KLEVE. Ein Streit unter Zehnjährigen über das Fasten im Ramadan beschäftigt derzeit eine Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen. Während Schulaufsicht und Schule von altersüblichen Konflikten sprechen, macht Bild daraus einen kulturkämpferischen Streit über Migration und religiöse Anpassung. Ein Blick auf die Berichterstattung des Springer-Mediums zeigt, wie ein pädagogischer Alltagskonflikt zu einem migrationspolitischen Symbolthema hochgejazzt wird. Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

Der Ausgangspunkt des aktuellen Konflikts ist vergleichsweise unspektakulär: In einer fünften Klasse der Joseph-Beuys-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Kleve kam es während des Ramadan zu Streit zwischen Kindern darüber, ob während des Schultages gegessen werden sollte oder nicht. Einige muslimische Schülerinnen und Schüler fasteten, andere nicht. Nach Angaben der Schulaufsicht kam es zu „Unstimmigkeiten, die für das Alter der Kinder nicht untypisch sind“. Der Konflikt wurde im Klassenrat besprochen.
„Ramadan-Streit! Schüler sollen Pausenbrot heimlich essen“
Damit ist der pädagogische Rahmen klar beschrieben: eine typische Auseinandersetzung unter jüngeren Schülerinnen und Schülern, die unterschiedliche Erwartungen aneinander haben. Dass solche Konflikte im Klassenrat verhandelt werden, gehört zum Alltag an vielen Schulen. In der Berichterstattung der Bild-Redaktion, die sich offensichtlich zunehmend als rechtspopulistische Kampftruppe gefällt, erscheint der Vorgang jedoch in einem völlig anderen Licht. Das Blatt titelte: „Ramadan-Streit! Schüler sollen Pausenbrot heimlich essen“. Bereits die Überschrift transportiert eine Behauptung: Kinder hätten ihr Essen verstecken müssen, um religiöse Empfindlichkeiten muslimischer Mitschüler zu berücksichtigen.
Im Text wird dieser Eindruck weiter zugespitzt. Die Zeitung schreibt, es gebe an der Schule „eine Anweisung, nach der Kinder sich beim Essen ihres Pausenbrots wegdrehen sollen – weil sich ihre fastenden muslimischen Klassenkameraden daran stören könnten“. Damit entsteht das Bild einer institutionellen Regel, die nichtfastende Schülerinnen und Schüler einschränkt. Tatsächlich ergibt sich aus den Stellungnahmen der zuständigen Behörden ein anderes Bild.
Die Bezirksregierung Düsseldorf, zuständig als Schulaufsicht, beschreibt den Vorgang deutlich nüchterner. Demnach wurde im Klassenrat besprochen, dass einige Kinder fasten, andere jedoch selbstverständlich essen dürfen. Eine Verpflichtung, Essen zu verbergen oder einzuschränken, habe es nicht gegeben. Wörtlich heißt es aus der Behörde: „Eine Verpflichtung, dies zu verbergen oder einzuschränken, besteht nicht.“ Auch die behauptete „Wegdreh-Regel“ wird von der Schulaufsicht relativiert. Ergebnis des Klassenrates sei es ausdrücklich nicht gewesen, Schülerinnen und Schüler dazu anzuhalten, sich beim Essen umzudrehen. Die Irritation sei durch missverständliche Kommunikation entstanden.
Damit wird deutlich: Die zentrale Behauptung der Boulevardberichterstattung – eine schulische Regel, nach der Kinder ihr Essen verstecken sollen – lässt sich nach Darstellung der zuständigen Behörde nicht bestätigen.
Der tatsächliche Konflikt scheint wesentlich banaler gewesen zu sein. Laut Berichten soll es in beide Richtungen Provokationen gegeben haben: Nicht fastende Kinder hätten mit Essen vor fastenden Mitschülern provoziert. Umgekehrt hätten fastende Kinder andere aufgefordert, ebenfalls zu fasten oder ihr Pausenbrot wegzuwerfen.
Solche Dynamiken sind aus pädagogischer Sicht Alltag. Gerade in fünften Klassen – also bei Kindern im Alter von zehn oder elf Jahren – entstehen Konflikte häufig aus Gruppendruck, Neugier oder dem Bedürfnis, Regeln auszutesten. Klassenräte sind ein gängiges Instrument, solche Konflikte gemeinsam zu bearbeiten. In der Darstellung der Bild wird der Fall jedoch in einen deutlich größeren politischen Zusammenhang gestellt – in den Kampf gegen Migration.
Das Blatt verweist etwa auf den hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an der Schule – zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen haben einen solchen. Ein Vater wird mit der Aussage zitiert, an der Schule werde „mehr Rücksicht auf ausländische Schüler genommen“ als auf deutsche. Als Beleg dafür angeführt: Schweineschnitzel gebe es dort „kaum“ (als müssten deutsche Schüler ungesundes Schweinefleisch essen). Solche Passagen verschieben den Fokus der Geschichte deutlich. Der Konflikt erscheint nicht mehr als zu moderierender Streit unter Kindern, sondern als Ausdruck eines angeblichen kulturellen Ungleichgewichts im von Muslimen überrannten Deutschland.
