Start Tagesthemen Lehrkräfte klagen gegen zusätzliche Unterrichtsstunde – GEW kündigt erste Verfahren an

Lehrkräfte klagen gegen zusätzliche Unterrichtsstunde – GEW kündigt erste Verfahren an

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POTSDAM. Seit Beginn des zweiten Schulhalbjahres müssen Lehrkräfte in Brandenburg eine zusätzliche Unterrichtsstunde pro Woche erteilen. Die Maßnahme, mit der das Bildungsministerium Personalkürzungen abfedern will, stößt weiterhin auf erheblichen Widerstand. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereiten mehrere Lehrerinnen und Lehrer nun individuelle Klagen gegen die sogenannte Mehrstunde vor.

Es geht vor Gericht. Symbolfoto: Shutterstock

„Bereits im März werden wir die ersten Klagen vor Arbeitsgerichten und Verwaltungsgerichten haben“, sagte der GEW-Landesvorsitzende Günther Fuchs. Derzeit würden entsprechende Verfahren vorbereitet. Die Gewerkschaft hatte bereits selbst gegen die Regelung geklagt; über diese Klage ist bislang nicht entschieden.

Nach Darstellung des Bildungsministeriums betrifft die zusätzliche Unterrichtsstunde faktisch rund 60 Prozent aller Lehrkräfte im Land. Für Lehrerinnen und Lehrer an Förderschulen, Berufsschulen sowie an Schulen in sozialen Brennpunkten gelten Ausnahmen. Zugleich verweist das Ministerium darauf, dass die Mehrbelastung durch Entlastungen an anderer Stelle ausgeglichen werden solle.

Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) verteidigte die Maßnahme im Interview mit dem rbb. Die Entscheidung sei nicht leichtfertig getroffen worden. „Wir haben sehr genau abgewogen und wir haben uns vor allen Dingen darauf gestützt, was uns die Expertinnen und Experten aus der Fachwelt gesagt haben“, sagte Freiberg. Es sei richtig, dass die Regelungen nicht überall auf Zustimmung stießen, fügte er hinzu: „Es gefällt nicht allen, das sei zugestanden, aber die meisten Vorschläge, die wir jetzt hier umgesetzt haben, die kommen von Lehrerinnen und Lehrern.“

Zu den Entlastungsmaßnahmen gehört unter anderem, dass in den ersten und zweiten Klassen keine verpflichtenden Lernentwicklungsgespräche mehr vorgesehen sind. Zudem entfällt die Pflicht zur Facharbeit in der neunten Jahrgangsstufe, ebenso die zentrale Prüfung in der zehnten Klasse an Gymnasien. Ab dem Schuljahr 2026/2027 sollen außerdem keine Grundschulgutachten mehr erstellt werden müssen.

„Auf Gespräche, die nur noch stattfinden, weil man sie auf einem Blatt Papier abhaken muss, wollen wir verzichten“

Kritik entzündet sich dabei vor allem an der Frage, ob diese Entlastungen nicht mit Qualitätsverlusten einhergehen. Freiberg wies entsprechende Befürchtungen im rbb-Interview zurück. Am Beispiel der Elterngespräche sagte er: „Die Verpflichtung fällt weg, aber wenn die Eltern oder die Lehrkraft darauf besteht, das Gespräch durchzuführen, dann wird es weiterhin durchgeführt. Auf Gespräche, die nur noch stattfinden, weil man sie auf einem Blatt Papier abhaken muss, wollen wir verzichten.“

Auch bei anderen Maßnahmen sieht der Minister pädagogische Gründe. Zur Abschaffung der Facharbeiten in der neunten Klasse erklärte Freiberg im rbb: „Bei den Facharbeiten hat es langjährige Forderungen aus weiten Teilen der Belegschaft gegeben, am Bewertungsmodus etwas zu ändern. Mit KI ist dort noch mal ein ganz anderer Zugzwang reingekommen, weil in vielen Teilen nicht mehr zu unterscheiden ist zwischen dem, was die Maschine macht, und dem, was die Kids dort selbst abliefern.“

Lehrerverbände und Gewerkschaften halten dem entgegen, dass freiwillig weitergeführte Aufgaben faktisch zu unbezahlter Mehrarbeit führen könnten. Freiberg wies diesen Vorwurf zurück. „Also auf der einen Seite sagt man, es werden Sachen abgeschafft, die pädagogisch sinnvoll sind. Auf der anderen Seite sagt man, es ist Mehrarbeit. Das kann ich ehrlicherweise so nicht zusammenbringen“, sagte er dem rbb. Grundsätzlich sei der Lehrerberuf durch eine besondere Arbeitszeitstruktur geprägt: „Was jetzt geschehen ist: Wir haben in diesen Anteilen 45 Minuten – also eine Unterrichtsstunde – von dem einen Teil in den anderen verschoben. Nicht mehr und nicht weniger.“

Hintergrund der Maßnahme ist auch der geplante Abbau von Lehrerstellen. Nach Angaben des Ministers soll die zusätzliche Unterrichtsstunde rechnerisch dazu beitragen, den Wegfall von rund 445 Stellen zu kompensieren. „Rechnerisch geht es gut auf“, sagte Freiberg im rbb. Zugleich räumte er ein, dass die steigenden Schülerzahlen in Brandenburg dadurch nicht aufgefangen würden.

