BERLIN. Schulen weiterentwickeln, Unterricht verbessern, Personal führen – und gleichzeitig den täglichen Betrieb sichern: Schulleitungen sollen vieles leisten, doch für zentrale Aufgaben fehlt ihnen die Zeit. Laut Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026 berichten 94 Prozent von wachsenden Anforderungen ohne ausreichende Entlastung, 83 Prozent fühlen sich durch bürokratische Hürden ausgebremst. Nur jede achte Schulleitung sieht genügend Zeit, um ihre wichtigsten Themen umzusetzen. Aufwendige Verwaltung, Personalmangel und erhebliche Herausforderungen in der Schülerschaft prägen den Alltag. Besonders schwierig ist die Situation dort, wo Kinder ohnehin ungünstigere Bildungschancen haben.

„Ich bin jetzt bis absolut Oberkante mit Verwalten beschäftigt.“ Der Satz einer Grundschulleitung aus der Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026 beschreibt einen Alltag, in dem organisatorische Aufgaben einen erheblichen Teil der Arbeitszeit beanspruchen. Für die vierte Ausgabe der Studie hat ein Team des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) im Frühjahr 2026 die Antworten von 2.066 Schulleitungen ausgewertet. Die Verwaltungslast schlägt auf die Stimmung durch: Je mehr Zeit Schulleitungen dafür aufwenden, desto geringer fällt im Durchschnitt ihre Zufriedenheit aus.
Kein Wunder: Die Ergebnisse zeigen, wie verbreitet die Schwierigkeiten bei der Umsetzung zentraler Themen sind. 94 Prozent erleben wachsende Aufgaben ohne ausreichende Entlastung, 83 Prozent bürokratische Hürden und 82 Prozent zu wenig Personal. Eine unzureichende Finanzausstattung berichten 77 Prozent, fehlende Wertschätzung 72 Prozent. Nur 12,5 Prozent sehen ausreichend Zeit, um ihre zentralen Themen umzusetzen.
Der Bildungs- und Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann beschreibt im Geleitwort, warum fehlende Kapazitäten weit über die persönliche Belastung der Verantwortlichen hinausreichen: „Denn ausgerechnet diejenigen, die Reformen in den Schulen zum Erfolg führen sollen, benötigen dafür Zeit und Gestaltungsspielräume.“
Verwaltung ist der größte einzelne Aufgabenblock
Die Leitungen allgemeinbildender Schulen arbeiten nach der Berechnung der Studie durchschnittlich 48,5 Stunden pro Woche, die Leitungen beruflicher Schulen 47,6 Stunden. Die Werte beruhen auf den für einzelne Tätigkeiten angegebenen Zeitspannen. An allgemeinbildenden Schulen entfällt der größte einzelne Aufgabenblock auf Verwaltung: durchschnittlich rund 11,1 Wochenstunden. 57 Prozent der Leitungen wenden dafür mehr als zehn Stunden auf, 34 Prozent sogar mehr als 15 Stunden.
Es folgen Personalmanagement mit rund 6,3 Stunden, Elterngespräche und Gremienarbeit mit zusammen sechs Stunden sowie externe Kommunikation mit Schulaufsicht, Schulträger und Kooperationspartnern mit 5,7 Stunden. Auf pädagogische Kernaufgaben wie Unterrichtsentwicklung, Unterrichtsbeobachtung sowie Schul- und Konzeptarbeit entfallen knapp sechs Stunden.
Besonders gewachsen ist die Zeit für Konfliktlösung. Sie beansprucht inzwischen rund fünf Stunden pro Woche, gegenüber 3,6 Stunden im Jahr 2023. Auch Elterngespräche und Gremienarbeit benötigen mehr Zeit als damals.
Psychische Probleme der Schülerinnen und Schüler sind eine zentrale Herausforderung
Ein erheblicher Teil der Anforderungen entsteht aus dem Unterstützungsbedarf der Kinder und Jugendlichen. 86 Prozent der Schulleitungen an allgemeinbildenden Schulen nennen psychische Probleme und Erkrankungen als Herausforderung in der Schülerschaft. Familiäre Herausforderungen führen 83 Prozent an, soziale Auffälligkeiten 81 Prozent und Lernschwierigkeiten 75 Prozent.
Psychische Probleme von Schülern werden über alle Schulformen hinweg besonders häufig als große Herausforderung benannt. Keine Schulform liegt dabei unter 80 Prozent. An Gymnasien sind es rund 95 Prozent, an beruflichen Schulen 96 Prozent. Eine interviewte Grundschulleitung beschreibt die Sorgen, die Kinder mitbringen: „Also die Schüler und Schülerinnen sind auch mit vielen Ängsten hier, der Krieg, Klima, es wird alles teuer […] dieses kindliche Sorgenfreie; das vermisse ich.“
Offene Konflikte werden insgesamt seltener genannt, bleiben aber ein erheblicher Bestandteil des Schulalltags. Unter den allgemeinbildenden Schulleitungen sehen 40 Prozent Schuldistanz als Herausforderung, 38 Prozent Gewalt und 32 Prozent Mobbing beziehungsweise Cybermobbing. Die Anforderungen unterscheiden sich stark nach Schulform. Gymnasien nennen Gewalt deutlich seltener als andere Schulen, dafür steht Leistungsdruck dort besonders im Vordergrund. Schulen der Sekundarstufe ohne gymnasiale Oberstufe berichten besonders häufig von Schuldistanz. Ein einheitliches Belastungsbild für alle Schulen greift deshalb zu kurz.
