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Bajuwarisierung und NS-Last: Neue Studie beschreibt Bayerns Schulwesen nach dem Krieg

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MÜNCHEN. Einer der ersten bayerischen Kultusminister musste wegen seiner NS-Vergangenheit zurücktreten. Aber wie viele belastete Beamte gab es im Ministerium? Zu alledem gibt es eine neue, umfassende Studie.

Bayerns Kultusministerium am Salvatorplatz. Foto: blu-news.org / Wikimedia Commons CC BY-SA 2.0

Im bayerischen Kultusministerium haben nach dem Zweiten Weltkrieg mehr Beamte gearbeitet, die zur NS-Zeit Mitglied der NSDAP waren, als bisher angenommen. Tatsächlich sei die «formale Belastungsquote» geringer gewesen als in manchen Bundesbehörden – aber deutlich höher als in einer vom Ministerium im Jahr 2013 ermittelten Stichprobe. Das ist ein Ergebnis einer Studie des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ). Das IfZ erforscht den Umgang mehrerer bayerischer Ministerien und Behörden mit der NS-Vergangenheit.

In der Studie ist auch nachzulesen, wie das bayerische Schulsystem nach dem Zweiten Weltkrieg neu organisiert wurde, vor allem unter der Federführung katholisch-konservativer Kräfte. Es geht zudem um den ehemaligen Minister, der wegen seiner NS-Vergangenheit seinen Posten verlor. Ein Überblick:

Der Kultusminister mit NS-Vergangenheit

Der CSU-Politiker Theodor Maunz war von 1957 bis 1964 bayerischer Kultusminister, bevor er wegen seiner NS-Vergangenheit zurücktreten musste. Er stolperte, so schreibt Autor Felix Lieb, über Zitate aus seinen akademischen Schriften, «in denen er während des “Dritten Reiches” das Unrecht des NS-Regimes juristisch zu legitimieren versuchte hatte». Dabei sei Maunz aber nicht nur ein «ein belasteter NS-Jurist» gewesen, sondern habe sich nach 1945 durchaus um den Aufbau der Demokratie verdient gemacht, etwa als Teilnehmer am Herrenchiemseer Verfassungskonvent und als Verfassungsjurist.

Das Kultusministerium distanziere sich mittlerweile weitgehend von Maunz, zumindest symbolisch, konstatiert Lieb: Von der Liste der Ex-Minister auf der Internetpräsenz des Kultusministeriums sei Maunz’ Bild entfernt worden.

NS-Belastung im Kultusministerium

Dass in Polizei und Justiz, an den Schulen und in der Staatsverwaltung in der Nachkriegszeit viele Beamte weiterarbeiteten, die bereits während der NS-Zeit tätig gewesen waren, darunter auch überzeugte Nazis, ist bekannt. Aber wie verhielt es sich im Kultusministerium? Dem ist Lieb ausführlich nachgegangen.

Zuerst ordneten die Amerikaner die Entlassung aller formal belasteten Beamten an. Erst nach 1947 wurde es über eine Verordnung wieder möglich, ehemalige NSDAP-Mitglieder einzustellen. An einer Stelle schreibt Lieb: «Im konservativen Klima des Nachkriegs-Bayern fühlte sich schon als “entlastet”, wer seine Mitmenschen mit “Grüß Gott” und nicht mit “Heil Hitler” gegrüßt hatte.»

Tatsächlich war die «formale Belastungsquote» im Ministerium höher als bisher bekannt. Von knapp 200 Personen, die für die Studie untersucht wurden, waren gut 21 Prozent zu irgendeinem Zeitpunkt NSDAP-Mitglied gewesen. Lieb betont: «Es stimmt nicht, dass unter den 1949 im Kultusministerium aktiven höheren Beamt:innen lediglich ein ehemaliges NSDAP-Mitglied gearbeitet haben soll.»

2013 hatte das Ministerium selbst 75 Personalakten ausgewertet. Darunter waren vier NSDAP-Mitglieder – was einen Anteil von gut 5 Prozent bedeutete.

Kurzzeitig Co-Leiter der Volksschulabteilung war Anfang der 1950er-Jahre ein ehemaliger Wehrmachtsbürgermeister, der in Griechenland in die Organisation von Deportationszügen involviert gewesen sein soll. «Auffällig ist außerdem, dass bis Mitte der 1970er-Jahre im Kultusministerium mindestens drei frühere Mitglieder der SS arbeiteten», sagte Lieb bei der Vorstellung seiner Studie.

