Start Titelthema „Homogene Gruppen existieren nicht“: Warum Neurodiversität das Bildungssystem grundlegend infrage stellt

„Homogene Gruppen existieren nicht“: Warum Neurodiversität das Bildungssystem grundlegend infrage stellt

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HAMBURG. Der Psychologe und Erziehungswissenschaftler Prof. André Frank Zimpel stellt gängige Vorstellungen von Lernen, Intelligenz und Förderung infrage. In einem Vortrag zur Neurodiversität zeigt er anhand von Forschungsergebnissen, warum die Schule systematisch Potenziale übersieht – und weshalb ein Umdenken im Bildungssystem notwendig erscheint.

André Frank Zimpel (auf der re:publica 25 in Berlin). Foto: Leonhard Lenz / Wikimedia Commons CC BY 4.0

Es gibt nach Zimpels Darstellung keinen „normalen“ Maßstab für menschliches Denken. „Es gibt keine zwei Personen, deren Gehirn sich gleicht“, betont der Psychologe von der Universität Hamburg gleich zu Beginn seines Vortrags mit dem Titel „Anders, aber völlig richtig im Kopf“ von 2023, den Deutschlandfunk Nova nun noch einmal gesendet hat. Diese Feststellung sei nicht nur eine theoretische Annahme, sondern wissenschaftlich gesichert: „Unser zentrales Nervensystem wird von 10.000 bekannten Genen reguliert. Und da kann man sich schon vorstellen, dass es unmöglich ist, dass auch Zwillinge das gleiche Gehirn haben.“

Damit beschreibt Zimpel die Grundlage dessen, was unter Neurodiversität verstanden wird: die Vielfalt menschlicher Wahrnehmungs-, Denk- und Verarbeitungsweisen. Diese Vielfalt werde im Bildungssystem jedoch häufig nicht berücksichtigt – mit weitreichenden Folgen. „Wenn Neurodiversität ignoriert wird, dann haben wir viele Probleme“, sagt er und nennt ausdrücklich „Menschen mit LRS, […] im Autismus-Spektrum, […] mit ADHS, […] mit Dyskalkulie“ sowie weitere Gruppen.

„Immer stellen wir fest, dass wir keine Lernbehinderungen oder keine geistigen Behinderungen vorfinden, sondern dass wir Menschen haben, die einen anderen Bezug zur Welt herstellen“

Zimpel und sein Team untersuchen am Zentrum für Neurodiversitätsforschung in Hamburg, wie unterschiedlich Menschen Informationen wahrnehmen, verarbeiten und darauf reagieren. Grundlage sind experimentelle Studien, diagnostische Verfahren sowie die Auswertung pädagogischer Praxiserfahrungen. Dabei zeigt sich nach seinen Angaben wiederholt, dass Schwierigkeiten im Lernen häufig nicht isoliert im Individuum entstehen, sondern im Zusammenspiel zwischen individuellen kognitiven Voraussetzungen und schulischen Anforderungen. Vor diesem Hintergrund formuliert Zimpel seine zentrale These: „Immer stellen wir fest, dass wir keine Lernbehinderungen oder keine geistigen Behinderungen vorfinden, sondern dass wir Menschen haben, die einen anderen Bezug zur Welt herstellen.“

Diese Perspektive verschiebt den Blick von Defiziten hin zu unterschiedlichen kognitiven Zugängen. Zimpel kritisiert, dass Schule dennoch meist von einheitlichen Lernwegen ausgeht. „Man serviert sozusagen eine Methode, die zufällig bei einigen wunderbar funktioniert und der Rest muss irgendwie sehen, wie er sich durchschlängelt“, beschreibt er die Praxis.

