ERFURT. Über Jahre hinweg nutzte ein Lehrer an einem Erfurter Gymnasium seine Machtstellung aus – und missbrauchte Schülerinnen, die ihm als Schutzbefohlene ausgeliefert waren. Nun hat das Landgericht Erfurt den 58-Jährigen wegen 69 Fällen sexualisierten Missbrauchs an drei Minderjährigen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Der Prozess wirft nicht nur ein grelles Licht auf die Taten eines Einzelnen, sondern auch auf strukturelles Versagen, Wegsehen und die Frage, wie Schulen Kinder und Jugendliche wirksam schützen können. Zumal es sich nicht um den einzigen krassen Fall von Missbrauch an dem Gymnasium handelt.

Er soll das Machtgefälle als Lehrer und die Unerfahrenheit von Schülerinnen ausgenutzt haben. Warum der Fall Fragen zum Schulsystem aufwirft und warum es eigentlich noch ein weiteres Opfer gibt.
Über Jahre hinweg hat sich ein damaliger Lehrer eines Erfurter Gymnasiums an Schülerinnen vergangen und ist deshalb zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Das Landgericht Erfurt sah es als erwiesen an, dass der heute 58-Jährige sich als Lehrer in 69 Fällen an drei Schutzbefohlenen vergangen hat. Dabei ging es um Fälle im Zeitraum von 2013 bis 2025. Alle drei Opfer traten in dem Prozess als Nebenklägerinnen auf. Sie waren bei Beginn der Taten im jugendlichen Alter.
Keine Verurteilung wegen Vergewaltigungsvorwürfen
Freigesprochen wurde der inzwischen aus dem Schuldienst entlassene Mann von dem Vorwurf, er habe in zwei Fällen eine der Schülerinnen vergewaltigt. Der Freispruch an dieser Stelle rühre nicht daher, dass die Kammer der Aussage der Nebenklägerin dazu keinen Glauben schenke, sagte der Vorsitzende Richter Holger Pröbstel. Allerdings könnte diese nicht zweifelsfrei belegt werde.
Die Staatsanwaltschaft hatte eine Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahre beantragt, die Verteidigung zwei Jahre Haft. Der Mann hatte den Missbrauch im Verfahren weitgehend eingeräumt, die Vergewaltigungsvorwürfe bestritt er. Eine Revision ist möglich.
«Das sind Taten, die durch nichts, aber durch gar nichts zu rechtfertigen sind», betonte Pröbstel. Der 58-Jährige habe sich in mehrerer Hinsicht als Lehrer «völlig disqualifiziert», so Pröbstel weiter. Die Schülerinnen seien nicht in der Lage gewesen, dem Angeklagte etwas entgegenzusetzen. Es sei nicht um Beziehungen auf Augenhöhe gegangen. Es sei die Aufgabe des früheren Religions- und Musiklehrers gewesen, klare Grenzen zu ziehen.
Nebenklägerinvertreterin: «Ein Zeichen setzen»
Nach der Verhandlung erklärte Rechtsanwältin Antonia Sturma auch im Namen ihrer Mandantin – die heute erwachsene erste betroffene damalige Schülerin: «Wir wünschen uns, mit dem Urteil ein Zeichen setzen zu können, dass Betroffene von institutionalisierten Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt auch noch nach vielen Jahren eine Stimme finden können.»
Alle drei Opfer waren in dem Prozess als Nebenklägerinnen aufgetreten. Sturma hatte das Plädoyer genutzt, um das aus ihrer Sicht strukturelle Versagen des Systems Schule anzukreiden, dass solchen Missbrauch ermögliche. Die Juristin betonte, dass Schutzbefohlene in einem Machtverhältnis keinen Konsens geben könnten. Der Angeklagte habe gezielte die jugendliche Naivität der Mandantin ausgenutzt.
Über Jahre hinweg habe der Angeklagte ein Macht- und Abhängigkeitsverhältnis geschaffen, so auch die Nebenklagevertreterin Tanja Lucke. Eine der zwei bei den Plädoyers anwesenden Nebenklägerinnen traute sich schließlich, auch selbst das Wort zu ergreifen. «Ich bin erschüttert darüber, was ich noch alles gehört habe», sagte die junge Frau mit Blick auf das Ausmaß der vorgeworfenen Taten.
Richter: «Verknüpfung macht fassungslos»
Auf die Spur des 58-Jährigen waren die Ermittler wegen eines anderen Missbrauchsfall eines damaligen Lehrerkollegen an derselben Schule gekommen. Diesen hatte das Landgericht Erfurt bereit Ende Oktober vergangenen Jahres wegen des langjährigen Missbrauchs einer Schülerin zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt (News4teachers berichtete).
