KÖLN. Die Nutzung sozialer Medien gehört für viele Kinder und Jugendliche inzwischen selbstverständlich zum Alltag. Gleichzeitig häufen sich Hinweise darauf, dass dies drastische Folgen hat – für die psychische Gesundheit ebenso wie für schulische Leistungen. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft verknüpft nun Nutzungsdaten mit internationalen Leistungsvergleichen und macht damit die Dimension des Problems anschaulich. Besonders im Fokus stehen Schülerinnen und Schüler mit ohnehin erschwerten Startbedingungen. Die zentrale Frage lautet damit nicht mehr, ob Social Media sich negativ auf Schülerinnen und Schüler auswirken – sondern wie sich die Effekte begrenzen lassen.

Die psychische Situation vieler Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat sich seit der Corona-Pandemie nicht wieder auf das vorherige Niveau stabilisiert. Darauf verweist eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Demnach berichten zahlreiche Minderjährige weiterhin von Angstsymptomen, Einsamkeit und Sorgen über globale Entwicklungen. „Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich während der Corona-Pandemie deutlich verschlechtert“, erklärt Studienleiter Prof. Axel Plünnecke. „Auch heute ist die Mehrheit der Indikatoren psychischer Gesundheit, wie Angstsymptome oder Einsamkeit, noch nicht auf das Niveau der Vor-Corona-Jahre zurückgekehrt.“
Parallel dazu dokumentiert die Untersuchung eine Entwicklung, die sich seit Jahren in internationalen Vergleichsstudien zeigt. Die Kompetenzen deutscher Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften sind seit über einem Jahrzehnt rückläufig. Diese Entwicklung betrifft alle Bundesländer, auch wenn sich die absoluten Leistungsniveaus unterscheiden.
Vor diesem Hintergrund richtet die Studie den Blick auf Veränderungen im Freizeitverhalten. Digitale Medien haben erheblich an Bedeutung gewonnen. Jungen verbrachten im Jahr 2022 durchschnittlich eine Stunde und 46 Minuten täglich mit Computerspielen, nahezu doppelt so viel Zeit wie noch 2013. Bei Mädchen hat sich die Nutzung sozialer Netzwerke und digitaler Kommunikationsformen im selben Zeitraum nahezu verdreifacht.
Die Autoren verknüpfen diese Entwicklung mit Daten aus der PISA-Studie und kommen zu einem klaren Befund. Schülerinnen und Schüler, die mehr Zeit in sozialen Medien verbringen, erreichen im Durchschnitt geringere Kompetenzwerte. Auf Basis eigener Berechnungen zeigt das IW, dass eine Erhöhung der Social-Media-Nutzung um eine Indexeinheit mit einem Rückgang von 21,6 Punkten im Lesen und 19,5 Punkten in Mathematik einhergeht.
Hintergrund: „Indexeinheit“ bezieht sich hier auf einen statistischen Nutzungsindex, den die PISA-Studie verwendet. Dabei wird die Social-Media-Nutzung nicht einfach in Minuten gemessen, sondern in einem standardisierten Wert zusammengefasst. Dieser Index bildet verschiedene Nutzungsangaben ab (zum Beispiel Häufigkeit, Dauer, Aktivitäten) und wird so skaliert, dass der Durchschnitt aller Schülerinnen und Schüler bei null liegt. Eine „Einheit“ entspricht dann einer bestimmten Abweichung von diesem Durchschnitt (technisch meist eine Standardabweichung).
„Das Risiko von Bildungsarmut und die Ungleichheit der Bildungschancen nehmen durch die digitale Mediennutzung in der Freizeit zu“
Die Studie arbeitet heraus, dass diese Entwicklungen nicht unabhängig voneinander verlaufen. „Zunächst zeigt sich deutlich, dass Kinder, die viel Zeit auf Social Media verbringen, deutlich schlechtere Kompetenzwerte aufweisen“, schreibt Plünnecke. Besonders relevant ist dabei der soziale Zusammenhang: „Kinder, die unabhängig von Social Media, besonders von Bildungsarmut betroffen sind (Kinder aus bildungsfernen Haushalten, wenig Bücher zu Hause, kein Deutsch im Elternhaus) verbringen besonders viel Freizeit mit digitalen Medien.“ Daraus folgt laut Studie: „Im Ergebnis bedeutet dies: Das Risiko von Bildungsarmut und die Ungleichheit der Bildungschancen nehmen durch die digitale Mediennutzung in der Freizeit zu.“
Die ergänzenden Auswertungen der Studie zu den Bildungswirkungen vertiefen diesen Zusammenhang. Sie zeigen zunächst anhand der PISA-Daten, dass mit steigender Nutzungsdauer digitaler Medien die durchschnittlich erzielten Kompetenzpunkte systematisch sinken. Schülerinnen und Schüler, die mehr als fünf oder sogar sieben Stunden täglich in sozialen Netzwerken oder mit digitalen Spielen verbringen, erreichen deutlich geringere Werte als Vergleichsgruppen mit geringerer Nutzungsdauer.
