Start Themenmonate Sprache bilden Mehr als „Nice-to-have“: Warum Rechtschreibung ein elementarer Bestandteil der Sprachentwicklung ist

Mehr als „Nice-to-have“: Warum Rechtschreibung ein elementarer Bestandteil der Sprachentwicklung ist

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BERLIN. Rechtschreibung gilt zunehmend als Nebensache in einer digitalisierten Welt, in der Programme Fehler korrigieren und Texte automatisch entstehen. Die Perspektive derjenigen, die Schreiben lernen, zeichnet jedoch ein anderes Bild. Kinder und Jugendliche messen korrekter Orthografie eine hohe Bedeutung bei – für das Verstehen von Texten, für schulischen Erfolg und für ihre persönliche Wirkung auf andere. Die Wissenschaft gibt ihnen Recht: Rechtschreibung strukturiert Inhalte und ermöglicht erst, dass Wissen aufgebaut und genutzt werden kann. Sie ist ein elementarer Bestandteil der Sprachentwicklung.

Superschüler (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

„Jeder Mensch braucht ein Grundgerüst an Rechtschreibkenntnissen, das ist gar keine Frage. Aber die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten handschriftlich schreiben“ – befand Baden-Württembergs scheidender Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Es gebe ja „kluge Geräte“, die Grammatik und Fehler korrigierten. „Ich glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt zu den großen gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört.“ Der Deutschlandfunk nahm die Aussage zum Anlass, eine Grundsatzfrage zu stellen: Ist Orthografie überhaupt noch wichtig?

Vorweg: Er selbst beantwortete die Frage eindeutig mit ja. „Die Rechtschreibung hat eine wichtige Funktion für das Lesen. Durch sie lassen sich Texte besser verstehen. Andersrum gilt auch: Wer Rechtschreibung beherrscht, versteht auch Texte besser“, so heißt es in dem Bericht. Darin wird auch der wissenschaftliche Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache, Prof. Henning Lobin, zitiert: „Die Beherrschung von Rechtschreibung ist ein Indiz dafür, dass man sich überhaupt mit Sprache intensiv auseinandersetzen kann. Insofern bildet die Rechtschreibung einen unveräußerlichen Teil der sprachlichen Bildung, sodass man diese auch stärken kann.“

Das meint auch der Bildungsforscher Prof. em. Dr. Friedrich Schönweiss, der mit einem interdisziplinären Team aus Sprachwissenschaft, Informatik, Pädagogischer Praxis und Lerntherapie an der Uni Münster erforschte, welche Schwierigkeiten beim Umgang mit Sprache und Schrift auftauchen können, wie Rechtschreibfehler entstehen, was es braucht, um aus ihnen lernen zu können – und daraus ein Diagnosetool, die Münsteraner Rechtschreibanalyse, entwickelte. „Rechtschreibung, also die eigene oder aber neue Sprache samt Schrift sicher zu beherrschen, ist ja sehr viel mehr als nur irgendwelche orthographischen Regeln zu kennen und zu befolgen“, sagt er.

Schönweiss betont: „Nur dann, wenn die über unser so genial ausgefeiltes Schriftsprachsystem transportierten Inhalte auch wirklich erfasst werden, wird die Tür dazu geöffnet, dass jedes Kind Tag für Tag mehr weiß und auch kann. Egal, auf welchem Gebiet. Kein Wunder also, dass Schwierigkeiten mit dem Schreiben alles andere als ein isoliertes Problem sind, sondern einhergehen mit einem fatalen Niveauverlust auf sämtlichen Ebenen, in allen Fächern, in schulischen wie außerschulischen Kontexten.“

Lernserver

Rechtschreibung, Lesen und Handschrift effektiv fördern? So geht’s: Der Lernserver, basierend auf der Münsteraner Rechtschreibanalyse, hält für Lehr- und Förderkräfte sowie für Eltern die passenden Instrumente bereit.

Mit dem Lernserver gelingt die Förderung schriftsprachlicher Fähigkeiten gezielt und effektiv.

Kern des Programms ist eine maßgeschneiderte Förderung auf Knopfdruck für alle Schülerinnen und Schüler (nicht nur für jene mit einer LRS), von der Grundschule bis zur Berufsschule.