Das Opfer in diesem Verfahren hatte sich laut Gericht dem nun Verurteilten anvertraut. Doch dieser habe statt zu helfen, pornografische Bilder von ihr verlangt, so Pröbstel. Mit ihr gebe es eigentlich ein viertes Opfer. Doch dieses Verfahren sei nach entsprechender Möglichkeit der Strafprozessordnung eingestellt worden.
«Allein diese Verknüpfung lässt einen schon relativ fassungslos zurück», so Pröbstel. Er habe als langjähriger Vorsitzender der Jugendschutzkammer schon viele Missbrauchsverfahren verhandelt. Aber besonders mit Blick auf die Geschehnisse an der Schule sagte er: «Man wird doch nachdenklich, was in unserer Gesellschaft eigentlich schiefläuft.» Seit Jahren sei an dem Gymnasium getuschelt worden.
Gymnasium meldet sich zu Wort
Der damalige Schulleiter räumte nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals zum 1. Dezember 2025 seinen Posten. Unter neuer Leitung veröffentlichte das Gymnasium auf seiner Website am Donnerstag eine Stellungnahme. Darin betonte die Schule, dass eine Aufarbeitung mit externer Unterstützung im Gange sei. Missbrauch auf jeglicher Ebene solle nicht wieder geschehen können.
«Unser Ziel ist eine tiefgreifende Neuausrichtung, die zu einem offenen und transparenten Umgang innerhalb der gesamten Schulgemeinschaft führt, damit Missbrauch auf jeglicher Ebene nicht wieder geschehen kann», heißt es in der Stellungnahme. Eine Aufarbeitung auch mit externer Unterstützung sei im Gange, Strukturen, Abläufe und Verantwortlichkeiten würden kritisch überprüft.
Die bekanntgewordenen Missbrauchsfälle an der Schule erschütterten zutiefst. «Unser Mitgefühl gilt den betroffenen Schülerinnen und Schülern sowie ihren Familien. Wir bedauern ausdrücklich, was geschehen ist und übernehmen die volle, sich für uns als Institution ergebende Verantwortung», heißt es in der mit «Kollegium» unterschriebenen Veröffentlichung weiter. Und: «Der Frage, die viele bewegt – Wie konnte das passieren? –, stellen auch wir uns.» (Vollständiger Text: siehe Info-Kasten unten.)
Ministerium verlangt Schutzkonzepte von Schulen
Das Thüringer Bildungsministerium wiederum hatte in Reaktion auf die Missbrauchsfälle eine Frist für Schulen allgemein zur Vorlage eines sogenannten Schutzkonzepts vorverlegt: Die Bildungseinrichtungen müssen nun bis Ende 2026 schriftlich Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt an der jeweiligen Schule vorlegen.
Bildungsminister Christian Tischner (CDU) hatte im Dezember betont, dass Schulleitungen zum Handeln verpflichtet seien, wenn Verdachtsfälle an Schulen bekannt würden. Jedem Gerücht sollte in der gebotenen Form nachgegangen werden, ohne jemanden vorzuverurteilen.
Richter: «Unter Teppich kehren, geht nach hinten los»
«Papier ist geduldig, so etwas muss man mit Leben füllen», betonte Richter Pröbstel bei der Urteilsverkündung mit Blick auf solche Konzepte. Schulen müssten ihren Schülerinnen und Schülern das Gefühl geben: «Wenn was ist, kann ich mich auch an die Schule wenden.» Dinge wegen des Rufs der Schule unter den Teppich zu kehren, das gehe nach hinten los.
Ende 2025 veröffentlichte die unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauchs eine Fallstudie zu sexualisierter Gewalt und Schulen. Dafür wurden 133 Berichte von Betroffenen betrachtet, die zwischen 1949 und 2010 sexualisierte Gewalt in der Schule erlebt haben.
Die zentrale Erkenntnis: In vielen Fällen sexualisierter Gewalt an Schulen standen Betroffene in der Vergangenheit alleine, oft hätten Lehrkräfte oder anderes schulisches Personal nicht interveniert. Bei der Auswertung sei auch eine Häufung vermeintlich romantischer Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern auffallend gewesen: «Oft war es den Betroffenen erst im Nachhinein möglich, die Manipulation zu erkennen und den Missbrauch zu benennen.»
