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Gesamtschule, Inklusion – und Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte: Worauf sich Rot-Rot-Grün in Berlin schnell einigen könnte

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BERLIN. Berlin hat gewählt, nun geht es um die Bildungspolitik der kommenden Jahre. Sollte sich tatsächlich eine Koalition aus Linken, SPD und Grünen bilden, müsste sie bei einigen zentralen schulpolitischen Fragen nicht bei null anfangen: Die Wahlprogramme zeigen weitreichende Überschneidungen bei Gesamtschule, Inklusion und der Verteilung von Personal nach sozialen Bedarfen. Unterschiede bestehen vor allem darin, wie weit der Umbau gehen und wie er konkret organisiert werden soll. Überraschend konkret ist die Einigkeit ausgerechnet bei einem Mega-Thema für Lehrkräfte: Alle drei Parteien wollen ihre tatsächliche Arbeitszeit erfassen.

Bald Regierende Bürgermeisterin? Berlins Linken-Chefin Elif Eralp. Foto: Die Linke / Pascal Kuba Koston

Eine Unterrichtsstunde lässt sich zählen. Schwieriger wird es bei der Arbeit davor und danach: Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen, Elterngespräche, Konferenzen, Gremienarbeit, Verwaltung. Wie viel Zeit Berliner Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich für ihren Beruf aufwenden, soll nach dem Willen von SPD, Grünen und Linken künftig systematisch erfasst werden.

Die SPD verspricht eine „transparente und praktikable Arbeitszeiterfassung für unterrichtliche und außerunterrichtliche Tätigkeiten“ – und nennt ausdrücklich Gremienarbeit, Elternarbeit und Verwaltung. Die Grünen denken bereits einen Schritt weiter: „Deshalb wollen wir Lehrkräfte entlasten, indem wir ihre Arbeitszeit systematisch erfassen und perspektivisch ein neues Arbeitszeitmodell entwickeln, das alle Aufgaben einer Lehrkraft abbildet.“ Dabei sollen auch die unterschiedlichen strukturellen Voraussetzungen der Schulen berücksichtigt werden.

Die Linke stellt die Arbeitszeiterfassung unmittelbar in den Zusammenhang mit Mehrarbeit: „Pro Jahr leisten Berliner Lehrkräfte zwei Millionen Stunden unbezahlte Mehrarbeit. Wir unterstützen deshalb die gewerkschaftliche Forderung nach einer verbindlichen Arbeitszeiterfassung und wollen diese ausgehend von einem bezirklichen Pilotprojekt schnellstmöglich umsetzen.“ Mit den Personalvertretungen sollen außerdem Regelungen zum Abbau von Mehrarbeit vereinbart werden.

Ein gemeinsames Arbeitszeitmodell steht damit noch nicht in den drei Programmen. Aber die Grundsatzfrage, ob die tatsächliche Arbeitszeit der Lehrkräfte überhaupt sichtbar gemacht werden soll, beantworten SPD, Grüne und Linke übereinstimmend mit Ja.

„Im Referendariat steht die Ausbildung im Vordergrund, nicht das Stopfen der Löcher im Stundenplan“

Auch an einer zweiten Stelle treffen sich die drei Parteien auffällig konkret: Die erhöhte Unterrichtsverpflichtung im Referendariat soll wieder zurückgenommen werden. Die Linke begründet die gemeinsame Forderung plastisch: „Im Referendariat steht die Ausbildung im Vordergrund, nicht das Stopfen der Löcher im Stundenplan. Deshalb wollen wir die Anrechnung der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung wieder auf sieben Stunden senken.“

Damit könnte eine rot-rot-grüne Bildungspolitik unmittelbar bei den Arbeitsbedingungen des Personals ansetzen. Dazu gehört auch der Ausbau multiprofessioneller Unterstützung. SPD und Grüne betonen ausdrücklich, dass zusätzliches pädagogisches Personal Lehrkräfte unterstützen und nicht ersetzen soll. Die Linke setzt ebenfalls auf zusätzliches Personal und Entlastung. Bei der Schulsozialarbeit will sie perspektivisch einen Schlüssel von einer Fachkraft auf 150 Schülerinnen und Schüler erreichen.

Weitgehende Einigkeit herrscht auch bei einem grundsätzlicheren Thema: der Schulstruktur. SPD, Grüne und Linke wollen längeres gemeinsames Lernen stärken.

Die Gemeinschaftsschule ist in Berlin längst Teil des Schulsystems. 2008/09 zunächst als Pilotprojekt gestartet, ist sie seit 2018 als eigene Schulart gesetzlich verankert. An den Berliner Gemeinschaftsschulen lernen Kinder und Jugendliche durchgängig von Klasse 1 bis 10 gemeinsam, an einem Teil der Standorte auch bis zum Abitur; alle Schulabschlüsse sind möglich. Dieses Modell – bundesweit eher unter dem Oberbegriff Gesamtschule geläufig – wollen alle drei Parteien erheblich ausbauen.