Schule nach 1945

Nach Kriegsende 1945 musste das Schulsystem neu aufgestellt werden. «Das nationalsozialistische Bildungssystem war darauf getrimmt gewesen, die deutsche Jugend auf die obersten Erziehungsideale der “Rassereinheit” und des “Führertums” einzuschwören», schreibt Lieb. Auf Weisung der Militärregierung hätten nach Kriegsende alle Lehrpläne und Schulbücher auf NS-Inhalte geprüft und wenn nötig entfernt werden müssen. Und aus den Schulhäusern mussten «sämtliche Formen von NS-Insignien» entfernt werden.

Es fehlte in der Folge deshalb an Schulbüchern. «Um neue Bücher schreiben zu lassen, fehlten oftmals geeignete und unbelastete deutsche Lehrer:innen», schreibt Lieb. Die ersten neuen Bücher erschienen 1948, und «erst 1952 erschien das erste von den Militärbehörden genehmigte Geschichtsbuch».

Hinzu kommt: Lehrer waren – so schreibt Lieb in seiner Studie – eine Berufsgruppe mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an NSDAP-Mitgliedern gewesen. Allerdings habe, so betont er, das Verhalten einer Person während des «Dritten Reiches» mehr über ihre «Belastung» ausgesagt als formale Mitgliedschaften in der NSDAP und anderen NS-Organisationen.

Die Bajuwarisierung der Geschichte

Lieb schreibt von der «Entwicklung einer spezifisch bayerischen Geschichtsdeutung» nach dem Krieg. Im Bayern der Nachkriegszeit sei, so sagte er bei der Vorstellung der Studie in München, ein Deutungsmuster vorherrschend gewesen: Danach sei es der preußisch geprägte Zentralismus gewesen, der 1933 die nationalsozialistische Diktatur ermöglicht habe.

Die Neuorientierung des Geschichtsunterrichts verlief demnach stärker regionalisiert. «Die Erziehung zur “Heimatliebe” und die Identifikation mit dem bayerischen Staat hatte gegenüber der historischen Wissensvermittlung Vorrang, erst Recht in Bezug auf die unmittelbare Vergangenheit», schreibt er. Und: «Die dominante Bajuwarisierung der Geschichte war auch im konkreten Schulalltag mit Händen zu greifen: Bereits 1953 wurden die Schüler:innen aller Schulformen angewiesen, nicht nur die gerade zur Nationalhymne gemachte dritte Strophe des Deutschlandliedes zu lernen, sondern auch die Bayernhymne». All dies habe sich erst ab 1958/59 geändert, «als die Aufarbeitung des Nationalsozialismus bzw. der sogenannten Zeitgeschichte zu einer neuen Hauptaufgabe des Geschichtsunterrichts wurde».

Das Hundhammer-«Gerippe»

Alois Hundhammer, Mitbegründer der CSU, war von 1946 bis 1950 Kultusminister. «Bis heute gilt Hundhammer als die prägende Figur der bayerischen Bildungspolitik in der Nachkriegszeit», schreibt Lieb. Und betont, wie Hundhammer das katholisch-konservative Profil des Ministeriums geschärft habe. Tatsächlich installierte Hundhammer demnach ein – so habe er es selbst genannt – «Gerippe» ihm gewogener Beamter: Personal, das seinem «konservativ-katholisch-altbayerischen» Flügel nahegestanden und dem liberalen, überkonfessionellen Parteispektrum ferngestanden sei.

Schon zu Beginn seines Buches konstatiert Lieb, die «Traditionen» hätten dem Aufbau der jungen Demokratie nicht grundsätzlich entgegengewirkt. Spätestens seit den 1960er-Jahren hätten sie die Aneignung «eines modernen, lebensweltlicheren Demokratieverständnisses» aber behindert und verzögert. Von Christoph Trost, dpa

Schule ehrt Lehrerin, die 1930 Opfer rechtsextremer Willikür wurde (CSU/AfD dagegen)

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Querkopf
1 Monat zuvor

Ein gewisser Herbert von Karajan war auch NSDAP-Mitglied (schon ab 1933) und wurde dennoch 1955 vom West-Berliner Senat auf Lebenszeit zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker berufen.

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  unverzagte

Das, was im Artikel steht ( Karriere nicht gefährden), trifft sicherlich ebenso auf viele ehemalige SED- Mitglieder zu. Allerdings sehen das viele west-sozialisierte Menschen anders. Es kommt immer auf den Blickwinkel an und welche Qualitäten (Namen, Wert ….) der jeweilige Mensch sonst noch zu bieten hat. 🙂

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Querkopf

Whataboutism much?