Der Angeklagte nutzte sein letztes Wort, um sich zu entschuldigen. Er schäme sich für die Taten und bereue sie zutiefst. Dass ein Lehrer so agiere, sei ein absolutes Tabu. Er hoffe, sie könnten die Taten überwinden und aufarbeiten. Allerdings: Diese Entschuldigung richtete er explizit nur an zwei der drei Betroffenen. Die Nebenklägerin, deren Vergewaltigung ihm vorgeworfen wurde, ließ er außen vor. News4teachers / mit Material der dpa
Die auf der Homepage der Schule veröffentliche Erklärung des Kollegiums:
«Die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an unserer Schule erschüttern uns zutiefst. Unser Mitgefühl gilt den betroffenen Schülerinnen und Schülern sowie ihren Familien. Wir bedauern ausdrücklich, was geschehen ist und übernehmen die volle, sich für uns als Institution ergebende Verantwortung. Es gilt, aus dieser Verantwortung alle erforderlichen Schritte abzuleiten, die die vollständige Aufarbeitung des Vergangenen und eine echte Veränderung in der Zukunft ermöglichen.
Der Frage, die viele bewegt – Wie konnte das passieren? –, stellen auch wir uns. Sie ist zentral für die unbedingte Aufklärung, die auf unseren Wunsch für ein umfängliches, transparentes und objektives Ergebnis auch mit externer Unterstützung erfolgt. Juristisch geht es um die konsequente Bestrafung der Täter, von denen wir uns ausdrücklich distanzieren. Wir als Schule richten den Blick nach innen und überprüfen Strukturen, Abläufe und Verantwortlichkeiten kritisch. Unser Ziel ist eine tiefgreifende Neuausrichtung, die zu einem offenen und transparenten Umgang innerhalb der gesamten Schulgemeinschaft führt, damit Missbrauch auf jeglicher Ebene nicht wieder geschehen kann.
Die bereits in Gang gesetzte Aufarbeitung verlangt von der Schulgemeinschaft eine immense Anstrengung, die von dem Wunsch getragen wird, bald spürbare Veränderungen wahrzunehmen. Vor dem Hintergrund beobachten wir die aktuelle Berichterstattung mit großer Sorge. Neben vielen zutreffenden und wichtigen Informationen erleben wir auch pauschale Verurteilungen, Stigmatisierungen und Generalisierungen, die der Realität an unserer Schule nicht gerecht werden. Sie greifen zu kurz und lassen sowohl die Komplexität des Geschehens als auch das verantwortungsvolle Handeln vieler Menschen außer Acht, die hier täglich umsichtig arbeiten, lernen und unterstützen.
«Wir stehen zu unserer Verantwortung und werden alles daransetzen, verlorenes Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen»
Unsere Schule besteht aus vielen Akteurinnen und Akteuren: engagierten Kolleginnen und Kollegen, unterstützenden Eltern sowie Schülerinnen und Schülern, die Anspruch auf Schutz, Vertrauen, Fairness, eine motivierende Arbeitsatmosphäre und eine Zukunftsperspektive haben. Diese Differenzierung ist notwendig, um Aufarbeitung und Veränderung überhaupt möglich zu machen. Für einen echten Neuanfang braucht es neben der rechtlichen Aufklärung auch Raum, Vertrauen und die Chance, Veränderungsprozesse wirksam umzusetzen. Vor diesem Hintergrund bitten wir insbesondere die Medien und externe Unterstützer, einen differenzierten Blick einzunehmen und von jenen Anfragen oder Berichterstattungen abzusehen, die zu Verunsicherung und Überforderung bei den Kindern führen, die einen großen Teil ihres Alltags in unserer Schule verbringen. Der Schutz der Kinder muss für alle Beteiligten im Mittelpunkt stehen.
Wir stehen zu unserer Verantwortung und werden alles daransetzen, verlorenes Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn Aufarbeitung nicht durch Vorverurteilung überlagert wird, sondern durch einen sachlichen, respektvollen, differenzierten und reflektierten Umgang begleitet wird.
Das Kollegium»
Dokumentierte Missbrauchsfälle an Schulen: Studie beschreibt eine Mauer des Schweigens









Ein Religionslehrer…zum Kotzen.
Ist es weniger zum Kotzen, wenn andere Lehrer das tun?
Ich sehe jetzt nicht inwiefern das Fach irgendwelche Auswirkungen auf die Beurteilung der Tat hat…
Ich schon, Religionslehrer sollten einen besonderen Auftrag haben, die Moral und das Gute im Menschen hochzuhalten, jedenfalls betonen die Geistlichen, die auch schon anteilig dem Missbrauch frönen, immer wieder ihre “heilige” Mission. Deshalb ist es besonders erbärmlich, wenn solche Typen ihre Macht missbrauchen.
Diese indiskutable Heuchelei ist mehr als entwürdigend.
