Start Aus den Verbänden “Ausschließlich vom Gymnasium aus gedacht”: Elternschaft kritisiert Philologen

“Ausschließlich vom Gymnasium aus gedacht”: Elternschaft kritisiert Philologen

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DÜSSELDORF. Die Kritik des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes (PhV) am Deutschen Schulbarometer bleibt nicht unwidersprochen. Die Landeselternschaft der integrierten Schulen (LEiS-NRW), die sich für längeres gemeinsames Lernen einsetzt, wirft dem Verband vor, zentrale bildungspolitische Fragen systematisch auszublenden und an überkommenen Strukturvorstellungen festzuhalten.

Hatte das Schulbarometer kritisiert: Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbands NRW. Foto: Philologenverband NRW

In einer Stellungnahme bezeichnet Vorstandsmitglied Harald A. Amelang die Argumentation der Philologen als „seit Jahren bekannte und ebenso begrenzte Perspektive auf Bildungspolitik“. Zwar sei der Hinweis, dass Lehrkräfte soziale Ungleichheiten nicht allein ausgleichen könnten, zutreffend. „Diese Feststellung ist banal richtig. Aber sie wird hier einmal mehr als Schutzbehauptung genutzt, um sich der eigentlichen Verantwortung zu entziehen“, so Amelang.

Im Zentrum der Kritik steht der Vorwurf, der Philologenverband ziehe aus den Befunden der Studie die falschen Konsequenzen. Anstatt zu fragen, wie Schule strukturell verändert werden müsse, um soziale Ungleichheiten zu verringern, werde deren Bearbeitung grundsätzlich infrage gestellt. „Wer daraus lediglich ableitet, dass Schule ‚das nicht leisten kann‘, kapituliert vor der Realität – statt sie zu gestalten“, heißt es in der Stellungnahme.

„Dort, wo soziale Unterschiede nicht durch institutionelle Trennung verstärkt werden, entstehen andere Bildungschancen“

Zugleich richtet sich die Kritik gegen das zugrunde liegende Bildungsverständnis des Verbandes. LEiS-NRW wirft dem Philologenverband vor, Schule „weiterhin ausschließlich vom Gymnasium aus“ zu denken – „selektiv, abschichtend, strukturkonservativ“. Diese Perspektive greife aus Sicht des Vereins zu kurz, weil sie selbst Teil des Problems sei. Ein gegliedertes System, das Schülerinnen und Schüler früh auf unterschiedliche Bildungsgänge verteilt, verstärke soziale Ungleichheiten, statt sie abzubauen.

Dem setzt der Verein die Erfahrungen aus integrierten Schulformen entgegen. „Dort, wo Kinder länger gemeinsam lernen, wo individuelle Förderung systemisch verankert ist und wo soziale Unterschiede nicht durch institutionelle Trennung verstärkt werden, entstehen andere Bildungschancen“, erklärt Amelang. Die wiederkehrende Argumentation des Philologenverbandes, soziale Ungleichheit sei zwar problematisch, aber strukturell kaum beeinflussbar, beschreibt er als rückwärtsgewandt.

Anlass der Debatte ist das in dieser Woche erschienene Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung, das einen Anstieg psychischer Belastungen bei Schülerinnen und Schülern feststellt. Demnach zeigt etwa ein Viertel der Kinder entsprechende Auffälligkeiten, bei sozial benachteiligten Gruppen liegt der Anteil deutlich höher (News4teachers berichtete). Der Philologenverband hatte die Studie dafür kritisiert, strukturelle Probleme wie Lehrkräftemangel und Ressourcenknappheit auszublenden und Verantwortung einseitig den Schulen zuzuschreiben. News4teachers 

Philologen-Chefin: Lehrkräfte können soziale Schieflagen nicht “wegpädagogisieren”

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Rainer Zufall
3 Tage zuvor

Wenn wir uns in einen Verteilungskampf begeben, ist das Ziel bereits verfehlt und die Bildungspolitik aus der Pflicht genommen.
In BW haben wir an Gymnasialkräften einen Stand von +5%, überall sonst Negativstände, am SBBZ -11,5% (2023/24).

