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Vernachlässigt – Schulklos sind häufig in katastrophalen Zuständen

BERLIN. Stinkig und schmutzig, das ist die traurige Realität der meisten Schultoiletten. Das Problem: Häufig fühlen die Behörden sich nicht zuständig. Experten bescheinigen nur den Bayern gute Klos.

Samira ist sich sicher: Das Klo an der Turnhalle ist das schlimmste. «Ganz oft ist kein Klopapier da, und manchmal gucken Leute von oben in die Kabine», sagt die Achtjährige von der Grundschule am Weißen See in Berlin-Pankow.

Schön ist die Toilette wirklich nicht. Schuhabdrücke zieren die Klobrillen, kleine Pfützen den Boden. Hinter der Heizung bröckelt die Wand. Über ein Pissoir hat jemand einen traurigen Smiley gemalt. Es riecht, man kann es nicht anders sagen, nach schmutziger Toilette. «Manche Kinder benutzen die Toiletten der Schule gar nicht mehr», sagt Holger Brien aus der Elternvertretung.

Auf Initiative der Eltern bewarb sich die Schule bei der «German Toilet Organization» (GTO). Der gemeinnützige Berliner Verein hat im vergangenen Herbst einen bundesweiten Wettbewerb gestartet, in dem die Schulen mit dem besten Sanierungskonzept ausgezeichnet werden. 79 Schulen haben sich beworben.

Hygieneprobleme: Viele Schüler benutzen ihre Schultoilette noch nicht mal mehr. (Foto: Conne Island/Flickr CC BY 2.0)

Hygieneprobleme: Viele Schüler benutzen ihre Schultoilette noch nicht mal mehr. (Foto: Conne Island/Flickr CC BY 2.0)

Die Grundschule am Weißen See hat einen der ersten Plätze ergattert – unter anderem mit der Idee, den Schulklos Namen zu geben und neben jeder Toilette ein Informationsposter aufzuhängen. 60 000 Euro bekommen die vier Gewinnerschulen insgesamt, sagt Johannes Rück von der GTO. Man wolle mit dem Wettbewerb die positive Kommunikation über Toilettenhygiene fördern. «Das ist ein Thema, über das gerne geschwiegen wird.» Ferner wurden eine weitere Berliner Schule sowie zwei Schulen in Niedersachsen und im Saarland ausgezeichnet.

70 Prozent der Schüler meiden ihre Schulklos

Tatsächlich gibt es kaum Untersuchungen über Schultoiletten. Die GTO gibt an, 290 Schüler an 12 Berliner Schulen befragt zu haben: 70 Prozent der Befragten meiden demnach die Klos ihrer Schule. «Unsere Probleme sind nicht kleiner oder größer als an anderen Schulen», sagt auch die Schulleiterin der Grundschule am Weißen See, Roswitha Reimann.

Thomas Hauer vom Deutschen Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg wägt ab, wenn man ihn nach den Gesundheitsfolgen schmutziger Schulklos fragt: So stellten sie selbst zwar kaum ein größeres Ansteckungsrisiko mit Salmonellen und vielen anderen Erregern dar. «Aber eine wenig einladende Toilettenumgebung sorgt für eine nachlässige Haltung bei der Hygiene», sagt Hauer. Das könne etwa die Verbreitung von Noroviren und Erkältungen begünstigen.   Aber wer ist zuständig? Die Kultusministerkonferenz und die Berliner Senatsverwaltung für Bildung verweisen an die lokale Ebene. Beim Schulamt Berlin-Pankow gibt man die Anfrage an die Bezirksstadträtin weiter. Und von dort kommt keine Antwort. Vom Bezirk erhalte sie nur Geld für Sanierungen, wenn akute Schäden oder Gefahrenquellen beseitigt werden müssten, sagt Schulleiterin Roswitha Reimann.