In kostenlosen Online-Veranstaltungen wird die Münsteraner Rechtschreibanalyse (MRA) vorgestellt – vom Testverfahren über individuelle Fördermaterialien bis zu Einsatzmöglichkeiten in Schule, Lerntherapie und Elternarbeit.

Hier geht es zur Anmeldung. 

Lehrkräfte können einen kostenlosen Probezugang für die MRA anfordern. Schreiben Sie dazu einfach eine E-Mail an info@lernserver.de.

Auf seiner Website informiert das Lernserver-Bildungsprojekt außerdem umfassend über seine Angebote rund um das Thema Basiskompetenzen: www.lernserver.de

Das sehen Schülerinnen und Schüler ähnlich. Eine bundesweit angelegte, repräsentative Umfrage des Instituts KB&B Family Facts im Auftrag des Nachhilfeanbieters Studienkreis zeigte unlängst, dass Kinder und Jugendliche der Rechtschreibung eine hohe Bedeutung beimessen.

Nach den im Dezember 2025 erhobenen Daten unter 1.011 Acht- bis Sechzehnjährigen bewerteten 85 Prozent der Befragten korrekte Rechtschreibung als „wichtig“ oder „sehr wichtig“. Lediglich zwei Prozent hielten sie für gar nicht relevant. Diese Einschätzung zieht sich durch alle Altersgruppen, wobei insbesondere ältere Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren den funktionalen Wert orthografischer Kompetenz betonen. In dieser Gruppe wird Rechtschreibung auffallend häufig mit gesellschaftlicher Wahrnehmung verknüpft: Wer korrekt schreibt, wird eher ernst genommen.

Auch im Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung zeigt sich ein differenziertes Bild. Rund 80 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Rechtschreibung trotz Autokorrektur, Sprachassistenten und Künstlicher Intelligenz weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Diese Erwartung ist bei älteren Jugendlichen besonders ausgeprägt. Mehr als die Hälfte der 16-Jährigen ist überzeugt, dass orthografische Kompetenzen „auf jeden Fall“ relevant bleiben.

Bemerkenswert ist zudem, dass Kinder und Jugendliche Rechtschreibung nicht nur als schulisches Leistungskriterium begreifen, sondern auch als soziale Kompetenz. Neben guten Noten verbinden viele damit, ernst genommen zu werden und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Besonders in den höheren Altersgruppen äußern viele, dass fehlerfreies Schreiben eine Voraussetzung dafür sei, ernst genommen zu werden. Auch für berufliche Perspektiven wird Rechtschreibung als entscheidend eingeschätzt: 86 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass sie ihre Chancen auf Ausbildung und Beruf verbessert.

Dass diese Haltung nicht nur abstrakt bleibt, zeigt sich im alltäglichen Kommunikationsverhalten. 54 Prozent der Kinder und Jugendlichen geben an, sich an Rechtschreibfehlern anderer zu stören – auch in digitalen Kontexten wie Chats oder sozialen Medien. Besonders ausgeprägt ist diese Sensibilität bei Mädchen, älteren Jugendlichen sowie Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Selbst Influencerinnen und Influencer, die häufig als sprachliche Vorbilder fungieren, werden demnach an orthografischen Standards gemessen.

Die Ergebnisse widersprechen damit einer verbreiteten Annahme, wonach junge Menschen in einer digital geprägten Kommunikationswelt weniger Wert auf sprachliche Korrektheit legen. Vielmehr zeigt sich, dass sie die Bedeutung von Rechtschreibung sehr klar erkennen und sie mit konkreten persönlichen und gesellschaftlichen Erwartungen verbinden.