Gilt das nicht für alle Menschen, in jedem anderen Beruf auch, dass man seine “Macht” nicht missbrauchen und keinem anderen Menschen Schaden zufügen sollte?
Naja, religiös und ganz besonders dem Menschlichen verpflichtet und so…..daher sind ja nach den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche auch so viele Mitglieder ausgetreten….
Ist schon wirklich bezeichnend, dass ausgerechnet diese Personen Täter sind….
Für mich besteht ein Unterschied darin, ob ich hohe moralische Werte im Unterricht predige, die zudem auf Geboten basieren oder eben nicht.
Welche “hohen moralischen Werte und Gebote” werden denn so im Religionsunterricht gepredigt, die nicht allgemeingültig sind? Die Frage ist ernst gemeint, denn als Atheist und in der DDR zur Schule gegangen, weiß ich nicht, was im Religionsunterricht gepredigt wird. Allerdings ging ich bisher davon aus, dass solche Dinge, unabhängig von der Religion, moralisch verwerflich sind.
Ist das wirklich so leicht falsch zu verstehen oder ist das Absicht? Lehrer – schlimm genug. Religionslehrer, das heißt, ein Mensch, der sich hoffentlich mit Glauben auseinandergesetzt hat – ja, das macht es schlimmer, wenn das möglich ist. Dieser Glaube beruht hat moralisch-ethische Grundsätze, absolute Aussagen tue das/tue das nicht. Da kann eine Einsicht in die Verwerflichkeit noch mehr vorausgesetzt werden, ein ‘es ist einfach so passiert’ sollte überhaupt nicht möglich sein. Ich bin nicht religiös, bin schon sprachlos, dass ein Lehrer sich so verhält, dem die Grenzen bewusst sein müssten. Vermutlich bin ich nach den Kirchenskandalen zu zynisch, mir reicht diese Sprachlosigkeit, aber ich kann nachvollziehen, dass für andere Menschen der Glaubensaspekt noch schwerer zu begreifen ist.
@p.n.g. Im Religionsunterricht wird selten bis nie gepredigt, aber über Achtung, Nächstenliebe, nichtchristliche Religionen, Moral und Ethik aus Religionssicht gesprochen.
Ich übertrage mal Ihre Ausführungen auf einen anderen Fall: Es ist also für eine Frau schlimmer, von einem Christen vergewaltigt zu werden als von einem Nicht- Christen? So kommt das bei mir jedenfalls an. Das kann nicht Ihr Ernst sein. Moralische, menschliche Werte kann man, mMn. nicht an irgendeine Religion binden und schon gar nicht christliche Moral und christliche Werte über andere stellen, das ist diskriminierend gegenüber anderen Religionen und Nicht-Gläubigen und verhöhnt die Opfer. Es suggeriert, dass Nicht-Christen, auf Grund geringerer Moral und Werte, eher zu Tätern werden. Meine ganz persönliche Meinung dazu.
Zu Ihrem letzten Hinweis an mich – unverzagte schrieb:
“Für mich besteht ein Unterschied darin, ob ich hohe moralische Werte im Unterricht predige, die zudem auf Geboten basieren oder eben nicht.”
Darauf bezog sich mein Kommentar!
…in nahezu jedem Forum bei n4t, in dem es um Religion geht, stelle ich die selbe Frage. Was genau sind die christlichen (moralischen) Werte, die immer wieder erwähnt werden. Worin unterscheiden diese sich von anderen ethischen/menschlichen Werten?
Seltsam, dass bisher keiner mir das beantworten konnte oder wollte, und trotzdem werden diese ominösen christlichen Werte immer wieder erwähnt. Ich habe das Gefühl, keiner weiß genau was das ist, aber alle reden davon.
Ist das ein Merkmal religiösen Glaubens – man glaubt an Werte, die man nicht benennen kann?
Sorry, wenn ich immer wieder damit “nerve”, aber ich würde gern verstehen, worüber genau hier immer geredet wird. Als Atheist fühle ich mich sonst langsam diskriminiert, wenn mir indirekt irgendwelche moralischen Werte abgesprochen werden, weil nur Christen diese Werte vertreten. Aber ich kann ja nicht einmal an meinem Wertekanon arbeiten, wenn mir keiner sagt, worum es überhaupt geht. Gehört diese “Geheimnistuerei” auch zu den christlichen Werten?
Spannende Frage! Und egal wie ich jetzt argumentieren würde, Sie könnten mich jederzeit zerlegen….aber ich versuche es trotzdem 🙂
Zunächst einmal sollten alle Menschen einen moralischen Kompass haben, egal ob sie gläubig sind oder nicht. Die zehn Gebote lassen sich ja auch im Grundgesetz und in den Gesetzestexten wiederfinden….
