrer von Schülerseite selten bis nie gehört. Ja, es gibt SchülerInnen, die teilweise zunächst so denken. Das lässt aber völlig außer acht, wieviel Beratung und Information, nach Lehrplan und auch nebenher, stattfindet. Eltern haben vielleicht häufiger einige dieser Vorstellungen, die schulische Vorgabe lautet schließlich auch ‘das höchste erreichbare Abschlussniveau ermöglichen’. ‘ich will noch nicht arbeiten’ steckt aber viel öfter hinter der Idee, noch ein Fachabitur am Kolleg zu versuchen; der zweite Grund ist ‘Freund/in macht das auch’…
Oft ist das sogar sehr vernünftig, denn in vielen Bereichen ist Akademisierung angesagt, in den Erziehungs- und Pflegeberufen ist die Richtung schon sehr deutlich erkennbar.
Jedes dieser Stereotype wird in den Jahrgängen 8-10 intensiv thematisiert, in den Abschlussklassen höre ich oft, dass sich die Schüler über Möglichkeiten und Gründe für Berufe unterhalten und solche Vorurteile explizit als Unsinn und irrelevant gesehen werden.
Wer in Gymnasien fragt, wird vielleicht andere Antworten bekommen. Vorgefasste Meinungen kann man nur ändern, wenn man darüber redet.