Zugleich wird deutlich, dass sich hinter diesen Unterschieden auch soziale Faktoren verbergen. Jugendliche mit hoher Nutzungsdauer leben häufiger in Haushalten mit geringerer Bildungsnähe, weniger Büchern oder ohne deutsche Alltagssprache. Dennoch zeigt eine weiterführende Regressionsanalyse, dass der negative Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und Leistung auch dann bestehen bleibt, wenn diese Faktoren statistisch kontrolliert werden.
Die Autoren beschreiben mehrere Mechanismen, über die digitale Medien den Bildungserfolg beeinflussen können. Ein zentraler Punkt ist die Verdrängung von Lernzeit: Je mehr Zeit für soziale Medien verwendet wird, desto weniger bleibt für schulische Aufgaben, Lesen oder andere förderliche Aktivitäten. „Entsprechend weniger Zeit steht dann für andere Aktivitäten wie Schulaufgaben, Lesen oder Sport zur Verfügung. So kann eine umfangreiche tägliche Nutzung von digitalen Medien die Lernzeit so sehr reduzieren, dass die Kompetenzen und Lernergebnisse entsprechend schlechter ausfallen“, so heißt es.
Hinzu kommen Effekte auf die Aufmerksamkeit. Studien, auf die sich das Gutachten stützt, zeigen, dass hohe Bildschirmzeiten mit geringerer Konzentrationsfähigkeit und Problemen beim selbstgesteuerten Lernen verbunden sein können. „Durch das Modell lässt sich erklären, dass eine höhere Bildschirmzeit die verfügbaren Kapazitäten verringert, was sich negativ auf die Erledigung von akademischen Aufgaben, das akademische Zeitmanagement und die Produktivität auswirken kann“, schreiben die Autoren.
Darüber hinaus verweisen sie auf Ablenkungseffekte auch im Unterricht. Ein erheblicher Anteil der Schülerinnen und Schüler gibt an, sich durch digitale Geräte regelmäßig gestört zu fühlen. „Ergänzend dazu zeigen weitere auf den PISA-Daten basierende Analysen, dass sich im OECD-Durchschnitt rund 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler durch digitale Geräte im Mathematikunterricht ‚in jeder Stunde‘ oder ‚in den meisten Stunden‘ abgelenkt fühlen.“
Ein weiterer Aspekt betrifft den Umgang mit Informationen. Die Studie hebt hervor, dass ein Teil der Jugendlichen Schwierigkeiten hat, die Qualität von Online-Inhalten einzuschätzen. „Viele Jugendliche vertrauen den Informationen, die sie online lesen und gleichen sie nicht mit anderen Quellen ab oder prüfen sie anderweitig kritisch.“ Vor dem Hintergrund sinkender informationsbezogener Kompetenzen verschärft dies die Anforderungen an Schule, insbesondere in der politischen Bildung und der Vermittlung von Urteilskompetenz. „Dadurch steigt die Herausforderung für die Schulen, ihrer Verantwortung in der Demokratiebildung, der politischen Bildung und in der Medienerziehung noch stärker gerecht zu werden und die Informations- und Urteilskompetenz von Schülerinnen und Schülern noch gezielter zu fördern.“
Neben den Bildungswirkungen analysiert die Studie die bestehenden Regelungen in Schulen und leitet daraus konkrete Handlungsoptionen ab. Zunächst zeigt die Bestandsaufnahme, dass der Umgang mit Smartphones und digitalen Medien in Deutschland uneinheitlich geregelt ist. In einigen Bundesländern bestehen landesweite Verbote der privaten Handynutzung, in anderen liegt die Ausgestaltung bei den einzelnen Schulen.
Die Spannbreite reicht von generellen Verboten über Einschränkungen im Unterricht bis hin zu offenen Regelungen mit pädagogischem Fokus. Einheitliche Standards existieren nicht. Gleichzeitig verweist die Studie darauf, dass bestehende Regelungen nicht immer konsequent umgesetzt werden und ihre Wirkung entsprechend begrenzt bleibt.
