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Schule der Zukunft: “Inklusion ist kein Sozialprojekt für wenige, sondern Qualitätsmerkmal eines leistungsfähigen Bildungssystems”

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KIRCHBERG AN DER JAGST. Wer Schule verändern will, braucht mehr als gute Konzepte – er braucht Führung, die Verantwortung übernimmt, und ein Verständnis von Leistung, das niemanden ausschließt. In den letzten beiden Beiträgen seiner Reihe „10 Hebel für die Schule der Zukunft“ richtet Alexander Franz den Blick auf zwei zentrale Stellschrauben von Schulentwicklung: auf pädagogische Führung jenseits reiner Verwaltung und auf die Frage, warum Exzellenz nicht durch Auslese, sondern durch Inklusion entsteht. Franz ist Schulleiter der Schloss-Schule Kirchberg, eines staatlich anerkannten privaten Gymnasiums mit Internat, das reformpädagogisch und weltanschaulich offen arbeitet. Aus dieser Praxis heraus zeigt er, warum die Schule der Zukunft nicht selektiert, sondern gestaltet – und warum mutige Architekt:innen wichtiger sind als perfekte Verwalter.

Schule der Zukunft (mit KI erzeugtes Symbolbild). Illustration: Shutterstock

Hier geht es zu allen Teilen der Reihe.

Zehn Hebel für die Schule der Zukunft (9/10)

9 Warum wir mutige Architekten statt Verwalter brauchen

In den letzten Beiträgen ging es um Neurobiologie, Lernräume, Künstliche Intelligenz, Fehlerkultur, Inklusion und neue Lernformate. Doch so ehrlich müssen wir sein: Keine Reform wirkt, wenn sie niemand führt. Schulentwicklung passiert nicht automatisch. Sie passiert dort, wo Führung Verantwortung übernimmt – nicht als Kontrolle, sondern als Ermöglichung.

Lange Zeit wurde Schulleitung primär als administrative Funktion verstanden. Stundenpläne, Aufsicht, Haushaltspläne und Vorschriften prägten das Bild. Die internationale Bildungsforschung zeichnet jedoch seit Jahren ein anderes Verständnis. Die wirksamsten Schulleitungen agieren als pädagogische Führungskräfte im Sinne des Pedagogical Leadership. Studien zeigen, dass Schulleitungen zwar nicht direkt unterrichten, aber indirekt und signifikant Einfluss auf Lernerfolg nehmen – über Unterrichtsqualität, Schulklima und kollektive Wirksamkeit (Leithwood et al., 2008; Robinson, Lloyd & Rowe, 2008). Merksatz: Nicht Verwaltung verändert Schule – Führung tut es.

Pädagogische Führung bedeutet zunächst, eine Vision zu entwickeln. Transformation braucht Richtung. Schulen ohne gemeinsames Zielbild verlieren sich im Aktionismus. Wirksame Führungskräfte formulieren ein klares pädagogisches Leitbild und eine verständliche Antwort auf die Frage, warum sie tun, was sie tun. Gerade in komplexen Veränderungsprozessen erhöht ein geteiltes Ziel die Motivation und die Kohärenz im Kollegium (Fullan, 2014). Merksatz: Ohne Vision ist jede Innovation nur Bewegung ohne Richtung.

Zugleich bedeutet pädagogische Führung, Vertrauensvorschuss zu geben und psychologische Sicherheit zu schaffen. Innovation entsteht nicht unter Angst. Lehrkräfte brauchen einen sicheren Rahmen, um neue Formate auszuprobieren, etwa Lernbüros, Projektlernen, den FREI DAY oder KI-gestützte Szenarien. Forschung zur psychologischen Sicherheit zeigt, dass Teams schneller und nachhaltiger lernen, wenn Fehler nicht sanktioniert, sondern reflektiert werden (Edmondson, 2019). Wer keine Fehler zulässt, verhindert Entwicklung.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist das Teilen von Verantwortung. Die Schule der Zukunft wird nicht von Einzelpersonen geführt. Erfolgreiche Schulentwicklung basiert auf verteilter Führung. Steuergruppen, Jahrgangsteams, Fachgruppen und die Mitverantwortung von Schüler:innen tragen gemeinsam Entwicklung. Studien belegen, dass Distributed Leadership die Innovationsfähigkeit von Schulen erhöht und gleichzeitig die Belastung der Schulleitung reduziert (Spillane, 2006; Harris, 2013).  Führung ist kein Titel – Führung ist ein Netzwerk.

Alexander Franz. Illustration: Shutterstock

Damit Schulentwicklung nachhaltig wirkt, braucht es mehr als einzelne Projekte. Viele Initiativen scheitern, weil sie isolierte Leuchttürme bleiben. Der sogenannte Whole School Approach verfolgt einen anderen Ansatz. Unterricht, Organisation, Personalentwicklung, Schulklima und Partizipation werden systemisch miteinander verzahnt. Gerade bei Themen wie Bildung für nachhaltige Entwicklung, Digitalisierung oder Inklusion zeigen Studien, dass nachhaltige Wirkung nur entsteht, wenn die gesamte Schule eingebunden ist (OECD, 2018; UNESCO, 2020). Merksatz: Ein Projekt verändert wenig – eine Haltung verändert alles.