Aber, religiöse Repräsentanten (also Mitarbeiter der Kirchen, Lehrer, etc.), die die Werte der Kirchen nach nach außen tragen, haben mMn auch eine Vorbildfunktion bezüglich der moralischen Werte…..sie genießen in der Regel auch ein Vertrauen. Andere Menschen vertrauen sich ihnen an, holen sich auch gerne Rat in Lebensfragen. Sie stehen in gewisser Weise für Tugendhaftigkeit und eventuell auch für Reinheit in der Lebensführung…..
Und das ist zumindest für mich der Punkt, dass wenn ein Repräsentant versagt, sich schuldig macht (hier in abscheulicher Weise), mich das ein klitzekleines mehr erschüttert,…..als Christ würde mich das in meinem Glauben erschüttern, als nichtgläubiger Mensch macht es mich nur böse…..über diesen bigotten Kretin…..
Was du nicht willst…
Hilft aus meiner Sicht weiter als die 10 Gebote. Und dann stellt sich ja noch die Frage, wie verstehen sich individueller Glaube und Amtskirche, die im Grunde ja nur eine Religionsverwaltungsbehörde mit eigenem Kassenamt ist?
Vielen Dank für Ihre ehrliche und sachliche Antwort.
Die wichtigste Aussage finde ich dabei:
“Zunächst einmal sollten alle Menschen einen moralischen Kompass haben,…”
In Ihrem nächsten Absatz würde ich nur wenig ändern:
“Aber,( …) Repräsentanten (also Mitarbeiter von Behörden, Vereinen, Lehrer, Politiker etc.), die die gesellschaftlichen Werte (…) nach außen tragen, haben mMn auch eine Vorbildfunktion bezüglich der moralischen Werte…..sie genießen in der Regel auch ein Vertrauen. Andere Menschen vertrauen sich ihnen an, holen sich auch gerne Rat in Lebensfragen.”
(meine Änderungen habe ich unterstrichen)
… mit dem Rest Ihres Kommentars gehe ich ohne Änderungen mit.
Das ist aber alles nicht mein hauptsächliches Verständnisproblem.
Ich “fremdele” mit den Aussagen über die Betonung der christlichen Werte/ der christlichen Moral als das (anzustrebende ?)Ideal für den perfekten/guten Menschen. Diese Überhöhung/Betonung der christlichen Seite von Moral und Anstand, versetzt nach meinem ganz persönlichem Empfinden, alle Nichtchristen auf eine niedere moralische Stufe. Und das stört mich, denn die meisten Menschen haben sehr wohl einen moralischen Kompass, egal welcher Religion sie angehören oder ob sie an keinen Gott/ keine Götter glauben. Wäre dem nicht so, wäre die Menschheit schon vor tausenden von Jahren
vhh schrieb weiter unten:
“… einzige moralisch vertretbare Position zu haben, …” – auch wenn er/sie es anders meinte – es ist genau das, was ich in Bezug auf manche Meinungen zu christlichen Werten empfinde – es kam sehr oft (v. a. in Diskussionen zum Religionsunterricht hier bei n4t) für mich so an – “die echten Christen sind sehr tolerant gegenüber anderen Religionen, aber ihre Religion ist halt die moralisch “höherstehende”.
Ich hoffe, dass das nicht so gemeint ist, aber es klingt für mich eben sehr oft so.
Jesus wurde aus seinen eigenen Reihen verraten. Und am Kreuz hat er denen vergeben, die ihm das angetan hatten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“.
Er wusste auch immer von den Schurken, hat aber Vergebung gelehrt.
Vergebung macht denjenigen frei, der vergibt. Er muss nicht länger die Last der Schuld des anderen in Form von Wut, Hass und Groll mit sich herumschleppen. Es ist eine heilsame Kraft. Das heißt nicht gleich Vergessen. Aber der Schmerz lässt dadurch nach bei den Geschädigten. Vergebung ist Seelenpflege, Seelsorge, Selbstfürsorge und bindet psychologisch gesehen auch den Täter nicht länger an das Opfer. Das heißt nicht, dass Täter nicht für ihre Taten nach den gültigen Rechten bestraft werden.
Noch erwähnen möchte ich, dass Fehler geschehen können, aber Repräsentanten in besonderer Verantwortung stehen. Als positives Beispiel verweise ich hier auf Margot Käßmann, die direkt am nächsten Tag nach ihrem Fehltritt zurücktrat…..als Negativbeispiel fällt mir da Tebart van Elzt ein…..allerdings habe beide keine Menschen vorsätzlich geschädigt…..so dass Beispiele evt nicht ganz gelten….
