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Lernen mit Computer: mangelhaft – neuer Bildungsschock droht

DORTMUND. Eine große internationale Schulleistungsstudie  – eine Art Computer-PISA – wird derzeit erhoben und 2014 veröffentlicht. Sie bestätigt wohl, was schon frühere Untersuchungen vermuten lassen: Deutschlands Schüler lernen nicht systematisch den Umgang mit digitalen Medien. Es droht ein neuer Bildungsschock. 

Der Einsatz von Computern im Unterricht ist in deutschen Schulen noch keineswegs selbstverständlich - in anderen Staaten schon. Foto: bionicteaching / flickr (CC BY-NC 2.0)

Der Einsatz von Computern im Unterricht ist in deutschen Schulen noch keineswegs selbstverständlich – in anderen Staaten schon. Foto: bionicteaching / flickr (CC BY-NC 2.0)

Langsam gleiten Haie durch das Becken, schlagen träge mit der Schwanzflosse und schweben scheinbar schwerelos weiter. Die Schüler am Elsa-Brandström-Gymnasium Oberhausen schauen fasziniert auf das Bild, das der ans Internet angeschlossene Beamer ihnen ins Klassenzimmer wirft. Moderner Technik sei Dank: Lehrer Marco Fileccia kann seine  Biologiestunde heute mit Ansichten einer Webcam im Oberhausener Aquarium Sealife aufwerten.

Ein solcher Technikeinsatz erfolgt in Deutschlands Schulen überaus selten, das dokumentieren Studien wie PISA 2009 oder IGLU 2006. Nahezu 80 Prozent der Schüler in den weiterführenden Schulen nutzen nie Computer in den Kernbereichen Deutsch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften. Bezogen auf die schulische Nutzung digitaler Medien liegt Deutschland damit in der Sekundarstufe international im unteren Drittel. Nur wenig besser sieht es in der Primarstufe aus: Rund die Hälfte der Grundschüler in Deutschland berichten, dass sie nie mit digitalen Medien in der Schule lernen. Dabei ist unter Wissenschaftlern unumstritten, dass digitale Medien den Unterricht verbessern, wenn sie in die entsprechenden Lernumgebungen integriert werden. Darüber hinaus bedeute guter Unterricht Umgang mit den individuellen Interessen und Neigungen der Kinder und Jugendlichen. Darin liege das Potential digitaler Medien, sagt Bildungsforscherin Birgit Eickelmann vom Institut für Schulentwicklungsforschung Dortmund, die seit Jahren zum Thema arbeitet. Unterricht könne damit individueller gestaltet werden.

Bisherige Studien zeigen: Die in den Schulen verfügbare IT-Ausstattung – sofern sie heutigen Ansprüchen überhaupt genügt – wird unterdurchschnittlich genutzt. Zwar sind die Kenntnisse der Schüler grundsätzlich gar nicht schlecht. Aber: „Computerbezogene Kompetenzen erwerben Kinder und Jugendliche überwiegend außerhalb der Schule“, sagt Eickelmann. 91 Prozent der Haushalte, in denen Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 13 Jahren leben, waren 2010 mit Computern und Internetanschlüssen ausgestattet, stellt etwa die jüngste KIM-Studie („Kinder, Information und Medien“) fest. Mehr als die Hälfte der Mädchen und fast die Hälfte der Jungen arbeiten danach zu Hause mit dem Computer für die Schule, etwa um im Internet etwas nachzulesen oder um selber Texte zu schreiben. Mehr als zwei Fünftel nutzen zu Hause Lernprogramme. Zwei Drittel der Zwölf- bis 13-Jährigen schreiben selbstständig E-Mails. Im Vergleich dazu sei der Computer in der Schule noch kaum angekommen, schlussfolgert auch diese Studie.

Wie es tatsächlich aussieht, welche Kompetenzen Jugendliche haben, unter welchen Bedingungen sie erworben werden und welchen Beitrag die Schule leisten kann, will das Institut für Schulentwicklungsforschung jetzt im großen Stil untersuchen. Die renommierte Einrichtung an der Technischen Universität Dortmund koordiniert im Auftrag des Bundesbildungsministeriums und mit Unterstützung der Kultusministerkonferenz – die sich mutig den Ergebnissen stellen will – die erste internationale Vergleichsstudie zu Computer- und Informationskompetenzen von Jugendlichen (International Computer and Literacy Study 2013, abgekürzt ICILS).