„Das damalige Mittragen der Entscheidung für die Stellenreduzierung war ein Fehler“

Kritik kommt auch aus der Landespolitik. Der Parlamentarische Geschäftsführer der BSW-Landtagsfraktion, Falk Peschel, hält die Entlastungsmaßnahmen für unzureichend. „Es bedarf weiterer Entlastungsmaßnahmen, zum Beispiel durch multiprofessionelle Teams“, sagte Peschel. Diese könnten Lehrkräfte insbesondere bei Verwaltungsaufgaben unterstützen.

Peschel ging zudem auf die umstrittene Kürzung der Lehrerstellen ein. Die Reduzierung um 345 Vollzeitstellen sei rückblickend falsch gewesen. „Das damalige Mittragen der Entscheidung für die Stellenreduzierung war ein Fehler“, sagte der BSW-Politiker. Das Bündnis Sahra Wagenknecht war bis Januar Teil der Regierungskoalition mit der SPD. News4teachers / mit Material der dpa

“Nur Verlierer”: Lehrkräfte frustriert über eine Unterrichtsstunde mehr pro Woche

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Mika BB
1 Stunde zuvor

Frage RBB:
„Sie haben eben schon angedeutet, dass zum Beispiel Elterngespräche trotzdem geführt werden können, wenn die Lehrer es für nötig halten. Führt das dann nicht zu unbezahlter Mehrarbeit, wie es Lehrerverbände und -gewerkschaften befürchten?“

Steffen Freiberg:
„Also auf der einen Seite sagt man, es werden Sachen abgeschafft, die pädagogisch sinnvoll sind. Auf der anderen Seite sagt man, es ist Mehrarbeit. Das kann ich ehrlicherweise so nicht zusammenbringen.“

Ich
hingegen kann nicht zusammenbringen, dass ein Bildungsminister (per se also jemand, der logisch denken können sollte), Folgendes nicht versteht:

Die Verpflichtung zur Durchführung von Gesprächen mit allen Eltern wird durch die Änderung des Schulgesetzes umgewandelt in eine Verpflichtung zu Gesprächen mit allen Eltern, welche Gespräche wollen. Gleichzeitig geht Herr Minister bei der Berechnung der Entlastungszeit jedoch offensichtlich davon aus, dass gar keine Gespräche mehr stattfinden, da er die Freiwilligkeit der Gespräche betont.

Nein, Herr Freiberg, die Gespräche sind für die Lehrkräfte kein freiwilliges Spaßvergnügen, welches sie mit Verweis auf ihre Arbeitszeit abweisen können. Gern mal im eigenen Gesetz nachlesen! Und wenn ich diese (meiner Ansicht nach pädagogisch sinnvollen und unabdingbaren) Gespräche auf Elternwunsch hin durchführe, sind sie ab jetzt unbezahlte Mehrarbeit, da Sie uns den Wegfall der Gespräche als Entlastung verkaufen wollen.

Besonders spaßig finde ich aber diesen Teil des Interviews:

Frage RBB:
„Wenn die Lehrer zusätzliche Elterngespräche freiwillig machen, dann führt das doch zu unbezahlter Mehrarbeit, oder?“

Steffen Freiberg:
„Also, der Lehrerberuf ist einer der schönsten und ganz besonderen Berufe, was die Arbeitszeitgestaltung angeht. Ein Großteil der Arbeitszeit wird berechnet über die Unterrichtsverpflichtung. Und daneben gibt es einen Anteil, der mit all dem zu tun hat, was ringsum zu leisten ist durch Lehrerinnen und Lehrer. Was jetzt geschehen ist: Wir haben in diesen Anteilen 45 Minuten – also eine Unterrichtsstunde – von dem einen Teil in den anderen verschoben. Nicht mehr und nicht weniger.“

Jo. Auf den Hinweis, dass diese Elterngespräche eben doch unbezahlte Mehrarbeit seien, mit: „Also, der Lehrerberuf ist einer der schönsten und ganz besonderen Berufe, was die Arbeitszeitgestaltung angeht.“ zu antworten – das hat schon was.
Aber als BILDUNGSminister nicht zu wissen, dass eine Unterrichtsstunde mit Vor- und Nachbereitung einen Zeitaufwand umfasst, der nun mal deutlich größer als 45 Minuten ist – das disqualifiziert ihn in meinen Augen final für seinen Job.

Liebster Herr Freiberg: Lesen Sie doch einfach mal eine unabhängig erstellte Arbeitszeitstudie für Lehrer. Da ist ziemlich genau aufgelistet, welche unterrichtsnahen Tätigkeiten mit einer Unterrichtsstunde direkt verknüpft sind und wie lange die dauern. Aus meiner ü30-jährigen Erfahrung heraus braucht’s für 45min Unterricht mindestens noch mal 45min drumrum, und ich bin inzwischen Profi, was Vor- und Nachbereitung betrifft. Würde bedeuten: für wöchentlich 45 Minuten Unterricht mehr habe ich wöchentlich 90 Minuten Entlastung an nichtunterrichtlichen Tätigkeiten. Rechnen Sie mir das doch bitte mal vor, wie jede! Lehrkraft, welche die Mehrarbeitsstunde jetzt hat, um 90 Minuten pro Woche entlastet wird. Ich bin gespannt….

Ich hätte gern einen Bildungsminister, der Ahnung von Schule hat. Am besten jemanden, der wenigstens zehn Jahre in einer solchen als stinknormale Lehrkraft gearbeitet hat. Scheint zu viel verlangt zu sein…Schade…

https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2026/02/interview-bildung-brandenburg-minister-steffen-freiberg-unterricht-schulen-zusatzstunde-lehrer.html