„Wir dürfen das Denken nicht einer Software überlassen. Wir müssen immer in der Lage sein, auch selbst zu reflektieren“

Diese Einschätzung steht jedoch in einem bemerkenswerten Spannungsverhältnis zu den empirisch gemessenen Kompetenzen. Der IQB-Bildungstrend 2022 dokumentiert einen signifikanten Rückgang der Rechtschreibleistungen bei Neuntklässlern. Im Vergleich zu 2015 sanken die Werte um 31 Kompetenzpunkte – ein statistisch signifikanter Rückgang, der sich durchgängig über alle Bundesländer hinweg zeigt, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Besonders betroffen sind Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien. Gleichzeitig nimmt die Leistungsstreuung zu: Während leistungsstarke Jugendliche ihre Kompetenzen ausbauen, geraten leistungsschwächere weiter ins Hintertreffen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der Aspekt der Digitalisierung eine andere Perspektive. Die Annahme, technische Hilfsmittel könnten grundlegende sprachliche Kompetenzen ersetzen, wird von Fachwissenschaftlerinnen wie Julia Knopf ausdrücklich zurückgewiesen. Die Professorin für Fachdidaktik Deutsch an der Universität des Saarlandes erklärt gegenüber dem Deutschlandfunk Kultur: „Orthografie ist wichtig. Wir müssen stolz darauf sein, wenn wir orthografische Kompetenzen haben und nicht sagen, ist nicht so schlimm. Da sind wir Erwachsenen auch Vorbild für die Kinder und Jugendlichen.“

Der verbreiteten Einschätzung, korrektes Schreiben sei im Zeitalter digitaler Tools überholt, widerspricht sie ausdrücklich. Für den Umgang mit digitalen Medien sei orthografische Sicherheit vielmehr eine Voraussetzung, da standardisierte Schreibweisen die Verarbeitung von Texten erleichterten. „Wir dürfen das Denken nicht einer Software überlassen. Wir müssen immer in der Lage sein, auch selbst zu reflektieren. Das heißt, wir müssen eigene Kompetenzen aufbauen, und die Rechtschreibkompetenz und die Sprachkompetenz sind für mich solche Kompetenzen.“

Auch im praktischen Umgang mit digitalen Anwendungen bleibe eigenständige Kompetenz unverzichtbar. Knopf: „Wenn ich beispielsweise eine Software nutze, um einen Text zu schreiben, dann kann ich den über Spracheingabe eingeben. Aber ich muss ihn trotzdem überarbeiten, weil meine Spracheingabe nicht den Text hervorruft, wie er mir gefällt, oder das System nicht alle orthografischen und schon gar nicht alle grammatischen Normverstöße kennt.“ Entscheidend sei deshalb, die zugrunde liegenden Regeln selbst zu beherrschen. News4teachers

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Sprache bilden“. 

Deeper Learning: Warum es in der Schule der Zukunft auf ein solides Fundament aus fachlichen Grundlagen ankommt

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Katze
20 Tage zuvor

Der Deutschlandfunk fragt ernsthaft, ob Orthografie überhaupt noch wichtig sei – eine Debatte, für die man heute offenbar erst einen wissenschaftlichen Direktor und ein Mikrofon braucht. Während Experten erklären, dass Rechtschreibung das Lesen erleichtert und ein Zeichen sprachlicher Bildung sei, sitze ich als MINT-Lehrer vor Klausuren, deren orthografische Qualität irgendwo zwischen dem Quellcode eines kaputten Taschenrechners und zufälliger Buchstabensuppe liegt. Schülerantworten, die weder lesbar noch verständlich noch fachlich zuzuordnen sind, und Fachbegriffe, die so verstümmelt daherkommen, dass man sie nur noch fragmentarisch rekonstruieren kann – etwa wenn aus dem Baummarder plötzlich ein „Baumadar“ wird oder die Krautschicht – welch Grauen – zur „Graudsicht“ mutiert. Und das wohlgemerkt bei Schülerinnen und Schülern ohne diagnostizierte LRS. Vielleicht sollte man einfach noch mehr diagnostizieren und noch großzügigere Nachteilsausgleiche etablieren – dann passt die Realität wenigstens wieder zur Theorie. Die IQB-Bildungstrends zeigen seit Jahren massive Einbrüche im Lesen, Schreiben und Verstehen. Aber nun wird an der Uni Münster mit einem interdisziplinären Riesengremium aus Sprachwissenschaft, Informatik, Pädagogik und Lerntherapie endlich erforscht, dass und warum Rechtschreibung wichtig ist. Meine Oma hat mir das vor 40 Jahren schon erklärt – sie hatte nur die Volksschule besucht, aber ihr Wissen kam bei mir an, ganz ohne Forschungsprojekt, ohne Gremium und ohne den akademischen Reflex, Selbstverständlichkeiten als Erkenntnisgewinn zu verkaufen.