Liebe Potschemutschka,
die christlichen Werte gehen über die allgemeinen moralischen Werte hinaus. Jesus Christus, nach dem Christen sich benennen, war gekommen, um nach dem Alten Testament, das der vorchristlichen jüdischen Geschichte entspricht und das viele Gebote enthält, noch das Neue Testament zu bringen. Dieses enthält, was dem Alten Testament fehlt: den Auftrag, einander so zu lieben, so wie Gott die Welt geliebt hat, dass er seinen Sohn geschickt hat, um diese Liebe zu verkünden, zu leben und am Kreuz dafür zu sterben, damit wir alle, so wie er, auferstehen können, wenn er wiederkommt am Jüngsten Tag. Jesus hat im christlichen Glauben durch seinen Tod am Kreuz die Schuld der Welt auf sich genommen und gesühnt.
Jesus hat auf seinem Weg immer wieder betont, dass die Liebe zu den Menschen höher steht als das Gesetz. So hat er am Sabbat Kranke geheilt und musste sich gleich danach mit jüdischen Gesetzeslehrern streiten, die ihn deshalb anklagten. Er hat mit Menschen gegessen, die verachtet wurden, wie mit einem Zöllner, er hat die sogenannte Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt, indem er aufgefordert hat, wer ohne Sünde sei, möge den ersten Stein werfen. Er hat betont, dass alle Menschen in Liebe angenommen werden sollen, so wie Gott uns angenommen hat und dass jeder seinen Nächsten lieben solle, wie sich selbst.
In der Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst steckt natürlich viel Psychologie, denn manche Menschen lieben sich fast gar nicht und können deshalb ihren Nächsten nicht lieben und wieder andere verwechseln Selbstliebe mit Narzissmus.
Und so kommt es meiner Meinung nach, dass Christen häufig trotz ihres ihres Christseins nicht die „besseren Menschen“ sein können. Der Mensch hat einen freien Willen bekommen und darf sich entscheiden, wie er sein möchte.
Jedenfalls liegt der Unterschied, nach dem Sie zurecht fragen, im neutestamentlichen Gebot, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Es geht ein Stück über das bekannte „was du nicht willst, dass man dir zu, das füg auch keinem andern zu“ hinaus, weil praktizierende Christen sich im Gebet an Gott und Jesus wenden, wenn es ihnen menschlich zu schwer fällt, die häufig zunächst notwendige Vergebung zu schenken. Praktizierende Christen beten und bitten um Gottes Segen für ihren Weg und danken gleichzeitig für diesen Segen.
Wer unter praktizierenden und nicht praktizierenden Christen ein großes Egoproblem hat, kann sich trotz seines Christseins vollkommen unchristlich verhalten, wie wir immer wieder in der Geschichte lernen mussten. Diese Taten sind deutlich besser zu sehen als die der ruhig praktizierenden, gläubigen Christen und sind ein Gebetsanliegen in den Kirchen in Form von Fürbitten um liebevolle Handlungsweisen.
Liebe Grüße, TaMu
Danke für diese Erläuterungen.
Liebe TaMu,
Ich hatte auch zu einer Antwort angesetzt.
Aber mir fehlten irgendwie die passenden Worte.
Sie haben sie gefunden.
Ihre beiden Beiträge berühren mich sehr.
Danke.
Ganz herzliche Grüße
Marion 🙂
Danke, liebe Marion, für Ihre ermutigende Antwort. Das bedeutet mir sehr viel.
Interessant, dass bisher 3 Foristen es, aus welchen Gründen auch immer, schlimmer finden, wenn ein Reli- Lehrer übergriffig wird. Bei anderen Lehrern ist das … entschuldbar, weniger schlimm … ? Welche Art von Doppelmoral ist das? Muss ich das verstehen? ICH habe für solche Taten generell kein Verständnis, egal ob Kirche, Sportverein, Familie, … Betroffen sind immer Schutzbedürftige. Wie kann man da Unterschiede machen? Die eine Tat ist zum Kotzen, eine andere nur zum Naserümpfen? Oder was soll das Aussagen? Bei solchen Kommentaren und den likes dazu … kommt mir das K…. Sorry!
„Bei anderen Lehrern ist das … entschuldbar, weniger schlimm … ?“
Nein, das sollte bestimmt nicht der Umkehrschluss sein!
Sie brauchen sich hier nicht so ereifern, zumal Sie einen völlig falschen Schluss aus den obigen Kommentaren daraus ziehen.
