Start Themenmonate Sprache bilden Ohne Deutsch ins Klassenzimmer: Sprachdefizite belasten (nicht nur) Brennpunkt-Schulen massiv

Ohne Deutsch ins Klassenzimmer: Sprachdefizite belasten (nicht nur) Brennpunkt-Schulen massiv

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DÜSSELDORF. In Deutschland bestimmt die Herkunft eines Kindes maßgeblich seine Kompetenzfortschritte und damit seinen schulischen Erfolg. Das zeigt sich auch im Bereich der sprachlichen Fähigkeiten. Vor allem Schulen in schwierigen Lagen stehen deshalb vor der Aufgabe, die Sprachkompetenzen ihrer Schüler*innen zu stärken. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch alles andere als ideal.

Fehlende Sprachkompetenzen erschweren Kindern aus benachteiligten Familien den Einstieg ins Bildungssystem. Symbolfoto: Shutterstock

In der Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen wird das Scheitern der schulischen Sprachförderung besonders deutlich sichtbar: Trotz unterschiedlichster Projekte und Unterstützungsangebote blieb zuletzt die Zahl der Schüler*innen, die bereits das erste Schuljahr wiederholen mussten, konstant hoch (News4teachers berichtete). „Innerhalb eines Jahres sollen Kinder oft nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch alle weiteren Kompetenzen für den Schulalltag aufbauen – das ist für viele unrealistisch“, so beschrieb Rektorin Barbara Mächtle die Lage Ende letzten Schuljahres.

Die Kinder sprächen oft schlecht Deutsch oder kämen aus bildungsfernen Familien. Die Herausforderung, sie erfolgreich zu unterrichten, sei immens. Hilfsmittel wie das Startchancenprogramm, so Mächtle, könnten nur ihre Wirkung entfalten, wenn es gleichzeitig genügend Personal gebe. Fachkräfte seien jedoch Mangelware.

„Es kommen immer wieder Kinder in die Schule, ohne auch nur ein Wort Deutsch zu können.“

Zu wenig Zeit und Unterstützung beklagt auch Nadine M., ebenfalls Lehrerin an einer Grundschule in einem benachteiligten Viertel, allerdings im Ruhrgebiet. Gegenüber der „Welt“ berichtet sie von ähnlichen Erfahrungen wie Schulleiterin Mächtle: Grundschulkinder, die ohne die notwendigen Voraussetzungen ihre Bildungskarriere beginnen – einschließlich fehlender Sprachkompetenz. „Es kommen immer wieder Kinder in die Schule, ohne auch nur ein Wort Deutsch zu können. Und das sind keine Ausnahmen oder Einzelfälle mehr, es ist fast die Regel.“

Die Beobachtungen der Pädagoginnen aus der Praxis decken sich mit Studienergebnissen: So zeigt eine Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass die Sprachkompetenzen von Schulanfänger*innen in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft abhängen – stärker als in anderen Ländern (News4teachers berichtete). Im Vergleich mit Datensätzen aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, den USA und Japan kamen die Forschenden zu dem erschütternden Fazit: Bei sprachlichen Fähigkeiten gibt es nirgends eine stärkere Korrelation mit dem familiären Hintergrund als in Deutschland.

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„Kinder aus Familien mit geringen Einkommen und geringerer elterlicher Bildung starten in Deutschland mit größeren Bildungsnachteilen in die Schule als in vielen anderen Ländern“, fasste Studienautor Jascha Dräger, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) im DIW Berlin, die Ergebnisse im Rahmend er Veröffentlichung zusammen.

„Herkunftsbedingte Ungleichheiten werden vielfach empirisch bestätigt.“

Auch der aktuelle Bildungsmonitor 2025 des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unterstreicht den Zusammenhang zwischen Herkunft und sprachlichen Kompetenzen – und verweist auf zahlreiche Studienergebnisse in diesem Bereich. In dem Gutachten heißt es: „Herkunftsbedingte Ungleichheiten werden vielfach empirisch bestätigt. So besteht etwa ein positiver Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand der Eltern und der Häufigkeit des Vorlesesens in deutscher Sprache sowie ein negativer Zusammenhang zwischen dem Bildungsstand der Eltern und der Häufigkeit des täglichen Fernsehens.“ Der Monitor warnt ausdrücklich vor langfristigen Folgen unzureichender Förderung: Sprachdefizite bei Kindern würden sich negativ auf die weitere Bildungsbiografie auswirken.

Den starken Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg beziehungsweise Sprachkompetenz kritisieren seit Jahren auch die großen Bildungsstudien wie PISA und die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) hin. Immer wieder verbunden mit der Forderung nach früher Förderung, die so ebenfalls das DIW und IW formulieren. Nach den jüngsten desaströsen PISA-Ergebnissen sind schließlich die Bundesländer dazu übergegangen, sich auf Fördermöglichkeiten vor der Schulzeit zu konzentrieren. So erhebt Bayern seit 2025 den Sprachstand der vierjährigen Kinder, deren Einschulung in anderthalb Jahren ansteht. Im Falle deutlicher Kompetenzdefizite müssen sie nun verpflichtend spezielle Sprachkurse besuchen (News4teachers berichtete). Das Ziel: Sie in der verbleibenden Zeit schulfähig zu machen.

Vielfach fehlt die schulische Förderung

Doch sind anderthalb Jahre genug Zeit, bestehende Rückstände aufzuholen? Vermutlich nicht für alle Kinder. Sprachförderung bleibt daher ebenso nach der Einschulung entscheidend. Allerdings erhalten die Kinder an den Grundschulen nicht immer die Unterstützung, die sie brauchen. Auf dieses Problem machte bereits Mitte 2024 eine IGLU-Sonderauswertung des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Universität Dortmund aufmerksam (News4teachers berichtete).

