BERLIN. Klassische Literatur gilt als Kernbestand des Deutschunterrichts. Doch immer mehr Schulen greifen zu vereinfachten Ausgaben. Die Cornelsen-Reihe „Einfach klassisch“, ursprünglich für Haupt-, Real- und Gesamtschulen entwickelt, wird inzwischen auch von Gymnasien bestellt. Der Verlag wirbt damit, ungeübten Leserinnen und Lesern den Zugang zu Goethe, Schiller oder Shakespeare zu erleichtern – während Wissenschaftler und Bildungsexperten vor möglichen Folgen für die Lesekompetenz warnen.

„O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren, der immerfort in seiner Scheibe wechselt, damit nicht wandelbar dein Lieben sei!“ – mit diesen berühmten Versen aus Shakespeares „Romeo und Julia“ bewirbt der Cornelsen-Verlag seine Reihe „Einfach klassisch“. Die Ausgabe richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten haben, literarische Originaltexte zu verstehen. Der Verlag formuliert das auf seiner Website so: „Sie möchten Ihre Klasse an Shakespeare, Goethe oder Schiller heranführen, doch die Originaltexte sorgen bei einigen Ihrer Lernenden für Verständnisschwierigkeiten und Frustration?“
Die Lösung, die Cornelsen anbietet, sind bearbeitete Klassiker. „Mit behutsamen Kürzungen und sprachlichen Vereinfachungen erleichtert die Reihe Einfach klassisch weniger geübten Leserinnen und Lesern ab Klasse 8 den Zugang zu bekannten Klassikern der Literatur – und steigert nachhaltig ihre Lesemotivation“, heißt es in der Verlagsbeschreibung.
Die Reihe existiert seit 2003 und wurde ursprünglich für Haupt-, Real- und Gesamtschulen konzipiert. Inzwischen greifen jedoch auch Gymnasien darauf zurück. Der Verlag bestätigt gegenüber der Frankfurter Rundschau, dass „immer mehr Gymnasien Bücher dieser Reihe bestellen“. Hauptabnehmer seien weiterhin Gesamt- und Mittelschulen, doch auch an Gymnasien wächst die Nachfrage.
Die didaktische Idee hinter dem Angebot beschreibt Cornelsen ausführlich. Ziel sei es, klassische Texte zugänglicher zu machen, ohne sie vollständig zu ersetzen. „Einfach klassisch verschafft ungeübten Leserinnen und Lesern ab Klasse 8 die Teilhabe an klassischer Literatur – mit behutsam gekürzten und sprachlich entlasteten Texten im modernen Layout, die so nah wie möglich am Original bleiben“, schreibt der Verlag.
Als zentrale Merkmale nennt Cornelsen unter anderem „gekürzte und lesefreundlich gestaltete Texte“, die „die Angst vor klassischer Literatur nehmen und die Lesemotivation stärken“. Ergänzt würden die Texte durch „Wortschatzerklärungen, Infoboxen und Bildmaterial“, die den literarischen Text „entlasten und einen einfachen Einstieg in die Lektüre ermöglichen“. Auch das Layout sei bewusst angepasst worden: „Ein leseförderliches Layout, basale Verständnis- sowie vertiefende Nachdenkfragen sichern das Textverständnis und fördern das literarische Lernen.“
Darüber hinaus verweist der Verlag auf digitale Ergänzungen. „Zusätzliche Hörtexte in der Cornelsen Lernen App bieten zusammenfassende Einstiege zu Kapiteln oder Akten und lassen ausgewählte Textpassagen lebendig werden.“
Der Ansatz richtet sich ausdrücklich an ungeübte Leserinnen und Leser. Die „sprachlich entlasteten Texte“ seien „ideal für den Unterricht in stark heterogenen Klassen“. Begleitmaterialien sollen den Zugang zusätzlich erleichtern. „Worterklärungen, Infokästen, Übersichten sowie verständnissichernde Fragen zu jedem Kapitel unterstützen den Leseprozess“, heißt es in der Produktbeschreibung.