Und ja, gerade von religiösen Menschen (und das sind Religionslehrer nun mal) erwarte ich auch einen hohen Anspruch an Mit-Menschlichkeit, auch einen hohen Anspruch an ethische Werte, auch eine besondere Fähigkeit zur Selbstreflexion und der eigenen Fehlbarkeit.
Aber die jüngere Vergangenheit zeigt leider auch, dass es gerade religiösen Menschen (denen man das halt weniger zutraut als anderen) daran manchmal mangelt….
Ich erwarte von ÖD, dass Historie aufgearbeitet wird
Also ist es Absicht und ein sehr bedenklicher Hang zur Pauschalisierung. ‘Weniger schlimm’ ist ihr ganz eigener, ziemlich verdrehter Umkehrschluss zur Meinung ‘noch schlimmer, wenn es ein Religionslehrer ist’. Hat irgendwer hier ‘bei normalen Lehrern nicht so schlimm’ gesagt, Verständnis gefordert? Sie beleidigen hier mit Unterstellungen, mit Doppelmoral-Beschuldigungen, setzen die umso größere Enttäuschung über Menschen mit spezieller ethischer Vorbildung mit einem Freispruch für alle anderen gleich. Das ‘sorry’ bezieht sich wohl auf k…, aber bei soviel selbstgerechter Empörung (ICH) über selbst herbeifantasierte ‘Relativierungen’ ist das unglaubwürdig.
Dass sie aus ‘…es ist schon erschreckend, wie sehr uns “der Sexualtrieb” dominiert.’ eine Fast-Entschuldigung der Täter konstruieren passt leider dazu. Ist es etwa nicht erschreckend, das erwachsene Menschen immer wieder nach ihren Emotionen und Instinkten handeln, auch wenn sie angeblich (homo sapiens) einen Verstand haben? Wäre es nicht wünschenswert, z.B. Lehramtsstudenten diesen Fall, die Entwicklung, sowie Emotionen und Selbtrechtfertigungen des Täters darzulegen?
Einfach um zu zeigen wie jemand, der rational weiß, wie falsch sein Handeln ist, es trotzdem fortsetzt, sogar intensiviert? Wie deshalb Schutzkonzepte aussehen sollten, welche Signale man bemerken könnte?
Ja, so ein Fall ist hoffentlich nicht mit dem Urteil beendet, es reicht nicht, das ‘zum K…’ zu finden.
Sie schreiben richtig:
“Ist es etwa nicht erschreckend, das erwachsene Menschen immer wieder nach ihren Emotionen und Instinkten handeln, auch wenn sie angeblich (homo sapiens) einen Verstand haben?”
Das bringt es auf den Punkt – warum also bringen manche Foristen bei solch einer Tat die (christliche) Religion oder den Sexualtrieb ins Spiel?
Die Frage ist doch eher, warum manche Menschen nicht dazu in der Lage sind, aber die meisten Menschen (unabhängig von Religion) schon. Der Sexualtrieb ist von den meisten Menschen beherrschbar und auch behandelbar, wenn zu stark ausgeprägt. Warum haben manche Menschen kein Unrechtsbewusstsein und nutzen ihre Vertrauens- oder Machtposition aus?
Und Sie haben recht, genau das muss auch in Schulen und Kitas thematisiert werden und in Schutzkonzepten beachtet werden.
Vor ein paar Jahren gab es in Berlin ein Therapiekonzept für Menschen mit Pädophilie (an der Berliner Charite´). Es wurde gut angenommen und verzeichnete gute Erfolge. Aber statt dieses Programm auszuweiten, wurde es, wie ich hörte, reduziert? Warum?
(Bzgl. der anderen Kommentare:) Ja, so ein unglaublich unqualifizierter Kommentar! Als wenn es nur um Religionslehrer/innen ginge. Könnten Sie bitte aufhören, immer gegen “Andersmeinende” zu hetzen!
Ihnen eine gute Besserung – auch gesundheitlich.
Ich habe gar keine Worte dafür. Ich bin erstens nur froh, dass ich “solche Gelüste” nicht habe und zweitens, es ist schon erschreckend, wie sehr uns “der Sexualtrieb” dominiert.
Das klingt ja fast wie eine Entschuldigung für die Täter – diese waren halt von ihrem Sexualtrieb gesteuert und eben “schwach”, oder wie ist das zu verstehen?
Warum wird mir hier eigentlich von verschiedenen Foristen vorgeworfen, “mich zu ereifern”, “”absichtlich missverstehen zu wollen” … Ich habe mir einfach nur Gedanken zum ersten Kommentar in diesem Forum gemacht und meine Meinung dazu geschrieben.