Bei SPD und Grünen reicht die Übereinstimmung bis zur konkreten Zielmarke: Beide wollen die Zahl der Gemeinschaftsschulen verdoppeln. Die SPD nennt sie ihr „Schulmodell der Zukunft“, bei den Grünen heißt es fast spiegelbildlich: „Gemeinschaftsschulen sind die Schulen der Zukunft.“ Die Grünen wollen zudem ermöglichen, dass sich bestehende Grund- und Oberschulen zu Gemeinschaftsschulen zusammenschließen. Die SPD lehnt eine Ausweitung grundständiger Gymnasien ab, stellt das Gymnasium selbst aber nicht infrage.

Die Linke geht deutlich weiter. Sie will die Bezirke verpflichten, bis 2031 jeweils mindestens zwei neue Gemeinschaftsschulen auf den Weg zu bringen, Schulneubauten vorrangig als Gemeinschaftsschulen realisieren und auch Gymnasien zur Umwandlung ermutigen. Dahinter steht ein weitergehendes Ziel: „Wir wollen die Debatte um die Schulstruktur deshalb wieder vehementer führen, mit dem mittelfristigen Ziel, das gegliederte Schulsystem zu überwinden.“

Ähnlich weit reicht die Übereinstimmung bei der Inklusion. Alle drei Parteien wollen inklusive Angebote ausbauen und setzen dabei stärker auf Regelschulen und inklusive Schwerpunktschulen statt auf zusätzliche sonderpädagogische Förderzentren.

Besonders konkret formuliert die SPD: „Die Zahl der sonderpädagogischen Förderzentren wird nicht erweitert, vielmehr erfahren sie eine systematische Transformation zugunsten inklusiver Lösungen. Dafür erarbeiten wir einen verbindlichen 10-Jahres-Plan.“ Die Grünen wollen ebenfalls inklusive Schwerpunktschulen anstelle neuer Förderschulen schaffen und einen verbindlichen Umsetzungsplan vorlegen. Die Linke lehnt den Aus- und Neubau sonderpädagogischer Förderzentren „vehement ab“ und fordert stattdessen ein Landeskonzept mit verbindlichen Zielen, Zeiträumen und Investitionsmitteln.

Damit liegt auch hier bereits eine erhebliche programmatische Schnittmenge vor. Das gilt ebenso für die Verteilung von Ressourcen: Die Grünen wenden sich gegen das „Gießkannen“-Prinzip bei individueller und sonderpädagogischer Förderung. Die SPD will Pädagoginnen und Pädagogen anhand sozialer Indikatoren verteilen. Auch die Linke will stärker nach tatsächlichen Bedarfen steuern und voll ausgebildete Lehrkräfte gerechter zwischen Bezirken, Schulformen und einzelnen Schulen verteilen.

„Zu einer modernen Pädagogik gehört perspektivisch auch der Übergang zu zeitgemäßen Prüfungsformaten und kompetenzbasiertem Lernfeedback statt Ziffernoten“

Hinter dem gemeinsamen Ziel treten allerdings Unterschiede bei der Steuerung hervor. Die Linke will bei der Einstellung voll ausgebildeter Lehrkräfte stärker zentral eingreifen und das bestehende Castingverfahren durch ein zentrales Bewerbungsverfahren ersetzen, in dem Wunschschulen angegeben werden können. Grüne und SPD betonen dagegen stärker die Eigenständigkeit der Schulen; die SPD verbindet diese mit einer datenbasierten Steuerung.

Wie viel Personalsteuerung zentral erfolgen und wie viel Entscheidung bei den einzelnen Schulen verbleiben soll, wäre damit ein Thema für Koalitionsverhandlungen.

Auch bei Leistungsbewertung und Prüfungen endet die gemeinsame Linie. Besonders weit gehen die Grünen: „Zu einer modernen Pädagogik gehört perspektivisch auch der Übergang zu zeitgemäßen Prüfungsformaten und kompetenzbasiertem Lernfeedback statt Ziffernoten.“ Eine entsprechend weitgehende Forderung findet sich in den Wahlprogrammen von SPD und Linken nicht. Aus einem möglichen Rot-Rot-Grün lässt sich deshalb keineswegs automatisch ein Ende der Ziffernoten ableiten.“

Unterschiede zeigen sich schließlich beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule. Die SPD will das Verfahren ab Klasse sieben „im Sinne der Familien“ kritisch evaluieren und den bisherigen Probeunterricht verändern. Die Grünen wollen den Übergang auf die Oberschule reformieren und den Druck auf Schülerinnen und Schüler in den Klassen vier bis sechs verringern. Bei der Linken fügt sich die Frage in ihr weitergehendes Ziel ein, die frühe Trennung von Schülerinnen und Schülern grundsätzlich zurückzudrängen. Einigkeit besteht damit eher über die Richtung als über eine bereits gemeinsame Reform. News4teachers 

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3 Kommentare
blau
1 Stunde zuvor

Entweder müssen dann massiv mehr Lehrkräfte eingestellt werden oder man muss die Arbeit begrenzen, also an Qualität der Bildung sparen. Ersteres zu teuer und zu wenig Personal, zweiteres ja hmm hallo Pisa

blau
1 Stunde zuvor

Inklusion erhöht übrigens die tatsächliche Arbeitszeit enorm. Zumindest wenn sie tatsächlich stattfindet und nicht nur auf dem Förderplanpapier.

Magdarine
16 Minuten zuvor

In ein paar Jahren stürzt Berlin dann bei Pisa komplett ab und alle werden sich fragen, warum