„Gerade im Umgang mit Originaltexten erwerben Schülerinnen und Schüler wichtige Kompetenzen“
In der Praxis greifen Lehrkräfte aus unterschiedlichen Gründen auf solche Ausgaben zurück. Eine Deutschlehrerin eines Berliner Gymnasiums berichtete gegenüber dem Tagesspiegel, dass mehrere Titel der Reihe im Deutscharchiv ihrer Schule als Klassensatz vorhanden seien, darunter „Nathan der Weise“, „Faust I“, „Frühlings Erwachen“, „Jugend ohne Gott“, „Kabale und Liebe“ und „Romeo und Julia“.
Sie selbst habe bereits mit der vereinfachten Version von Lessings „Nathan der Weise“ gearbeitet. Der Grund sei pragmatisch gewesen. „Vor allem aus Zeitgründen“ habe sie sich für die vereinfachte Ausgabe entschieden, sagte sie. Im Unterricht sei es ihr dabei vor allem um die Handlung gegangen und weniger um sprachliche Feinheiten. Für eine Redeanalyse hätte sie „unbedingt“ den Originaltext verwendet.
Scharfe Kritik kommt vom Philologenverband. „Gerade im Umgang mit Originaltexten erwerben Schülerinnen und Schüler wichtige Kompetenzen. Sie lernen, komplexe Texte zu erschließen, unbekannte Sprachstrukturen zu bewältigen und historische sowie kulturelle Kontexte zu verstehen. Diese Fähigkeiten sind nicht nur für den schulischen Erfolg, sondern auch für eine reflektierte Teilhabe an Gesellschaft und Kultur von Bedeutung“, konstatiert Volker Weigand, Vorsitzender des hessischen Landesverbands.
Klassiker der deutschen Literatur seien nicht nur Träger zeitloser Themen, sondern auch Ausdruck sprachlicher Kunst, historischer Denkweisen und ästhetischer Vielfalt. Vereinfachte Texte könnten zwar den Zugang erleichtern, würden jedoch nicht die originale Sprachgestaltung, die wesentlich zur Wirkung und Bedeutung literarischer Werke beiträgt, ersetzen. „Stilmittel, Mehrdeutigkeiten, Rhythmus und sprachliche Feinheiten gehen in Bearbeitungen häufig verloren. Damit wird ein zentraler Bildungsauftrag des Deutschunterrichts geschwächt: die Begegnung mit anspruchsvoller Sprache und literarischer Qualität“, so Weigand.
Zudem zeige die Unterrichtspraxis, dass Lernende bei entsprechender didaktischer Unterstützung – etwa durch Worterklärungen, Kontextualisierung oder gemeinsame Textarbeit – sehr wohl in der Lage seien, sich mit Originalen auseinanderzusetzen. Eine vorschnelle Vereinfachung birge die Gefahr, das Leistungsvermögen von Schülerinnen und Schülern zu unterschätzen und ihnen wertvolle Lernerfahrungen vorzuenthalten.
Weigand: „Klassische Literatur im Original zu lesen bedeutet, junge Menschen ernst zu nehmen und ihnen Zugang zu sprachlicher Tiefe und kulturellem Erbe zu ermöglichen. Vereinfachte Texte können allenfalls ergänzend eingesetzt werden, sollten jedoch nicht den Maßstab bilden. Der Deutschunterricht bleibt nur dann seinem Bildungsanspruch treu, wenn er Literatur als das vermittelt, was sie ist: Sprache in ihrer ganzen Komplexität und Ausdruckskraft.“
„Zusammenfassungen in vereinfachter Sprache, Schaubilder zum Text: das sind didaktische Möglichkeiten, damit Schüler Schiller und Goethe verstehen“
Befürworter verweisen dagegen auf die zunehmende Heterogenität in den Klassen. Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), sieht vereinfachte Texte zunächst als didaktisches Instrument. „Zusammenfassungen in vereinfachter Sprache, Schaubilder zum Text: das sind didaktische Möglichkeiten, damit Schüler Schiller und Goethe verstehen“, sagte sie gegenüber der Frankfurter Rundschau. Wenn dies mit einer Version der Reihe „Einfach klassisch“ erreicht werde, sei das zunächst „individuelle Förderung“. Gleichzeitig formuliert auch sie eine Grenze. „Aber es darf kein allgemeiner Trend werden, das Niveau für alle zu senken. Wir müssen die Spitzenkompetenzen bestehen lassen“, sagte Fleischmann. News4teachers
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Eine seltsame Koalition aus Schulbuchverlagen und Lehrkräften mit einem zweifelhaften und entkernten Bildungsbegriff. Welch ein fatales Selbstbewusstsein, die Hand an Klassiker zu legen.