Besonders wirksam ist dabei echte Beteiligung. Schulen, die Wandelteams bilden, in denen Lehrkräfte, Schulleitung, Eltern und Schüler:innen gemeinsam Verantwortung übernehmen, erhöhen Akzeptanz, Identifikation und Umsetzungstiefe (Mitra, 2004; Fielding, 2011). Wer Betroffene beteiligt, gewinnt Verbündete.

10 Warum Exzellenz keine Auslese braucht

In Deutschland hält sich ein hartnäckiger Glaubenssatz: Kinder müssten früh sortiert werden, um sie leistungsgerecht fördern zu können. Homogene Lerngruppen gelten vielen noch immer als pädagogisches Ideal. Die internationale Bildungsforschung zeigt jedoch seit Jahren, dass dieses Modell weder Gerechtigkeit noch nachhaltige Spitzenleistungen hervorbringt. Auslese erzeugt Übersicht, aber keine Exzellenz.

Ein Blick auf internationale Vergleichsstudien wie PISA zeigt ein klares Muster. Länder mit geringer sozialer Selektion erzielen hohe durchschnittliche Leistungen bei gleichzeitig geringer Leistungsstreuung. Besonders häufig genannt werden Finnland und Estland. Diese Systeme setzen auf späte oder gar keine äußere Selektion, Lernen im gemeinsamen Regelsystem und frühe, systematische Förderung bei Lernschwierigkeiten. In Finnland gilt das Prinzip „Special Education for All“. Förderung ist dort kein Sonderstatus, sondern selbstverständlicher Teil des Unterrichts (Sahlberg, 2015). Merksatz: Nicht Kinder müssen passen – Systeme müssen es. Auch Estland zeigt, dass hohe Leistungen ohne frühe Auslese möglich sind, kombiniert mit gezielter individueller Unterstützung und digital gestützten Lernwegen (OECD, 2019; PISA 2022).

Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Inklusion mit Gleichmacherei zu verwechseln. Inklusive Bildung bedeutet gerade nicht, dass alle das Gleiche zur gleichen Zeit tun müssen. Sie bedeutet gemeinsamer Lerngegenstand bei unterschiedlichen Zugängen, individuellen Niveaus und verschiedenen Ausdrucksformen. Die Forschung spricht hier von Adaptivität und Differenzierung im gemeinsamen Lernen (Ainscow, 2020). Gleich lernen heißt nicht gleich arbeiten.

Gerade im inklusiven Kontext wird Digitalisierung zu einem entscheidenden Hebel, wenn sie pädagogisch sinnvoll eingesetzt wird. Assistive Technologien ermöglichen etwa das Vorlesen von Texten, Sprache-zu-Text-Funktionen, individuelle Schriftgrößen oder alternative Bedienformen. Das verbessert nachweislich die Teilhabe und Selbstständigkeit von Lernenden mit Beeinträchtigungen (Edyburn, 2013). Technik ersetzt keine Beziehung, aber sie beseitigt Barrieren.

Digitale Werkzeuge erlauben zudem Lernen am gleichen Gegenstand bei methodischer Vielfalt. Inhalte können über Textanalysen, Videoerklärungen, Visualisierungen, vereinfachte Sprache oder vertiefende Zusatzaufgaben erschlossen werden. So bleiben alle Teil der Lerngemeinschaft, ohne dass der Anspruch abgesenkt wird (Tomlinson, 2017). Ein Thema – viele Wege.

Darüber hinaus ermöglichen digitale Medien einen Perspektivwechsel vom Defizitblick zum Kompetenzblick. Neue Ausdrucksformen wie Präsentationen, Podcasts, Videos oder Simulationen machen Kompetenzen sichtbar, die in klassischen schriftlichen Prüfungen oft unsichtbar bleiben (Hattie, 2012). Merksatz: Wer nur misst, was leicht prüfbar ist, übersieht Talent.

Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen Gleichbehandlung und Gerechtigkeit. Bildungsforschung unterscheidet zwischen Verteilungsgerechtigkeit, bei der alle das Gleiche bekommen, und Anerkennungsgerechtigkeit, bei der jede und jeder das erhält, was gebraucht wird. Gerade Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten oder inklusiven Kontexten profitieren nachweislich von bedarfsgerechter Förderung (OECD, 2018; Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2022). Merksatz: Gerecht ist nicht gleich – gerecht ist passend.

Das Fazit des zehnten Hebels lautet: Inklusion ist kein Sozialprojekt für wenige, sondern ein Qualitätsmerkmal eines leistungsfähigen Bildungssystems. Eine Schule, die die Schwächsten mitnimmt, wird automatisch besser für die Stärksten. Die Schule der Zukunft bereitet nicht auf eine selektierte Welt vor, sondern auf eine Gesellschaft, in der Teilhabe ein Menschenrecht ist.

Fazit der gesamten Reihe: Die Schule der Zukunft ist kein fertiger Bauplan. Sie ist ein Entwicklungsprozess. Sie entsteht dort, wo Führung mutig priorisiert, Evidenz wichtiger ist als Ideologie und das Kind Ausgangspunkt aller Entscheidungen bleibt. Oder anders formuliert: Schule der Zukunft beginnt nicht im Klassenzimmer – sondern im Führungsverständnis. News4teachers 

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