Dieser Mechanismus ist aus der medialen Migrationsdebatte bekannt. Einzelne (schulische) Konflikte werden dabei zu Symbolfällen für Integrationsprobleme oder religiöse Spannungen hochstilisiert. Gefundene Lösungen blendet der Boulevard dann stets aus. Bemerkenswert ist auch die Auswahl der Stimmen, die in der aktuellen Berichterstattung zu Wort kommen. Neben einzelnen Eltern wird der selbst ernannte „Mobbing-Experte“ Carsten Stahl zitiert, der erklärt: „Diese Regel ist eine Diskriminierung und fördert Mobbing von Schülern.“ Diese Bewertung setzt allerdings voraus, dass es eine solche Regel tatsächlich gegeben hat – was nach Darstellung der Schulaufsicht gerade nicht der Fall ist.
„Ramadan-Streit! So redet sich die Schule raus“
Die offizielle Reaktion der Behörden fällt entsprechend deutlich moderater aus. Das nordrhein-westfälische Schulministerium betont zwar, dass religiöser Druck unter Schülerinnen und Schülern nicht akzeptabel sei. Gleichzeitig verweist es auf den Grundsatz eines respektvollen Miteinanders im Schulalltag. Die Bezirksregierung spricht ausdrücklich von einem Konflikt, der „für das Alter der Kinder nicht untypisch“ sei. Auch die Schule selbst hat angekündigt, Gespräche mit allen Beteiligten zu führen und die Kommunikation zu klären.
Eine solch einfache Lösung eines banalen Konflikts mag Bild natürlich so nicht stehen lassen. Schlagzeile des aktuellen Artikels zum Thema: „Ramadan-Streit! So redet sich die Schule raus“. News4teachers
“Bildungskriminell”: Wie die „Bild“-Chefredakteurin gegen Migranten (und Kultusminister) hetzt









Es wird ja immer wieder betont, dass Schule demokratische Werte vorleben soll.
Also lasst doch einfach die Mehrheit an der jeweiligen Schule entscheiden…
Im Ergebnis läuft es darauf hinaus, ob abgestimmt wird oder nicht. Es wird mit den Füßen abgestimmt, auf welche Schule sollen meine Kinder gehen überlegen die Eltern.
Die BILD bringt immer, jeden Tag, reißerische Überschriften, das ist doch Naturgesetz. Wozu darüber aufregen? Wie sonst könnte sie solche Themen ansprechen, sie bedient damit den Wunsch der Leserschaft sowas zu thematisieren. Und das ist wichtig, darüber zu schweigen löst keine Konflikte.
Seit dem “Aufmacher” von Wallraff weiß jede*r, wie die “BLÖD” tickt, so what´s new ?
Ich bin froh, dass das hier thematisiert wird, denn ich hätte keine Lust bei Bild oder Welt zu kommentieren, erst recht nicht mit Abo-Kauf.
Mir kam bei den Schlagzeilen, die ich dazu in letzter Zeit vernommen hatte, folgender Gedanke:
Man stelle sich vor, es ist 1986 oder 1996. Ein Kind fastet, eines nicht und beide ärgern sich. Frau Lehrerin redet mit ruhig freundlicher Stimme und möchte, dass beide Rücksicht aufeinander nehmen. Also vielleicht sich nicht genüßlich schmatzend und krümelnd vor das fastende Kind zu stellen, nicht wie ein Lockvogel mit dem Butterbrot vor ihm herum wedeln. Dazu fällt ihr vielleicht auch der Tipp mit dem wegdrehen ein. Das ist eine Idee, wie man Rücksicht nehmen kann und vermutlich tut ihr auch das Kind, das den ganzen Tag nichts essen darf, leid. Umgekehrt gilt natürlich genauso, andere nicht zu drangsalieren, sie müssten mitmachen.
Welcher Hahn hätte 1986 oder 1996 danach gekräht?
Das ist das schlimme momentan in unserer Gesellschaft, ALLES wird politisch instrumentalisiert und das zeigt, dass die Erwachsenen in dieser Gesellschaft langsam am Rad drehen!
Man könnte andere Beispiele nehmen :
Lisa und Ute streiten sich. Ute hat Diabetes und darf nichts Süßes. Lisa hat eine Michschnitte dabei und darf die natürlich essen, aber vielleicht nimmt sie etwas Rücksicht…?
Jan und Nico streiten sich. Nico hat sich den Fuß gebrochen und kann nicht so schnell hinterher in die Pause. Sein Freund Jan ignoriert das und will erster an der tollen Schaukel sein. Vielleicht wartet er auf seinen Freund…?
Nina ist sensibel und hält sich immer die Ohren zu, weil sie den Lärmpegel in der Klasse gleich lauten Baumaschinen nicht aushält. Vielleicht nehmen die Schreihälse etwas Rücksicht…?
Die Waldorf Klasse übt Blockflöte und Leon pustet immer extra kräftig hinein, so dass es vielen in den Ohren schmerzt. Helene darf nicht mit auf Klassenfahrt… ach ja…. das war in meiner fünften Klasse und Helene meine aus Russland stammende Freundin. Wir haben ihr eine Karte geschickt und überlegt, was wir drauf schreiben. Ein Junge meinte, wir sollten drauf schreiben, dass alles ganz blöd ist, damit sie nicht traurig ist. Das war nett gemeint, aber so weit müsse es doch nicht gehen. Ich schlug vor, wir schreiben erstmal drauf, dass wir es schade finden, dass sie nicht mit dabei ist.
Ach ja, dass waren noch Zeiten, als die Erwachsenen noch nicht so Verhaltensauffällig waren…