Das ist das Gegenteil von Bildungsgerechtigkeit, dann gibt es dann den “Original-Goethe” und den (Achtung: Ironie als Stilmittel) den “Prekariats-Goethe”. Natürlich kann kein Bildungsaufstieg ohne Mühe und Arbeit gelingen.
Wenn aus der Mathematik die Strukturen und Beweise herausgenommen werden, in Fremdsprachen mit zweisprachige Wörterbücher zulässig sind, kann man in Deutsch auch die sprachlich vereinfachten Ausgaben verwenden. Ich nenne das Chancengleichheit.
Mathematikunterricht ohne Beweise, am Gymnasium?! Niemals!
`Doch, zumindest wenn Sie sich an den Lehrplan von NRW streng halten.
Es wäre wohl an der Zeit, das Gymnasium in Gemeinschaftsschule umzubenennen.
Das ist ja genau das, was im Grunde viele Reformer möchten… Eine Schule für alle. Leider zieht diese Forderung auch das Niveau für alle herunter.
Ach was, Klassiker vereinfachen? Warum denn nicht. Wir haben uns doch längst daran gewöhnt, alles auf Kaugummi-Niveau runterzukochen: Physik ohne Formeln und ohne Berechnungen, Chemie ohne Reaktionsgleichungen und ohne Reaktionsmechanismen, Deutsch ohne Grammatik, und IQB-Abiaufgaben in Bio, die ein halbwegs wacher Neuntklässler im Vorbeigehen löst.
Und wenn man dann mal ein Lehrbuch aus den 1990ern aufschlägt – egal welches Fach – dann kommen jedem Oldschool-Lehrer die Tränen und den Schülern das pure Entsetzen. Bildungspolitik 2026: konsequente Nivellierung nach unten.
Mich erschreckt es, dass in den Deutscharbeiten meines Sohnes (Klasse 10, Realschule BW) Grammatik und Rechtschreibung keine echte Rolle mehr zu spielen scheinen. Überhaupt kommen die Lehrer weg von Aufsätzen, die Klassenarbeiten im Fach Deutsch gleichen mit Punktesystem und dem einfachen Beantworten von Fragen inzwischen eher den Arbeiten in den anderen Fächern.
https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/joernruesen_deutschekultur
Das Beste aus: Idiocracy – Irrsinn stirbt nie
https://www.youtube.com/watch?v=L9N1I522t1Q
Ach ja, mein Lieblingsfilm. Vor den Osterferien ist der mal wieder fällig.
“Der Ansatz richtet sich ausdrücklich an ungeübte Leserinnen und Leser.”
Ab Klasse 8? Herzlichen Glückwunsch.
Und in ein paar Jahren dann die Cartoon Version von Nathan der Weise mit Peppa in der Hauptrolle, damit die Teilhabe noch besser gewährleistet wird.
Für später zugewanderte SuS sind diese vereinfachten Ausgaben eine große Hilfe.
Ich war oft überrascht, dass die jeweiligen Deutschlehrer*innen die gar nicht kannten.
Nun ja, ist ein paar Jahre her; vielleicht lesen die jetzt alle…
Das mag sein. Nur werden die vereinfachten Ausgaben für alle Schüler des Kurses angeschafft.
Man sollte das einfach lassen und auf das Deckmäntelchen der “Bildung” und das mit den klassischen Werken verundene bildungsbürgerliche Image verzichten – machen wir uns ehrlich!
Man liest ja die Texte meist nicht gemeinsam in der Schule, sondern die Schüler sollen sie Zuhause lesen. Wenn sie dann KI bitten, ihnen den Text zusammenzufassen, ist das auch nicht viel besser
Mit dem Prompten erkennt man dann aber immerhin ein kleines bisschen Eigenleistung. Und man müsste überprüfen, ob die KI den Text korrekt zusammengefasst hat (in der Theorie jedenfalls).
Ein Unding. Goethe dreht sich im Grabe um.
Die “Bildungsinitiative ‘Schland 2026” spricht sich ausdrücklich für Teilhabe und Lesefreude und daher für vereinfachte Versionen aus.