laromir
20 Tage zuvor

Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit sehe ich auch. Die Hälfte, in einigen Kursen sogar bis dreiviertel der SuS, bekommen Punkte abgezogen. Bei komplexen Konstruktionen okay, kann man mal ein Komma vergessen. Es fängt aber leider mit ganz banalen Dingen an. Groß oder klein? Der, die oder das? Wo ist das Verb? Wen oder wenn? Dass oder das? Signalwörter weil, wenn, da, sondern? Leider läuft das bei vielen SuS bis zum Abitur nur so mittelprächtig. Wenn ich rate, dass man evtl. sich mal ein Übungsheft holen könnte, werden die Augen verdreht. Aber von alleine kommt es eben nicht.

ed840
20 Tage zuvor

Besonders betroffen sind Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien.

Beim Ittelwer der DE-16 wäre das so.

Ansonsten hängt es auch von den jeweiligen Bundesländern ab.

Es gibt z.B. ein großes Bundesland, in dem der Rückgang bei der oberen Schicht nur -10 Pkt, bei der unteren Schicht dagegen – 45 Pkt betrug , im Nachbarbundesland im Norden hätten sich dann beide Schichten mit -35 Pkt untere Schicht und -38 Pkt obere Schicht ziemlich ähnlich verschlechtert und in einem Nachbarbundesland im Osten mit – 20 untere Schicht und – 30 Pkt obere Schicht , wäre die untere Schicht sogar signifikant weniger betroffen.

GriasDi
20 Tage zuvor

Und wie oft mussten sich Lehrkräfte, die auf die Rechtschreibung Wert legen anhören, dass sie ja sowas von gestern sind und die Kinder damit unterdrücken und zu Duckmäusern erziehen.
Wie auch immer das zusammenhängen mag.

Achin
20 Tage zuvor

“Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!” (Horst Hubresch)

Ludwig
19 Tage zuvor
Antwortet  Achin

🙂 Ist der Witz, dass “ein Wort” hier eigentlich “zwei Wörter” sind? Oder verstehe ich das falsch?

Vera Geblich
17 Tage zuvor
Antwortet  Ludwig

Nachschlage hülfe- dann brauche man nicht sofort hier ins Forum zu bellen.

unverzagte
17 Tage zuvor
Antwortet  Vera Geblich

Sie hören lachende smileys bellen ?

Ludwig
19 Tage zuvor

In spätestens 100 Jahren sprechen eh alle Deutschen Englisch (“Nice-to-have”, “Roadmap”, “Social Media”…). Von daher ist die deutsche Rechtschreibung doch wirklich ein Auslaufmodell.

GriasDi
18 Tage zuvor
Antwortet  Ludwig

Aber auch für die genannten Begriffe gibt es Schreibregeln

Vera Geblich
17 Tage zuvor
Antwortet  Ludwig

Das mag sein, aber HEUTE und in mittlerer Zukunft brauchen wir sie- Belege gibt`s zuhauf.
Wenn man alles heute wegließe, was man vermeintlich in einem Jahrhundert nicht mehr braucht…
Bezeichnend, dass bei uns keine Diktate mehr als Klassenarbeit geschrieben werden dürfen, dafür nur noch Rechtschreibüberprüfungen, in denen man die 30 Fehler in 100 Wörtern mit ein paar Pipifax- Einsetzübungen ausgleichen kann. So schafft man die Drittelgrenze.

Götz
16 Tage zuvor

Die Rechtschreibung mit ihren zu beachtenden “Normen” wurde und wird als soziales Unterdrückungsinstrument diffamiert, aber offenbar teilen laut Artikel junge Menschen diese Sichtweise eher nicht. Persönlich erwarte ich die Renaissance des Übungsdiktates, dann wissenschaftlich begründet und mit einer coolen neuen Bezeichnung, allerdings muss die Lage dafür erst n o c h desaströser werden.