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Sexuelle Vielfalt im Unterricht – Die emotionale Debatte zwischen „Homophobie“ und „Sex-Diktatur“

STUTTGART. Ein „merkwürdiges“ Arbeitspapier aus dem Kultusministerium, Online-Petitionen und Gegenpetitionen, Demonstrationen unter Polizeischutz in der Landeshauptstadt: Im Streit um die Pläne zur Sexualerziehung in Baden-Württemberg warnt Ministerpräsident Kretschmann vor einem Kulturkampf. Ein Überblick:

Für Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ist die Lage klar: Wenn «Schwule Sau» eins der beliebtesten Schimpfwörter auf Schulhöfen ist, muss die Politik gegensteuern. Akzeptanz und Toleranz für die «anders Gestrickten» will Deutschlands einzige grün-rote Landesregierung bereits Grundschüler lehren. Im pietistisch geprägten Württemberg steht der Biologielehrer Kretschmann damit aber plötzlich inmitten einer immer emotionaleren Diskussion rund um Homophobie.

Regenbogenfahne

In der Debatte um die baden-württembergischen Bildungspläne ist derzeit keine Deeskalation in Sicht. Foto: Jonathunder / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

«Gehirnwäsche» wird Grün-Rot vorgehalten. «Moralisch-ideologische Umerziehung», «Indoktrination» und «grüner Gesinnungsterrorismus» sind Schlagworte auf Demonstrationen mit wachsenden Teilnehmerzahlen. Die Demonstranten sehen die Familie als Kern der Gesellschaft bedroht, singen Kirchenlieder und skandieren «Kinder brauchen Liebe – und keinen Sex». Sie warnen vor homosexuellen oder anderen Lebensformen neben Vater-Mutter-Kind. Suizide, Drogen, Aids und psychische Erkrankungen werden ins Feld geführt. Geschlechtserziehung gehöre in den Biounterricht, nicht aber in sozialwissenschaftliche Fächer. Angesichts radikaler Gegner brauchten sie bei ihrem Protest in Stuttgart massiven Polizeischutz.

190 000 Menschen haben die Petition «Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens» unterschrieben – 82 000 davon aus Baden-Württemberg. Zwei Gegenpetitionen kommen auf ähnlich hohe Zustimmungswerte.

Solche Zahlen lassen natürlich auch die Opposition nicht unberührt – zumal CDU und FDP seit ihrer Abwahl vor zweieinhalb Jahren bislang erfolglos versuchen, im Südwesten wieder auf die Beine zu kommen. Den «grünen Gesinnungsterrorismus» hat CDU-Fraktionschef Peter Hauk ins Spiel gebracht, der sich anschickt 2016 Grün-Rot wieder abzulösen. Die Demonstranten greifen das dankbar auf.

Und die Kirchen? Sie schwanken. Erst äußern sich führende Vertreter der evangelischen wie der katholischen Kirchen im Land kritisch über den Bildungsplan. Dann rudert zumindest die evangelische Seite zurück, will nicht als homophob dastehen: Ihre Kritik am Bildungsplan richte sich nicht speziell gegen das Thema «Sexuelle Vielfalt» im Unterricht, sondern gegen Änderungen an den Leitprinzipien. Die Bildungsplanung habe dort die Kirchen an ihrer Seite, «wo es um Toleranz auf dem Schulhof, Initiativen gegen Ausgrenzung und Abwehr von Vorurteilen geht», sagt Landesbischof Frank Otfried July .

Doch worum geht es eigentlich? Auslöser war ein Arbeitspapier aus dem Kultusministerium, das sogar Regierungsmitglieder inzwischen als «merkwürdig» bezeichnen. Es zeigt auf, wie das Thema Homosexualität und sexuelle Vielfalt im neuen Bildungsplan gestärkt und Akzeptanz dafür vermittelt werden kann. Irgendwie gelangte das Papier an die Öffentlichkeit – und Empörung vor allem aus christlich-konservativen Kreisen bahnte sich ihren Weg. Kretschmann sieht sich durch Umerziehungsvorwürfe, «in die Nähe totalitärer Regime» gerückt: «Das geht ja wohl gar nicht.» Sein Kultusminister Andreas Stoch (SPD) berichtet von «unerträglichen Mails», die er erhalten habe.

Von «Übersexualisierung der Kinder» könne keine Rede sein, sagt Stoch. Vielmehr gehe es um ein «Klima der Offenheit und des Respekts», das man schaffen wolle. Akzeptanz, Toleranz – vor allem aber Normalität möchten die Homosexuellen selbst erreichen, die sich inzwischen auch mehrfach zu Hunderten zu Gegendemonstrationen und Schweigemärschen in Stuttgart getroffen haben.

Kretschmann merkt, dass seine Bemühungen um Deeskalation im Ländle nicht so recht fruchten. Auf das Thema angesprochen, reagiert er inzwischen sehr emotional. Die anhaltende Debatte bezeichnete er kürzlich als gefährlich. «Ein Kulturkampf ist das Letzte, was ich will – schon gar nicht bei diesem Thema», sagte der Grüne und setzt auf «Aufklärung im Kantschen Sinne»: «Selber denken, sich jederzeit in einen anderen denken – nur so können junge Menschen feste Standpunkte erwerben und anderen gegenüber tolerant sein.» Und wie geht es weiter? Kretschmann will standhaft bleiben. Die Ängste der Demonstranten werde er ernst nehmen, sie seien aber unbegründet: «Der Staat wird niemanden zur Homosexualität erziehen.» (Roland Böhm, dpa)

zum Bericht: “Keine Sex-Diktatur an Schulen”: Neue Demonstrationen in Stuttgart

zum Bericht: Kretschmann: Staat will niemanden zur Homosexualität erziehen

zum Bericht: Bildungspläne – CDU-Fraktionschef wettert gegen grünen „Gesinnungsterrorismus“

6 Kommentare

  1. arno ralf kneisel

    Der ministerpraesident kretschmann bringt das mittel- bis langfristige ziel der unverletzlichkeit von schutzbefohlenen ein. Hingegen sind die aktionen der kinderschuetzer auf der kurzfristig angelegten zielgeraden mit aspekten konfrontiert, aus denen – wegen des unsaeglichen versagens der tradierten kinderpolitik – ein themendesaster folgen wird.

  2. Kretschmanns Aussage «Der Staat wird niemanden zur Homosexualität erziehen.» ist für jemand, der Homosexualität für angeboren hält (wofür es ja keinerlei wissenschaftlichen Nachweis gibt), billig.

  3. Während aller Augen auf die Pläne zur Sexualerziehung in den Schulen Baden-Württembergs gerichtet sind, tut sich nebenher fast unbemerkt Gewaltiges in den Kitas. Dazu:
    http://jungefreiheit.de/allgemein/2014/angriff-auf-die-kindheit/
    http://www.sm.baden-wuerttemberg.de/fm7/1442/Gleichstellung_beginnt_im_Kindergarten-Internet.pdf

  4. Die neuesten Nachrichten deuten darauf hin, dass der Bildungsplan2015 überarbeitet werden soll. Damit würde – falls dies im öffentlichen Diskurs geschieht – die Hauptforderung der Petition erfüllt.

    • Warten wir mal ab, wie die “Überarbeitung aussieht. Sie könnte auch nur Kosmetik sein.
      Öffentlicher Diskurs ist gut, aber keine Garantie dafür, dass Grün-Rot in der Sache wirklich Abstriche macht.

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