Es fehlen nicht nur Lehrkräfte
Die Aufgaben treffen vielerorts auf eine lückenhafte Personalausstattung. 51 Prozent der Schulleitungen allgemein- und berufsbildender Schulen berichten von Lehrkräftemangel. Fast ebenso verbreitet sind weitere Engpässe: IT- und Digitalisierungspersonal fehlt an 52 bzw. 46 Prozent der Schulen, Schulsozialarbeit und/oder psychosoziale Fachkräfte an 48 bzw. 53 Prozent.
Hurrelmann beschreibt die Folge für die pädagogische Arbeit: „Wenn Schulleitungen einen erheblichen Teil ihrer ohnehin knappen Zeit darauf verwenden müssen, Mangel zu verwalten und immer neue Anforderungen organisatorisch aufzufangen, fehlt genau jene Kraft, die für pädagogische Innovation gebraucht wird.“
Gesellschaftliche Konflikte erreichen die Schulen
Eine weitere Aufgabe ist die Sicherung einer demokratischen Schulkultur. Auch dabei sehen die Schulleitungen erhebliche Schwierigkeiten, die häufig von außen in die Schulen getragen werden.
53 Prozent der allgemeinbildenden Schulleitungen nennen Eltern, die demokratische Werte nicht teilen, als Erschwernis. Fehlenden politischen Rückhalt berichten 52 Prozent, zu große gesellschaftliche Spannungen 44 Prozent. Ein Erstarken des Rechtsextremismus nehmen in diesem Zusammenhang 27 Prozent wahr; an beruflichen Schulen sind es 36 Prozent.
Schulen müssen damit neben fachlichem Lernen und individueller Förderung auch gesellschaftliche Konflikte bearbeiten. Sie sollen demokratische Werte vermitteln und im Alltag durchsetzen, benötigen dafür aber selbst Rückhalt. Die Befragung zeigt, dass viele Leitungen diesen Rückhalt als unzureichend erleben.
Die größten Anforderungen treffen auf den geringsten Spielraum
Besonders deutlich verdichten sich die Probleme an Schulen in herausfordernder Lage. Rund 21 Prozent der Leitungen allgemeinbildender Schulen ordnen ihre Einrichtung dieser Gruppe zu. Sie sehen mehr Herausforderungen in der Schülerschaft, mehr Personalmangel und stärkere Belastungen der demokratischen Schulkultur. Für pädagogische Entwicklung bleibt unter diesen Bedingungen besonders wenig Raum.
Die Ausgangslagen unterscheiden sich auch zwischen den Schulformen erheblich. Rund ein Drittel der Haupt- und Förderschulleitungen bezeichnet die eigene Schule als Schule in herausfordernder Lage. An Gymnasien sind es knapp neun Prozent. Zugleich zeigt der hohe Anteil psychischer Probleme an Gymnasien, dass eine günstigere soziale Ausgangslage nicht bedeutet, dass dort keine erheblichen Unterstützungsbedarfe bestehen.
Eine interviewte Gemeinschaftsschulleitung warnt davor, Schulen allein anhand ihrer Abschlüsse zu vergleichen: „Sie haben ja teilweise einfach ganz andere Ausgangsbedingungen. Und es gibt eine unglaubliche Spreizung an Heterogenität.“
Viel Verantwortung, wenig Nähe zur Bildungspolitik
Wie weit politische Erwartungen und schulische Realität aus Sicht der Verantwortlichen auseinanderliegen, zeigt ein weiterer Befund: 92 Prozent der allgemeinbildenden Schulleitungen stimmen der Aussage zu, die Bildungspolitik agiere zu weit entfernt von der Bildungspraxis. 69 Prozent empfinden die Abstimmungsprozesse aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeiten von Schulaufsicht und Schulträger als mühselig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Zusammenarbeit vor Ort durchgehend schlecht bewertet wird. Rund 83 Prozent beschreiben das Verhältnis zur Schulaufsicht als von gegenseitiger Offenheit und Wertschätzung geprägt. Auf die Unterstützung durch den Schulträger können sich nach eigener Einschätzung 62 Prozent verlassen. Kritik an der Praxisferne der Politik und positive Erfahrungen mit einzelnen Verantwortlichen bestehen nebeneinander.
Auch die persönliche Stimmung ist differenziert. An allgemeinbildenden Schulen sind 37,5 Prozent der Leitungen sehr oder eher zufrieden, 38,1 Prozent unentschieden und 24,4 Prozent sehr oder eher unzufrieden. Allerdings berichten 55 Prozent, dass ihre Zufriedenheit in den vergangenen zwölf Monaten gesunken ist. Eine wichtige Unterstützung finden viele im Austausch untereinander: 93 Prozent der Schulleitungen erleben den Austausch mit anderen Leitungen als hilfreich.
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