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Am Bedarf vorbei gebaut? Experte Peter Hübner kritisiert deutsche Schularchitektur

KOBLENZ. Mehr Mitsprache von Lehrern und Schülern bei Schulneubauten fordert Architekt Peter Hübner. Man müsse etwas bauen, das von der Charakteristik her nicht typisch Kaserne sei.

Die meisten Schulen in Deutschland werden nach Ansicht des Fachmanns Peter Hübner am Bedarf von Kindern und Lehrern vorbeigebaut. «Sie sind viel zu lang, zu groß und zu abweisend», sagte der Architekt in einem Interview. Der Fachmann war am Mittwoch (5. Februar) zu Gast beim Symposium «Schulen der Zukunft» am Zentrum für Lehrerbildung der Universität Koblenz-Landau.

Was kritisieren Sie an vielen Schulbauten in Deutschland?

Die meisten Schulen sind viel zu lang, zu groß und zu abweisend. Die strahlen viel zu häufig aus: Ich bin ein Zweckgebilde, in dem du disziplinierst wirst.

Schulbau-Projekt von Peter Hübner: Justus-von-Liebig-Schule, Moers

Im Rahmen eines partizipatorischen Prozesses mit Schülern, Lehrern und anderen Beteiligten entwickelt und 2013 mit dem Schulbaupreis NRW ausgezeichnet: Der Neubau der Justus-von-Liebig-Hauptschule in Moers von Peter Hübner (Entwurfsverfasser). Foto: Cornelia Suhan, Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

Wie viele Schulen in Deutschland fallen unter diese Rubrik?

Ich will nicht sagen 100 Prozent, aber es ist eine erschreckend hohe Zahl. Diese Gebäude waren ja auch richtig, so lange sie zum Unterrichtskonzept gepasst haben. Aber wenn man die Schulen auf ein modernes Konzept mit Kleingruppen, Großgruppen und Einzelarbeit umstellt, dann muss man ganz andere Räume schaffen.

Was machen diese «Klassenkisten» mit den Schülern?

Jedes Kind ist neugierig und will lernen. Aber es wird ausgebremst durch die Schule und insbesondere durch die Hülle. Das Gefüge eines Hauses hat einen riesigen Einfluss auf das Lernverhalten und den Lernerfolg. Dann kann man doch nicht weiter Langweilerschulen bauen, mit 100 Meter langem Flur und betonierten standardisierten Klassen à 60 Quadratmeter.

Liegt das an den Architekten oder an den gesetzlichen Vorgaben, dass die Schulen so sind?

Ich bin jedes Mal verärgert, wenn ich eine Architekturzeitschrift aufschlage. Es sind in der Regel wenig wirklich zufriedenstellende Schulgebäude dabei. Alles ist eine Folge der meist veralteten Schulbauordnung. Und bei den meisten Wettbewerbsausschreibungen gibt es kein fortschrittliches pädagogisches Konzept. Das Bauprogramm, das uns die Schulbehörde vorgibt, entspricht in der Regel nicht dem Bedarf von Schülern und Lehrern. Es müsste wie in Schweden sein, wo man ohne breite Mitsprache der Nutzer keine Schule baut.

Worauf ist bei der Planung zu achten?

Die Leute dürfen gar nicht merken, dass sie in einer Schule sind. Man kommt in eine grüne Oase mit Sonnenlicht, da muss Wasser plätschern, ein paar Stühle stehen herum. Man muss etwas bauen, das von der Charakteristik her nicht typisch Kaserne ist.

Sind solche menschenfreundlichen Schulen teurer als übliche?

Nein, solange man die gleiche Menge an Material verbaut, ist das alles für das gleiche Geld möglich. Eine Waldorfschule hat zum Beispiel kaum rechte Winkel, aber die Grundfläche ist die gleiche wie an anderen Schulen. Viele Mainstream-Architekten meinen zum Beispiel, dass 100 verschiedene Fenster teurer seien als 100 gleiche, aber auch das stimmt nicht.