Die Studie wird eine Art Computer-PISA, bei deren Ergebnissen, ähnlich wie bei Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahr 2002, ein Schock zu erwarten ist. Professor Wifried Bos, Leiter des Dortmunder Instituts, ist gespannt auf die Ergebnisse. Der Computer komme hierzulande eben zu häufig nur in der Freizeit zum Einsatz. Dies sei in unserer Informations- und Wissensgesellschaft eine enorme Potenzialverschwendung, meint Bos. Denn Informations- und Medienkompetenzen gehörten zu den Schlüsselfähigkeiten der Zukunft, in der Menschen ihr Leben lang weiter lernen müssten, wenn sie beruflich den Anschluss halten wollen.

Das betont auch Gregor Berghausen, Koordinator für Aus- und Weiterbildung der nordrhein-westfälischen Industrie- und Handelskammern. Jeder Jugendliche könnte zwar mit Internet und Rechner umgehen, es mangele ihnen aber häufig an systematischer Medienkompetenz. In Staaten wie Dänemark, Norwegen oder den Niederlanden sei diese Erkenntnis längst auch in den Schulen gereift; entsprechend habe der Einsatz von digitalen Medien im Unterricht seit Jahren einen weit höheren  Stellenwert als in Deutschland, weiß Bos. Das könnte darauf hinweisen, dass deutsche Schüler in einer Rangliste von Computerfertigkeiten nicht zu den Spitzenreitern gehören werden. „Vergleichsdaten decken große Rückstände auf“, so hat Wissenschaftlerin Eikelmann aufgrund von früheren Erhebungen festgestellt.

Traditionelles Bildungsverständnis in Deutschland

Einer der Gründe dafür, dass digitale Medien so selten im Unterricht genutzt werden, wird in bisherigen Studien mit der eher distanzierten Einstellung der Lehrkräfte in Deutschland erklärt. Nach einer Untersuchung der Europäischen Kommission sind deutsche Pädagogen besonders skeptisch und nehmen damit eine Sonderrolle in Europa ein. In Deutschland stellt nahezu die Hälfte der Lehrer den Mehrwert des Computereinsatzes im Unterricht infrage. Gleichzeitig gibt fast jeder zweite Lehrer in Deutschland an, dass es ihm an Kenntnissen im Umgang mit digitalen Medien mangele. Die Studie sieht auch einen Zusammenhang mit dem Alter der Lehrkräfte, die im europäischen Durchschnitt zu den ältesten gehören. In Gesprächen mit einigen Lehrern hört sich das für Forscherin Eickelmann dann so an: „Computer im Unterricht? Ach, die Kinder sitzen doch auch schon genug vor dem Bildschirm“.

Institutsleiter Bos sieht als Ursache dieser Einstellung unter anderem die deutsche Lehrplan-Tradition. „Deutschland pflegt ein sehr traditionelles Bildungskonzept, bei dem Lerninhalte nach Fächern definiert werden. Deswegen findet der Computereinsatz auch immer noch bevorzugt im Informatikunterricht statt.“ Dabei können die digitalen Medien praktisch überall eingesetzt werden. Für Geschichte und Sozialwissenschaften bietet das Internet eine Fülle an aktuellem Material. In Mathematik und Naturwissenschaften sind Visualisierungen und Simulationen einfach herstellbar. Und selbst im Sportunterricht könne man den Rechner für die Theorie nutzen, sagt Praktiker Fileccia, der an seiner Schule ein vom Bundespräsidenten ausgezeichnetes Internet-Projekt initiiert hat.

In den nordrhein-westfälischen Lehrplänen wird die Nutzung digitaler Medien durchaus schon zum Ziel erklärt. „Es reicht aber nicht, zu sagen ‚Lehrer macht das‘ und dann macht der Lehrer das“, sagt Wissenschaftler Bos. Die Schulen müssten auch unterstützt werden. Und daran hapere es, meint auch der Bundes- und NRW-Landeschef des Lehrerverbands Bildung und Erziehung (VBE) Udo Beckmann. Schon die Ausstattung lasse zu wünschen übrig. Beckmann: „Heute müsste in der Schule eigentlich in jedem Klassenraum der Zugang zum Internet gesichert sein, aber in Wirklichkeit ist das ein zäher Kampf mit den Schulträgern.“ Die Etats seien zu gering.

