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Nachwuchsmangel: Schon jedes fünfte Unternehmen nimmt Azubis ohne Schulabschluss

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HANNOVER. Mathe, Sprache, soziale Regeln: Firmen müssen Azubis immer häufiger nachschulen – auch deshalb, weil notgedrungen immer öfter auch Jugendliche ohne Abschluss eingestellt werden. Warum viele Ausbildungsplätze trotzdem leer bleiben.

Händeringend… (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Trotz schwächelnder Konjunktur bleiben in Niedersachsen viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Fast jedes zweite Unternehmen konnte laut einer Umfrage der Stiftung NiedersachsenMetall trotz intensiver Suche nicht alle angebotenen Ausbildungsstellen besetzen.

Hauptgrund aus Sicht der Betriebe: Es habe schlicht keine geeigneten Bewerber gegeben. Mehr als 80 Prozent der Befragten hätten dies angegeben, so Olaf Brandes, Geschäftsführer der Stiftung NiedersachsenMetall in Hannover. Mehr als jeder vierte Betrieb hätte sogar überhaupt keine Bewerbungen erhalten.

Für die Untersuchung waren im November und Dezember 2025 insgesamt 320 Mitgliedsunternehmen von 15 Arbeitgeberverbänden aus verschiedenen Branchen befragt worden, darunter neben der Metallindustrie auch Kunststoff, Kautschuk, Keramik und die Verpackungsindustrie.

Jeder fünfte Betrieb bildet gar nicht aus

Insgesamt zeigte sich dabei eine weiter hohe Ausbildungsbereitschaft: Vier von fünf Unternehmen in der Umfrage gaben an, betriebliche Ausbildungsplätze anzubieten, jedes fünfte sogar mehr als im Vorjahr. «Dass in dieser schwierigen wirtschaftlichen Lage tatsächlich über 80 Prozent sagen, wir bilden aus, ist eine hohe Anzahl», sagte Brandes. Das zeige, dass nicht die Zahl der freien Plätze das Problem sei, «sondern eher die Qualität der Bewerbung und vielleicht auch die Zahl der Bewerber».

Gerade hier gebe es immer größere Defizite. Fast zwei Drittel der befragten Unternehmen sprachen von einer abnehmenden Qualität der Bewerbungen. Jedes fünfte Unternehmen sei inzwischen sogar bereit, auch Bewerber ohne Schulabschluss einzustellen. «Das zeigt, wie verzweifelt teilweise die Unternehmen sind bei der Suche», sagte Brandes. Schließlich gelte der Schulabschluss an sich als Grundvoraussetzung für eine Berufsbildung. «Das hat sich komplett gedreht.»

Mangelnde Sprachkenntnisse werden zum Problem

Mehr als drei Viertel der Betriebe berichteten davon, dass sie ihre Azubis gezielt nachschulen müssten. Die größten Defizite gebe es dabei bei den sozialen Kompetenzen, wo 80 Prozent Unterstützungsbedarf feststellten, gefolgt von mangelnden Kenntnissen in Mathematik und Naturwissenschaften mit 57 Prozent und Schwächen bei Sprache, Lesen und Schreiben mit 54 Prozent.

Dabei sei gerade die Sprache eine «wirtschaftliche Schlüsselkompetenz», sagte Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall. «Wer Arbeitsanweisungen nicht sicher versteht oder sich nicht klar ausdrücken kann, stößt auch in technischen Berufen schnell an Grenzen.»

Das werde zunehmend zum Problem: «Wenn Betriebe grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Rechnen oder soziale Regeln nachholen müssen, geht es nicht mehr um Fachkräftesicherung, sondern um Schadensbegrenzung – mit Folgen für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit», so Schmidt.

Unternehmen lehnen Ausbildungsabgabe ab

Eine klare Absage erteilte der NiedersachsenMetall-Chef daher Forderungen, eine Ausbildungsabgabe nach Bremer Vorbild auch in Niedersachsen einzuführen. «Die Umfrage zeigt, dass die Unternehmen ausbildungsbereit sind und Ausbildungsplätze anbieten.» Und sie böten sogar mehr Ausbildungsplätze an, als sie besetzten könnten. «Unter dem Aspekt, dass wir mehr Lehrstellen anbieten, als wir tatsächlich auch geeignete Bewerber haben, ist der Ruf nach einer Ausbildungsabgabe völlig verfehlt.»

In Bremen müssen alle größeren Unternehmen seit Januar 2025 eine Abgabe zahlen. Damit will das Land dem angespannten Ausbildungsmarkt entgegenwirken. Während Gewerkschaften den Bremer Ausbildungsfonds unterstützen, reißt die Kritik aus der Wirtschaft dort nicht ab. Aus dem Fonds sollen Ausbildungsbetriebe einen Ausgleich für die Ausbildungskosten erhalten – bis zu 2.250 Euro pro Auszubildendem und Jahr. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Berufsorientierung & Berufliche Bildung”

Was Schulabgänger mitbringen müssen: Wann ist ein Jugendlicher “ausbildungsreif”?

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