Haben Sie noch Hoffnung, dass irgendwann in Deutschland jedes Kind an einem Ort lernen kann, wo es sich wohlfühlt?

Diese Hoffnung habe ich eher nicht. Aber ich habe die Hoffnung, dass Schulen vermehrt als vollkommen neu gedachte Zukunftsschulen gebaut werden. Das sind sie für mich, wenn sie von allen Schülern, Lehrern und Eltern langfristig nicht als Lehranstalten sondern als Lebensräume erlebt werden. Das Urteil der Nutzer scheint mir wichtiger, als sich als guter Architekt selbst zu verwirklichen.

Der 1939 in Kappeln an der Schlei geborene Peter Hübner hatte zuerst Orthopädieschuhmacher und dann Schreiner gelernt, bevor er auf dem Abendgymnasium das Abitur machte und an der Universität Stuttgart Architektur studierte. Danach arbeitete er zunächst als Entwicklungsleiter in einer Unternehmensberatung, bis er sich 1971 selbstständig machte. Von 1979 bis 2007 war er Professor für Baukonstruktion und Entwerfen an der Universität Stuttgart, seitdem arbeitet er im eigenen Büro als Seniorpartner. Interview: Yvonne Stock, dpa

Projektbeispiel von Peter Hübner: Freie Waldorfschule Köln (Fertigstellung 1998)

zum Bericht: Schulbau: IBA-Chef sieht Schulen als Zentrum der Städte von morgen

Ein Kommentar

  1. Wo sehen denn heutzutage noch Schulen wie Kasernen aus? Die meisten Schulen sind irgendwelche Zweckbauten, die auch als große Büros oder Aufbewahrungsräume für Menschenansammlungen dienen können. Meine Schule hatte sehr viel Sichtbeton. Ich kenne nicht viele Kasernen, aber eine, bei der Sichtbeton großflächig eingesetzt wurde, kenne ich nicht. In modernen Kasernen sind mittlerweile Vierbettzimmer der Standard. Eine Entwicklung, die ich nach meiner Erfahrung als Wehrpflichtiger vor 25 Jahren für eher zweifelhaft halte.

    Auch die Mitsprache der Lehrer und Schüler halte ich für nicht zwingend. Ein guter Architekt sollte wissen, was Lehrer und Schüler brauchen, er (oder sie) sollte wissen, wie die Abläufe in einer Schule aussehen. Veränderungen in diesen Abläufen sollten bemerkt werden, Feedback ist wichtig, aber das bedeutet nicht, daß die Wünsche der Lehrer und Schüler umgesetzt werden müssen.

    Ein Problem ist doch einfach die mangelnde Qualität und der alles dominierende Sparwille. Die Schule, an der meine Frau arbeitet, ist im Sommer viel zu heiß, und im Winter zu kalt, weil man an der Isolierung gespart hat.. Der PC-Boden dünstete lange Zeit aus und roch sehr nach Chemikalie. Die Klassen sind nicht geräuschdämmend, die Belüftung nicht zweckmäßig. Außerdem sind die Klassenräume einfach zu klein für die mittlerweile größeren Klassen als zum Zeitpunkt der Planung. Schüler sitzen relativ eng beieinander, Schüler können kaum einzeln gesetzt werden, zwischen den Stühlen kommt man nicht leicht durch.

    Kinder finden sich eigentlich recht leicht mit Einschränkungen ab. Wenn weniger Platz da ist, dann ist das eben so (der innerstädtische Kindergarten der Kinder hatte nur ein kleines Außengelände, das muß dann eben anderweitig ausgeglichen werden). Das bedeutet nicht, daß man Bedürfnisse ignorieren darf, aber man muß mit dem arbeiten, was zur Verfügung steht, anstatt Wunschdenken zu praktizieren.

    Bevor man über plätschernde Wasserfälle nachdenkt, ist es sinnvoller, noch grundlegendere Dinge umzusetzen.

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