Für Michael Kinza ist dieses Verhalten der Behörden systematisch. Oft seien auf lokaler Ebene Bau-, Gesundheits- und Schulämter für die Schulklos zuständig, sagt Kinza, der früher Unternehmen aus der Sanitätsbranche beraten hat und sich nun für bessere Toiletten in Schulen engagiert. «Der Schwarze Peter wird hin und her geschoben.»

Nur in Bayern seien die Schulklos gut. «Da hat man Geld in die Hand genommen.» Ansonsten sei die Lage in Deutschland aber «katastrophal». Die meisten Kommunen hätten ganz andere Probleme. Wie man den Klo-GAU auch mit wenig Unterstützung vom Staat abwenden kann, hat Kinza deshalb auf seiner Seite www.schulklo.de zusammengetragen.

An der Grundschule am Weißen See sollen Handwerker nun zwei Toiletten renovieren. Schulleiterin Roswitha Reimann kann ihre Resignation trotzdem kaum verbergen. In ihrem Büro zeigt sie Fotos. Auf einem liegt ein Haufen Fäkalien vor der Schüssel, auf einem anderen hat jemand die Toilette mit der Klobürste verstopft. «Wenn ein paar Kinder so etwas immer wieder machen, hilft keine Sanierung der Welt.» Robert Gast/dpa

(27.4.2013)

2 Kommentare

  1. mehrnachdenken

    “An der Grundschule am Weißen See sollen Handwerker nun zwei Toiletten renovieren. Schulleiterin Roswitha Reimann kann ihre Resignation trotzdem kaum verbergen. In ihrem Büro zeigt sie Fotos. Auf einem liegt ein Haufen Fäkalien vor der Schüssel, auf einem anderen hat jemand die Toilette mit der Klobürste verstopft.”
    Ich glaube, gerade im letzten Satz wird deutlich, wer vor allem für die teilweise katastrophalen Zustände verantwortlich ist. Warum auch immer, es gibt leider genug Kinder/SchülerInnen, die das “stille Örtchen” nicht nur für ihr “Geschäft” nutzen, sondern sich dort ziemlich destruktiv verhalten: Wände/Türen beschmieren – vor allem mit sexistischen Bildern oder Sprüchen und verbalen Verunglimpfungen gegenüber MitschülerInnen/LehrerInnen/
    anderen Kulturen -, komplette Papierrollen ins Klo stecken, ihre Blase und ihren Darm neben der Schüssel entleeren; die Kreativität scheint da regelrechte Urstände zu feiern.
    Haben wir das nicht schon irgendwo gesehen? Ja, natürlich, diese Zustände begegnen uns in jeder umbeaufsichtigten öffentlichen Toilette. Offensichtlich scheint dieser Ort für viele MitbürgerInnen geradezu einen Aufforderungscharakter zu haben, sich ‘mal so richtig gehen zu lassen. Die Schultoiletten spiegeln also nur ein Verhalten wieder, was zu viele Menschen auch außerhalb dieser Einrichtung an den Tag legen. Dazu gehört für mich auch die traurige Tatsache, dass sich vor allem viele Männer danach nicht die Hände waschen.
    Manchmal wüsste ich gerne, wie es bei den ÜbeltäterInnen zuhause aussieht. Aber da scheinen sich viele doch einigermaßen “erzogen” zu benehmen.
    Wenn über Maßnahmen nachgedacht wird, sollten die SchülerInnen nicht außen vor bleiben. Ich habe vor ziemlich langer Zeit eine sehr gut funktionierende Gesamtschule kennengelernt, in der sich auch die sanitären Anlagen in einem fantastischen Zustand präsentierten. Dort gab es für einzelne Schülergruppen Verantwortungsbereiche, die sie in Ordnung zu halten hatten. Da jeder also auch einmal für die Toiletten zuständig war, blieben diese tatsächlich sauber. Schmierereien wurden übrigens blitzschnell entfernt. Es gibt ganz bestimmt noch viele weitere Ideen, damit die Schultoiletten erst gar nicht zum Problem werden.

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