„Der Anteil an Kindern mit Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache, die im Deutschunterricht nicht gezielt gefördert werden oder an Schulen sind, die kein außerunterrichtliches Leseförderangebot haben, ist allerdings deutlich zu hoch, hier gibt es klaren Handlungsbedarf“, so lautete das Fazit von Studienleiterin Professorin Nele McElvany. Sie forderte verlässliche Diagnostikverfahren, damit Schulen darauf aufbauend gezielte Angebote bereitstellen könnten – sei es durch qualitativ hochwertigen Unterricht im Klassenverband, kleinere Lerngruppen oder individuelle Förderung.

Und hier schließt sich der Kreis – zurück zum Anfang des Beitrags und der Frage nach den Ressourcen: Diese fehlen nicht nur aus Sicht der Pädagoginnen in der Praxis. Das zeigt beispielsweise der Bildungsbericht Ruhr 2024. Demnach gilt etwa ein Drittel der Grundschulen im Revier inzwischen als „Schulen in herausfordernder Lage“. Fachkräfte fehlen an diesen in besonderem Maße. Wer also sollte eine solche Förderung übernehmen? Hinzukommt die hohe Pro-Kopf-Verschuldung einiger Städte, die ihre Handlungsspielräume einschränkt.

Startchancen-Programm sorgt für Frust

Die herausfordernde Situation der Schulen in schwierigen Lagen zu verbessern, hatte sich der Bund mit seinem Startchancen-Programm vorgenommen. In diesem Rahmen sollten betroffene Bildungseinrichtungen zusätzliche Mittel beantragen können, um etwa die Sprachförderung im Unterricht zu stärken – niedrigschwellig und an ihre Bedarfe ausgerichtet. Doch zuletzt kamen Meldungen auf, wonach das milliardenschwere Bildungsprojekt eher für Frust statt für Erleichterung sogt.

„Die Maßnahmen erreichen ihre intendierte Wirkung nicht. Entwicklungsimpulse für Unterricht und Schulqualität bleiben aus. Die Steuerungslogik erzeugt Frustration statt Innovationskraft“, kritisiert das Startchancen-Netzwerk des Verbands Leitungen Niedersächsischer Grundschulen (LNGS) in einem offiziellen Statement (News4teachers berichtete). Durch übertriebene Steuerung und Bürokratie werde das Startchancen-Programm in Niedersachsen ausgebremst. Denn, so der Vorwurf: Das Geld lande nicht wie vorgesehen in den Klassenräumen und bei den Kindern, sondern in den Verwaltungen.

Schulen berichten von konkreten Verbesserungen

Gleichzeitig gibt es aber auch positive Rückmeldungen. Ein Jahr nach Anstoß des Bildungsprogramms fragte das Online-Magazin SchuB der Wübben Stiftung Bildung Schulleitungen nach ihren Erfahrungen. Christiane Hartmann, Rektorin der James-Krüss-Gemeinschaftsgrundschule in Köln, spricht von deutlichen Vorteilen. „Uns als Schule im Brennpunkt hat das Startchancen-Programm einen neuen Schub in der Entwicklung gegeben, weil wir – unterstützt von der Politik – den Fokus auf die wesentlichen Dinge legen können: Deutsch, Mathematik und das große Feld der emotional-sozialen Entwicklung.“ Die Verwaltung des Budgets seit allerdings nicht so niedrigschwellig angelegt wie erhofft. Die vergaberechtlich korrekte Handhabung habe einen sehr hohen Mehraufwand verlangt.

Christian Bornhalm, Schulleiter der Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule in Kiel, berichtet, dass die Schule alle im Kontext des Startchancen-Programms geplanten Maßnahmen ohne lange Diskussionen genehmigen lassen und umsetzen konnte. Er kritisiert jedoch, dass das ursprüngliche Landesprogramm zur Unterstützung von Brennpunktschulen im Bundesprogramm aufgegangen ist. Dieses „war umfangreicher, uns sind also im Zuge dieser Zusammenlegung Mittel weggebrochen.“ Davon betroffene Stellen würde zwar das Land nun mitfinanzieren, allerdings nur befristet.

Eine flächendeckende Evaluierung steht noch aus

Die Rückmeldungen aus den Schulen zeichnen damit ein gemischtes Bild: Zwischen Aufbruchsstimmung, konkreten Verbesserungen im Schulalltag und spürbarer Frustration über Bürokratie liegen nur wenige Erfahrungsberichte. Es handelt sich hierbei jedoch nur um punktuelle Einblicke. Eine flächendeckende Evaluierung der Wirkungen des Startchancen-Programms steht noch aus. Ob das milliardenschwere Reformvorhaben tatsächlich die erhofften Effekte erzielt und Schulen in herausfordernden Lagen nachhaltig dabei unterstützt, zentrale Aufgaben wie die Sprach- und Leseförderung wirksam zu stärken, bleibt damit vorerst offen. News4teachers

“Hervorragende Möglichkeiten”: Wie Tablets die Sprachförderung (auch von Migrantenkindern) verbessern können – ein Interview

 

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Ulla
14 Minuten zuvor

“Schulen stehen vor der Aufgabe, die Sprachkompetenzen der Kinder zu stärken.”
Wir stehen nicht davor, sondern sind seit vielen Jahren mittendrin. Bewältigen können wir das in zu großen Klassen und mit viel zu wenig Personal z.B. für DaZ-Unterricht mehr schlecht als recht.