Der Punkt ist: Es sollte an allen Schularten so aussehen wie an den Gumynasien, Krabbenmentalität würde (weiterhin) ausgenutzt 🙁

Nick
3 Tage zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Es gibt ein Thema, bei dem ich mal so halbwegs auf Ihrer Wellenlänge bin…

Bei der (staatlichen) “Gymnasialindustrie” besteht ein Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Die Eltern sehen in ihren Sprösslingen so etwas wie Wirtschaftsbosse von morgen. Die Enttäuschung kommt dann später… Übrigens, die wirklichen Eliten werden auf sog. Privatschulen mit Internaten geschmiedet (Salem, Schoss Torgelow,…)… Ja und den Lehrern gefällt es irgendwie auch. Man unterrichtet wegen der hohen Schülerzahl in einem gemütlichen staatlichen Gymnasium und nicht in einer rauhen Brennpunktschule…

Rainer Zufall
2 Tage zuvor
Antwortet  Nick

“Es gibt ein Thema, bei dem ich mal so halbwegs auf Ihrer Wellenlänge bin…”
Danke 🙂

“Man unterrichtet wegen der hohen Schülerzahl in einem gemütlichen staatlichen Gymnasium und nicht in einer rauhen Brennpunktschule…”
Es gibt auch Gymnasien jm Brennpunkt sowie – meinem Beispiel folgend – SBBZ in ländlicher, “heiler Welt”.
Aber auch hier muss es im sogenannten “Brenndpunkt” verbessert werden, nicht an Beispielen gekratzt, die (halbwegs) durchkommen

Hans Malz
3 Tage zuvor

„Wer daraus lediglich ableitet, dass Schule ‚das nicht leisten kann‘, kapituliert vor der Realität – statt sie zu gestalten“

Alle, die nicht in der Schule arbeiten halten die Fahne hoch und wissen es besser. Der Einwand, sich mal um die Strukturen zu kümmern ist doch vollkommen richtig.

„Diese Feststellung ist banal richtig. Aber sie wird hier einmal mehr als Schutzbehauptung genutzt, um sich der eigentlichen Verantwortung zu entziehen“, so Amelang.

Klar, aus der Ferne kann man das so richtig gut beurteilen.

“Die Landeselternschaft der integrierten Schulen (LEiS-NRW), die sich für längeres gemeinsames Lernen einsetzt, wirft dem Verband vor, zentrale bildungspolitische Fragen systematisch auszublenden und an überkommenen Strukturvorstellungen festzuhalten.”

Tja, die Wunschvorstellung funktioniert wohl nicht so, wie gewünscht. Deshalb sind die anderen Schuld, die sich an ein funktionsfähiges Modell klammern und nicht mit untergehen wollen.

Alese20
2 Tage zuvor
Antwortet  Hans Malz

“…,die sich an ein funktionsfähiges Modell klammern und nicht mit untergehen wollen.”
Empfinden Sie das jetzige System wirklich als funktionsfähig ein? Läuft das nicht zu sehr auf dem Rücken von überlasteten LuL, Eltern und zum Teil psychisch belasteten SuS oder Bildungsverlierern. Wieso denken LuL immer, dass man nur zurück zu den alten Regeln müsse, um alles wieder “in Ordnung” zu bekommen? Alles hat sich heute zu früher verändert: Rahmenbedingungen Zuhause, die Welt der Kinder, die Vorausetzungen der Kinder, die Vorausetzungen am späteren Arbeitsplatz. Da muss man anders und groß denken und mit entsprechenden Ressourcen ausstatten und nicht gucken, wie man unter den jetzigen Bedingungen irgendwie klarkommt.