„Es braucht unbedingt Maßnahmen, um Kinder und Jugendliche psychisch zu entlasten und einen gesunden Umgang auch in Hinblick auf schulische Leistungen zu fördern“
Aus dieser Ausgangslage entwickeln die Autoren eine doppelte Stoßrichtung. Zum einen sehen sie in klareren und verbindlicheren Regeln für die Nutzung digitaler Geräte einen Ansatzpunkt, um Lernzeiten zu schützen und Ablenkung zu reduzieren. Dabei verweisen sie auch auf internationale Befunde, nach denen restriktivere Regelungen mit besseren Lernbedingungen einhergehen können, auch wenn die Studienlage insgesamt uneinheitlich bleibt.
Zum anderen betonen sie, dass Regulierung allein nicht ausreicht. Entscheidend sei die systematische Vermittlung von Medienkompetenz im Unterricht. Schülerinnen und Schüler müssten lernen, ihre Nutzung zu reflektieren, Informationen kritisch zu prüfen und digitale Angebote zielgerichtet für Lernprozesse einzusetzen. Dazu gehöre auch die entsprechende Qualifizierung von Lehrkräften – sowie eine stärkere Einbindung der Eltern.
Eine zentrale Rolle schreiben die Autoren auch dem Elternhaus zu. Die Studie zeigt, dass Unterschiede im Umgang mit digitalen Medien bereits im familiären Kontext entstehen und sich im Bildungssystem fortsetzen. Eltern verfügen demnach in unterschiedlichem Maß über Wissen, Zeit und Möglichkeiten, die Mediennutzung ihrer Kinder zu begleiten und zu begrenzen. Gerade in Haushalten mit geringerer Bildungsnähe fehlen häufiger klare Regeln oder unterstützende Strukturen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit intensiver, wenig gesteuerter Nutzung. Die Autoren leiten daraus ab, dass Maßnahmen zur Stärkung der Medienkompetenz nicht auf Schule beschränkt bleiben dürfen, sondern gezielt auch Eltern erreichen müssen – etwa durch bessere Aufklärung über Risiken, konkrete Steuerungsmöglichkeiten und niedrigschwellige Unterstützungsangebote.
Plünnecke formuliert dies so: „Die Signale sind klar. Es braucht unbedingt Maßnahmen, um Kinder und Jugendliche psychisch zu entlasten und einen gesunden Umgang auch in Hinblick auf schulische Leistungen zu fördern.“ Als zentrale Ansätze nennt er sowohl regulatorische Maßnahmen – konkret: einen besseren Jugendschutz – als auch die Stärkung von Kompetenzen: „Wenn Kinder und Jugendliche den gesunden Umgang mit digitalen Medien lernen sollen, sollten ihnen die notwendigen Medienkompetenzen in den Schulen vermittelt werden.“
Oder – als Fazit der Studie: „Insgesamt ist davon auszugehen, dass nur das Zusammenspiel regulatorischer Maßnahmen und umfassender Kompetenzförderung dazu beitragen kann, dass Kinder und Jugendliche durch eine intensive Nutzung sozialer Medien weder ihre psychische Gesundheit noch ihren Bildungserfolg gefährden.“ News4teachers
Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen.









Ich finde auch nicht ganz uninteressant wie sich die getesteten SuS bei PISA zum Thema digitale Medien geäußert haben.
Bei PISA-2022 gaben in DE z.B. 28% an während des Unterrichts von digitalen Medien abgelenkt zu werden.
In anderen EU-Ländern, z.B. in welchen die von manchen Leuten bisweilen als Vorbilder für DE genannt werden, waren es zwischen Mitte 30% bis Mitte 40%.
“Schülerinnen und Schüler, die mehr Zeit in sozialen Medien verbringen, erreichen im Durchschnitt geringere Kompetenzwerte. “
“Bei Mädchen hat sich die Nutzung sozialer Netzwerke und digitaler Kommunikationsformen im selben Zeitraum nahezu verdreifacht.”
Dann müsste man eigentlich davon ausgehen, dass sich die PISA-Werte der Mädchen in DE im Vergleich zu 2012 deutlich stärker verschlechtert hätten als die der Jungs.
Es kommt ja nicht nur darauf an, wie lange Kinder und Jugendliche vor dem Bildschirm sind – sondern auch darauf, was sie dort machen. Herzliche Grüße Die Redaktion
Dann ist die Aussage “die mehr Zeit in sozialen Medien verbringen,” also nicht korrekt formuliert?
Doch, aber nicht linear – weshalb ja auch (wie im Beitrag beschrieben) auf einen “Nutzungsindex” und nicht auf reine Bildschirmzeiten rekurriert wird. Herzliche Grüße Die Redaktion
So ganz allgemein frage ich mich, wie Schulen sämtliche gesellschaftlichen Probleme eindämmen bzw. sogar beheben und gleichzeitig Wissen vermitteln sollen.