Start Tagesthemen Schulformen-Vergleich: Kompetenzen von motivierten Schülern unterscheiden sich kaum

Schulformen-Vergleich: Kompetenzen von motivierten Schülern unterscheiden sich kaum

1
Anzeige

BAMBERG. Der Wechsel auf die weiterführende Schule gilt vielen Eltern als eine der wichtigsten Entscheidungen in der Bildungsbiografie ihrer Kinder. Besonders der Zugang zum Gymnasium wird häufig als entscheidende Voraussetzung für das Abitur betrachtet. Eine neue Untersuchung des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) stellt diese Sichtweise nun infrage. Demnach entwickeln sich die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern mit hohen Bildungszielen auch auf anderen Schulformen ähnlich erfolgreich wie am Gymnasium. Die eigentliche Herausforderung könnte deshalb weniger in den Fähigkeiten der Jugendlichen liegen als in den Hürden des Bildungssystems.

Wege zum Abitur. (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Viele Eltern betrachten den Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule als eine Weichenstellung mit langfristigen Folgen für die Bildungsbiografie ihrer Kinder. Insbesondere die Frage, ob der Weg direkt auf ein Gymnasium führt, sorgt häufig für Verunsicherung. Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass der direkte Weg aufs Gymnasium keineswegs die einzige erfolgversprechende Route zum Abitur ist.

Grundlage der Untersuchung sind Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeit-Bildungsstudie Deutschlands. Bildungsforscher Dr. Felix Bittmann analysierte die Bildungsverläufe von rund 1.940 Schülerinnen und Schülern über einen Zeitraum von zehn Jahren. Im Mittelpunkt standen Jugendliche, die bereits zu Beginn der Sekundarstufe in der fünften Klasse den klaren Wunsch hatten, später das Abitur zu erwerben.

Die Auswertung zeigt, dass sich die Kompetenzen dieser Schülerinnen und Schüler in Mathematik und Lesen weitgehend unabhängig von der besuchten Schulform entwickeln. Auf Grundlage standardisierter Kompetenztests seien die Ergebnisse von Jugendlichen mit starkem Abiturwunsch an Gymnasien sowie an Real-, Gesamt- und anderen weiterführenden Schulen bemerkenswert ähnlich. „In der 5., 7., 9. und 12. Klasse sind die Ergebnisse extrem ähnlich“, erklärt Studienautor Felix Bittmann.

Nach seinen Angaben kommt es weniger auf die Schulform selbst an als auf Faktoren wie Motivation, familiäre Unterstützung und eine gute Orientierung im Bildungssystem. Entscheidend sei, dass die gewählte Schulform zu den individuellen Stärken, Bedürfnissen und zum Entwicklungstempo eines Kindes passe. Nicht jedes Kind sei unmittelbar nach der vierten Klasse bereit für die Anforderungen eines Gymnasiums. In solchen Fällen könne eine andere Lernumgebung zunächst geeigneter sein und einen späteren Übergang erleichtern.

„Die Sorge, dass der zweite Bildungsweg durch Reformen im Schulsystem nicht genügend gestärkt worden sei, relativiert sich“

Gleichzeitig zeigen die Daten, dass beim Erwerb des Abiturs weiterhin Unterschiede zwischen den Schulformen bestehen. Schülerinnen und Schüler, die ein Gymnasium besuchen, erreichen die Hochschulreife statistisch mit einer um 13 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit als vergleichbare Jugendliche auf anderen Schulformen. Allerdings fällt dieser Unterschied nach Angaben des Forschers deutlich geringer aus als frühere Untersuchungen nahegelegt hatten. Diese hatten Differenzen von mehr als 20 Prozentpunkten vermuten lassen.

„Die Sorge, dass der zweite Bildungsweg durch Reformen im Schulsystem nicht genügend gestärkt worden sei, relativiert sich“, sagt Bittmann. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass alternative Wege zur Hochschulreife heute besser funktionieren als häufig angenommen.

Besondere Aufmerksamkeit richtet die Studie auf mögliche strukturelle Hindernisse innerhalb des Bildungssystems. Nach Einschätzung der Forschenden könnten mangelnde Informationen über Bildungswege und Übergangsmöglichkeiten eine größere Rolle spielen als tatsächliche Kompetenzunterschiede zwischen den Jugendlichen. Dies betreffe insbesondere Familien, die wenig Erfahrung mit dem deutschen Bildungssystem haben oder erst vor vergleichsweise kurzer Zeit nach Deutschland zugewandert sind.

Nach der neunten oder zehnten Klasse eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten zum Erwerb der Hochschulreife, etwa über Fachoberschulen, Berufsoberschulen oder berufliche Gymnasien. Viele Eltern seien jedoch mit diesen Optionen kaum vertraut. Deshalb sieht Bittmann Schulen und Lehrkräfte in der Verantwortung, frühzeitig über Bildungswege, Übergänge und nachträgliche Möglichkeiten zum Erwerb von Abschlüssen zu informieren.

Dabei verweist der Bildungsforscher auch auf ein häufig wenig bekanntes Detail: Die Fachhochschulreife oder das Abitur können in Deutschland vielfach auch später und ohne Altersbeschränkung über Fach- und Berufsoberschulen erworben werden.

Die Ergebnisse der Untersuchung gelten ausdrücklich nicht für alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen. Analysiert wurden Familien mit hohen Bildungsaspirationen, also mit einem starken Wunsch nach einem höheren Bildungsabschluss. Unterschiede im sozialen Hintergrund sowie in den kognitiven Grundfähigkeiten wurden statistisch herausgerechnet, um die Auswirkungen der Schulform möglichst präzise untersuchen zu können.

Dennoch sieht Bittmann in den Befunden Anlass für mehr Gelassenheit beim Übergang auf die weiterführende Schule. „Der Weg ist nach der 4. Klasse nicht in Stein gemeißelt – und selbst wenn es nach der 10. Klasse noch nicht klappt, gibt es heute viele Möglichkeiten, Bildungsabschlüsse nachzuholen“, betont er.

Die Studie erschien unter dem Titel „Less alarming than assumed: New insights on diversion effects in German secondary education“ in der Fachzeitschrift „Studies in Educational Evaluation“.

Lehrerverband kritisiert Übertritt: „Wir glauben nicht, dass man zehnjährige Kinder valide auf drei Schularten aufteilen kann“

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
1 Kommentar
Nick
1 Stunde zuvor

Den Hype der Eltern, ihre Kids unbedingt auf staatliche Gymnasien zu schicken, den konnte ich noch nie nachvollziehen. Nach Abschluss ihrer Schulzeit erlernen viele einen Beruf für den die AHR gar nicht erforderlich ist (Realschulabschluss geht auch). Und dann gibt es noch die hohe Abzahl von Studienabbrechern an den Hochschulen…