Realist
3 Tage zuvor

Vielleicht sollte sich die Landeselternschaft der integrierten Schulen” einmal fragen, warum diese “integrierten Schulen” trotz der besseren Personalausstattung, der vermeintlichen “besseren” Pädagogik und der wissenschaftlichen “Forschung”, die dieses “integrierte” System immer wieder hervorheben, so schlecht im Vergleich zu den Gymnasien abschneiden. Während das Gymnasium durchaus auf einer Ebene mit Südkorea und anderen ostasiatischen Ländern mitspielt, dümpeln die “integrierten Schulen” am anderen Ende der PISA-Skala vor sich hin.

An den Schülern kann es ja nicht liegen, den sowohl Politik als auch “Wissenschaft” betonen ja immer wieder, dass es nicht am Individuum liegt, wenn jemand nicht alles erreichen kann, was er oder sie will, sondern nur an den “äußeren Umständen”. Sind diese etwas so schlecht an den “integrierten Schulen”, und wenn ja, warum? Was läuft schief an diesen “integrierten Schulen”? Was machen die Lehrkräfte dort falsch? “Forschungsbedarf” würde ich sagen!

Philanthrop
2 Tage zuvor
Antwortet  Realist

Wenn die Gymnasien die leistungsstarken Schüler abschöpfen, bleibt für die “integrierten Schulen” nur der Rest. Wie kann man sich dann nur wundern, dass letztere im Vergleich nicht so gut dastehen. Zudem gibt es durchaus auch integrierte Schulen, die so manches Gymnasium schlecht aussehen lassen. So etwas dürfte es doch gemäß der “gymnasialen” Argumentationslinie überhaupt nicht geben.
Und dann reklamieren die Gymnasialen auch noch für sich, auf der Ebene der ostasiatischen Länder mitzuspielen, verdrängen dabei aber gerne, dass diese Ebene dort auch die nicht-gymnasialen Schüler inkludiert.

Küstenfuchs
3 Tage zuvor

Das wollen irgendwelche Heile-Welt-Muttis ihrer Philologenverbands- und Gymnasiumsphobie frönen.
Eine Argumentation ist doch zusammengefasst: Irgendwie hat der Philologenverband in der Frage zwar recht, die Mutti findet ihn aber trotzdem doof.

Mal eine einfache Frage: Wenn eine integrierte Schulform den anderen so meilenweit überlegen ist, wieso melden dann nicht alle Eltern ihre Kinder dort an?

Und zum Deutsche Schulbarometer: Natürlich blendet die Studie Lehrkräftemangel und Ressourcenknappheit vollkommen aus, da hat der ach so böse Philologenverband auch nicht nur die Gymnasiallehrer im Blick, das dürfte für alle Schularten gelten.

Lera
3 Tage zuvor

Naja, die Philologen haben sich immerhin die Mühe gemacht zu argumentieren.

Hier lese ich nur:

Philologen sind doof.

Das ist selbst dann zu wenig, wenn man (gefühlt?) auf der richtigen Seite der Geschichte steht und immer viel organisierten Applaus bekommt.

M.Power
2 Tage zuvor
Antwortet  Lera

Argumentation? Da wurde behauptet, dass Schule allein das nicht leisten könne. Das für sich ist zwar richtig, aber nicht vollständig. Schule und deren systemischer Aufbau leisten AUCH einen Beitrag für Bildungsgerechtigkeit.

Und wenn Lehrer (oder nur Foristen) behaupten, sie könnten in der zweiten Klasse schon sicher feststellen, wer das Zeug zum Abitur hat und nicht, sollte man deren Befähigung ernsthaft bezweifeln – zumindest deren Befähigung zu Einschätzungen zukünftiger Entwicklungen, vor Vorurteilsfreiheit und Objektivität mal ganz zu schweigen. Davon abgesehen zeugt es nicht von Verbesserungs- und Änderungswillogkeit.