Ein zentrales Element seiner Argumentation ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Denkweisen, insbesondere zwischen bildhaftem und sprachlichem Denken. Zimpel verweist darauf, dass viele Menschen – etwa im Autismus-Spektrum oder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche – stärker bildlich denken. Gleichzeitig sei das Bildungssystem weitgehend sprachbasiert organisiert. „Unsere ganze Wissenschaft und Mathematik ist auf Sprache aufgebaut“, sagt er.  Das führe dazu, dass bestimmte Denkweisen systematisch benachteiligt werden.

Die Folgen zeigen sich nach seiner Darstellung früh. Viele Kinder machten die Erfahrung, dass ihre Zugänge nicht funktionieren. „Und dann ist eben Pech. Und die Menschen denken dann: Gut, das kann ich nicht.“ Wer so lernt, sich selbst als unfähig zu betrachten, wird sich mit entsprechenden Inhalten kaum noch beschäftigen. Zimpel verweist auf Erkenntnisse der Begabungsforschung, wonach langfristige Übung entscheidend ist: „Wenn ich irgendwas richtig gut können soll, dann muss ich mich 3 Stunden täglich 10 Jahre damit beschäftigen.“ Wer früh aussteigt, erreicht diese Phase gar nicht.

Besonderheiten im Denken erscheinen in dieser Perspektive nicht als Randphänomen, sondern als Regelfall. Das zeigt sich auch in der Praxis seines Forschungszentrums, das nach eigenen Angaben stark nachgefragt ist. „Das ist kein marginales Problem, sondern ein sehr allgemeines“.

Besondere Bedeutung misst Zimpel den sogenannten Aufmerksamkeitssystemen zu. Diese unterscheiden sich erheblich zwischen Menschen und beeinflussen Lernen unmittelbar. Entscheidend ist das Zusammenspiel von innerer Aktivierung und Leistungsfähigkeit. Menschen mit ADHS erreichen ihre optimale Leistungsfähigkeit häufig erst bei höherer Aktivierung. „Wenn ich auf den Tisch knalle, kann es passieren, dass sie plötzlich hellwach sind und viel besser reagieren können als andere“, beschreibt Zimpel. Die oft beobachtete Unruhe sei daher ein Versuch der Selbstregulation: „Die zappeln nicht, weil sie nervös sind, sondern die zappeln, weil sie müde werden.“

Demgegenüber benötigen viele Menschen im Autismus-Spektrum ein geringeres Erregungsniveau. Sie reagieren empfindlicher auf Reize und sind schneller überfordert. „Die brauchen viel mehr Bestätigung und Beruhigung“, so Zimpel. Auch die Wahrnehmung von Reizen ist unterschiedlich ausgeprägt. Während neurotypische Menschen nur eine begrenzte Anzahl an Informationen gleichzeitig verarbeiten, liegt dieser Wert nach Zimpel bei etwa vier Einheiten innerhalb von 250 Millisekunden. „Wir können nur 4 Dinge innerhalb von 250 Millisekunden erfassen.“ Bei Menschen im Autismus-Spektrum sei dieser Umfang häufig größer; sie nähmen mehr Details gleichzeitig wahr. Das könne Vorteile bringen, führe aber ebenso zu schneller Überforderung.

„Intelligenztests messen möglicherweise gar nicht die Intelligenz, sondern unsere Fähigkeit zu erraten, was man von uns hören will“

Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Vorstellung von „Normalität“. Zimpel widerspricht der verbreiteten Annahme homogener Gruppen mit einem anschaulichen Modell: Kombiniert man viele unterschiedliche Einflussfaktoren – etwa genetische oder kognitive Merkmale –, entstehen besonders viele Varianten im mittleren Bereich. „Die Gruppe der Normalen ist heterogen“, fasst er zusammen. „Viele denken, […] homogene Gruppen existieren – die existieren nicht.“

Normalität bedeutet demnach nicht Gleichheit, sondern Vielfalt. Daraus ergibt sich eine Konsequenz für Schule: Wenn bereits der Durchschnitt keine einheitliche Gruppe bildet, verlieren standardisierte Erwartungen ihre Grundlage. Unterricht, der sich an einem vermeintlichen „Normalmaß“ orientiert, verfehlt zwangsläufig viele Lernende.