Mitunter liegt die Tücke im Detail: In Münster beispielsweise können Lehrer nicht eigenständig ein neues Programm auf die Schulrechner aufspielen – sie müssen sich an den IT-Dienstleister der Stadt wenden und darum bitten, dass der das für sie erledigt. Ein mühsames und zeitraubendes Unterfangen, das viele Lehrer wohl abschreckt. Auch, so Beckmann, müsse das Thema in der Lehreraus- und –fortbildung besser berücksichtigt werden. Denn: „Die Erfahrung zeigt, dass die besser ausgerüsteten Schulen und insbesondere die jüngeren Lehrkräfte die neuen medialen Möglichkeiten aktiv nutzen.“

Dazu gehört eben auch Lehrer Fileccia. „Wenn Lehrer den Einsatz digitaler Medien systematisch trainieren würden, wäre das gut. Das kann jeder Pädagoge lernen, das ist ja keine Atomphysik“, sagt er. Wer sich nicht aus eigenem Interesse fortbilde, bleibe eben bei seinen alten Folien und dem Overheadprojektor, weiß Fileccia. Tatsächlich werden Fortbildungen in Nordrhein-Westfalen nach Gusto der Schulen angeboten. Heißt: Kein Interesse, keine Fortbildung. Anders etwa in Niedersachsen. Die dortige Landesmedienanstalt hat eine Fortbildungsoffensive für Lehrkräfte im Bereich digitale Medien angekündigt. Das nordrhein-westfälische Schulministerium will dagegen erst mal die ICILS-Studie abwarten. Bisher sei Medienkompetenz ja schon an vielen Stellen in den Lehrplänen verankert, so heißt es auf Nachfrage.

Die ICILS-Studie ist im Frühjahr 2012 in Deutschland gestartet und wird bis Frühjahr 2013 bundesweit an mehr als 150 Schulen durchgeführt. Wissenschaftler Bos erwartet von den Ergebnissen, die 2014 veröffentlicht werden, Konsequenzen auf verschiedenen Ebenen: „Ich gehe davon aus, dass die Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen in die Bildungsstandards einfließen werden.“ Bildungsstandards legen den Rahmen fest, an dem sich die Bundesländer bundesweit mit ihren Lehrplänen orientieren. Ähnlich sieht es auch VBE-Chef  Beckmann. „Es ist ganz klar, dass sich Schule diesen Entwicklungen nicht nur stellen muss, sie muss den selbstbestimmten Umgang mit dem Neuen anregen und kenntnisreich vermitteln.“

Konsequenzen für die Lehrerfortbildung fordert Ausbildungsleiter Berghausen: „Solange Lehrer nicht flächendeckend qualifiziert werden, werden die Schüler auch nicht flächendeckend unterrichtet werden.“ NINA BRAUN

(20.12.2012)

2 Kommentare

  1. Schön und gut, ich möchte und kann die Aussagen dieses Artikels nicht infrage stellen. Gegen den Artikel setze ich jedoch die für mich überzeugenden Darlegungen von Prof. Spitzer in seinem Buch „Digitale Demenz“, wo er vor dem Einsatz von Computern zumindest in der GS warnt und sie als Lernverhinderungsmaschinen bezeichnet. Darüberhinaus gibt es weitere warnende Stimmen.
    Schließlich möchte ich noch auf folgende Personalie hinweisen: A. Priboschek, der Herausgeber von News4teachers, arbeitet in besagtem Institut als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Das muss nichts bedeuten, kann aber für die Einordnung des Artikels hilfreich sein und sollte deshalb nicht unerwähnt bleiben.

  2. Wir arbeiten seit Jahren mit Computern im Unterricht und haben Erfahrungen gemacht: am Computer lernt man im allgemeinen schlechter, nicht besser, genau wie es viele Studien (z.B. zur Texterfassung am Bildschirm verglichen mit Büchern) auch belegen. Bei bestimmten Lerninhalten ist das natürlich anders, und dort setzen wir Computer ja auch ein.
    Studien wie die oben beschriebene dienen wirtschaftlichen Interessen; sie wollen uns ungeeignete Kriterien für guten und schlechten Unterricht unterjubeln, damit mehr hardware verkauft werde.

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