“unverzagte
1 Tag zuvor
Ein Religionslehrer…zum Kotzen.”
Noch einmal: Ich finde es zum K…., wenn in der Beurteilung solcher Taten/ der Täter Unterschiede gemacht werden und das tut man mMn. wenn Reli-Lehrer als moralisch höher bewertet werden als andere Menschen und man “nur deshalb (?”) diese Tat bei diesem Täter als noch verwerflicher beurteilt. Aber vielleicht habe ich einfach nur ein “verworrenes” Moralverständnis und Gerechtigkeitsempfinden. Mea culpa, mea maxima culpa!
“…schlimmer finden, wenn ein Reli- Lehrer übergriffig wird. Bei anderen Lehrern ist das … entschuldbar, weniger schlimm … ? Welche Art von Doppelmoral ist das?”
Höherer Anspruch an Religionslehrer = bei anderen entschuldbar=Doppelmoral? Das ist ein ziemlich schwerwiegender Vorwurf auf mehr als dünner Basis, da ist mißverstehen noch vorsichtig formuliert. Verstehen Sie eigentlich, was Sie da unterstellen?
‘Einfach nur Gedanken gemacht’? Nein, das ist absichtliches Falschverstehen, das ist ‘wird man doch noch sagen dürfen’ mit nachfolgender Relativierung, das ist der Anspruch, die einzige moralisch vertretbare Position zu haben, während alle anderen beinahe Mittäter werden.
Ich versuche es mit einem Beispiel:
Wenn ein Polizist Verbrechen begeht, wiegt das Vergehen für mich insofern schwerer, dass der Polizist ja dafür da ist, Verbrechen zu verhindern, zu verfolgen, aufzuklären. Wenn ich Opfer eines Verbrechens wurde, gehe ich zur Polizei, in der Hoffnung, dass es aufgeklärt und der Täter zur Rechenschaft gezogen wird.
Ich setze ein gewisses Vertrauen in die “Institution” Polizei.
Wird nun ein Polizist selbst kriminell und begeht Straftaten, z.B. Betrug, Diebstahl, Drogenhandel, Mord, Totschlag, sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung, dann erschüttert das mein Vertrauen in die Polizei. Ich frage mich: “Wie kann ein Polizist, der doch angetreten ist, um Verbrechen aufzuklären, Menschen zu helfen und die Welt möglicherweise ein Stück weit besser zu machen, wie kann gerade dieser Mensch zu so einer Tat fähig sein?”
In so einem Fall kommt häufig die Frage auf: “Kann man denn niemandem mehr trauen? Nicht mal der Polizei?”
Das heißt deshalb nicht, dass die oben aufgeführten Verbrechen weniger schlimm sind, wenn sie nicht von einem Polizisten begangen wurden.
Aber der Polizist genießt aufgrund seines Berufes einen gewissen Vertrauensvorschuß. Von ihm erwarte ich eine solche Tat noch weniger, als von jedem anderen.
Ähnlich ist es mit dem Religionslehrer. Gerade in Fächern wie Religion und Ethik werden ja Themen wie Glaube, Moral, Lebenssinn, Werte behandelt. Von einem Menschen, der mit Kindern solche tiefgreifenden Fragen bearbeitet, erwarte ich natürlich ganz besonders eine hohe moralische Integrität. Das heißt nicht, dass ich sexuellen Mißbrauch durch den Mathelehrer weniger schlimm fände oder ihn als weniger verwerflich einstufen würde.
Wer aber in gewisser Weise eine Art “moralischer Instanz” darstellt, wie z.B. der Polizist, der Pfarrer oder eben auch der Religionslehrer, bei dem wieg der Fall aus “besonderer Höhe” auch besonders schwer und erschüttert viele deshalb evtl. noch nachhaltiger, als es eine solche Tat sowieso schon tut.
Danke für Ihre Antwort. Das sehe ich überwiegend genauso – Menschen in bestimmten Positionen haben eine Vorbildwirkung und wenn diese dem nicht entsprechen und Vertrauen in ihre Position missbrauchen/ausnutzen wirkt das immer besonders schlimm. Als nicht religiösen Menschen hat mich dabei nur gestört, dass es einen Unterschied machen soll, ob es “nur” ein Lehrer oder ein Reli-Lehrer war. Aber Ihre Beiträge, die von Frl. Rottenmeier und TaMu haben mir das jetzt ganz gut erklärt, warum christliche Menschen das doch noch ein bisschen anders bewerten. Ich verstehe es jetzt besser. Danke dafür, an alle drei genannten Foristen.