Auch Intelligenztests stellt Zimpel infrage. Sie würden häufig nicht tatsächliche Fähigkeiten messen, sondern die Fähigkeit, Erwartungen zu erkennen. „Das heißt also, Intelligenztests messen möglicherweise gar nicht die Intelligenz, sondern unsere Fähigkeit zu erraten, was man von uns hören will.“

Zimpel begründet diese Kritik mit typischen Aufgabenformaten. So nennt er etwa Zahlenreihen wie „2, 4, 6“ mit der Aufforderung, die nächste Zahl zu ergänzen. Die erwartete Lösung lautet 8 – und nur diese Antwort wird im Test gewertet. Wer hingegen eine andere, ebenfalls logisch begründbare Fortsetzung wählt, erhält keinen Punkt.

Dabei seien alternative Lösungen durchaus möglich. So könne man die Reihe auch als Rechenoperation interpretieren, etwa im Sinne von „2 + 4 = 6“, worauf „6 + 4 = 10“ folgen würde. Eine solche Antwort wäre mathematisch begründbar, entspräche aber nicht der impliziten Erwartung des Tests – und werde daher als falsch bewertet.

Der entscheidende Punkt liegt für Zimpel darin, dass nicht die Qualität des Denkens zählt, sondern die Übereinstimmung mit einem vorgegebenen Lösungsweg. Wer erkennt, welche Regel gemeint ist, erhält die Punktzahl – unabhängig davon, ob andere, eigenständige Denkwege plausibel wären.

Als Gegenakzent zur standardisierten Leistungsbewertung verweist Zimpel auf einen anderen Punkt: „Der Hauptfaktor für Bildungserfolg ist die Selbsteinschätzung“, erklärt er unter Bezug auf die Hattie-Studie.

Was ist damit gemeint? Nicht eine bloße Selbsteinschätzung im Sinne von „Ich bin gut“ oder „Ich bin schlecht“, sondern ein differenziertes Verständnis der eigenen Lernweise. Lernende müssten erkennen, wie sie Inhalte verarbeiten – ob sie eher bildlich, sprachlich oder in Mustern denken, unter welchen Bedingungen sie sich konzentrieren können und welche Zugänge für sie funktionieren.

„Wir brauchen viele Lernwege, um die Potenziale für Intelligenz bei möglichst vielen Menschen zu wecken“

Zimpel beschreibt das als zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen: Wer seine eigenen kognitiven Zugänge kennt, kann Lernstrategien entsprechend anpassen. Wer sich hingegen falsch einschätzt – etwa als sprachlich orientiert, obwohl er visuell denkt –, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern, obwohl grundsätzliches Potenzial vorhanden ist.

In diesem Sinne versteht Zimpel Selbsteinschätzung nicht als Ersatz für Leistungsmessung, sondern als grundlegende Bedingung dafür, dass Lernen überhaupt wirksam werden kann. Daraus leitet er eine systemische Konsequenz ab: „Wir brauchen viele Lernwege, um die Potenziale für Intelligenz bei möglichst vielen Menschen zu wecken.“

Für die Praxis bedeutet das eine veränderte Rolle von Schule. Lehrkräfte müssten stärker individuelle Lernwege berücksichtigen und Lernprozesse begleiten. „Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen, die Welt möglichst mit den Augen ihrer Schüler*innen zu sehen“, fordert Zimpel. Damit verbindet er eine grundsätzliche bildungspolitische Perspektive. Ein System, das von einheitlichen Lernwegen ausgeht, werde der Vielfalt menschlichen Denkens nicht gerecht. Oder, zugespitzt formuliert: „Wir verlieren unglaublich viele Menschen.“ News4teachers 

Hier lässt sich André Frank Zimpels Vortrag als Podcast hören. 

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