Vielleicht können sich Eltern und Lehrkräfte in NRW aber auch ein wenig Inspiration aus den östlichen Ländern holen und das längere gemeinsame Lernen am Anfang der Schule setzen statt am „Ende“? Das frühe Aussortieren/Einordnen ist doch viel mehr eine Ursache für Fehlentscheidungen und längerfristige Auswirkungen auf die Kinder und Heranwachsenden.

Gemeinsam lernen? Gern von der 1-10 und dann darauf eine Erweiterte Oberstufe aufsetzen. Das wäre schlauer und es gibt genügend Erfahrung dazu.

Küstenfuchs
9 Stunden zuvor
Antwortet  M.Power

Das System im Osten, wenn es noch auf dem DDR-System fußt, hat doch genau das Problem, was wir aus der Grundschule kennen: Die Guten werden ausgebremst.
Man schaue sich mal die Zahl der Nobelpreisträger an, die die DDR so hervorgebracht hat. Das ist schon ein Indiz. (Spoiler: Die Zahl ist kleiner als 1)

Mathe Zauberer
3 Tage zuvor

Aus meiner Erfahrung mit drei Kindern und als Lehrerin an einer wirklich guten Geamtschule, behaupte ich, dass ich schon in der zweiten Klasse vorhersagen konnte, welche Kinder welche Empfehlung bekommen haben.
Kinder, die sehr leistungsstark sind, müssen sich in der Grundschule leider oft langweilen. Auf keinen Fall halte ich die Ausweitung der Grundschulzeit, wie es sie in manchen Bundesländern gibt, für sinnvoll. Wir vergeuden unsere oberen Potentiale, die wir im Land auch brauchen! Außerdem müssen die weiterführenden Schulen die Kinder noch als “klein, süß und lieb” kennenlernen bevor die Pubertät einsetzt. Schüler neu kennenzulernen, wenn sie uneinsichtig werden und Erwachsene blöd finden, weil sie einen nicht verstehen, ist viel ungünstiger, als wenn sie schon wissen, dass die Lehrer auf ihrer Seite stehen.

Canishine
3 Tage zuvor

Man sollte die Aussage der Elternvertreter über ein Entziehen aus der Verantwortung vielleicht vor dem Hintergrund sehen, dass die Studie auch sagt, dass deutliche Kompetenzunterschiede schon vor der Einschulung entstehen.

Max
1 Tag zuvor

Grundsätzlich gibt es ein Problem damit, dass viele Kinder aus sozialschwachen/bildungsferneren bzw. nichtakademiker Haushalten, nicht die gleiche Förderung von zu Hause erhalten, wie Kinder aus Akademiker Haushalten. Dieses Problem kann meiner Meinung nach an den Schulen nicht dadurch gelöst werden, dass man keine Trennung in die Schulsysteme vornimmt. Ein längeres gemeinsames Lernen (6 Jahre Grundschule) und ein deutlich stärker ausgebautes Unterstützungssytem für Kinder aus Familien die aus zeitlichen/finanziellen Gründen die häusliche Unterstützung nicht stemmen können, wäre deutlich sinnvoller. Auch sollten die Schulempfehlungen der Grundschulen ausschließlich als Kriterium für den weiteren Bildungsweg nach der Grundschule verbindlich sein. Viele Kinder kommen auf das Gymnasium obwohl sie den schulischen Anforderungen nicht gerecht werden können. Ständige schlechte Noten und die daraus resultierenden Lücken die meist nicht zeitnah geschlossen werden können führen zu fehlender Motivation und weiteren schlechten Noten. Dieses Problem könnte z.T. durch mehr Personal im Bereich Förderung ausgeglichen werden, dazu müssten die Länder aber stärker in Schulen investieren, was seit Jahren nicht passiert. Auch weiß man seit Jahrzehnten, dass kleiner Klassen helfen würden. Aber auch dafür müssten die Länder mehr Geld für Bildung ausgeben. Vermutlich hat die größte Bevölkerungsgruppe, die Wahlen entscheidet, keine Berührungspunkte mit Schule und Bildung mehr…