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Neue KMK-Präsidentin Löhrmann: Schulminister wollen Inklusion nur «behutsam» umsetzen

BERLIN. Die Kultusminister in Deutschland nehmen nach den Worten ihrer neuen Präsidentin Sylvia Löhrmann (Grüne) die Ängste vieler Eltern und Lehrer bei der Umsetzung der Inklusion sehr ernst. Das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Schülern solle «planvoll und behutsam» eingeführt werden, sagte die nordrhein-westfälische Schulministerin bei ihrer Amtseinführung in Berlin. Zugleich müsse das gemeinsame Lernen bundesweit zentraler Bestandteil der Lehrerausbildung wie der Fortbildung werden.

Neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Foto: Schulministerium NRW

Neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz: NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Foto: Schulministerium NRW

Löhrmann übernahmturnusgemäß das Amt der Präsidentin der Kultusministerkonferenz von ihrem Vorgänger Stephan Dorgerloh (SPD/Sachsen-Anhalt). Mit ihren Äußerungen reagierte Löhrmann auf Vorbehalte von Eltern behinderter wie nicht behinderter Kinder sowie Widerstände bei einzelnen Lehrergruppen gegen die Umsetzung der von der UN-Behindertenkonvention seit 2009 verlangten Inklusion in den Schulen.

Kernfrage einer neuen Lehrerausbildung sei, «was jeder Lehrer können muss in seinem Fach und an jeder Schule», sagte Löhrmann. Für den Sommer kündigte sie einen Zwischenbericht zur Umsetzung des gemeinsamen Unterrichts in den 16 Bundesländern an. Löhrmann: «Inklusion ist auch eine interkulturelle und soziale Frage. Sie steht in jeder Schule in Deutschland an.»

Angesichts mehrerer historischer Gedenktage in diesem Jahr – 100 Jahre Beginn 1. Weltkrieg, 75 Jahre Beginn 2. Weltkrieg – will Löhrmann die Erinnerungskultur an den Schulen zu einem weiteren Schwerpunkt ihrer Amtszeit machen. Sie werde auch in diesem Jahr wieder Schülergruppen nach Auschwitz begleiten und mit Jugendlichen in Gedenken an den 1. Weltkrieg zu Schlachtfeldern nach Belgien reisen. «Mir ist sehr wichtig, durch außerschulische Lernorte die Erinnerungskultur zu pflegen und für politisch-historische Bildung zu nutzen.»

Löhrmann wies auf Nachfrage die pauschale Kritik der Wirtschaft an mangelnder Ausbildungsreife der Schulabgänger zurück. Die Jugendlichen würden heute in der Schule nicht schlechter auf einen Beruf vorbereitet als früher. Problem sei, dass die Betriebe in den vergangenen Jahren immer weniger Lehrstellen angeboten hätten. Auch wer keine Spitzennoten im Zeugnis habe, müsse die Chance auf eine Berufsausbildung erhalten.

Gleichwohl nehme man Klagen von Betrieben über die Qualität der schulischen Vorbildung ernst, sagte Löhrmann. Die Schule müsse Kinder und Jugendliche gut auf die Anforderungen in Ausbildung und Beruf vorbereiten. «Aber Reformen müssen planvoll und mit langem Atem erfolgen», erklärte die Ministerin.

In der Kontroverse über die Zukunft des deutschen Bildungssystems warnte Löhrmann davor, Studium und Berufsausbildung gegeneinander auszuspielen. «Nicht «entweder oder», sondern «sowohl als auch» heißt die Devise.» Es gebe weiterhin eine hohe Nachfrage nach beruflicher Ausbildung. «Und wir sollten uns freuen, dass es einen Trend zu immer besseren Abschlüssen gibt», sagte sie.

Löhrmann ist die erste Politikerin der Grünen, die der KMK als Präsidentin vorsteht. Gleichwohl kann die 56-Jährige in dem Amt keine «grüne» Politik machen. Zu ihren wichtigsten Aufgaben zählen der Ausgleich der unterschiedlichen Länderinteressen und die Verteidigung des längst nicht mehr von allen geliebten Kulturföderalismus in Deutschland. Kompromisse schmieden aber kann Löhrmann. Das hat sie in Nordrhein-Westfalen spätestens mit dem parteiübergreifenden «Schulkonsens» im Juli 2011 bewiesen. Damit wurde in dem Land der jahrzehntelang erbittert geführte Glaubenskrieg um Gesamtschule, Orientierungsstufe und Erhalt leistungsstarker Schulen auch in ländlichen Regionen beigelegt.

Den Konsens finden muss Löhrmann auch in ihrer täglichen Regierungsarbeit als stellvertretende Ministerpräsidentin einer rot-grünen Koalition in Düsseldorf. Zu Regierungschefin Hannelore Kraft (SPD) wird ihr ein bestes Arbeitsverhältnis nachgesagt. Löhrmann hatte 1975 an einem katholischen Mädchengymnasium ihrer Heimatstadt Essen das Abitur abgelegt, wurde Lehrerin für Englisch und Deutsch an einer Gesamtschule in Solingen und engagierte sich nebenher für Frauen-Gleichstellung und die Förderung ausländischer Jugendlicher. Seit Juli 2010 ist sie Ministerin für Schule und Weiterbildung. dpa

 

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